Wie soll man reagieren, wenn sich jemand als Autist*in outet?

 

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Der Aspies-Quiz-Fragebogen im Original

“Ich bin übrigens Autist.”, jetzt ist es heraußen.

Jeder autistische Mensch geht anders mit der Diagnose um. Manche erzählen es keinem, andere weihen nur die engsten Vertrauten ein, wieder andere nur den Chef. Im Verlauf des Lebens kommt es jedoch immer wieder zu Situationen, wo die Offenlegung vorzeitig Konflikte und Missverständnisse verhindert. Leichtfertig geht niemand damit hausieren. Und einfach fällt es auch nicht. Zu oft ist man mit Vorurteilen konfrontiert, sodass man es sich zwei Mal überlegt, ob man sich das wirklich antun will, dagegen anzureden. Continue reading

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Weltautismustag und so

Gut gemeint, schlecht umgesetzt:

Benefizkonzerte und “Autismusforum” der Österreichischen Autistenhilfe, wo Betroffene selbst nicht zu Wort kommen.

Positiv hervorheben möchte ich Specialisterne Austria, die sehr engagiert sind und letzte Woche beispielsweise in Radio Ö1 zu hören (Von Tag zu Tag) und vor kurzem auch in einer ORF-Sendung (Links verfallen nach 1 Woche, bitte selbst heraussuchen). Specialisterne Austria hat auch eine gut gepflegte Facebook-Seite.

Ich mag jetzt nicht großartig wiederkäuen, was ich die letzten Jahre gebloggt habe. Menschenrechte respektieren, UN Konvention umsetzen, etc… eh klar. 1 Tag im Jahr reicht nicht, ob Behinderung X, Licht für die Welt oder WomensDay. Leben muss man Achtsamkeit das ganze Jahr, sonst bringt es einem höchstens etwas für das private 1-Tages-Gewissen.

Am Herzen liegt mir derzeit Folgendes, weil ich es aus eigener Erfahrung für notwendig halte:

Wenn Veranstaltungen über Autismus stattfinden, ladet bitte auch Autisten oder Autistinnen dazu ein. Redet nicht nur über sie und tut bitte nicht so, als ob Autisten grundsätzlich nichts auf die Reihe kriegen. Naturgemäß wird immer ein verzerrtes Bild in die Öffentlichkeit getragen. Betroffene mit massiven Schwierigkeiten, gerade verbaler Natur, werden eher nicht interviewt werden, während jene, die vor die Presse treten, nicht repräsentativ für jene sind, die es nicht können. Wenn die Relationen aber klar sind, kann man von den “hochfunktionalen” Autisten, die Job, Partner/Familie, selbstständiges Leben praktizieren durchaus etwas abschauen. Es interessiert mich nämlich sehr wohl, welche Tricks und Tipps diese Autisten auf Lager haben, die scheinbar ein normales Leben führen. (was bitte nicht so verstanden werden soll und darf, dass die Diagnose erschwindelt sei oder ein Autismus “light” vorliegt, und gar keine Probleme vorhanden sind).

Alle Autisten unter einen Hut zu bringen ist schwer, das gilt sowohl für die Diagnostik, die Ursachenforschung, Therapien aber auch AktivistInnen. Jeder Autist hat auch das Recht, seinen Autismus anders zu sehen als andere Autisten. Manche Autisten sprechen durchaus von Behinderung, von Störung, auch von Krankheit, alles Begriffe, bei denen anderen Autisten gelegentlich die Hutschnur hochgeht. Ich mag sie ja auch nicht, auch wenn ich Phasen habe, also abhängig von der Tagesform, wo ich mich behindert fühle, gestört, wenn auch nie krank. Jeder empfindet das ein bisschen anders.

Generell ans Herz legen möchte ich den Autismus-Vereinen oder Selbsthilfeorganisationen aber auch Fachleuten, medizinischem Personal allgemein, mehr schriftliche Kommunikation zu ermöglichen, wenn sie den Zugang erleichtert. Ein Telefonanruf ist doch für viele Autisten unangenehm, eine mitunter große Hemmschwelle und stark tagesformabhängig, diese zu bezwingen. E-Mail-Austausch, Kontakt via Formular, etc… das wäre nicht nur bei Therapien und Diagnostik wünschenswert, sondern überhaupt auch, wenn es darum geht, bei Behörden oder Ärzten Termine auszumachen. Das geht mir wirklich oft ab und verzögert wichtige Termine, weil ich diesen einen Anruf nicht machen kann. Ich würde mir auch wünschen, dass Ärzte über ihr Fachgebiet hinausschauen und nicht alles so strikt trennen würden, was nicht getrennt werden kann. Körper und Geist gehören nun mal zusammen.

Manche Symptome sind bei Autisten einfach anders als bei Nichtautisten, scheinbar ohne Zusammenhang und dann gibts doch einen. Und das heißt noch lange nicht, dass man sich alles nur einbildet oder “psychosomatisch” ist.

Zum Schluss noch ein Appell an Freunde und/oder Kollegen, denen gegenüber man sich geoutet hat. In vielen Fällen führt diese Information leider dazu, dass das Thema anscheinend tabu ist. Darüber spricht man nicht als sei es eine ansteckende Krankheit. Das ist schade. Wenn nicht ausdrücklich betont, freuen sich meiner persönlichen Meinung nach die meisten Autisten, wenn nachgefragt wird, wenn man erzählen darf, wie es sich bei einem selbst auswirkt, wo es vielleicht unterschiedlich ist zu dem, wie Autismus öffentlich dargestellt wird (z.B. “kann kein Blickkontakt halten, ist nicht zeitgemäß gekleidet, hat keinen höheren Schulabschluss, “hat eigene Familie”, etc…). Es ist durchaus frustrierend, die Aha-Effekte auslösende Diagnose nach langem Kampf zu erhalten, aber dann mit keinem darüber sprechen zu können. Oder wenn Freunde nach dem Outing plötzlich damit aufhören, einen zu umarmen, obwohl man das (bei dem Freund oder Freundin) gerne hatte und Berührungen nur bei fremden Menschen nicht ertragen kann. Autismus ist nicht immer gleichbedeutend mit “bitte umarme mich nicht”. Besser vorher fragen, ob man das weiterhin möchte. Überhaupt: Fragen, Fragen, Fragen! Dieses “über seinen Autismus sprechen können” kann eine große Erleichterung sein, speziell, weil vielen Menschen nicht klar ist, wie viel Aufwand das ist, nicht aufzufallen.

Als Message abschließend: Fragen stellen und zuhören! Informationen aus erster Hand sind immer klasse, wenngleich keineswegs repräsentativ für eine so heterogene Gruppe wie Autisten.

Autismus im Beruf (III)

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Im dritten Teil beschäftige ich mich mit der kniffligen Frage, wie und ob man seine Asperger-Diagnose in der Arbeit outen soll.

Rudy Simone (Kapitel 18, S. 115 ff., “Asperger’s on the Job”) gibt dabei folgendes zu bedenken:

Sich weiter verstecken macht die Ursache nicht sichtbar und hilft nicht dabei, ein positives Licht auf Asperger-Autisten zu werfen. Aber: Wenn jemand gut klarkommt, warum sollte er für Aufruhr sorgen?

Ohne Asperger anzusprechen haben seine Kollegen keinen Bezug dazu und verstehen sein mitunter sonderbares Verhalten nicht. Aber: Selbst wenn er davon erzählt, fragen sich die Leute mitunter weiterhin, warum er Dinge anders macht.

Wenn dem Arbeitgeber die Diagnose verschwiegen wird, kann sich der Autist nicht auf das Antidiskriminierungsgesetz berufen. Aber: Diskriminierung als Ursache für die Probleme in der Arbeit ist in vielen Fällen schwer nachweisbar.

Was man selbst tun kann:

  • es ist Deine Entscheidung, ob Du Dich outest oder nicht
  • Wenn Du gut in Deinem Job bist und anderen von Asperger erzählst, macht dies den Grund dafür sichtbar und hebt das Ansehen der Menschen mit Asperger-Syndrom
  • Wenn Du Schwierigkeiten im Arbeitsalltag hast, könnte die Offenlegung ein Weg sein, mehr Verständnis und Zugeständnisse zu erhalten
  • Es kann genügen, um das zu bitten, was Du brauchst – ohne Dich komplett zu outen

Das deutsche Pendant zu Rudy Simone wird übrigens in Kürze (am 22.1.2016) von Ina Brodig erscheinen und heißt “Hochfunktionale Autisten im Beruf” (Vorbestellung hier). Die Autorin ist Diplom-Pädagogin und arbeitet als Beraterin für Specialisterne Deutschland.

Schließlich gibt es recht hilfreiche “Workplace-Disclosure-Strategies” von Barbara Bissonnette, wesentliche Punkte habe ich nachfolgend ins Deutsche übersetzt:  Continue reading