Begriffe und Lebensrealitäten

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Ich könnte mich jetzt wieder darüber aufregen, dass der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm in einem sonst hervorragenden Artikel über die Flüchtlingspolitik die Metapher “nationaler Autismus von Ungarn” benutzt, um auf die Selbstbezogenheit Ungarns hinzuweisen. Wenn Journalisten solche Metaphern benutzen, ist die Kontaktaufnahme leichter möglich als bei Politikern, die auf direktem Wege, sofern sie nicht twittern, gar nicht erreichbar sind. Meist ist ein Sekretariat vorgeschoben, dass alle Anfragen abfängt.

Was mich aber momentan mehr schmerzt als rhetorische Fehltritte, sind die Hürden, die  Autisten den Alltag und die Zukunftsplanung nachhaltig erschweren. Continue reading

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Negative Berichterstattung: Wie sollen wir damit umgehen?

Es gibt wieder einmal einen aktuellen Aufreger. Eine große deutsche Wochenzeitung hat den Begriff Autismus in den Kontext von einem der größten Massenmörder der Geschichte gesetzt. Die Empörung ist aus Sicht der verunglimpften Autisten nur allzu verständlich, insbesondere weil es sich hier nicht um ein Boulevardblatt handelt, das solche missbräuchliche Verwendung als clickbait notwendig hätte. Wir Autisten reagieren äußerst empfindlich auf Fehlinterpretationen bis hin zur Verbreitung hanebüchener Vorurteile. Einem nichtautistischen Leser mag der bekritelte Absatz gar nicht so sehr auffallen, er überliest ihn womöglich bzw. überliest die Zuschreibung “sozialer Autist” mitunter sogar. Ein solches Attribut ist dennoch kein großer Wurf eines Journalisten oder einer Journalistin, denn es sollte als gelernter Schreiber möglich sein, Attribute zu finden, die keine Minderheit bzw. benachteiligte Menschen verunglimpft. Hitler’s Vernichtungspolitik ist so jenseitig vom Schrecken her, dass es zusätzlicher Attribute nicht einmal bedarf. Denn wer würde in ihm einen Menschenfreund sehen?

Das Einzige, womit er nicht rechnen konnte, war die Zuneigung der Familie Wagner, die abgöttische Verehrung durch Winifred und die Kinder. Einen sozialen Autisten wie ihn muss das umgehauen haben. (Quelle: Zeit Online, abgerufen am 2.8.16, 11.21)

Nicht nur handelt es sich hier um eine irreführende Zuschreibung, sondern auch noch um pure Spekulation über die Reaktion. Das ist schlechter Journalismus. Continue reading

“Der ist halt ein bisserl komisch.” Presse, 27.3.16

Im Karriere-Teil der Presse-Zeitung ist am 27. März 2016 ein ausführlicher Artikel zu Asperger im Beruf erschienen, auch Specialisterne Austria wird erfreulicherweise erwähnt.

Es war wieder einmal höchste Zeit, dem Thema Autismus eine ganze Seite zu widmen, im wesentlichen ist dies in diesem Artikel auch gut umgesetzt worden. Ein paar Anmerkungen dennoch, in der Hoffnung, sie mögen eines Tages auf fruchtbaren Boden fallen …

Die inhaltliche Aussage ist klar: Autisten können mehr als man ihnen zutraut, zu viele sind arbeitslos. Continue reading

Baustellen in Österreich

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Österreich hat generell einen erhöhten Nachholbedarf, was Menschen mit Behinderung betrifft, und einen sehr großen Nachholbedarf, was Autismus betrifft. Das fängt bereits damit an, dass im allgemeinen Sprachgebrauch Autismus von Asperger abgegrenzt und das Vorhandensein eines Spektrums ignoriert wird. Wie in vielen Ländern und speziell im medizinischen Kontext wird unter Autismus eine Störung, Krankheit oder Erkrankung verstanden. Medienberichte neigen dazu, nur die rein defizitorientierten Merkmale von Autismus – oder das krasse Gegenteil, die Inselbegabung, hervorzuheben. In dieser Polarisierung, nicht zuletzt auch die Beschränkung besonderer Fähigkeiten auf den mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich, finden sich nicht alle Autisten wieder. Weiters klammert man dadurch frühkindliche Autisten aus, denen häufig eine geistige Behinderung nachgesagt wird, wenn sie nicht sprechen oder vom äußerlichen Verhalten sehr auffällig erscheinen.
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