Ein Autist geht wandern

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Links Mutspitze, mittig Kesselwandferner, rechts Anstieg zu den Guslarspitzen

Eine Woche Bergwandern in den Ötztaler Alpen mit vier Dreitausendern hat gut getan. Trotz großer Gruppe, aber bekannte Gesichter, einfühlsame Guides. Die Hüttenabende sind für mich immer die größte Herausforderung. Ausgebuchte Hütten mit 80 bis 120 Leuten. Laute Gaststuben, sich räumlich zurechtfinden, checken, wie die Duschen funktionieren (Münzeinwurf), keine Privatsphäre in den Zimmern und Lagern. Manchmal war auch die eigene Gruppe laut, alle redeten durcheinander, ich konnte mich akustisch nicht mehr auf mein Gegenüber konzentrieren. In solchen Momenten stand ich einfach auf und ging nach draußen, mit der dünnen Fleecejacke bekleidet, setzte mich auf die Terrasse und schaute in die Ferne. Da war es auszuhalten. Continue reading

Fremd in der Fremde

Clipboard01Vergangenes Wochenende: Geführte Schneeschuhwanderungen in einer Gruppe mit 20 Teilnehmern. Die Angaben auf der Webseite des Alpenvereins hatte ich bei der Anmeldung falsch interpretiert, denn das maximal 10 Teilnehmer pro Gruppe bezog sich auf den Guide, und bei zwei Guides hieß das 20 Teilnehmer. Das war schon bei dem ersten geführten Wanderwochenende Ende Januar eine Herausforderung. Ich hätte natürlich absagen können, aber mich sprachen die sportlichen Herausforderungen und die mir völlig unbekannte und öffentlich schwer erreichbare Region an.

Neben den technischen und konditionellen Herausforderungen, die ich alle – auch dank meiner allgemeinen körperlichen Verfassung – gut bewältigen konnte, gibt es auch autistische Herausforderungen. Für meinen Autismus bedeutet das: Wie bewegt man sich als Neuer in einer Gruppe von Menschen, die ich nicht einschätzen kann und die umgekehrt nichts von meinem Autismus wissen, ohne ständige Missverständnisse und Fettnäpfchen?

Natürlich kann man sich beruhigen und sagen, dass es jedem so geht, wenn er neu ist, aber mein kommunikativer Zugang ist eben ein anderer, was schon im Vorfeld damit begann, dass ich mich nicht traute, den Guide anzurufen, wie er es sich von jedem neuen Teilnehmer gewünscht hätte, um festzustellen, ob er dem Anspruch seiner Wanderungen gerecht wird, und dass ich mehrfach wegen Mitfahrgelegenheit um eine E-Mail bat, während der Angeschriebene diese Bitte ignorierend meinte “ruf doch am besten an, das geht schneller.”

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Rückblick auf ein turbulentes Jahr 2017

Für mich ging die Wandersaison 2016 nahtlos in 2017 über, indem ich zu Jahresbeginn mit einem Freund ins Mariazellerland fuhr und bei eisiger Kälte (bis -18°C) tiefwinterliche Schneeschuhtouren absolvierte.

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Damit schob ich das Problem Wohnungssuche in Salzburg vorerst auf. Die Prioritätensetzung rächte sich später, als die Zeit vor den Prüfungen und dem Beginn der Ausbildung am neuen Wohnort bereits knapp wurde. Ich geriet ausgerechnet auch noch an einen unzuverlässigen Makler und hatte auch mit den Nachbarn nicht das beste Los erwischt – was ich aber erst nach dem Einzug bemerkte. Deswegen gilt für mich künftig bedingungslos: Entweder ist ein zweiter bei der Wohnungssbesichtigung dabei oder ich lasse es ganz bleiben. Abseits davon war das Frühjahr recht erfolgreich. Continue reading

Gekommen, um nicht zu bleiben

wasserturm

So schnell ändern sich Perspektiven, Einstellungen, Lebensziele, Gefühle.

In Wien hatte ich eine harte Zeit, sechseinhalb Jahre lang. Angefangen von einer Zweck-WG, die zum Alptraum wurde, über einen soziopathischen Arbeitgeber, der mehr in den Bore-Out als in den Burn-Out drängte und meine Fähigkeiten absprach, bis hin zum ununterbrochenen Lärm einer Großstadt, im Alltag, in der Nachbarschaft, allgegenwärtig. Als ich Ende November die einmalige Gelegenheit hatte, all dem den Rücken zuzukehren und einen Neustart zu vollziehen, ergriff ich sie natürlich. Continue reading

Spezialinteresse: Wandern

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Nebelstimmung am Zwillingskogel, Oberösterreichische Voralpen

Anlass für diesen Artikel:

Der Schwedische Eishockey-Torhüter Linus Söderström sprach in einem Interview darüber, wie es ist, mit Asperger-Syndrom und ADHS zu leben, und wie sie sein Leben und seine Hockeykarriere beeinflussten.

“Eishockey war schon immer da, wann immer ich Probleme mit Freunden, Familie oder in der Schule hatte. Ich konnte mich immer auf Eishockey verlassen. Es bedeutete alles für mich, Hockey ist mein Leben.”

“Asperger half mir dabei, mich auf dem Eis zu konzentrieren, weshalb ich der sein konnte, der ich sein wollte. Anderen mit dem gleichen Handicap würde ich sagen, dass sie etwas tun sollen, das sie lieben. Du brauchst eine positive Einstellung, um Dir selbst zu helfen. Schreck davor nicht zurück. Es ist eine Stärke. Einfach Spaß haben half mir bezüglich Eishockey.”

Was für ihn Eishockey, wurde für mich Wetter und Wandern. Während ich Wetter zum Beruf machte, was nicht nur Vorteile brachte, habe ich die letzten Jahre mein Wander-Spezialinteresse optimiert. Continue reading