Mode versus Funktionalität

Mein Glück ist meine Leidenschaft Wandern. Wenn ich häufig Wanderhosen trage und diverse Funktionsleiberl und Merinofleecejacken, kann man das darauf zurückführen, dass ich meine Freizeit vielfach am Berg verbringe. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Ich vertrage keine Jeans. Zum Einen passt mir nie der Schnitt, wie wir erst neulich herausfanden, als wir nach Stretchhosen für mich suchten. Entweder oben zu eng oder unten zu weit, aber nie passend. Das Problem besteht schon seit der Kindheit. Jedes Jahr oder jedes zweites Jahr zum Hosenkauf hielt ich dann halt die Luft an und stimmte dem Jeanskauf zu, zog sie aber kaum an, weil sie zu eng war. Zum Anderen ist mir der Stoff zu schwer auf der Haut. Ich fühle mich eingeengt, der Jeansstoff juckt wie nach einem Muckenstich und das Sitzen ist damit auch nicht angenehm.* Irgendwann haben meine Eltern akzeptiert, dass ich Cordhosen bevorzuge – oder eben reine Stoffhosen wie Wanderhosen. Auch da gibt es „edlere“ Versionen, zu denen Hemden gut passen. Inzwischen achte ich darauf, dass die Farben und Schnitte zusammenpassen.

Das war vor der Diagnose noch lange anders.

In der Schulzeit kleidete ich mich oft atypisch. T-Shirt oder Pulli mit Aufdruck ging gar nicht, vielleicht wollte ich damals auch nicht auffallen. Typisch war damals außerdem eine offen zur Schau getragene Identifikation mit der Lieblingsband. Ich hatte allerdings keine. Ich hörte viel aus vielen Sparten, aber legte mich nicht fest, während „die Punkrocker“ nur Punk und nichts anderes hörten, und „die Popper“ nur Mainstream-Discomusik hörten und nichts anderes. Ich wollte daher T-Shirts und Pullis explizit ohne irgendeinen Aufdruck, sprich einfarbig langweilig.

Als ich während dem Studium für eine gewisse Zeit mal so etwas wie eine Freundin hatte, die regelmäßig mein Aussehen kritisierte – im Nachhinein zurecht -, wollte ich lange Zeit nicht wahrhaben, dass das, was ich trug, überhaupt nicht zusammenpasste. Ich wollte es bequem haben, funktional, der Rest war mir egal bzw. bemerkte ich gar nicht die Blicke aufgrund unpassender Kleidung. Vom 15. bis zum 26. Lebensjahr trug ich lange Haare, danach brachte sie mich zu einer neuen Frisur, die ich sehr widerwillig akzeptierte. Sie regte sich danach heftig auf, wie ich nur so negativ auf die Veränderung reagieren könne. Schon damals tat ich mir schwer mit Veränderungen, wusste aber nicht warum. Später, bei einem anderen Anlassfall, fiel ich wieder einmal wie der schillernder Vogel mit einer unmöglichen Kombination an Schuhen und Kleidung auf, aber dieses Mal bemerkte ich meinen Fauxpas und achtete fortan besser darauf.

Heute ziehe ich Wanderhosen allgemein vor, sie trocknen zudem nach Regen besser und kleben nicht so auf der Haut. Die Anzahl meiner Schuhe hat sich außerdem vervielfacht, was mit der Art der Wanderungen zusammenhängt, die ich unternehme (weglos, Schotterwege, Waldwege, alpine Steige, längere Asphaltstrecken). Ebenso hat sich die Zahl der Jacken vervielfacht, weil man bei Schneeschuhwanderungen und längeren Regenwanderungen wieder umdenken muss. Mir sagen noch heute die meisten allgemeinen Modemarken nichts, dafür kenne ich jene in der Sportwelt umso besser und weiß genau, welcher Stoff was taugt und welcher nicht. Zum Glück befinden sich unter Wanderkleidung auch bürotaugliches Schuhwerk, Hosen und Hemden. Bequem steht weiterhin ganz oben.

*Ein Merkmal von Autismus ist Hyper- oder Hyposensorik, dazu zählen auch taktile Reize wie Druck/Enge, kratzender Stoff oder Allergien auf bestimmte Inhaltsstoffe, darunter auch Parfum oder Öle.

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