Isoliert bleiben

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Ein schwieriger Umgang für mich. Ich weiß, es gibt viel viel mehr Autisten, die Familien gegründet haben oder erst später mit Familie von der Diagnose erfuhren. Für mich selbst ist das alles jedoch sehr weit entfernt von meiner Lebensrealität. Beziehung? Fehlanzeige. Nach über drei Jahrzehnten Lebenszeit könnte man meinen, dass da schon was vorhanden sein müsste. Jetzt bin ich in dem Alter, indem viele Weggefährten, Bekannte und Freunde, aber auch Arbeitskollegen eine Familie gründen. Das ist für mich leider oft gleichbedeutend mit dem Ende der Bekannt- oder Freundschaft. Continue reading

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Weltautismustag und so

Gut gemeint, schlecht umgesetzt:

Benefizkonzerte und “Autismusforum” der Österreichischen Autistenhilfe, wo Betroffene selbst nicht zu Wort kommen.

Positiv hervorheben möchte ich Specialisterne Austria, die sehr engagiert sind und letzte Woche beispielsweise in Radio Ö1 zu hören (Von Tag zu Tag) und vor kurzem auch in einer ORF-Sendung (Links verfallen nach 1 Woche, bitte selbst heraussuchen). Specialisterne Austria hat auch eine gut gepflegte Facebook-Seite.

Ich mag jetzt nicht großartig wiederkäuen, was ich die letzten Jahre gebloggt habe. Menschenrechte respektieren, UN Konvention umsetzen, etc… eh klar. 1 Tag im Jahr reicht nicht, ob Behinderung X, Licht für die Welt oder WomensDay. Leben muss man Achtsamkeit das ganze Jahr, sonst bringt es einem höchstens etwas für das private 1-Tages-Gewissen.

Am Herzen liegt mir derzeit Folgendes, weil ich es aus eigener Erfahrung für notwendig halte:

Wenn Veranstaltungen über Autismus stattfinden, ladet bitte auch Autisten oder Autistinnen dazu ein. Redet nicht nur über sie und tut bitte nicht so, als ob Autisten grundsätzlich nichts auf die Reihe kriegen. Naturgemäß wird immer ein verzerrtes Bild in die Öffentlichkeit getragen. Betroffene mit massiven Schwierigkeiten, gerade verbaler Natur, werden eher nicht interviewt werden, während jene, die vor die Presse treten, nicht repräsentativ für jene sind, die es nicht können. Wenn die Relationen aber klar sind, kann man von den “hochfunktionalen” Autisten, die Job, Partner/Familie, selbstständiges Leben praktizieren durchaus etwas abschauen. Es interessiert mich nämlich sehr wohl, welche Tricks und Tipps diese Autisten auf Lager haben, die scheinbar ein normales Leben führen. (was bitte nicht so verstanden werden soll und darf, dass die Diagnose erschwindelt sei oder ein Autismus “light” vorliegt, und gar keine Probleme vorhanden sind).

Alle Autisten unter einen Hut zu bringen ist schwer, das gilt sowohl für die Diagnostik, die Ursachenforschung, Therapien aber auch AktivistInnen. Jeder Autist hat auch das Recht, seinen Autismus anders zu sehen als andere Autisten. Manche Autisten sprechen durchaus von Behinderung, von Störung, auch von Krankheit, alles Begriffe, bei denen anderen Autisten gelegentlich die Hutschnur hochgeht. Ich mag sie ja auch nicht, auch wenn ich Phasen habe, also abhängig von der Tagesform, wo ich mich behindert fühle, gestört, wenn auch nie krank. Jeder empfindet das ein bisschen anders.

Generell ans Herz legen möchte ich den Autismus-Vereinen oder Selbsthilfeorganisationen aber auch Fachleuten, medizinischem Personal allgemein, mehr schriftliche Kommunikation zu ermöglichen, wenn sie den Zugang erleichtert. Ein Telefonanruf ist doch für viele Autisten unangenehm, eine mitunter große Hemmschwelle und stark tagesformabhängig, diese zu bezwingen. E-Mail-Austausch, Kontakt via Formular, etc… das wäre nicht nur bei Therapien und Diagnostik wünschenswert, sondern überhaupt auch, wenn es darum geht, bei Behörden oder Ärzten Termine auszumachen. Das geht mir wirklich oft ab und verzögert wichtige Termine, weil ich diesen einen Anruf nicht machen kann. Ich würde mir auch wünschen, dass Ärzte über ihr Fachgebiet hinausschauen und nicht alles so strikt trennen würden, was nicht getrennt werden kann. Körper und Geist gehören nun mal zusammen.

Manche Symptome sind bei Autisten einfach anders als bei Nichtautisten, scheinbar ohne Zusammenhang und dann gibts doch einen. Und das heißt noch lange nicht, dass man sich alles nur einbildet oder “psychosomatisch” ist.

Zum Schluss noch ein Appell an Freunde und/oder Kollegen, denen gegenüber man sich geoutet hat. In vielen Fällen führt diese Information leider dazu, dass das Thema anscheinend tabu ist. Darüber spricht man nicht als sei es eine ansteckende Krankheit. Das ist schade. Wenn nicht ausdrücklich betont, freuen sich meiner persönlichen Meinung nach die meisten Autisten, wenn nachgefragt wird, wenn man erzählen darf, wie es sich bei einem selbst auswirkt, wo es vielleicht unterschiedlich ist zu dem, wie Autismus öffentlich dargestellt wird (z.B. “kann kein Blickkontakt halten, ist nicht zeitgemäß gekleidet, hat keinen höheren Schulabschluss, “hat eigene Familie”, etc…). Es ist durchaus frustrierend, die Aha-Effekte auslösende Diagnose nach langem Kampf zu erhalten, aber dann mit keinem darüber sprechen zu können. Oder wenn Freunde nach dem Outing plötzlich damit aufhören, einen zu umarmen, obwohl man das (bei dem Freund oder Freundin) gerne hatte und Berührungen nur bei fremden Menschen nicht ertragen kann. Autismus ist nicht immer gleichbedeutend mit “bitte umarme mich nicht”. Besser vorher fragen, ob man das weiterhin möchte. Überhaupt: Fragen, Fragen, Fragen! Dieses “über seinen Autismus sprechen können” kann eine große Erleichterung sein, speziell, weil vielen Menschen nicht klar ist, wie viel Aufwand das ist, nicht aufzufallen.

Als Message abschließend: Fragen stellen und zuhören! Informationen aus erster Hand sind immer klasse, wenngleich keineswegs repräsentativ für eine so heterogene Gruppe wie Autisten.

Viel zu organisieren

Drei Wochen ist der letzte Beitrag her. Wegen einer neuen beruflichen Perspektive haben sich die Prioritäten in meinem Leben gerade ziemlich verschoben und mir fehlt die Muße und Energie zu bloggen. Das ist an sich nicht weiter schlimm, ich bin gerade gut ausgelastet, auch wenn mir das Schreiben natürlich schon fehlt. Vorab: Ich schreibe hier über meine persönlichen Erfahrungen, das kann man nicht pauschal auf alle ummünzen, aber vielleicht erkennen sich manche wieder.

Gewissermaßen sind derzeit wieder alle Schlüsselaspekte von Autismus betroffen. In meiner aktuell laufenden Ausbildung habe ich tagsüber Unterricht, was mich dazu zwingt, jeweils zur Rush Hour mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Diese haben in dieser Zeit teils beträchtliche Verspätung, sodass ich trotz früherem Start immer noch zu spät komme. Unpünktlichkeit behagt mir gar nicht. Ich komme seit Jahren immer zu früh zu einem Termin oder in die Arbeit. Gerade beim Besuch unbekannter Orte bin ich grundsätzlich zu früh da, um Zeit zur Orientierung zu haben. Ich muss mich wie ein Alpinist in großen Höhen erst an die Umgebung akklimatisieren. Wenn mir diese Zeit aufgrund von Verspätungen genommen wird, ist die Gefahr wesentlich größer, dass in dieser Zeit etwas schiefgeht, was sich meistens verbal bzw. durch Fettnäpfchen auswirkt. Ich fühle mich zudem unrund und brauche ein wenig Zeit, um wieder ruhiger zu werden. Ich bin auch gezwungen, sämtliche Einkäufe und Erledigungen auf den Abend zu legen, wo die meisten Leute unterwegs sind. Der Vorteil, zwei Stunden länger als zu Schichtzeiten schlafen zu können, wird also durch Reizüberflutung und ständige Overloads teuer erkauft bzw. ins Gegenteil gewandelt. Zumal das Gehirn ohnehin so voll mit To-Do-Listen ist, dass ich nicht früher schlafen gehen kann. Da ich neben dem Unterricht auch “Lernzeit” habe, die ich mir individuell einteilen kann, versuche ich jetzt, diese nach vorne zu legen. Den Tag früher beginnen, nicht mit der Masse in die Arbeit fahren, dafür am Nachmittag mehr Zeit freizuschaufeln. Ohne sichtbare Not von außen also die Anpassung an das frühere Leben. Wer nicht an Reizoffenheit leidet, kann sich das nur schwer vorstellen, dass das ein Problem sein könnte.

Auch sonst wird viel Flexibilität abverlangt. Termine verschieben sich kurzfristig, aber auch mittelfristig. Die Zeit alleine fürs Selbststudium ist eine große Herausforderung nach über sechs Jahren Abwesenheit von der Universität. Ich hatte damals schon Schwierigkeiten, den Lernstoff zu verinnerlichen, dank der größten Ablenkung der Menschheitsgeschichte (nein, nicht Katzen …), dem Internet. Der Zwang, immer wieder Mails und Foren zu checken, ist kaum abzustellen. Leider ist das Lernen von heute zunehmend interaktiv konzipiert. Weil viele Inhalte durch Hyperlinks verknüpft sind, kommt man um einen Internetzugang auch beim Lernen nicht mehr herum. Ich versuche daher, den Stoff, für den ich das Internet nicht benötige, zuerst einzuprägen, indem ich den Computer ausgeschaltet lasse. Erst nach dieser Lerneinheit wird er mitverwendet, um Verknüpfungen oder weiterführende Informationen nachzuschlagen. Was nicht vorgesehen, aber unvermeidbar ist: Essen, Trinken, Einkaufen, Haushalt müssen auch untergebracht werden. Fange ich dann verspätet an, weil etwa der Signalton meines Wecker aus unerfindlichen Gründen ausgeschaltet war, gerät der ganze Tagesplan durcheinander.

Meine persönliche Ansicht ist, dass Autisten viel mehr schaffen können als man ihnen zutraut. Die Herausforderung kommt nicht von der Sache alleine, die ist bewältigbar, sondern vom Umfeld, von der Umgebung, von Reizoffenheit. Das ganze Drumherum, mit denen nichtautistische Menschen weniger oder auch gar keine Schwierigkeiten haben, für die sie ein soziales Netz haben und leichter darauf Zugriff haben, weil sie auch keine sozialen Ängste haben, wenn es um Kontaktaufnahme geht. Ich muss mir das alles erst mühsam erarbeiten, muss lernen, Fragen zu stellen, selbst solche, die für die meisten banal erscheinen.

Am meisten muss ich wohl über die eigene Hürde der mündlichen Kontaktaufnahme springen. Die Mehrheit erledigt dringende Dinge nun mal sofort durch Anruf oder Rückruf. Ich muss erst überlegen, formuliere es dann schriftlich, um alles Wichtige unterzubringen. Jetzt bin ich gleich mehrfach gezwungen, den eigenen Schweinehund zu überwinden. Neben Jobsuche gibt es wohl nur ähnlich ebenbürtige Hürde für Autisten: die Wohnungssuche.

Wenn man mit anderen Suchenden konkurriert, muss man fast zwangsläufig telefonieren, um sich seine Chance zu sichern. Zumal bei Print-Angeboten ohnehin oft nur Telefonnummern abgedruckt sind.

Dann gilt es, einen Termin auszumachen, beim Telefonat nicht auf das Wichtigste zu vergessen, beim Besichtigungstermin auf alles Wichtige achten, während man gleichzeitig den Worten des  Vermieters oder Maklers lauscht. Zudem sollte man einen halbwegs passablen Eindruck auf den Vermieter machen, wenn man die Wohnung denn auch bekommen will. Die Übersiedlung will gut organisiert sein, das Ausräumen und Reinigen der alten Wohnung, die behördlichen und organisatorischen Dinge für die neue Wohnung. Für all das braucht es einen guten Plan, und bestenfalls ein paar Helfer, die erinnern und beim Besichtigen mitschauen, keinen Haken zu übersehen.

Noch einmal: Nichtautisten machen sich über all das weniger Gedanken, weder über Rush Hour, Telefonate, Besichtigungen noch abverlangte Flexibilität. Zielgerichtete Gedanken durchaus, aber nicht diese aufwallenden Panikschübe, es nicht mehr bewältigen zu können. Insbesondere dann, wenn man gerade in einem Overload steckt (wie etwa eingekeilt sein in einer überfüllten Straßenbahn), in einen Meltdown gerät und anfangt zu fluchen, und danach unendlich müde ist. Die Zuversicht wächst im Anschluss wieder, wenn der Zustand der Überlastung vorbei ist. Im selbigen aber fällt es schwer, gute Ratschläge anzunehmen oder “es nicht so schwarz zu sehen”. So wie im hervorragenden Briefwechsel von Gee Vero und Melanie Matzies-Köhler (Meine Brücke zu dir: Menschen inner- und außerhalb des autistischen Spektrums im Dialog, 11/2016), zu dem ich noch extra bloggen werde, anschaulich beschrieben, befinde ich mich dann im Überlebensmodus und bin unempfänglich für Verhaltensänderungen.

So bin ich auch insgesamt optimistisch gestimmt, weil die Rahmenbedingungen künftig eine Verbesserung bedeuten. Klare Strukturen, überschaubare Flexibilität, höhere Lebensqualität, etwas, das mir derzeit noch abgeht. Der Weg dorthin ist daher weit und verlangt nach kreativen Lösungen.

Verkehrslärm und Kommunikation

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Die häufigste Aussage auf Lärmempfindlichkeit ist “Du gewöhnst Dich dran!”

Das hängt jedoch stark von der Lärmquelle ab. An gleichmäßige und regelmäßige Geräusche kann ich mich leichter gewöhnen, etwa, wenn die Straßenbahn immer im gleichen Intervall nahe der Wohnung vorbeirattert, wenn man in der Ferne den gleichmäßigen Geräuschpegel einer Autobahn hört, wenn im Kaffeehaus – ohne Musik! – ein Klangteppich aus Gesprächen in normaler Lautstärke entsteht.

Sich an unberechenbare, plötzliche, unregelmäßige Geräusche gewöhnen? Eher nein. Auch nach vier Jahren Wohnen in einer Seitengasse kann ich das Fenster nicht allzu lange öffnen, ohne von beschleunigenden, hupenden, quietschend abbremsenden Auto- oder Motorradfahrern gestört zu werden. Es gibt aber grundsätzlich Phasen, je nach Alltagsform, wo es länger tolerierbar ist. Verkühlungen, depressive Grundstimmung, Schlafstörung und Anspannung verstärken die vorhandene Empfindlichkeit. Wenn ich mich zudem bereits über Stunden hinweg erhöhter Reizbelastung aussetzen musste, bringt eine weitere Situation mitunter das Fass zum Überlaufen. Im Gegensatz zu früher weiß ich das alles jetzt aber und kann gegensteuern.

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Mein Autismus

Der Text war Teil eines Vortrags, den ich heute bei einer Veranstaltung von Specialisterne Austria und Anecon in Wien gehalten habe.

Ich bin erst seit eineinhalb Jahren diagnostiziert und zähle wohl zu den unauffälligen Autisten. Unauffällig impliziert aber noch längst nicht, ein leichteres Leben zu haben, sondern auch mit hohen Erwartungen konfrontiert zu sein. In der Kind- und Jugendzeit blieb ich Außenseiter, mit anderem Musikgeschmack (z.B. Jazz) als alle anderen, anderen Hobbys, unsportlich und dafür immer viel am Schreiben, meist auf Notizzetteln und Blocks, aber auch Kurzgeschichten, Gedichte, usw. Meine Stärke war der Kopf, nicht der Körper. Meine Reizempfindlichkeit (gerade auf Geräusche) war zwar frühzeitig ausgeprägt, aber trat auf dem ländlichen Leben nicht sonderlich in Erscheinung. Erst mit dem Übertritt ins Studium bemerkte ich die Schwierigkeiten, weniger vom Lärm als vor allem zwischenmenschliche Kommunikation. Missverständnisse gab es immer wieder und ich kam mir oft reichlich naiv vor. Übrigens verstehe ich Ironie und Redewendungen oft problemlos, nur beim “abends werden die Bürgersteige hochgeklappt” stellte ich mir das  bildlich vor.

Seit einem Jahr blogge ich hier regelmäßig über Autismus, über alles, was mich interessiert und weil ich gerne Englisch lese, übersetze ich englische Texte über Autismus, gelegentlich schreibe ich auf Englisch, weil ich meine Gedanken so besser zum Ausdruck bringen kann.

Viele dringende Themen betreffend Autismus gehören angesprochen, aber mich gibt es nur einmal und deswegen ist mein wichtiges Anliegen die Arbeit. Zuviele Ängste und Vorurteile verhindern, dass Firmen Autisten einstellen oder weiterbeschäftigen. Oft kommt es zu Missverständnissen aufgrund ihres Verhaltens oder unklarer Vorgaben. Und Autisten sind nicht nur in IT-Berufen zuhause, sondern in allen (!) Berufsfeldern, längst nicht nur Männer, sondern auch viele Frauen. Wenn die Rahmenbedingungen günstig sind, ist ein Autist ein genauso wertvoller und produktiver Mitarbeiter wie alle anderen auch.

Mein Werdegang ist sicherlich nicht stereotyp für Autisten. Zwar findet sich in vielen Infotexten oder Büchern über Autismus der Hinweis auf “beschäftigt sich gerne mit dem Wetter”, doch liest man nirgends von Autisten, die ein solches Spezialinteresse zum Beruf gemacht haben. Ich habe es studiert und arbeite seit über 6 Jahren im Schichtdienst. Dieser spezielle Beruf und meine Leidenschaft bringen es mit sich, sich immerzu mit dem Wetter zu beschäftigen. Wetter hört nie auf, nein, auch nachts nicht (schon zwei Mal bekam ich die irritierende Frage, was ein Meteorologe in der Nacht macht), und deswegen ist Vollzeit für mich kein Nachteil. In meiner Freizeit nutze ich mein Wissen, um meine Wandertouren zu planen und fotografiere währenddessen auch die Wetterphänomene, worüber ich später wieder Berichte und Fallstudien schreibe. So schließt sich der Kreis, es macht mir Spaß und ich gewinne ständig an Erfahrungen, die ich im Beruf direkt einsetzen kann.

Einschub Studium:

Ich hatte Glück. Ich wurde finanziell unterstützt, hab noch im Diplom studiert, konnte die zeitliche Abfolge der Fächer und Prüfungen großteils selbst bestimmen und es war eine kleine, aber sehr soziale Gemeinschaft an Studienkollegen, die sich gegenseitig geholfen hat. Heutzutage im Bachelor/Master hat sich vieles geändert, gerade in meinem Studienfach eindeutig zum Nachteil. Wen es wirklich in die Wettervorhersage zieht, der hat nach 3 Jahren Bachelor zu wenig Praxis und wird in der Regel schlechter bezahlt als mit Master-Abschluss. Es gibt viele Anwesenheitspflichten und kaum noch freie Wahlfächer (ich besuchte z.B. Sportphysiologie aus purem Interesse), was das interdisziplinäre Denken nicht fördert (das ist aber sehr wichtig, um Kreativität zu fördern).

Viele Autisten tun sich schwer mit …

  • Gruppenarbeit, Kontakte knüpfen, Fragen zu stellen
  • überfüllten Hörsälen, Reizüberflutung, Akustik (Professor ganz vorne verstehen), Prüfungssituationen mit Nebengeräuschen
  • Anwesenheitspflicht, wenn bereits der Alltag anstrengend ist und Erholung nur zulasten von Vorlesungsstunden gehen kann
  • Finanzierung durch Nebenjobs, weil dafür die Energie fehlen kann bzw. typische Nebenjobs nicht zwingend autistenfreundlich sind (z.B. kellnern)

Für viele Probleme gibt es jedoch Lösungen, sei es eine Assistenz(hund), feste Ansprechpartner im Studienfach, Nachteilsausgleiche bei Prüfungen, ein konsequentes Durchsetzen der Ruhe im Hörsaal (quatschende Studenten sind extrem störend und belastend), kleinere Gruppen, Kennenlernen über schriftliche Kanäle, etc.*

Auch in der Arbeit ähneln sich die Schwierigkeiten oft, aber auch hierfür gibt es Lösungen:

Wenn Telefonate schwerfallen … sich Notizen machen (daran erinnert werden, Notizen zu machen), um den Gesprächsinhalt nicht zu vergessen. Möglichst auf E-Mail ausweichen oder zusätzlich ein E-Mail schicken, um den Inhalt noch einmal zusammenzufassen.

Wenn Missverständnisse entstehen … Anweisungen klar formulieren und vor allem nicht auf die Zwischenschritte vergessen. Mir geht es dabei oft wie bei Anleitungen, ein Möbelstück zusammenzubauen, es werden oft Schritte übersprungen, “weil sie für den Durchschnittsmenschen eh logisch sind”, nur für mich eben nicht.

Die Umgebung reizarm gestalten …. also den Kopierer aus dem Büro in den Flur verbannen, nicht das Radio laut aufdrehen und schon gar nicht, wenn man gerade telefonieren muss. Wenn ein Einzelbüro nicht möglich ist, dann Kopfhörer anbieten, auch ein Milchglas hilft als Trennwand, denn ablenkend sind hektische Bewegungen im Blickfeld (wenn Kollegen oder Kunden hin und her laufen).

Infos bezüglich Änderungen rechtzeitig und vollständig bekanntgeben … nicht darauf hoffen “der wird das schon irgendwie erfahren”, gilt besonders bei Teilzeit, wenn die Anwesenheit im Büro zu einem Infomangel führt. Autisten fühlen sich wohler, wenn etwas vorhersehbar ist, wenn etwas geplant werden kann. Das senkt den (negativen) Stress deutlich, sie sind dann deutlich entspannter.

Feste Ansprechpartner sind ebenso hilfreich wie eine – stets aktuell gehaltene Checklist.

Über autistische Stärken habe ich mich erst vor kurzem ausgelassen. Ich glaube, dieses “thinking outside the box” ist eine der Schlüsselfaktoren, wo Autisten einen Mehrwert einbringen können.

Bei mir ist es das Denken in Bildern bzw. Mustern, was mir in diesem Berufsfeld Vorteile bringt. Meine Aufgabe ist es, das Wetter richtig zu prognostizieren. Das geschieht mithilfe von Wetterkarten, die teils komplex aufgebaut sind. Wiederkehrende Wetterlagen zeigen ähnliche Muster (100 % gibt es nicht) und hier hilft die Erfahrung, diese Ähnlichkeiten zu erkennen. Ich kann die Karten blitzschnell durchscrollen, weil ich ein gutes visuelles Gedächtnis habe.

Ich achte auf Details und erkenne Kleinigkeiten, die große Auswirkungen auf die Qualität der Prognose haben können. Mein vielfältiges autodidaktisch erarbeitetes Wissen in den unterschiedlichsten Teilbereichen hilft mir hier weiter.

Detailerkennung bedeutet Fehlererkennung, ich sehe Rechtschreibfehler sofort und habe  ein Gefühl dafür, ob ein System “reibungslos” läuft oder die Effizienz gesteigert werden kann. In den meisten Fällen läuft übrigens etwas unrund, weil ein Mangel an Kommunikation besteht. Es mag ironisch anmuten, dass dies ausgerechnet einem Autisten auffällt, aber aus einer Schwäche kann eben eine Stärke werden.

Eine logisch-systematische Denkweise ist immer hilfreich. Viel zu oft wird die Frage nach dem “warum” nicht gestellt. Ich gebe mich nie damit zufrieden, wenn eine Prognose nicht hinhaut, sondern betreibe immer Ursachensuche. Erst, wenn ich die Ursachen einer Fehlprognose bzw. einer bestimmten Wetterentwicklung erkannt habe, kann ich dies beim nächsten Mal berücksichtigen und künftige Fehlprognosen vermeiden zu versuchen. Ich breche aus vorgefertigten Schablonen aus und lerne neue Methoden hinzu.

Den typischen Autisten gibt es nicht. Der eine hat kein Problem mit Telefonaten, etwa im Callcenter, weil es immer die gleiche Abfolge hat, die andere mag nur bestimmte Telefonate nicht oder kann nicht telefonieren, wenn es laut ist. Es gibt Autisten, die tagelang Exceltabellen ausfüllen können und andere, die Abwechslung – geplant – lieben. Der vermeintlich schüchterne Autist kann tatsächlich extrovertiert sein und gerne auf Partys oder Betriebsfeiern gehen, aber weiß nicht, wie er seine Kollegen anreden soll. Und nicht zuletzt sind Autistinnen auch in Sozialberufen vertreten, ich kenne Lehrerinnen, Ergottherapeutinnen und Psychologinnen. Ihr Spezialinteresse zum Beruf gemacht, warum muss Autismus da zwingend ein Hindernis sein?

Mein Appell an meine Leser, insbesondere an Arbeitgeber, Personalchefs, etc. ist:

  • Lasst Euch auf den Autismus ein! Wenn ihr von der Diagnose wisst, nehmt sie ernst. Fragt nach, holt Informationen ein, aber lasst ihn auch dazu etwas sagen, denn im Internet findet sich viel veralteter Unsinn über Autismus. Wenn sich ein Autist outet, ist das eine große Kraftanstrengung, die großen Respekt verdient! Legt ihm dann nicht nahe, es für sich zu behalten, wenn er offen damit umgehen möchte. Immerhin betrifft es nicht nur den Chef, sondern auch die Kollegen.
  • Fördert den schriftlichen Austausch! Die Mehrheit der Autisten tut sich schriftlich leichter als mündlich. Viele Angelegenheiten lassen sich besser per Mail klären als mit einem Anruf. Zudem geben sie dem Autisten auch Zeit, eine Antwort zu formulieren anstatt Schnellschüsse zu produzieren.

* Nachtrag bezüglich “Lösungen”. Ich hätte es im Konjunktiv formulieren sollen. Es gäbe viele Möglichkeiten, dass ein Studium für Autisten nicht unmöglich ist. Auch wenn das sicherlich vom Studienfach abhängig ist. Ich habe Naturwissenschaften studiert, wo es wieder anders ist als in Sozial- oder Geisteswissenschaften. Da gab es Arbeitsgruppen, um Übungsaufgaben zu lösen. Ein Studium steht und fällt mit den Finanzen, das gilt für alle, insbesondere weil die heutige Bachelor/Master-Konzeption kaum einen Teilzeitjob oder mehr duldet, aufgrund der häufigen Anwesenheitspflichten und des stark verschulten Lehrplans. Ein tierischer Begleiter im Alltag ist derzeit eher Glück, die Finanzierung dafür momentan theoretisch, zumal viele mit einem Begleithund nur blinde Menschen verbinden, nicht aber autistische Menschen.