In der Bewegung liegt die Kraft

Für mich ist das Schreiben eine große Leidenschaft seit der Kindheit. Früher schrieb ich ganze Zettel und Blöcke voll, später Kurzgeschichten und Gedichte am PC, dann begann ich 2002 mit einer Website, die ich rasch mit viel Inhalt füllte, und auch danach war ich immer in irgendeiner Form aktiv, in Foren, auf Blogs, auf sonstigen Plattformen.

Nach ein paar Tagen Zwangspause ohne Schreiben, sei es beruflich bedingt, weil soziale Verpflichtungen Vorrang hatten oder weil keine Gelegenheit war (Urlaub), fühle ich mich ebenso unrund wie wenn ich ein paar Tage keinen Sport treibe.

Nach Hause kommen und entspannen. Wie geht das? Ich sitze oft am Computer und habe regelrechten Schreibdurchfall. Möchte Blogtexte schreiben, möchte etwas übersetzen, einen Fachartikel dort, eine Zusammenfassung hier, zwischendrin ein wenig Kommunikation auf Englisch in amerikanischen Facebookgruppen. In den Leerlaufzeiten, wenn ich unterwegs bin und das Handy außer Reichweite ist, kommen die ganzen Gedanken und Ideen für weitere Texte. Ein unablässiger Gedankenstrom.

Nur daliegen und entspannen ist schwierig. Sonst fühle ich eine innere Unruhe, mich zu bewegen oder zu schreiben. Entspannung, das bedeutet für mich allenfalls noch in einem Kaffeehaus zu sitzen und Zeitung zu lesen. Essen und Trinken ist immer mit Lesen verbunden, ich fahre dafür auch nochmal eine Station weiter mit der Tram, um irgendwoher eine Zeitung zu bekommen. Buch lesen geht genauso, am liebsten aber Zeitung. Das Ritual ist seit der Kindheit, seit dem Frühstück vor der Schule, gegeben. Oder Film schauen. Abendessen und Film schauen.

Wenn ich ruhig da sitze, vermeintlich entspannt, bin ich eher völlig verspannt, und wippe bald mit dem Fuß, oder reibe und zupfe an meinen Augenbrauen herum. In Ruhe ein Buch lesen kommt eher selten vor, am ehesten noch vor dem Einschlafen. Sonst lese ich am liebsten in den öffentlichen Verkehrsmitteln oder während einer längeren Zugreise. Das ist für mich Entspannung. Entspannung im Urlaub im Sinne von faulenzen, herumliegen, sich im Bett räkeln? Undenkbar. Ich muss aktiv sein, mich bewegen.

Der nonverbale Autist Birger Sellin schrieb in seinem Buch „Ich will kein inmich mehr sein“

Also macht wohlgemeinte friedhofsruhe mich unruhig Aber action macht mich stiller

Und meinte damit, dass er deswegen anfange zu zappeln und zu schreien, weil es ihn beruhige. Während ihn die Stille unruhig mache.  Es gibt bei mir Ausnahmen: Manchmal bin ich untertags so überreizt worden, dass ich abends Stille brauche, nicht einmal Musik ertrage, obwohl ich sonst extrem viel Musik höre.  Dann ist jedes Außengeräusch zu viel.

Meine Schreibdurchfälle sind auch eine Art Stimming. Während dem Schreiben und nach der Erschaffung eines neuen Texts fühle ich eine innere Befriedigung. Wenn ich im mentalen und sensorischen Stress bin, unter Reizüberflutung leide, dann ist der Drang zum Schreiben umso größer. Schreiben statt innerlich schreien. Denn nach außen zeige ich meine Gefühle kaum, allenfalls durch kontinuierliche Schwarzmalerei.

Aus diesem Grund ist es für mich wichtig, meinem Schreibdrang regelmäßig nachgehen zu können. Wird mir dieser kontinuierlich entzogen, werde ich immer unentspannter – was auch das Umfeld zu spüren bekommt.

Advertisements

Stimming: Gesellschaftlich akzeptiert oder nicht?

wippen

In einer kürzlichen Talksendung wurde neben anderen Diskussionsteilnehmern eine Frau eingeladen, die einigen Zuschauern vor allem dadurch auffiel, dass sie – die Knie übereinandergeschlagen – unablässig mit dem Fuß wippte. Durch die Kameraeinstellung stand das Wippen recht penetrant im Vordergrund, was in sozialen Netzwerken zu entsprechenden Kommentaren veranlasste, bis hin dazu, das Wippen doch bitte einzustellen.

Jetzt zählt Wippen noch zu den harmloseren Varianten von Stimming. Neben schädlichen Angewohnheiten und selbstschädigendem Stimming gibt es auch an sich harmlose, aber gesellschaftlich verpönte Varianten, dazu zählen z.B. Händeflattern (Kreiselbewegungen, Schüttelbewegungen mit den Händen), schaukeln, Kugelschreiber klicken, Stifte zerbeißen, sonstige Körperbewegungen. Continue reading

Übersetzung: Die dunkle Seite von Stimming

Dieser Artikel von Kirsten Lindsmith wurde dank ihrer freundlichen Erlaubnis von mir ins Deutsche übersetzt:

The Dark Side of the Stim: Self-injury and Destructive Habits

In meinem vorherigen Artikel, Stimming 101,schrieb ich über autistisches Stimming* als normaler und gesunder Teil der autistischen Identität. Während dies am häufigsten der Fall ist, möchte ich einen etwas anderen Artikel nachlegen, denn nicht alle Stims** sind gleichwertig. Manchmal ist Stimming ungesund oder sogar gefährlich. Eltern, Angehörige und autistische Menschen brauchen alle Werkzeuge, um mit diesen Stimming-Arten umgehen zu können. Wir in der autistischen Befürworter-Community stellen oftmals jegliches Stimming als wundervoll und gesund dar, und lassen dabei jene im Stich, die Hilfe brauchen. Lasst uns also über die dunkle Seite von Stimming reden.

*   Stimming: engl. Kurzform für Self-Stimulating Behavior

** Stims: Aktivität oder Objekt, mit dem das Stimming erfolgt Continue reading

Innen- vs. Außenansicht: Was ist “heftig autistisch”?

Viele Menschen beurteilen den Schweregrad des Autismus einer Person nach ihrer Außendarstellung, also vorwiegend am Festhalten sehr starrer Routinen, offensichtlichem Stimming (Selbststimulierendes Verhalten, was besonders deutlich wird, wenn jemand mit den Händen flattert, herumhüpft, in die Hände klatscht, den Kopf gegen die Wand haut, schaukelt, zappelt, etc…) und monotoner Sprechweise, entweder Monologe führend oder mutistisches Verhalten mit völligem Rückzug in die eigene Gedankenwelt. Ein Autist, der schweigt und schaukelt und den Kopf wegdreht, sobald man ihn anspricht, und zudem geistig behindert erscheint, und sich selbst nicht versorgen kann, das versteht man vermutlich unter “heftig autistisch”.

Die Gretchenfrage ist: Kann jemand, der nach außen hin unauffällig erscheint, dennoch stark betroffen sein? 

Die Antwort ist: Nicht für den Beobachter, aber für den Betroffenen!

Continue reading

Gee Vero: Autismus -(M)Eine andere Wahrnehmung

In ihrem 2014 erschienenen Buch über Autismus beschreibt Gee Vero, Künstlerin und freie Referentin für Autismus, nicht nur ihren eigenen Asperger-Autismus, sondern auch die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum frühkindlichen Autismus ihres (nonverbalen) Sohnes.

Im Gegensatz zu vielen Autismus-Biographien schlüsselt Gee Vero das Buch in die verschiedenen Aspekte von Autismus auf, beginnt mit Wahrnehmung und Reizen, erläutert die Schlüsselrolle der Amygdala, die bei vielen Autisten schon dann Gefahr meldet, wenn Nichtautisten keine Gefahr erkennen, und beschreibt Kompensationsstrategien wie inneres und äußeres Stimming (selbststimulierendes Verhalten).

Ein wichtiges Kapitel stellt die Kommunikation dar, die sie bei sich und bei ihrem Sohn erläutert. 70 % läuft nonverbal ab, 23 % wird über den Tonfall transportiert, nur 7 % über das Gesprochene. Autisten haben besondere Schwierigkeiten mit der Interpretation von Tonfall und nonverbalen Signale, so entgehen wichtige Anhaltspunkte, um Ironie oder Sarkasmus zu verstehen, oder auch zwischen den Zeilen zu lesen. Ihr Sohn kommuniziert durch Mimik und Gestik. Nicht sprechen zu können, bedeutet nicht, Gesprochenes nicht zu verstehen.

Das zentrale Kriterium für Autismus ist die veränderte Sinneswahrnehmung, so geht sie ausführlich auf die fünf Sinne, auf Körperwahrnehmung und Zeitwahrnehmung ein, Theorie of Mind und Selbst/Fremdwahrnehmung werden ebenfalls erklärt.
Besonders gut gefällt mir auch ihr “ABC der Strategien und Hilfsmittel”, z.B. auf S. 192:

J wie Ja zu Autismus – positives Denken und Handeln

Autismus positiv sehen. Die Potenziale sehen und nutzen und bei den Defiziten, die vorhanden sind effektiv helfen. Autismus ist weder eine Krankheit noch hoffnungslos. Es ist ein durch eine andere Wahrnehmung bedingtes Anderssein. Leben mit Autismus und auch mit autistischen Menschen stellt andere Herausforderungen an uns und unsere Mitmenschen, aber es ist machbar. Was autistische Menschen dringend brauchen, sind Toleranz, Verständnis und Akzeptanz.

In Summe für mich ein positives Fazit aus mehreren Gründen:

Gee Vero besitzt eine äußerst bildhafte Sprache, spricht von “Erfahrungs- und Erwartungszahnrädern”, sie vergleicht das autistische Gehirn mit einer Firma und welche Vorgänge ablaufen, wenn Signale empfangen und verarbeitet werden müssen. Sie sagt, dass Autisten nicht falsch reagieren, sondern auf die Warnsignale ihrer übersteuerten Amygdala, die selbst dort Gefahren sieht, wo keine real vorhanden sind, etwa sich in Menschenmengen bewegen, was bereits hohen Stress verursachen kann. Diese Amygdala ist aber nicht unveränderlich, man kann sehr wohl trainieren und lernen, dass nichts passiert und die Angst verringern.

Sehr wichtig ist auch die Betonung der Stimmingwerkzeuge, als Selbstregulierung von zu viel Stress, um etwa Vorträge und längeren Aufenthalt unter Menschen ertragen zu können.

Außerdem finde ich es gut, wie sie den frühkindlichen Autismus ihres Sohnes erläutert. Als Autistin kann sie das in meinen Augen besser erklären als nichtautistische Eltern. Ich denke, dass man die Unterschiede zu Asperger erkennt, aber auch, dass man Kanner- und Asperger-Autismus nicht als zwei völlig getrennte Autismusformen betrachten darf. Sie schreibt auch zur Einleitung

“Elijah ist wohl, was die Gesellschaft gerne als “schwerer betroffen” bezeichnet, obwohl seine Grundprobleme die gleichen wie die meinen sind.”

und betont später

“Vergleicht man Autismus mit nicht-autistischen Wahrnehmungen, dann kann man nur zu einem Ergebnis kommen, nämlich, dass Autismus eine andere Wahrnehmung ist, aber noch lange keine falsche.”

Gee Veros Buch schafft den Brückenschlag zwischen wissenschaftlichem Buch und Autobiographie, und gibt vor allem eine Reihe von Bewältigungsstrategien für den Alltag in die Hand, mitsamt Erklärungen, die auch Nichtautisten das Wesen des Autismus verständlich näher bringen können.