Fremd in der Fremde

Clipboard01Vergangenes Wochenende: Geführte Schneeschuhwanderungen in einer Gruppe mit 20 Teilnehmern. Die Angaben auf der Webseite des Alpenvereins hatte ich bei der Anmeldung falsch interpretiert, denn das maximal 10 Teilnehmer pro Gruppe bezog sich auf den Guide, und bei zwei Guides hieß das 20 Teilnehmer. Das war schon bei dem ersten geführten Wanderwochenende Ende Januar eine Herausforderung. Ich hätte natürlich absagen können, aber mich sprachen die sportlichen Herausforderungen und die mir völlig unbekannte und öffentlich schwer erreichbare Region an.

Neben den technischen und konditionellen Herausforderungen, die ich alle – auch dank meiner allgemeinen körperlichen Verfassung – gut bewältigen konnte, gibt es auch autistische Herausforderungen. Für meinen Autismus bedeutet das: Wie bewegt man sich als Neuer in einer Gruppe von Menschen, die ich nicht einschätzen kann und die umgekehrt nichts von meinem Autismus wissen, ohne ständige Missverständnisse und Fettnäpfchen?

Natürlich kann man sich beruhigen und sagen, dass es jedem so geht, wenn er neu ist, aber mein kommunikativer Zugang ist eben ein anderer, was schon im Vorfeld damit begann, dass ich mich nicht traute, den Guide anzurufen, wie er es sich von jedem neuen Teilnehmer gewünscht hätte, um festzustellen, ob er dem Anspruch seiner Wanderungen gerecht wird, und dass ich mehrfach wegen Mitfahrgelegenheit um eine E-Mail bat, während der Angeschriebene diese Bitte ignorierend meinte “ruf doch am besten an, das geht schneller.”

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Rückblick auf ein turbulentes Jahr 2017

Für mich ging die Wandersaison 2016 nahtlos in 2017 über, indem ich zu Jahresbeginn mit einem Freund ins Mariazellerland fuhr und bei eisiger Kälte (bis -18°C) tiefwinterliche Schneeschuhtouren absolvierte.

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Damit schob ich das Problem Wohnungssuche in Salzburg vorerst auf. Die Prioritätensetzung rächte sich später, als die Zeit vor den Prüfungen und dem Beginn der Ausbildung am neuen Wohnort bereits knapp wurde. Ich geriet ausgerechnet auch noch an einen unzuverlässigen Makler und hatte auch mit den Nachbarn nicht das beste Los erwischt – was ich aber erst nach dem Einzug bemerkte. Deswegen gilt für mich künftig bedingungslos: Entweder ist ein zweiter bei der Wohnungssbesichtigung dabei oder ich lasse es ganz bleiben. Abseits davon war das Frühjahr recht erfolgreich. Continue reading

Gekommen, um nicht zu bleiben

wasserturm

So schnell ändern sich Perspektiven, Einstellungen, Lebensziele, Gefühle.

In Wien hatte ich eine harte Zeit, sechseinhalb Jahre lang. Angefangen von einer Zweck-WG, die zum Alptraum wurde, über einen soziopathischen Arbeitgeber, der mehr in den Bore-Out als in den Burn-Out drängte und meine Fähigkeiten absprach, bis hin zum ununterbrochenen Lärm einer Großstadt, im Alltag, in der Nachbarschaft, allgegenwärtig. Als ich Ende November die einmalige Gelegenheit hatte, all dem den Rücken zuzukehren und einen Neustart zu vollziehen, ergriff ich sie natürlich. Continue reading

Spezialinteresse: Wandern

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Nebelstimmung am Zwillingskogel, Oberösterreichische Voralpen

Anlass für diesen Artikel:

Der Schwedische Eishockey-Torhüter Linus Söderström sprach in einem Interview darüber, wie es ist, mit Asperger-Syndrom und ADHS zu leben, und wie sie sein Leben und seine Hockeykarriere beeinflussten.

“Eishockey war schon immer da, wann immer ich Probleme mit Freunden, Familie oder in der Schule hatte. Ich konnte mich immer auf Eishockey verlassen. Es bedeutete alles für mich, Hockey ist mein Leben.”

“Asperger half mir dabei, mich auf dem Eis zu konzentrieren, weshalb ich der sein konnte, der ich sein wollte. Anderen mit dem gleichen Handicap würde ich sagen, dass sie etwas tun sollen, das sie lieben. Du brauchst eine positive Einstellung, um Dir selbst zu helfen. Schreck davor nicht zurück. Es ist eine Stärke. Einfach Spaß haben half mir bezüglich Eishockey.”

Was für ihn Eishockey, wurde für mich Wetter und Wandern. Während ich Wetter zum Beruf machte, was nicht nur Vorteile brachte, habe ich die letzten Jahre mein Wander-Spezialinteresse optimiert. Continue reading

Denken in Bildern, Thinking in Pictures

Wenn ich so zurückblicke, war mein Denken seit jeher von Bildern dominiert. In den vergangenen 10 Jahren habe ich sehr viele Fallstudien über Wetterphänomene geschrieben, die nichts direkt mit meinem Studium zu tun hatten. Sie weckten bloß meine Neugierde und das Studium trat in diesen Momenten in den Hintergrund. In dieser Zeit entwickelte ich regelrecht einen Hyperfokus in diesen Spezialinteressen. Ich verlor jegliches Zeitgefühl, als ich Fallstudien machte und Erklärungen über Wetterphänomene und Theorien niederschrieb.

Schon die ersten Wochen meines Meteorologiestudiums zeigte meine andere Wahrnehmung. Ich erinnere mich an einen Bildschirm mit aktuellen Satellitenbildaufnahmen in einem getrennten Raum des Instituts. Keiner der anderen Studenten besuchte diesen in dem Jahr, als ich dort studierte. Mich zog der Satellitenbildfilm in seinen Bann, mit den Infrarotaufnahmen der Wolken, die Tiefdruckgebiete und Fronten bildeten und festlegten, wo Hochs und Tiefs lagen. Dann begann ich mit der Analyse dessen, was ich dort beobachtete. Ich versuchte die Position von Warm- und Kaltfronten, von Tiefs und Hochs, von Gewittergebieten und ausgeprägten Trogachsen zu analysieren. Nach zwei Semestern hatte ich über 100 Satellitenbildanalysen in ein Wetterforum geschrieben, und ausführlich erläutert, was ich sah, und was ich mithilfe weiterer Wetterkarten vorhersagen konnte.

Ich brauche visuelles Denken beim Wandern gehen. Da mein Kurzzeitgedächtnis keine ausgeprägte Stärke ist, fotografiere ich sehr viel. Ich brauche Fotos, um mich zu erinnern, benutze sie manchmal auch, um mich daran zu erinnern, wann ich an einem bestimmten Ort war. Die Uhrzeit auf der Uhr nachschauen, ist nicht genug. Daher dienen Bilder als Erinnerungshilfe. Später beim Niederschreiben meiner Wanderberichte kann ich mich an die Orte und Uhrzeiten anhand meiner Bilder erinnern, ebenso den exakten Wegverlauf. Ich vergesse fast niemals Bilder, und weiß meist sofort, wo sie aufgenommen wurden. Bilder sind jedoch nur ein Teil meines Erinnerungsvorgangs.  Viel wichtiger sind Wanderkarten. Ich mag besonders ausgedruckte Karten, die ich mit den Fingern ertasten kann, wo ich etwas mit einem Stift markieren kann. Gewöhnlich schaue ich mir Wanderkarten mehrfach am Tag vor der Wanderung an, um mir die geplante Route einzuprägen (ich habe keine Inselbegabung, einmal anschauen reicht nicht). Die Mischung aus Routen einprägen, Bildern und diese Routen beschreiten verstärken meine Erinnerungsfähigkeit. Wenn ich sie ein zweites Mal gehe, erkenne ich nicht nur bestimmte Details am Wegesrand, wie einen Baum oder einen Baumstumpf, sondern sehe die Wanderkarte vor mir und kann darin aus- und einzoomen, sie verschieben, wie ich es zuhause am Bildschirm mache. Ich merke mir nicht alle Details (ich bin kein Savant), aber genügend, um selbst schlecht markierte Wege wiederzufinden. Ähnlich verhält es sich damit, wenn ich Gipfel bei Fernsicht anhand ihrer Form wiedererkenne. Ich vergleiche die Bilder von den Bergen mit denen im Kopf. Das ist eine echte Herausforderung, wenn man sie aus verschiedenen Himmelsrichtungen oder in der Winterzeit sieht, wenn die Formen durch Schneebedeckung und unterschiedlich angeleuchtete Teile verändert werden. Nachdem ich in den vergangenen Jahren zahlreiche Touren gegangen bin (knapp 150 in 3 Jahren), ist mein Langzeitgedächtnis angefüllt mit Karten, Routen, Bildern und Bergformationen.

Ein letztes Beispiel für visuelles oder detailreiches Denken: Ich geriet zufällig bei zwei Wandertouren in ein Gewitter. Das erste Mal stellte sich als recht peinlich für mich heraus, weil ich wenige Wochen vorher mein Diplom in Meteorologie erhalten hatte. Wie konnte das einem frisch diplomierten Meteorologen passieren? Weil es ein Theoriefreak ist? Vielleicht … Ich war Teil einer größerern Wandergruppe, wir verbrachten die Tage zuvor an der Alpensüdseite und ich hatte keine Gelegenheit mehr, in die Wetterkarten zu schauen, bevor es passierte. Als wir an die Alpennordseite fuhren, hatte ich ein anderes, ein “Schönwetter”-Szenario vor Augen und erwartete diesen massiven Wetterumschwung nicht. Ich sah an diesem Gewittertag verschiedene Wetterphänomene, darunter lokale Windphänomene, Nebelspiele und besonders eine ganz bestimmte Art an mittelhohen Wolken, nur wenige Stunden bevor uns das schwere Gewitter überraschte.

Ein Jahr später widerfuhr mir ein ähnliches Wetterereignis. Ein heißer Sommertag, kein Wettermodell simulierte Niederschlag in diesem Gebiet. Am Vormittag sah ich diese mittelhohen Wolken (genauer gesagt: Altocumulus stratiformis) erneut, jedoch in Gestalt ausgedehnter Wolkenstraßen unter einer – meinem Gedächtnis nach – gut ausgeprägten Absinkinversion, die Aufwärtsbewegungen unterdrücken sollte. Später verschwanden diese Wolken wieder und ein paar Stunden danach bildeten sich verbreitet konvektive Wolken und nachfolgend Gewitter.

Ich schlussfolgerte aus diesen, zum Glück glimpflich verlaufenden Erlebnissen, dass die mittelhohen Wolken als vorlaufende Signale für Gewitter dienen könnten. Das ergibt auch meteorologisch Sinn: Mittelhohe Wolken können sich nicht durch Sonneneinstrahlung bilden (dafür sind sie zu weit oben), sondern benötigen großräumige Aufwärtsbewegungen, die nur durch eine Front oder einen Trog zur Verfügung gestellt werden können. Das Vorhandensein dieser Wolken zeigt also an, dass großräumige Hebung vorhanden ist. Wenn die restlichen Zutaten – genügend Feuchte in der bodennahen Luftschicht und eine instabile Luftschichtung – passen, sind Gewitter wahrscheinlich, und zwar völlig unabhängig davon, was ein Wettermodell uns Glauben machen will. Da die alpinen Regionen typischerweise mehr Feuchte ansammeln als die vergleichsweise trockene und flache Umgebung, von der die 1-2x täglich produzierten Vertikalprofile stammen, weiß ich nun, dass die Freisetzung der Instabilität wahrscheinlicher ist als es stabile Vertikalprofile der Atmosphäre andeuten. Wenn dann zudem noch Altocumulus-Wolken auftauchen, sollte ich darauf gefasst sein, dass lokale Gewitter möglich sind.

Ich überprüfte diese Theorie mehrfach und sie funktionierte nahezu immer als ein Indikator für hochreichende Feuchtkonvektion, nicht zwingend für ein bedrohliches Gewitter. Die Wolkenart hat jedoch einen Haken – sie ist tendenziell nur für kurze Zeit am frühen Morgen oder Vormittag sichtbar. Wer bei einem wolkenlosen Himmel loszieht, und nicht weiter nach oben schaut, übersieht sie also mitunter. Jetzt weiß ich jedoch, was wenige Stunden später geschehen kann und kann meine geplante Tour ggf. umändern oder so anpassen, dass ich einen Unterschlupf auf dem Weg einplane. In den meisten Fällen ist dieser Indikator ein Segen, aber er kann auch zu Fehlalarmen führen. Doch lieber einmal zu vorzeitig abgebrochen als von einem Schwergewitter getroffen zu werden, speziell, wenn man sich in einem Gelände aufhält, wo man nicht entkommen oder ein sicheres Dach über den Kopf bekommen kann.

Zusammenfassung:

Jahrzehntelang wusste ich nicht, warum ich im Vergleich zu meinen Altersgenossen anders bin. Diese erweiterte Wahrnehmung ist oftmals eine Last, wenn zu viele Reize auf mich einprasseln, während ich unter Menschen bin oder meinen Alltag zu bewältigen versuche. Doch kann eine verstärkte visuelle Detailwahrnehmung auch eine echte Stärke sein, eine Begabung. Obwohl mich viel Lärm belastet, brachte mir mein nahezu absolutes Gehör einen Vorteil beim Gitarre spielen.

Wir neigen zu rasch zum Defizitdenken statt auf den Originalzustand zu schauen: eine andere Wahrnehmung – welchen Vorteil kann ich daraus ziehen?

Dieser Text ist bereits zuvor auf Englisch erschienen; I published this text in english before:

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