Stimming: Gesellschaftlich akzeptiert oder nicht?

wippen

In einer kürzlichen Talksendung wurde neben anderen Diskussionsteilnehmern eine Frau eingeladen, die einigen Zuschauern vor allem dadurch auffiel, dass sie – die Knie übereinandergeschlagen – unablässig mit dem Fuß wippte. Durch die Kameraeinstellung stand das Wippen recht penetrant im Vordergrund, was in sozialen Netzwerken zu entsprechenden Kommentaren veranlasste, bis hin dazu, das Wippen doch bitte einzustellen.

Jetzt zählt Wippen noch zu den harmloseren Varianten von Stimming. Neben schädlichen Angewohnheiten und selbstschädigendem Stimming gibt es auch an sich harmlose, aber gesellschaftlich verpönte Varianten, dazu zählen z.B. Händeflattern (Kreiselbewegungen, Schüttelbewegungen mit den Händen), schaukeln, Kugelschreiber klicken, Stifte zerbeißen, sonstige Körperbewegungen. Weiterlesen

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Zusammenhang Savants – Autismus? Teil 2

Im ersten Teil hatte ich nur die erste Hälfte des SpectrumGo-Artikels zusammengefasst, die weitaus faszinierenden Ergebnisse finden sich jedoch im zweiten Teil, und dabei wird auch deutlich, dass es hier NICHT um Spezialinteressen geht. Eine Inselbegabung kann man nicht bzw. nur unter immensen Aufwand erlernen, entweder hat man sie oder nicht, während Spezialinteressen die bewusste Entscheidung für ein bestimmtes Thema sind, und das bewusste Verbringen von viel Zeit darin, enormes Wissen darüber anzuhäufen – das können selbstverständlich auch Nichtautisten.

Vor 30 Jahren entwickelte der Psychologe Bernard Rimland mit 34 000 Personen die weltweit größte Datenbank an Autisten. Rimland fiel auf, dass ihre Savant-Fähigkeiten wie künstlerische Ausdruckskraft oder die Fähigkeit, Objekte im dreidimensionalen Raum zu manipulieren, am häufigsten Fähigkeiten der rechten Gehirnhälfte waren. Ihre Schwierigkeiten, wie etwa zu kommunizieren, erschienen oft in Funktionen, die von der linken Gehirnhälfte kontrolliert werden.

Bei vielen Arten von Gehirnverletzungen oder Dysfunktionen, die durch einen Schlaganfall oder degenerative Erkrankungen verursacht werden, bemerkten die Ärzte, dass ein Defekt in der linken Hälfte zu einer kompensatorischen Verbesserung der Funktionen in der rechten führen kann. Gewöhnliche Menschen mit durchschnittlicher Intelligenz und Fähigkeiten, die schwere Gehirnverletzungen erlitten und plötzlich neue Fähigkeiten entwickelten, etwa musische Talente, Fremdsprachen oder herausragende mathematische oder künstlerische Fähigkeiten, brachten die ersten Hinweise auf den zugrundeliegenden Mechanismus von Savant-Fähigkeiten.

Bruce Miller, ein Neurowissenschaftler an der Universität von Kalifornien, beobachtete dieses Phänomen bei manchen seiner älteren Patienten, die an FTD (frontotemporal dementia) litten, einer degenerativen Gehirnstörung, die vor allem den vorderen, linksseitigen Teil des Gehirns betrifft, spontan ein Interesse an Kunst entwickelten. Als die Demenz fortschritt, wuchs der Drang, etwas zu erschaffen und ihre Zeichnungen wurden besser.

Miller und seine Kollegen benutzten die single-photon emission computed tomography, eine Technik, die Blutstromänderungen im Gehirn erfasst und die neuronale Aktivität widerspiegelt, bei einem dutzend Leuten mit FTD, die neue künstlerische Talente entwickelt hatten. Sie offenbarte Schaden am anterior temporal lobe ihrer linken Gehirnhälfte und am orbitofrontal cortex – beides Regionen, die mit Logik, verbaler Kommunikation und Verständnis assoziiert werden. Ihre Theorie ist, dass die teilweise Gehirndegeneration im wesentlichen ruhende Fähigkeiten im rechten Gehirn „freisetzte“, wo künstlerischer Ausdruck (inkl. visuelle Konstruktion, z.B. Zeichnungen zu kopieren oder Puzzles zusammenzusetzen) und kreatives Denken veranlagt sind.  Als sie diese Scans mit einem jungen autistischen Künstler verglichen, der seit früher Kindheit davon besessen war zu zeichnen, fanden die Forscher „bemerkenswerte Parallelen“. Wie die Menschen mit FTD zeigte der 9jährige Savant einen Funktionsverlust im linken Temporallappen, gepaart mit erhöhter Aktivität im rechten Gehirn.

Bildgebende Studien von Mottrons Team und anderen gaben noch mehr Aufschluss über die möglichen neurologischen Grundlagen von Savantismus. Mottrons Gruppe fand heraus, dass selbst Autisten mit durchschnittlichem IQ um bis zu 40 % schneller als Gleichaltrige ohne Autisten sind, wenn es um die Lösung komplexer logischer Probleme geht [Anm.: Diese Zahl wird u.a. auch von Michelle Dawson genannt, wenn es darum geht, zu widerlegen, dass nonverbale Autisten mehrheitlich geistig behindert seien. Sie erzielen bloß bei teilverbalen IQ-Tests schlechtere Ergebnisse im Gegensatz zu komplett nonverbalen Tests]. Ihre analytischen Fähigkeiten sind eventuell für diese Überlegenheit beim Zahlen manipulieren verantwortlich. Autisten besitzen außerdem verstärkte Wahrnehmungsfähigkeiten (Mustererkennung, Fehlersuche, 3D-Formen gedanklich manipulieren).

In einer Meta-Analyse von fMRI (2012) fand Mottrons Gruppe verstärkte Aktivität bei Autisten in Gehirnregionen, die mit visueller Verarbeitung, Objekterkennung, visuelle Expertise, z.B. verschiedene Vogelarten erkennen, verbunden sind. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die visuelle Wahrnehmung eine zentrale Rolle bei bei der autistischen Wahrnehmung spielt (berühmtes Beispiel: Temple Grandin’s „Thinking in Pictures“).

Mottron sagt, dass verstärkte Wahrnehmung zu logischen Fähigkeiten beitragen kann, was überragende Fähigkeiten bei manchen Autisten beim Lösen komplexer logischer Rätsel erklären kann. Erhöhte Wahrnehmung könnte auch beim Erwerb von drei Savant-Fähigkeiten helfen:

  • absolutes Gehör
  • Hyperlexie
  • Synästhesie

Mottrons Team fasst zusammen: Das Gehirn scheint seine Mittel umzustrukturieren, sodass bestimmte zweckgebundene Regionen fortgeschrittenere Aufgaben übernehmen. Im wesentlichen bedeutet das, dass autistische Gehirne flexibler als jene der Kontrollgruppen sind. Diese Plastizität (Verformbarkeit) hilft ihnen nicht beim Überwinden sozialer Defizite, da diese weder von der Wahrnehmung noch mit Logik angegangen werden können. Sie benutzen jedenfalls andere Nervenbahnen als Nichtautisten und zeigen erhöhte Aktivität bei der Wahrnehmung. Wenn diese mit Wissen und anderen Formen der Expertise zusammenfällt, sind Savant-Fähigkeiten die Folge.

Wunderkinder:

Im Jahr 1998 stolperte Joanne Ruthsatz, angehende Psychologin, über eine mögliche Erklärung über die Wurzeln von Savantismus während einer zufälligen Begegnung in einem Fastfoodlokal in Louisiana. Sie wollte ein 6jähriges Musikwunderkind interviewn, das Gitarrenkonzerte quer über den Süden gab. Nach den ganzen IQ und Fähigkeiten-Tests wollte das Gitarrenphänomen unbedingt zu McDonald’s. Also machten sich der Junge, seine Mutter und die Forscherin auf dem Weg dorthin. Zufällig kamen die Tante des Kindes und sein Cousin hinzu. Während die beiden Schwestern redeten, grunzte der Cousin und flatterte mit den Händen. Später erzählte die Mutter, dass ihr Neffe schwer autistisch sei. Wie viel Zufall braucht es, um solche Cousins zu sein?

Die Chancen hierfür sind recht signifikant. Eine Ruthsatz-Studie von 2007 teilte den AQ 3 Arten von Leuten zu, jeweils 10 Testpersonen:

  • eine Gruppe mit Wunderkindern und ihre nähesten Verwandten (Eltern oder Geschwister)
  • eine weitere mit Autisten und ihren Verwandten
  • und eine dritte mit Individuen ohne Diagnose und deren Verwandten.

Die Familien der Wunderkinder und Autisten erzielten höhere Punktzahlen, speziell die Wunderkinder erzielten höhere Ergebnisse bei „enhanced attention to detail“ als Autisten.

Seit diesem schicksalsreichen Treffen hat Ruthsatz ausgiebige Profile von 30 vermeintlichen Wunderkindern gesammelt. Bis Ende 2011 entdeckte sie, dass 3 der ersten 9 Wunderkinder ehemals mit Autismus diagnostiziert wurden, aber die Kriterien nicht länger erfüllten. 5 von 9 hatten zumindest ein nahestehendes Familienmitglied mit Autismus. Ein Wunderkind hatte zwei Geschwister, einen Vater, eine Oma und eine Tante im autistischen Spektrum. Eine gemeinsame genetische Ursache von Autismus und Savantismus sei damit naheliegend, so Ruthsatz, die Ko-Autorin des bald erscheinenden Buches “The Prodigy’s Cousin: The Family Link Between Autism and Extraordinary Talent” ist.

In einer 2012 erschienenen Studie über 8 berühmte Wunderkinder dokumentierte Ruthsatz viele Eigenschaften, die oft bei autistischen Kindern gefunden werden, etwa Schwierigkeiten in sozialen Situationen und zwanghafte Aufmerksamkeit für Details. Die Wunderkinder hatten zudem ein bemerkenswertes Arbeitsgedächtnis, mehr als 2 Standardabweichungen über dem Mittel. Im Jahr 2015 identifizierte das Team von Ruthsatz eine mögliche genetische Verbindungen zwischen Wunderkindern und Autisten. In genetischen Samples von 11 Wunderkindern und von Familienmitgliedern von Autisten entdeckte sie eine gemeinsame Mutation auf Chromosom 1, eine Region, die als 1p31-q21 bekannt ist. Bisher ist die genaue Position der genetischen Variante noch unbekannt, ebenso, wie sie zu den Eigenschaften beiträgt, die von Wunderkindern und Savants geteilt werden. Das Team sucht nach einem genetischen Modifikator bei den Wunderkindern, der sie gegen Autismus schützen könnte, was erklären könnte, weshalb sie diese Diagnose nicht länger aufweisen.

Zusammenhang Savants und Autismus? – Teil 1

Seit ich vor wenigen Jahren gelesen habe, dass die für den Film „Rain Man“ zugrundeliegende Figur  Raymond Babbit an den Savant Kim Peek angelehnt ist, widersprach ich ebenfalls der Ansicht, dass hier ein Autist dargestellt sein sollte. Laut der damaligen Aussage sei nur die Hälfte der Savants autistisch, und nur ein verschwindend geringer Prozentsatz der Autisten haben außerdem das Savant-Syndrom.

Die Filmfigur in „Rain Man“ enthält unzweifelhaft autistische Anteile: So vermeidet Babbit Blickkontakt, wenn sein Bruder mit ihm spricht, er zeigt Echolalie (Wiederholung von Worten oder Sätzen, „ich zähle Karten“), er schreit, wenn man ihn anfasst. Die Inselbegabung bzw. der Savant-Anteil zeigt sich, indem er Zahnstocher und Spielkarten durch einmaliges Hinschauen zäht.

Kim Peek hatte ebenfalls autistische Züge, wie hysterische Reaktionen auf Störungen bei seiner Tätigkeit, verzögerte Sprachentwicklung und Motorik. Dafür entwickelte sich bei ihm Hyperlexie mit seinem enormen Erinnerungsvermögen, er beherrschte zudem das Kalenderrechnen.

Vor kurzem erschien eine tiefgehende Analyse über die Verbindung zwischen Savant-Syndrom und Autismus. Der Text beginnt mit der Geschichte des jungen, blinden, talentierten Pianisten Lewis-Clack, der Klavierwerke bereits nach einmaligem Hören fehlerfrei wiedergeben kann. Er gilt wegen geistiger Behinderung und Inselbegabung als Savant, der vorwiegend durch seine Musik kommuniziert und sonst eher einsilbig ist.

Das Savantsyndrom bezeichnet das Zusammentreffen kognitiver Beeinträchtigungen, meist Autismus, und herausragender Fähigkeiten. Früher dachte man, das Savantsyndrom sei sehr selten, beträfe höchstens 1 von 10 Autisten, nun beziffert man die Häufigkeit mit 1 von 3. Was das Savantsyndrom verursacht, ist weiterhin ungeklärt, jedoch vermutet man eine unerkannte Verletzung der linken Gehirnhälfte im Mutterleib oder als Kleinkind, was zu kompensierender Verstärkung der rechten Gehirnhälfte führt.

Viele Savants haben besondere Fähigkeiten auf dem Gebiet der Musik, Kunst, Mathematik oder Mechanik und zudem außergewöhnliche Gedächtnisse, wie etwa Stephen Wiltscare, der ganze Landschaften nach dem Überflug mit dem Hubschrauber aus dem Gedächtnis detailgetreu nachzeichnen kann. Andere können „Kalenderrechnen“, also rasch einen Wochentag berechnen, wenn man ein zufälliges Datum aus der Vergangenheit oder Zukunft nennt [Ich kenne so jemand]. Wieder andere können mehrere Fremdsprachen, können Distanzen oder Höhen präzise ohne Instrumente messen oder verfügen über herausragende Kartenlesefähigkeiten.

Savants werden in der medizinischen Literatur seit dem späten 18. Jahrhundert beschrieben. Von 1978 stammt eine ausgiebige Studie, die die Häufigkeit 1:10 hervorbrachte. Doch die Forschung der letzten 10 Jahre hat einige Widersprüche zu dieser Häufigkeit erzeugt. Manche Forscher sagen, dass diese scheinbar außergewöhnlichen Fähigkeiten lediglich den Fakt widerspiegeln, dass viele Autisten unterschiedliche Fähigkeiten gegenüber ihren typischen Mitmenschen haben. Laurent Mottron, Psychiater an der Universität Montreal, sagt:

„Autisten sind natürliche Spezialisten – wenn sie sich für etwas intensiv interessieren, werden sie rasch zu Experten.“

Gerade die Standard-Intelligenztests führen bei Autisten häufiger zu schlechtem Abschneiden, weil sie Zeitbegrenzungen und verbale Anweisungen unter Druck setzen, ebenso soziale Interaktionen und Affinität zu kulturellen Regeln. Erhebungen wie der Raven’s Standard Progressive Matrices, der logisches Denken und kreative Problemlösung misst, zeigen bessere Intelligenzmessungen.

Wenn die Forscher diese besser geeigneten Methoden der Intelligenzmessung verwenden, verschwindet die Spitze der Fähigkeiten, die man als Zeichen des Savant-Syndroms betrachtete. Es gibt bei Savants ähnlich zur Intelligenz eine Glockenkurve. Das obere Ende der Glockenkurve bei Autismus umfasst ein paar Leute, deren herausragenden Fähigkeiten auf bestimmten Gebieten jene von den meisten Leuten ohne Autismus übertreffen.

Diese Interpretation wird durch eine 2009 von Howlin ausgeführten Studie bekräftigt, bei der von 93 Autisten rund 40 % herausragende Fähigkeiten besaßen, verglichen mit ihren anderen Fähigkeiten und jenen der Allgemeinbevölkerung. Darunter sind auch sogenannte „Splinter skills“, etwa komplexe mathematische Berechnungen aus dem Kopf heraus, ohne Papier und Stift zu benutzen.

Howlin’s Studie beinhaltet zwei verschiedene Messungen: Die Teilnehmer hatten entweder

  • eine Savant-Fähigkeit, wie überragende mathematische, musische oder künstlerische Fähigkeiten, oder ein Gedächtnis für Datum, Orte, Routen oder Fakten

oder

  • eine herausragende kognitive Fähigkeit, definiert als Intelligenzquotient von zwei Standardabweichungen über dem Durchschnittswert von 130.

Ein paar Testpersonen erfüllten beide Vorgaben.

Traditionelle Studien von Autisten sind mitunter verzerrt, stellt Howlin klar, weil viele Teilnehmer aus einer selbst ausgewählten Gruppe stammen: Die Leute werden aufgrund ihrer schweren Beeinträchtigungen zu Psychologen überwiesen. Währenddessen sind hochfunktionale* Autisten „unter-erforscht“, weil sie sich gut in die Gesellschaft eingefügt  und die Aufmerksamkeit der Forscher nicht erregt haben.

Howlin:

„Das Problem ist, dass wir über Autisten, die gut klarkommen, erschreckend wenig wissen, weil wir jene studieren, die nicht gut klarkommen.“

* Ich bin kein Fan von Kategorien wie hoch- oder niedrigfunktional. Hochfunktional bedeutet oft hohe Erwartungen und Mangel an Unterstützung, während niedrigfunktional mit Unterschätzung der Intelligenz und geringen Erwartungen gleichgesetzt wird. Ebenso fällt hier natürlich weg, dass hochfunktionale Autisten ebenso einem gewissen Leidensdruck ausgesetzt sind. Darauf zielte dieser Artikel jedoch nicht ab, sondern darauf, wie Testpersonen für Studien zu Autismus rekrutiert werden, und da sind es zuerst die auffälligeren Autisten, nicht jene, die unerkannt oder ohne großen Wirbel zu machen durchs Leben gehen.

PS: Mir ist bei der Übersetzung des Artikels ein Fehler unterlaufen, und zwar hab ich nicht gesehen, dass er noch weitergeht (kam mir auch schon so kurz vor, hatte das Original bereits gelesen), die weiteren Teile folgen dann kommende Woche nach.