Wie erkennen Autisten Autisten?

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Autisten haben häufig eine enge Bindung zu Tieren. Wenig verwunderlich: Tiere zeigen ehrliche Emotionen, sie betrügen nicht, sind bedingungslos treu, spüren oft, wenn man gerade Trost und Zuneigung braucht.

Wir Autisten sind natürlich keine Psychologen (wenngleich es eine Menge autistischer Psychologinnen gibt …) und können uns nie sicher sein. Wir können nicht ausschließen, dass für das gezeigte autistische Verhalten andere Erklärungen vorhanden sind. Und trotzdem empfinde ich es manchmal wie eine Art siebten Sinn, den ich besitze, um andere Autisten aufzuspüren. Wobei ich hier zwischen echten Autisten und dem broader autism phenotype (BAP) unterscheiden möchte, letzteres sind in der deutschen Entsprechung die autistischen Züge. Das bedeutet, jemand verhält sich in mehreren Punkten autistisch, qualifiziert aber nicht in allen Diagnosekriterien für eine Diagnose. Continue reading

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Sichtbarkeit von Autismus ist kontextabhängig

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Kommunikation ist für mich häufig ein Drahtseilakt (trotz gelungener Metaphern …)

Ich hatte gestern ein sehr anregendes Gespräch über Autismus und Barrieren im Alltag mit der Buchhändlerin meines Vertrauens in Wien. Um die Mittagszeit war gerade wenig los im Buchladen. Der Straßenlärm war von der Eingangsfront gut abgeschirmt, keine störende Hintergrundmusik. Den Verkäufer zu kennen, das macht den großen Unterschied für mich. Hier kommt ebenso wie beim Bergsportladen meines Vertrauens hinzu, dass ich durch die Glasfront erkennen kann, ob die mir bekannte Person im Laden ist. Dann trau ich mich reinzugehen. Nur so bin ich in der Lage, in kleinere Geschäfte zu gehen. Continue reading

Hürdenlauf

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Boeing 747 im Landeanflug auf Frankfurt-Flughafen

Wie im vergangenen Beitrag berichtet, stand eine Dienstreise bevor. Die Teilnehmer waren mir durchwegs sympathisch, es haben sich nette Kontakte ergeben, die Vorträge waren interessant und ich hab vieles Neues erfahren. Die Begleitumstände waren am Anfang holprig und am Ende ging mir etwas die Energie aus. Dennoch ziehe ich ein positives Fazit und hoffe auf eine Wiederholung in den nächsten Jahren. Continue reading

Fremd in der Fremde

Clipboard01Vergangenes Wochenende: Geführte Schneeschuhwanderungen in einer Gruppe mit 20 Teilnehmern. Die Angaben auf der Webseite des Alpenvereins hatte ich bei der Anmeldung falsch interpretiert, denn das maximal 10 Teilnehmer pro Gruppe bezog sich auf den Guide, und bei zwei Guides hieß das 20 Teilnehmer. Das war schon bei dem ersten geführten Wanderwochenende Ende Januar eine Herausforderung. Ich hätte natürlich absagen können, aber mich sprachen die sportlichen Herausforderungen und die mir völlig unbekannte und öffentlich schwer erreichbare Region an.

Neben den technischen und konditionellen Herausforderungen, die ich alle – auch dank meiner allgemeinen körperlichen Verfassung – gut bewältigen konnte, gibt es auch autistische Herausforderungen. Für meinen Autismus bedeutet das: Wie bewegt man sich als Neuer in einer Gruppe von Menschen, die ich nicht einschätzen kann und die umgekehrt nichts von meinem Autismus wissen, ohne ständige Missverständnisse und Fettnäpfchen?

Natürlich kann man sich beruhigen und sagen, dass es jedem so geht, wenn er neu ist, aber mein kommunikativer Zugang ist eben ein anderer, was schon im Vorfeld damit begann, dass ich mich nicht traute, den Guide anzurufen, wie er es sich von jedem neuen Teilnehmer gewünscht hätte, um festzustellen, ob er dem Anspruch seiner Wanderungen gerecht wird, und dass ich mehrfach wegen Mitfahrgelegenheit um eine E-Mail bat, während der Angeschriebene diese Bitte ignorierend meinte “ruf doch am besten an, das geht schneller.”

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Autismus im Job: Gute Jobs für Autisten?

Nachdem der Autor auf meinen Kommentar unter einem Text in der  “Karriere-Bibel” nicht reagiert hat, nun etwas prominenter:

„Verallgemeinerungen sind immer heikel, auch reicht das Spektrum hier immerhin von frühkindlichem Autismus bis hin zur Inselbegabung.“

Frühkindlicher Autismus ist kein Antonym zur Inselbegabung – ein Vergleich von Äpfel und Birnen.

Der Autor suggeriert, dass frühkindliche Autisten eine geringe Intelligenz und/oder Begabung aufweisen.Tatsächlich hängt das Ergebnis der Intelligenztests davon ab, ob es sich um den Standard-IQ-Test von Wechsler (teilverbal) oder den komplett nonverbalen Ravens Matrizentest handelt. Autisten, die Sprachdefizite aufweisen, schneiden je nach Test deutlich besser oder schlechter ab. Frühkindlicher Autismus ist kein Synonym für unbegabt oder unintelligent! Auf der anderen Seite ist Inselbegabung kein Synonym für Autismus (unter inselbegabten Menschen finden sich genauso Nichtautisten), und jene Autisten mit Inselbegabung können massive Probleme haben, ein selbstständiges Leben zu führen.

Beispiel: Drücken Sie einem Nicht-Autisten 70 Euro in die Hand, dann zockt er mit dem Geld mit ungleich höherer Wahrscheinlichkeit dann, wenn er “50 Euro verlieren” kann, als wenn er “20 Euro behalten” kann. Die Aussicht, Geld zu verlieren, verstärkt in uns den Drang, dieses Szenario aktiv zu verhindern. Dabei sind beide Szenarien im Prinzip völlig identisch. Einen Autisten hingegen würde dieses Psycho-Spielchen völlig kalt lassen, er würde rein rational entscheiden.

Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Es hängt auch davon ab, ob man zu impulsiven Verhalten neigt, was etwa beim (häufig) komorbidem ADHS der Fall sein kann. Es ist einfach verkehrt, von Autisten zu erwarten, sie entscheiden immer rational. Ebenso wenig sind sie immer impulsiv.

„Autisten verstehen nur schwer Sarkasmus oder Ironie, können keinen Smalltalk, Sozialkompetenz ist sicherlich nicht ihr Steckenpferd. In Bereichen, in denen man andere Menschen führen, beraten oder lesen muss – zum Beispiel im Personalwesen – dürften Autisten in der Regel überfordert sein.“

Das weise ich entschieden zurück! Unter meinem autistischen Freundes- und Bekanntenkreis befinden sich auch Psychologinnen, Lehrerinnen oder Therapeutinnen, die meines Wissens einen großartigen und sehr einfühlsamen Job machen. Ich glaube, dass Autisten durch ihre eigenen, oft schmerzlichen Lebenserfahrungen sich manchmal besser in andere hineinversetzen können als viele Nichtautisten, die diese Erfahrungen nicht gemacht haben. Gerade in solchen Fällen ist Smalltalk oft ein Hemmschuh, da das „um den heißen Brei herumreden müssen“ keine Verbesserung eines unbehaglichen Zustands hervorruft. Erfahrungen aus Firmen mit autistischen Mitarbeitern zeigen im Gegenteil, dass die Direktheit und Ehrlichkeit auch auf das Team überspringen kann und so generell eine für alle angenehmere Atmosphäre schafft, in der man offen reden kann.

Auch in einer Führungsrolle muss Autismus kein Hindernis sein, das hängt von den Anforderungen und der Organisation ab. Gerade weil Autisten weniger nach Bauchgefühl als rational entscheiden, wären sie sogar besonders geeignet. Allerdings verlangt die Führungsrolle viel Fingerspitzengefühl und Beziehungspflege, hier kann ein Zuviel an Sachlichkeit durchaus schwierig werden, es ist aber nicht unmöglich!

„Typische Einsatzfelder liegen dagegen im IT-Bereich, für die Arbeit mit dem Computer sind Autisten geradezu prädestiniert.“

Die Studie von Lorenz und Heinitz (2014), http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0100358#pone.0100358-Schwarzer3

zeigt, dass das autistische Interesse vielfältiger ist als häufig suggeriert. Wie oben erwähnt, findet man in allen Bereichen Autisten. Nur: Ein beträchtlicher Anteil ist nichtdiagnostiziert und hat seine ökologische Nische gefunden, in der oder sie glücklich wird, ein weiterer Teil hat zwar eine Diagnose, hat sich aber nicht geoutet, weil er oder sie zurechtkommen oder Angst vor Repressalien haben, wenn aufgrund einer Offenlegung kein Vertrauen mehr in die Fähigkeiten gegeben wird.

„Es gibt sicherlich eine Reihe adäquater Einsatzfelder, die erst noch entdeckt und freigelegt werden müssen.“

Es gibt sie bereits, und sie müssen nicht entdeckt und freigelegt werden, weil Autisten sogenannte Spezialinteressen aufweisen und darin gut sind. Der Autor hätte für die Recherche seines Texts durchaus Meinungen und Erfahrungen von Autisten bemühen können. Hierfür gibt es Twitter(-Hashtags), aber auch öffentliche Foren, wo recherchieren oder Fragen stellen kann. Ebenso gibt es zahlreiche Blogs im Netz. Es reicht mitunter schon, die zunehmende Auswahl autobiographischer Bücher zu betrachten, die von Literaturwissenschaftlern über Journalisten bis zu Künstlern reicht.

Wiederholende Abläufe
KEIN Zeitdruck

Jein… idealerweise ja, aber was ist schon ideal? Das wissen auch Autisten. Wer in bzw. mit seinem Spezialinteresse arbeitet, toleriert auch gewisse Einschränkungen. Manche Autisten mögen – geplante – Abwechslung und andere kommen mit Zeitdruck klar, wenn eine klare Prioritätenliste gegeben ist, d.h., bei Zeitdruck muss klar sein, in welcher Reihenfolge etwas erledigt werden muss, eine umfassende Vorbereitung nimmt Stress weg. Unter diesen Voraussetzungen ist auch Zeitdruck für eine gewisse Zeit tolerabel. Jeder Mensch, ob Autist oder Nichtautist, besitzt hier seine persönliche Schmerzgrenze.