es bleibt schwierig

entwurf

niemand kann von uns verlangen, jede unserer lebensgeschichten in buchform darzustellen. wir können von niemanden verlangen, alle diese lebensgeschichten zu lesen und erst dann zu begreifen. es ist individuell verschieden, das ist klar, aber so viele autisten kämpfen jeden verdammten tag um ein bisschen verständnis dafür, anders zu sein. vor allem darum, anders nicht als schlecht zu begreifen, sondern als legitimen lebensentwurf, den sie sich nicht ausgesucht haben, aber die wenigsten menschen können das. manchmal fühle ich mich an den film matrix erinnert, einige wenige, die vom gleichförmigen strom abweichen, während die große masse nicht nach links und nach rechts schaut und einfach nichts begreift, nichts mitkriegt und gar nicht auf neue ideen kommt.

es ist frustrierend nicht durchzudringen, die andere wahrnehmung erklären können. ich lese zum beispiel sehr schnell, ich kann auch karten in sekundenschnelle durchklicken, viel schneller als andere. jede verlangsamung hält mein gehirn auf, das mit einer superschnellen grafikkarte ausgestattet ist. ich verarbeite viele informationen gleichzeitig, wenn ihre darstellung mir vertraut ist. das ist dieses oft zitierte bedürfnis nach gleichförmigkeit und unveränderlichkeit. dieses gehirn kann unglaublich viele informationen speichern, aber nur unter bestimmten voraussetzungen. und diese weichen so oft von dem ab, was für den durchschnitt genügsam ist. es heißt so oft, wir leben in unserer eigenen welt, aber jeder lebt in seiner eigenen welt, in seiner filterblase, seinem privaten wohlfühlstudio. es ist längst bewiesen, dass bei konflikten menschen zu autistischem verhalten neigen, positionen sich verhärten, auf dem eigenen standpunkt verharrt wird und die perspektivübernahme fehlt. autistisch also. oder bloß menschlich? was wäre, wenn das in autisten projizierte asoziale verhalten bloß eine spiegelung des eigenen ist? es ist wirklich auffällig, wie häufig autisten das gleiche berichten, nämlich mangelnde empathie auf der anderen seite, wenn sie versuchen, ihr anderssein zu erklären, manchmal auch als rechtfertigung benutzen, wenn sie nicht den sozialen normen entsprechend gehandelt haben, weil sie die normen schlichtweg nie gelernt haben, sie nicht intuitiv ins blut übergehen.

zwar ist das nur eine satire, die ich hier damals übersetzte, aber sie hat einen wahren kern. es spielt das bild zurück und zeigt auf, dass vieles, was an uns als krankhaft gesehen wird, eine gesellschaftliche und damit willkürliche definition von norm ist, keine biologische. in prähistorischen zeiten waren menschen mit ausgeprägten reizempfängern überlebenswichtig. die welt hat sich anders entwickelt, industrielle revolution, viel menschengemachte reizüberflutung. ein erdgeschoss voller parfum im shoppingcenter, sportmotorradfahrer, dicht gedrängt in öffentlichen verkehrsmitteln, blendendes scheinwerfer- und flackerndes neonröhrenlicht, summende tiefkühltruhen. sieht man vom sonnenlicht ab, sind die meisten reize, die uns täglich auf den keks gehen, vom menschen ausgehend. und selbst ständig bellende hunde oder kreischende kinder liegen weniger an ihnen selbst, sondern an der erziehung durch den menschen. intense-world-syndrome.

es ist ausgesprochen schwierig, das zu erklären. und es gibt nur wenige phasen, wo sowohl die ansprechperson als auch man selbst bereit wäre, diese langwierige erklärung zu versuchen. so etwas kann man nicht zwischen tür und angel erklären. es hilft auch nicht, einen stapel literatur in den briefkasten zu legen und zu sagen ‘nach mir die sintflut, wiederschaun’. es entstehen falsche bilder, sobald man nur den mund aufmacht. wie soll man auch etwas vernünftig erklären, worin sich nicht einmal forscher einig sind? das geht bei körperlichen krankheiten oder behinderungen wesentlich leichter. also nichts sagen, sich einfügen, nach gewöhnung lechzen?

es endet nie, anzuecken, wenn anpassen anecken an sich selbst ist.

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Begriffe und Lebensrealitäten

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Ich könnte mich jetzt wieder darüber aufregen, dass der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm in einem sonst hervorragenden Artikel über die Flüchtlingspolitik die Metapher “nationaler Autismus von Ungarn” benutzt, um auf die Selbstbezogenheit Ungarns hinzuweisen. Wenn Journalisten solche Metaphern benutzen, ist die Kontaktaufnahme leichter möglich als bei Politikern, die auf direktem Wege, sofern sie nicht twittern, gar nicht erreichbar sind. Meist ist ein Sekretariat vorgeschoben, dass alle Anfragen abfängt.

Was mich aber momentan mehr schmerzt als rhetorische Fehltritte, sind die Hürden, die  Autisten den Alltag und die Zukunftsplanung nachhaltig erschweren. Continue reading

Negative Berichterstattung: Wie sollen wir damit umgehen?

Es gibt wieder einmal einen aktuellen Aufreger. Eine große deutsche Wochenzeitung hat den Begriff Autismus in den Kontext von einem der größten Massenmörder der Geschichte gesetzt. Die Empörung ist aus Sicht der verunglimpften Autisten nur allzu verständlich, insbesondere weil es sich hier nicht um ein Boulevardblatt handelt, das solche missbräuchliche Verwendung als clickbait notwendig hätte. Wir Autisten reagieren äußerst empfindlich auf Fehlinterpretationen bis hin zur Verbreitung hanebüchener Vorurteile. Einem nichtautistischen Leser mag der bekritelte Absatz gar nicht so sehr auffallen, er überliest ihn womöglich bzw. überliest die Zuschreibung “sozialer Autist” mitunter sogar. Ein solches Attribut ist dennoch kein großer Wurf eines Journalisten oder einer Journalistin, denn es sollte als gelernter Schreiber möglich sein, Attribute zu finden, die keine Minderheit bzw. benachteiligte Menschen verunglimpft. Hitler’s Vernichtungspolitik ist so jenseitig vom Schrecken her, dass es zusätzlicher Attribute nicht einmal bedarf. Denn wer würde in ihm einen Menschenfreund sehen?

Das Einzige, womit er nicht rechnen konnte, war die Zuneigung der Familie Wagner, die abgöttische Verehrung durch Winifred und die Kinder. Einen sozialen Autisten wie ihn muss das umgehauen haben. (Quelle: Zeit Online, abgerufen am 2.8.16, 11.21)

Nicht nur handelt es sich hier um eine irreführende Zuschreibung, sondern auch noch um pure Spekulation über die Reaktion. Das ist schlechter Journalismus. Continue reading

Baustellen in Österreich

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Österreich hat generell einen erhöhten Nachholbedarf, was Menschen mit Behinderung betrifft, und einen sehr großen Nachholbedarf, was Autismus betrifft. Das fängt bereits damit an, dass im allgemeinen Sprachgebrauch Autismus von Asperger abgegrenzt und das Vorhandensein eines Spektrums ignoriert wird. Wie in vielen Ländern und speziell im medizinischen Kontext wird unter Autismus eine Störung, Krankheit oder Erkrankung verstanden. Medienberichte neigen dazu, nur die rein defizitorientierten Merkmale von Autismus – oder das krasse Gegenteil, die Inselbegabung, hervorzuheben. In dieser Polarisierung, nicht zuletzt auch die Beschränkung besonderer Fähigkeiten auf den mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich, finden sich nicht alle Autisten wieder. Weiters klammert man dadurch frühkindliche Autisten aus, denen häufig eine geistige Behinderung nachgesagt wird, wenn sie nicht sprechen oder vom äußerlichen Verhalten sehr auffällig erscheinen.
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