Suche nach neuen Bewältigungsstrategien

linumaustria

So langsam scheine ich die Talsohle durchschritten zu haben. Ich suche jetzt nach einem Ausweg aus der ganzen Misere. Mit der Wohnung habe ich vorerst beschlossen, mit dem Jetzt zurechtzukommen und mir mit der Wohnungssuche bis Herbst Zeit zu lassen. Oberste Priorität hat die Gesundheit. Da bin ich derzeit dabei, mich einzulesen in das Thema Schuhe, Belastung, Trainingsaufbau, Dehnen und CO. Dank Masseurin und Physiotherapeut-Vortrag hab ich wertvollen Input bekommen und muss das jetzt verarbeiten und einordnen, wie mir das künftig weiterhelfen kann. Die letzten kurzen Wanderungen waren nicht von Erfolg gekrönt, obwohl sie mental Balsam waren. Die Schmerzen sind aber bereits auf kurze Strecken zu deutlich, um in den nächsten Wochen auch nur annähernd an leichte Wanderungen zu denken. Continue reading

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Nervenaufreibend bis zuletzt

Flache Nebelschwaden im Süden von SalzburgDie letzten Wochen waren sehr anstrengend für mich, weil ich aus meinen gewohnten Routinen gerissen wurde. Es kamen gleich mehrere Baustellen zusammen und das hat dazu geführt, dass ich phasenweise die Fassung verloren habe und im mildesten Fall auf Twitter mit niveauarmen Schimpfwörtern um mich geschmissen habe. Der korrekte autistische Fachbegriff dafür lautet “Meltdown”. Erst elf Tage Dienstreise (Einschulung am neuen Arbeitsplatz in Wien), dann eine Woche Übersiedlung und diese Woche erneut Dienstreise (zum alten Arbeitsplatz, weil wegen Unterbesetzung meine Dienste nochmal benötigt werden). Meine üblichen Entspannungsroutinen – wandern, Film schauen, fotografieren, schreiben/bloggen – konnte ich in der ganzen Zeit kaum umsetzen. Continue reading

Autistische Herausforderungen

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Lass mich noch schnell das Getränk notieren für die Wirtin, damit sie weiß, was ich konsumiert habe. Pinot noir? Wie schreibt man das? Ich schreib einfach Pino nwa, dann weiß sie es schon.

P-i-n-ot-

Ich weiß eh!

So ähnlich laufen Dialoge immer wieder ab. Jemand macht einen Scherz, ich verstehe ihn wörtlich und glaube, jemand weiß tatsächlich nicht, wie etwas geschrieben wird, versuche im Sinne der Richtigkeit zu korrigieren und stelle erst dann fest, dass es eben ein Scherz war. Dabei liebe ich Ironie und setze sie selbst gerne ein, doch bei anderen überhöre ich entweder den Tonfall oder übersehe Kon- oder Subtext. Manche der folgenden Situationen ereigneten sich lange vor der Diagnose, als ich nichts von meinem Anderssein wusste. Sie sind unauslöschbar in meinem Gehirn eingebrannt – vielleicht gelingt es mir, sie besser zu verarbeiten, wenn ich die Ursachen für sonderbares Verhalten analysiere.

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Was ihr nicht seht …

Blogger-Kollegin Blutiger Laie hat einen klasse Beitrag zu Kompensation bei Erwachsenen und ihren Folgen geschrieben:

Ja, es gibt sie, die erwachsenen Autisten, die so gut kompensieren können, dass sie nach außen hin weniger auffallen als andere Autisten mit sichtbaren Meltdowns, Stimming, Selbstverletzungen, Wutausbrüchen, etc. Ich zähle weitgehend dazu, Wutausbrüche richten sich bei mir meistens gegen Dinge und sind am häufigsten Folge von Frustration (speziell, wenn eine technische Herausforderung wieder einmal an meinem Mangel an Vorstellungsvermögen scheitert).

Was ihr nicht seht, sind die stillen Erschöpfungszustände:

Erschöpfungszustände sind gleichwohl häufig, stillerer Natur: Migräne, Erschöpfung, Energielosigkeit, Deprimiertheit, Schlaflosigkeit, Grübeln und Schwirren im Kopf, Rückzug. Das Brauchen von sensorischer und sozialer Ruhe, von Ausgleich im Lesen, Musikhören, an die Wand starren. Soviel zum aktuellen Überflutungszustand, z.B. nach zuviel “socializing”.

Der Alltag ist täglich eine Herausforderung, sich zu Struktur zwingen (im Haushalt, Einkaufen, evtl. Medikamente), sodass nicht mehr viel Energie für die anderen (schönen) Dinge des Lebens übrig bleibt.

Schnelle Wechsel snd schwer, mit der fehlenden Flexibilität geht auch viel Schönes verloren, spontane Besuche z.B., ein ungeplanter Spaziergang, neue Sportarten ausprobieren. Und weil die Kräfte im täglichen Kampf verbraucht werden, können sie nicht für langfrstige Ziele eingesetzt werden. Obwohl man also die Fähigkeiten hätte, z.B. umzuziehen, sich zu bewerben, ein größeres Projekt anzugehen, tut man es nicht. Es passt nicht mehr in den Kopf. Das kann alles betreffen, was außerhalb des direkten Alltags liegt: Urlaubspläne, Autokauf, finanzielle Vorplanung, Steuererklärung usw. usf.. Mancher mag hier in eine Art Abhängigkeit von äußerer Unterstützung geraten, nicht, weil er faul wäre oder etwas im Notfall nicht könnte, sondern weil schlicht die Kraft nicht mehr da ist.

Das wird von außen leider sehr oft nicht verstanden.

– Warum hast Du Dich nicht schon längst woanders beworben?
– Schau Dich doch mal nach einer neuen Wohnung um?
– Warum fliegst Du nicht mal in Urlaub?
– Warum fängst Du nicht mit dem X-Sport an?

usw.

Der Kopf ist bereits gefüllt mit dem, was einen morgen erwartet, die folgenden Wochen. Alles, was weiter weg ist, ist ein riesiger Berg an Unsicherheit, etwas, das nicht planbar ist. Das kann einen regelrecht darin lähmen, von seiner Routine abzuweichen. Auch darin zeigt sich die fehlende Flexibilität als Kernsymptom bei Autismus. Ich z.B., esse nicht täglich dasselbe, habe keine TV- oder Spiele-Rituale, mache nicht an einem bestimmten Wochentag immer dasselbe. So gesehen bin ich gegenüber anderen Autisten ziemlich flexibel. Und trotzdem geht es mir ganz genau so wie im zitierten Text beschrieben, was im Umfeld häufig auf Unverständnis stößt und Rechtfertigungszwänge auslöst.

Natürlich hängt vieles vom Umfeld ab, von der aktuellen Lebenssituation, ob man depressiv ist oder ob man eine positive Lebensphase hat. Dann ist auch mehr Kraft da, als wenn die Depression einen bereits im Alltag niederringt, und Gedanken an die Zukunft weit weg erscheinen. Es ist dann keine Schande, nach Unterstützung zu suchen, sich bei langfristigen Projekten helfen zu lassen, Informationen einholen zu lassen, die Ungewisses planbarer machen. Je mehr Informationen vorhanden sind, desto leichter kann man (nicht nur Autisten) sich darauf einstellen. Hier bemerke ich auch eine gewisse Angst vor der Angst, die für Autisten typisch scheint (auch bei Prüfungsangst beschrieben, z.b. hier), also die eigentlich paradoxe Angst/Blockade, sich die Informationen einzuholen, die die Angst/Blockade abbauen würden. Wenn das ggf. Dritte übernehmen können, ist schon einmal ein wesentlicher Schritt zur Abbau der Blockade getan.

Ein unterstützendes, verständnisvolles Umfeld ist wesentlich für Autisten!

 

Brauche ich mehr Routinen?

that autism feel when people change a plan last minute and are pissed off when you’re upset because you can change your own plans last minute and they don’t understand how that is something completely different and has something to do with your level of spoons.

Quelle: “That Autism Feel”

Routinen sind wichtig, um Stress zu vermeiden. Nichtautisten staunen manchmal, was zu Routinen zählt.

Unerwartet frei bekommen statt arbeiten zu müssen, kann für Autisten ein Problem darstellen. Die meisten Nichtautisten freuen sich spontan, wenn sie erfahren, am nächsten Tag nicht arbeiten müssen. Für den Autisten bedeutet die Arbeit auch, dass die Essenszeiten, die Kantine, der Imbiss am Rückweg mit eingeplant sind. Und so kurzfristig nichts planen kann, um die Zeit sinnvoll zu nutzen. Alles muss durchgeplant werden. Ein Autist kann auf unerwartete Freizeit entsprechend ungehalten und erregt reagieren, was für die Außenwelt zunächst völlig unverständlich ist.

Ich habe inzwischen auch meine Routinen entwickelt, um das Bahnfahren möglichst stressfrei zu gestalten. Wobei ich bewusst keine Platzreservierung vornehme, weil ich mir meinen Sitznachbar aussuchen möchte und nicht umgekehrt. Damit ich trotzdem keinen Stress bekomme, bin ich immer möglichst früh am Bahnhof, mit ausreichend Pufferzeit, um mich zudem an die Hektik und Menschenmassen zu akklimatisieren. Ich hole mir vor längeren Fahrten fast immer etwas beim Bäcker, eine Zeitung und gehe vor der Abfahrt am Bahnsteig entlang, checke die Wagenreihung, wo die tendenziell leeren 2. Klasse-Abteils sind, wo das Bistro oder Restaurant. Bis der Zug dann einfährt, ist alles abgeklärt und ich bin beruhigt.

Routinen spielen auch sonst im Alltag eine wichtige Rolle. Viele Routinen besitze ich noch gar nicht. Meiner Ansicht nach trägt der Mangel an Routinen zu Ängsten und Depressionen bei, weil das Frustrationslevel erniedrigt und das Ohnmachtgefühl, “es nicht mehr zu packen” gestärkt wird. Die vermeintlich so an ihre Routinen gefesselten Autisten haben dadurch bedeutend mehr Sicherheit – jedenfalls, so lange sie die Routinen aufrechterhalten können.

  • z.B. Essensroutinen, drei Mahlzeiten am Tag, immer die nötigen Zutaten im Haus haben, immer zum selben Supermarkt, wo man weiß, was wo steht, und schnell wieder draußen ist.
  • z.B. Hygieneroutinen, mit Aufräum-, Putz- und Waschtagen
  • z.B. Freizeit/Bewegungsroutinen, mit Spaziergängen oder Wanderungen entlang von bestimmten Routen, wo man sich nicht jeden Tag neu überlegen muss, wo man heute hinfährt, wie man hinkommt und wie man wieder zurückkommt, um rechtzeitig irgendwo zu sein.

Genügend Freiraum muss freilich gegeben sein, um im Falle von Änderungen rechtzeitig reagieren zu können. Einen Plan B parat zu haben, schadet nie.

Nur eine Routine muss ich jetzt erst langsam durchbrechen. Die über Jahrzehnte antrainierte Nichtautistenlebensunroutine, die dazu geführt hat, mir zu viel Stress zu machen, mich an der Erwartungshaltung der Umwelt zu orientieren statt darauf zu achten, was MIR gut tut. Und das sind nicht zwingend dieselben Ratschläge, wie sie Nichtautisten anderen Nichtautisten geben. Seinen Lebensentwurf umzuplanen, bringt zwangsläufig mit sich, viele Routinen über Bord zu werfen, vor allem viele Denkroutinen. Das geht nicht von heute auf morgen, nicht einmal über mehrere Wochen hinweg.

Vor ein paar Wochen noch sagte ich, dass ich mir auch etwas ganz anderes vorstellen könnte. Jetzt stelle ich fest: Nein, so weit bin ich noch lange nicht. Und noch will ich mich vom Gedanken nicht verabschieden, mein erlangtes umfangreiches Wissen über meine bisher zur Profession gemachten Spezialinteressen auch künftig einsetzen zu können. Mit dem Wissen über Asperger, die andere Wahrnehmung und Informationsverarbeitung, und vor allem dem zunehmenden Wissen darüber, was mir gut tut und was nicht.

Ich denke nicht langsamer, aber brauche länger, um mich auf Veränderungen einzustellen. Ich denke eher zu viel durch, zu viel “Junk” im Hirn, das die klaren Gedankenbahnen verstopft. Und je länger ich handlungsunfähig bin, desto überforderter fühle ich mich, was dann zusätzlich blockiert.

Realistische Pläne sind wichtig, mit vielen, vielen Zwischenschritten.