Hürdenlauf

descent
Boeing 747 im Landeanflug auf Frankfurt-Flughafen

Wie im vergangenen Beitrag berichtet, stand eine Dienstreise bevor. Die Teilnehmer waren mir durchwegs sympathisch, es haben sich nette Kontakte ergeben, die Vorträge waren interessant und ich hab vieles Neues erfahren. Die Begleitumstände waren am Anfang holprig und am Ende ging mir etwas die Energie aus. Dennoch ziehe ich ein positives Fazit und hoffe auf eine Wiederholung in den nächsten Jahren. Continue reading

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Fremd in der Fremde

Clipboard01Vergangenes Wochenende: Geführte Schneeschuhwanderungen in einer Gruppe mit 20 Teilnehmern. Die Angaben auf der Webseite des Alpenvereins hatte ich bei der Anmeldung falsch interpretiert, denn das maximal 10 Teilnehmer pro Gruppe bezog sich auf den Guide, und bei zwei Guides hieß das 20 Teilnehmer. Das war schon bei dem ersten geführten Wanderwochenende Ende Januar eine Herausforderung. Ich hätte natürlich absagen können, aber mich sprachen die sportlichen Herausforderungen und die mir völlig unbekannte und öffentlich schwer erreichbare Region an.

Neben den technischen und konditionellen Herausforderungen, die ich alle – auch dank meiner allgemeinen körperlichen Verfassung – gut bewältigen konnte, gibt es auch autistische Herausforderungen. Für meinen Autismus bedeutet das: Wie bewegt man sich als Neuer in einer Gruppe von Menschen, die ich nicht einschätzen kann und die umgekehrt nichts von meinem Autismus wissen, ohne ständige Missverständnisse und Fettnäpfchen?

Natürlich kann man sich beruhigen und sagen, dass es jedem so geht, wenn er neu ist, aber mein kommunikativer Zugang ist eben ein anderer, was schon im Vorfeld damit begann, dass ich mich nicht traute, den Guide anzurufen, wie er es sich von jedem neuen Teilnehmer gewünscht hätte, um festzustellen, ob er dem Anspruch seiner Wanderungen gerecht wird, und dass ich mehrfach wegen Mitfahrgelegenheit um eine E-Mail bat, während der Angeschriebene diese Bitte ignorierend meinte “ruf doch am besten an, das geht schneller.”

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Autismus im Job: Gute Jobs für Autisten?

Nachdem der Autor auf meinen Kommentar unter einem Text in der  “Karriere-Bibel” nicht reagiert hat, nun etwas prominenter:

„Verallgemeinerungen sind immer heikel, auch reicht das Spektrum hier immerhin von frühkindlichem Autismus bis hin zur Inselbegabung.“

Frühkindlicher Autismus ist kein Antonym zur Inselbegabung – ein Vergleich von Äpfel und Birnen.

Der Autor suggeriert, dass frühkindliche Autisten eine geringe Intelligenz und/oder Begabung aufweisen.Tatsächlich hängt das Ergebnis der Intelligenztests davon ab, ob es sich um den Standard-IQ-Test von Wechsler (teilverbal) oder den komplett nonverbalen Ravens Matrizentest handelt. Autisten, die Sprachdefizite aufweisen, schneiden je nach Test deutlich besser oder schlechter ab. Frühkindlicher Autismus ist kein Synonym für unbegabt oder unintelligent! Auf der anderen Seite ist Inselbegabung kein Synonym für Autismus (unter inselbegabten Menschen finden sich genauso Nichtautisten), und jene Autisten mit Inselbegabung können massive Probleme haben, ein selbstständiges Leben zu führen.

Beispiel: Drücken Sie einem Nicht-Autisten 70 Euro in die Hand, dann zockt er mit dem Geld mit ungleich höherer Wahrscheinlichkeit dann, wenn er “50 Euro verlieren” kann, als wenn er “20 Euro behalten” kann. Die Aussicht, Geld zu verlieren, verstärkt in uns den Drang, dieses Szenario aktiv zu verhindern. Dabei sind beide Szenarien im Prinzip völlig identisch. Einen Autisten hingegen würde dieses Psycho-Spielchen völlig kalt lassen, er würde rein rational entscheiden.

Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Es hängt auch davon ab, ob man zu impulsiven Verhalten neigt, was etwa beim (häufig) komorbidem ADHS der Fall sein kann. Es ist einfach verkehrt, von Autisten zu erwarten, sie entscheiden immer rational. Ebenso wenig sind sie immer impulsiv.

„Autisten verstehen nur schwer Sarkasmus oder Ironie, können keinen Smalltalk, Sozialkompetenz ist sicherlich nicht ihr Steckenpferd. In Bereichen, in denen man andere Menschen führen, beraten oder lesen muss – zum Beispiel im Personalwesen – dürften Autisten in der Regel überfordert sein.“

Das weise ich entschieden zurück! Unter meinem autistischen Freundes- und Bekanntenkreis befinden sich auch Psychologinnen, Lehrerinnen oder Therapeutinnen, die meines Wissens einen großartigen und sehr einfühlsamen Job machen. Ich glaube, dass Autisten durch ihre eigenen, oft schmerzlichen Lebenserfahrungen sich manchmal besser in andere hineinversetzen können als viele Nichtautisten, die diese Erfahrungen nicht gemacht haben. Gerade in solchen Fällen ist Smalltalk oft ein Hemmschuh, da das „um den heißen Brei herumreden müssen“ keine Verbesserung eines unbehaglichen Zustands hervorruft. Erfahrungen aus Firmen mit autistischen Mitarbeitern zeigen im Gegenteil, dass die Direktheit und Ehrlichkeit auch auf das Team überspringen kann und so generell eine für alle angenehmere Atmosphäre schafft, in der man offen reden kann.

Auch in einer Führungsrolle muss Autismus kein Hindernis sein, das hängt von den Anforderungen und der Organisation ab. Gerade weil Autisten weniger nach Bauchgefühl als rational entscheiden, wären sie sogar besonders geeignet. Allerdings verlangt die Führungsrolle viel Fingerspitzengefühl und Beziehungspflege, hier kann ein Zuviel an Sachlichkeit durchaus schwierig werden, es ist aber nicht unmöglich!

„Typische Einsatzfelder liegen dagegen im IT-Bereich, für die Arbeit mit dem Computer sind Autisten geradezu prädestiniert.“

Die Studie von Lorenz und Heinitz (2014), http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0100358#pone.0100358-Schwarzer3

zeigt, dass das autistische Interesse vielfältiger ist als häufig suggeriert. Wie oben erwähnt, findet man in allen Bereichen Autisten. Nur: Ein beträchtlicher Anteil ist nichtdiagnostiziert und hat seine ökologische Nische gefunden, in der oder sie glücklich wird, ein weiterer Teil hat zwar eine Diagnose, hat sich aber nicht geoutet, weil er oder sie zurechtkommen oder Angst vor Repressalien haben, wenn aufgrund einer Offenlegung kein Vertrauen mehr in die Fähigkeiten gegeben wird.

„Es gibt sicherlich eine Reihe adäquater Einsatzfelder, die erst noch entdeckt und freigelegt werden müssen.“

Es gibt sie bereits, und sie müssen nicht entdeckt und freigelegt werden, weil Autisten sogenannte Spezialinteressen aufweisen und darin gut sind. Der Autor hätte für die Recherche seines Texts durchaus Meinungen und Erfahrungen von Autisten bemühen können. Hierfür gibt es Twitter(-Hashtags), aber auch öffentliche Foren, wo recherchieren oder Fragen stellen kann. Ebenso gibt es zahlreiche Blogs im Netz. Es reicht mitunter schon, die zunehmende Auswahl autobiographischer Bücher zu betrachten, die von Literaturwissenschaftlern über Journalisten bis zu Künstlern reicht.

Wiederholende Abläufe
KEIN Zeitdruck

Jein… idealerweise ja, aber was ist schon ideal? Das wissen auch Autisten. Wer in bzw. mit seinem Spezialinteresse arbeitet, toleriert auch gewisse Einschränkungen. Manche Autisten mögen – geplante – Abwechslung und andere kommen mit Zeitdruck klar, wenn eine klare Prioritätenliste gegeben ist, d.h., bei Zeitdruck muss klar sein, in welcher Reihenfolge etwas erledigt werden muss, eine umfassende Vorbereitung nimmt Stress weg. Unter diesen Voraussetzungen ist auch Zeitdruck für eine gewisse Zeit tolerabel. Jeder Mensch, ob Autist oder Nichtautist, besitzt hier seine persönliche Schmerzgrenze.

Nichts verstanden: Kolumne in der FAZ über “Fahrstuhltypen”

Ja, natürlich handelt es sich auch bei dieser Kolumne (abgerufen am 19.10.16, 18.23) um einen nicht ganz ernst gemeinten Beitrag. Es herrscht Meinungsfreiheit, Künstlerfreiheit, Satirefreiheit. Aber: Der Autor suggeriert, Unhöflichkeit sei typisch autistisch. Und das ist keineswegs der Fall!

Wer nicht grüßt, redet auch sonst nichts, und deshalb pressen diese autistischen Mitfahrer ihren Blick auf die kahlen Aufzugwände, als gäbe es da irgendetwas Spannendes zu entdecken – was selten der Fall ist. Dient natürlich nur dem Zeittotschlagen. Solche Mitfahrer scheinen nur einen Wunsch zu haben: Ich will hier raus!

Wenn ich einen Fahrstuhl betrete, hoffe ich immer, dass er leer ist und bin frustriert, wenn auf dem Weg nach oben ständig diese nichtautistischen Mitfahrer einsteigen und ich den fürchterlichen Smalltalk ertragen muss, der mich nicht die Bohne interessiert. Das kann anstrengend sein, besonders früh am Morgen, wenn das Gehirn erst langsam auftaut und das Sprachzentrum vor dem ersten Kaffee noch nicht funktionsfähig ist. Sofern ich geistig Betriebstemperatur erreicht habe, grüße ich durchaus, ich brülle es beim Einsteigen vielleicht nicht ins Gesicht, aber ich bewege meine Lippen. Manchmal bin ich aber auch so im Gedanken und so unter Strom, dass keine zusätzliche Energie für Begrüßungsfloskeln und Smalltalk aufgewendet werden kann.

Wenn mein Akku vollkommen erschöpft ist, möchte ich tatsächlich nur noch so schnell hinaus wie möglich, insbesondere dann, wenn die Kabine “so groß wie ein Hasenstall” ist und man genauso eng zusammenstehen muss. Jeder Mensch hat seine persönliche Komfortzone, was die Distanz zu seinen Mitmenschen betrifft. Da gibt es kulturelle Unterschiede (Mitteleuropäer versus Südamerikaner), aber auch sensorische Unterschiede. Im Gegensatz zu anderen Autisten schreie ich nicht auf, wenn mich jemand berührt, ich falle auch nicht in Ohnmacht oder bekomme sonstige Zustände, aber ich empfinde es als sehr sehr unangenehm, wenn ich mit fremden Menschen sehr nahe zusammenstehen muss (Weihnachtsmärkte sind daher nicht meine Lieblingsplätze). Sie dringen dann in meine Komfortzone ein. Und das kann, wenn ich ohnehin schon überlastet bin, durchaus eine Panikattacke auslösen “Ich will hier raus!”

Gewöhnlich sieht man das dem Menschen aber nicht an. Autismus ist unsichtbar. Selbst ein Flattern mit den Händen, ein unruhiges Schaukeln oder Wippen kann man als Folge bloßer Nervosität erklären und nicht als selbstregulierendes Verhalten infolge einer sensorischen Überlastung. Andere halten aber eben ihr Smartphone vor die Nase, weil sie versuchen, sich auf einen (hier: visuellen) Reiz zu konzentrieren, wenn man aufgrund der Anzahl der Personen im Hasenstall keine leere Wand mehr anstarren kann.

So, und ist das schlimm? Nein. Genauso wie es Morgenmuffel gibt, haben auch Fahrstuhlbegrüßungsmuffel ihre Berechtigung. Die wenigen Sekunden unkommunikativ sein lassen sich ohne bleibende Egoschäden überleben.

Wie geht’s Dir?

übersetzt aus dem Englischen

von Jeannie Davide-Rivera (Originaltext auf Englisch)

Ich weiß nicht, ob mein Problem mit dieser Frage an sozialen Erwartungshaltungen liegt und ich in diese sozialen Fettnäpfchen steige, oder ob ich alles wortwörtlich verstehen muss und dem Bedürfnis nachgebe, Fragen zu beantworten. Wenn Du mich jedenfalls zum Erstarren bringen willst, frag einfach

 „Wie geht’s Dir denn heute?“

Mein Gehirn stellt seinen Dienst ein!

Ernsthaft. Mein Gehirn schaltete unmittelbar in den Frage- und Antwort-Modus. Die Minute davor hast Du mich noch angelächelt und sagtest

„Hallo“.

Ich habe niemals verstanden, weshalb man diese Frage als Grußformel benutzen muss. Wenn Du mir eine Frage stellst, werde ich sie beantworten. Warum würdest Du auch etwas fragen, was Du nicht wissen willst, oder? Mein Ehemann sagte, es ist bloß eine Art, höflich zu sein, wenn man jemanden empfängt. Worauf ich antwortete: „Warum kannst Du nicht einfach Hallo sagen, wenn es bloß eine Begrüßung ist?“

Für jene ohne Asperger mag das lächerlich und albern klingen. Für sie ist es verständlich, dass die Person nicht wirklich wissen will, wie es einem geht. Sie fragen nur aus Höflichkeit. Was sie nicht sehen: Ich verstehe, dass das eine Form der sozialen Spitzfindigkeit ist. Ich weiß das und ich scheitere auch nicht es zu verstehen. Wenn ich aber gerade beschäftigt bin, über etwas nachdenke, am Telefon antworte, ein Treffen ausmache oder in ein Büro gehe, um jemanden um etwas zu bitten, und Du mich fragst, wie es mir geht, stürzt mein Gehirn ab.

Meine Tätigkeit wurde durch eine Frage unterbrochen. Ich verliere meinen Gedankenzug und beginne gewöhnlich damit, die Frage zu beantworten. Das Problem dabe ist, dass ich mir zu spät bewusst wird, dass ich darauf nicht antworten muss. Die korrekte Antwort ist:

Fein, wie geht’s Dir?

Und dann mit dem Gespräch fortfahren, als ob niemand diese Fragen gestellt hat. Mein hochgradig logisches Gehirn findet das komplett unlogisch! Und um das noch zu verschlimmern, dauert es ein paar Sekunden, bis ich mich daran erinnere, dass mir eine rhetorische Frage gestellt wurde, und oftmals bleibe ich zurück und fühle mich wie ein völliger Idiot.

Meine Gedanken werden unterbrochen

Meine Gedanken sind bereits unterbrochen, meiner Konzentration beraubt, und ich beginne damit eine Antwort zu formulieren. Wie geht’s mir heute? Verglichen mit gestern, allgemein oder dreht sich die Frage um meine Arbeit? War ich heute produktiv? Blödsinn! Ich bin im Plan hinterher. Warte … OH YEAH! Das ist keine echte Frage, missachte sie, und zaubere die korrekte Standardantwort  hervor: Fein, und wie geht’s Dir?

Klingt verrückt? Es bringt mich zum Überschnappen.

Wie manche von Euch wissen, beschloss ich vor ein paar Wochen, einen professionellen Finanzberater aufzusuchen, um meine Verrücktheit wieder in Ordnung zu bringen. Ich rief an, hinterließ eine Nachricht, und warte auf einen Rückruf mit einem Terminvorschlag. Als das Telefon läutete, wusste ich, dass es mein Rückruf war (Anruferkennung natürlich). Ich nahm an.

Ich : Hallo?

Anrufer: Frau (Aspie Writer)? Hier ist die Frau Beraterin vom Beratungsserivce. Wie geht’s Ihnen heute?

Ich: Oh…ähmm…. ach, ja.

Dann beginnt das Kesseltreiben.Das Band in meinem Gehirn spielte erneut mit der Stimme aus dem Off ab: Du Idiot! Wie geht’s Dir heute? Oh …ähmm, …ach, ja, wirklich? Du klangst wie ein babbelnder Idiot. Sie wird sich fragen, was in der Welt mit Dir falsch ist. Vielleicht hätte ich die Frage beantworten sollen. Mir geht’s heute nicht gut, ich rief sie an. Das würde andeuten, dass ich bei etwas Hilfe bräuchte. Deshalb geht es mir nicht gut.

Etwas ähnliches wie hier wird beinahe immer passieren, wenn ich auf diese harmlosen Feinheiten treffe. Mein Gehirn springt vom Grüßungsmodus in den Frage-Antwort-Modus. Dann dauert es ein paar Augenblicke, um es zu vergegenwärtigen und ich springe zurück. Bis dahin vergaß ich, was ich tat oder sagen wollte, und verpasse Teile der Unterhaltung.  Im obigen Beispiel verpasste ich den ersten Teil des Telefonats, weil ich bei der Frage feststeckte und der innerer Monolog in meinem Kopf weiterlief. Ich verpasste völlig, was die Frau sagte, und es endete damit, sie auffordern zu müssen, das Gesagte zu wiederholen. Ich war danach ziemlich frustriert über mich selbst. Mein Gehirn ist auslaugend!

Meine Frage ist daher: Warum kannst Du nicht bitte einfach nur Hallo sagen?
Schon eine unschuldige, kleine, unausgereifte Frage legt mir Steine in den Weg. Bin ich damit allein? Bringt das auch andere zur Ablenkung? Hast Du Dich selbst schon einmal dabei ertappt, die Frage ehrlich zu beantworten, und dabei festgestellt, dass Deine Ausführungen niemanden interessieren?