Viel zu organisieren

Drei Wochen ist der letzte Beitrag her. Wegen einer neuen beruflichen Perspektive haben sich die Prioritäten in meinem Leben gerade ziemlich verschoben und mir fehlt die Muße und Energie zu bloggen. Das ist an sich nicht weiter schlimm, ich bin gerade gut ausgelastet, auch wenn mir das Schreiben natürlich schon fehlt. Vorab: Ich schreibe hier über meine persönlichen Erfahrungen, das kann man nicht pauschal auf alle ummünzen, aber vielleicht erkennen sich manche wieder.

Gewissermaßen sind derzeit wieder alle Schlüsselaspekte von Autismus betroffen. In meiner aktuell laufenden Ausbildung habe ich tagsüber Unterricht, was mich dazu zwingt, jeweils zur Rush Hour mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Diese haben in dieser Zeit teils beträchtliche Verspätung, sodass ich trotz früherem Start immer noch zu spät komme. Unpünktlichkeit behagt mir gar nicht. Ich komme seit Jahren immer zu früh zu einem Termin oder in die Arbeit. Gerade beim Besuch unbekannter Orte bin ich grundsätzlich zu früh da, um Zeit zur Orientierung zu haben. Ich muss mich wie ein Alpinist in großen Höhen erst an die Umgebung akklimatisieren. Wenn mir diese Zeit aufgrund von Verspätungen genommen wird, ist die Gefahr wesentlich größer, dass in dieser Zeit etwas schiefgeht, was sich meistens verbal bzw. durch Fettnäpfchen auswirkt. Ich fühle mich zudem unrund und brauche ein wenig Zeit, um wieder ruhiger zu werden. Ich bin auch gezwungen, sämtliche Einkäufe und Erledigungen auf den Abend zu legen, wo die meisten Leute unterwegs sind. Der Vorteil, zwei Stunden länger als zu Schichtzeiten schlafen zu können, wird also durch Reizüberflutung und ständige Overloads teuer erkauft bzw. ins Gegenteil gewandelt. Zumal das Gehirn ohnehin so voll mit To-Do-Listen ist, dass ich nicht früher schlafen gehen kann. Da ich neben dem Unterricht auch „Lernzeit“ habe, die ich mir individuell einteilen kann, versuche ich jetzt, diese nach vorne zu legen. Den Tag früher beginnen, nicht mit der Masse in die Arbeit fahren, dafür am Nachmittag mehr Zeit freizuschaufeln. Ohne sichtbare Not von außen also die Anpassung an das frühere Leben. Wer nicht an Reizoffenheit leidet, kann sich das nur schwer vorstellen, dass das ein Problem sein könnte.

Auch sonst wird viel Flexibilität abverlangt. Termine verschieben sich kurzfristig, aber auch mittelfristig. Die Zeit alleine fürs Selbststudium ist eine große Herausforderung nach über sechs Jahren Abwesenheit von der Universität. Ich hatte damals schon Schwierigkeiten, den Lernstoff zu verinnerlichen, dank der größten Ablenkung der Menschheitsgeschichte (nein, nicht Katzen …), dem Internet. Der Zwang, immer wieder Mails und Foren zu checken, ist kaum abzustellen. Leider ist das Lernen von heute zunehmend interaktiv konzipiert. Weil viele Inhalte durch Hyperlinks verknüpft sind, kommt man um einen Internetzugang auch beim Lernen nicht mehr herum. Ich versuche daher, den Stoff, für den ich das Internet nicht benötige, zuerst einzuprägen, indem ich den Computer ausgeschaltet lasse. Erst nach dieser Lerneinheit wird er mitverwendet, um Verknüpfungen oder weiterführende Informationen nachzuschlagen. Was nicht vorgesehen, aber unvermeidbar ist: Essen, Trinken, Einkaufen, Haushalt müssen auch untergebracht werden. Fange ich dann verspätet an, weil etwa der Signalton meines Wecker aus unerfindlichen Gründen ausgeschaltet war, gerät der ganze Tagesplan durcheinander.

Meine persönliche Ansicht ist, dass Autisten viel mehr schaffen können als man ihnen zutraut. Die Herausforderung kommt nicht von der Sache alleine, die ist bewältigbar, sondern vom Umfeld, von der Umgebung, von Reizoffenheit. Das ganze Drumherum, mit denen nichtautistische Menschen weniger oder auch gar keine Schwierigkeiten haben, für die sie ein soziales Netz haben und leichter darauf Zugriff haben, weil sie auch keine sozialen Ängste haben, wenn es um Kontaktaufnahme geht. Ich muss mir das alles erst mühsam erarbeiten, muss lernen, Fragen zu stellen, selbst solche, die für die meisten banal erscheinen.

Am meisten muss ich wohl über die eigene Hürde der mündlichen Kontaktaufnahme springen. Die Mehrheit erledigt dringende Dinge nun mal sofort durch Anruf oder Rückruf. Ich muss erst überlegen, formuliere es dann schriftlich, um alles Wichtige unterzubringen. Jetzt bin ich gleich mehrfach gezwungen, den eigenen Schweinehund zu überwinden. Neben Jobsuche gibt es wohl nur ähnlich ebenbürtige Hürde für Autisten: die Wohnungssuche.

Wenn man mit anderen Suchenden konkurriert, muss man fast zwangsläufig telefonieren, um sich seine Chance zu sichern. Zumal bei Print-Angeboten ohnehin oft nur Telefonnummern abgedruckt sind.

Dann gilt es, einen Termin auszumachen, beim Telefonat nicht auf das Wichtigste zu vergessen, beim Besichtigungstermin auf alles Wichtige achten, während man gleichzeitig den Worten des  Vermieters oder Maklers lauscht. Zudem sollte man einen halbwegs passablen Eindruck auf den Vermieter machen, wenn man die Wohnung denn auch bekommen will. Die Übersiedlung will gut organisiert sein, das Ausräumen und Reinigen der alten Wohnung, die behördlichen und organisatorischen Dinge für die neue Wohnung. Für all das braucht es einen guten Plan, und bestenfalls ein paar Helfer, die erinnern und beim Besichtigen mitschauen, keinen Haken zu übersehen.

Noch einmal: Nichtautisten machen sich über all das weniger Gedanken, weder über Rush Hour, Telefonate, Besichtigungen noch abverlangte Flexibilität. Zielgerichtete Gedanken durchaus, aber nicht diese aufwallenden Panikschübe, es nicht mehr bewältigen zu können. Insbesondere dann, wenn man gerade in einem Overload steckt (wie etwa eingekeilt sein in einer überfüllten Straßenbahn), in einen Meltdown gerät und anfangt zu fluchen, und danach unendlich müde ist. Die Zuversicht wächst im Anschluss wieder, wenn der Zustand der Überlastung vorbei ist. Im selbigen aber fällt es schwer, gute Ratschläge anzunehmen oder „es nicht so schwarz zu sehen“. So wie im hervorragenden Briefwechsel von Gee Vero und Melanie Matzies-Köhler (Meine Brücke zu dir: Menschen inner- und außerhalb des autistischen Spektrums im Dialog, 11/2016), zu dem ich noch extra bloggen werde, anschaulich beschrieben, befinde ich mich dann im Überlebensmodus und bin unempfänglich für Verhaltensänderungen.

So bin ich auch insgesamt optimistisch gestimmt, weil die Rahmenbedingungen künftig eine Verbesserung bedeuten. Klare Strukturen, überschaubare Flexibilität, höhere Lebensqualität, etwas, das mir derzeit noch abgeht. Der Weg dorthin ist daher weit und verlangt nach kreativen Lösungen.

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Kein Beruf für Autisten?

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Spezialinteressen kommen und gehen, manche bleiben ein Leben lang und werden schließlich zum Beruf gemacht. Vor der engeren Beschäftigung mit Autismus hielt ich mathematische Berufe für Autisten für stereotypisch. Das lag auf der Hand, logisch-analytisches Denken einzusetzen. Autisten in Sozialberufen? Als Schauspieler? Als Journalisten? Als Burlesque-Tänzerinnen? In ganz normalen Berufen? Ausgefallene Berufe? Was für viele neurotypische Menschen befremdlich erscheint, zeigen Studien und Erfahrungsberichte ganz deutlich: Autismus ist kein Widerspruch dazu, den Beruf auszuwählen, der einem Spaß macht – selbst wenn er auf den ersten Blick ungeeignet erscheint.

Zwar findet man in vielen Artikeln und Büchern über Autismus immer wieder mal den Hinweis auf das Wetterinteresse von (jungen) Autisten, aber nirgends liest man von autistischen Meteorologen. Es gibt sie: Ich bin einer von ihnen, der sein Spezialinteresse zum Beruf gemacht hat. Weiterlesen

Wie Angst, Reizüberflutung und Ungewissheit zusammenhängen

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Tiefblick bei Überquerung einer Schotterrinne. (c) by me

Ein spannender Artikel von Ann Grisworld, Spectrum News, beschreibt die Zusammenhänge zwischen Unplanbarkeit, Angsterkrankungen und sensorischer Überlastung bei autistischen Kindern.

Bis zu 84 % der autistischen Kinder leiden unter ausgeprägten Angsterkrankungen und bis zu 70 % zeigen extreme Überempfindlichkeiten auf Licht und Geräusche. Die Überreaktion auf sensorische Reize löst Ängste bei Autisten aus. Eine neue Studie stellt die These auf, dass die Furcht vor dem Unbekannten beide Erscheinungen fördert und dass ein verbesserter Umgang mit der Ungewissheit entsprechende Symptome lindern kann. Die Erkenntnisse stützen außerdem die Theorie, dass autistische Kinder die Welt als überwältigend wahrnehmen, weil sie sich damit schwer tun, Abläufe vorherzusehen. Autistische Kinder wollen ihre Umgebung kontrollieren, sie vorhersehbarer machen. Weiterlesen

Was ihr nicht seht …

Blogger-Kollegin Blutiger Laie hat einen klasse Beitrag zu Kompensation bei Erwachsenen und ihren Folgen geschrieben:

Ja, es gibt sie, die erwachsenen Autisten, die so gut kompensieren können, dass sie nach außen hin weniger auffallen als andere Autisten mit sichtbaren Meltdowns, Stimming, Selbstverletzungen, Wutausbrüchen, etc. Ich zähle weitgehend dazu, Wutausbrüche richten sich bei mir meistens gegen Dinge und sind am häufigsten Folge von Frustration (speziell, wenn eine technische Herausforderung wieder einmal an meinem Mangel an Vorstellungsvermögen scheitert).

Was ihr nicht seht, sind die stillen Erschöpfungszustände:

Erschöpfungszustände sind gleichwohl häufig, stillerer Natur: Migräne, Erschöpfung, Energielosigkeit, Deprimiertheit, Schlaflosigkeit, Grübeln und Schwirren im Kopf, Rückzug. Das Brauchen von sensorischer und sozialer Ruhe, von Ausgleich im Lesen, Musikhören, an die Wand starren. Soviel zum aktuellen Überflutungszustand, z.B. nach zuviel “socializing”.

Der Alltag ist täglich eine Herausforderung, sich zu Struktur zwingen (im Haushalt, Einkaufen, evtl. Medikamente), sodass nicht mehr viel Energie für die anderen (schönen) Dinge des Lebens übrig bleibt.

Schnelle Wechsel snd schwer, mit der fehlenden Flexibilität geht auch viel Schönes verloren, spontane Besuche z.B., ein ungeplanter Spaziergang, neue Sportarten ausprobieren. Und weil die Kräfte im täglichen Kampf verbraucht werden, können sie nicht für langfrstige Ziele eingesetzt werden. Obwohl man also die Fähigkeiten hätte, z.B. umzuziehen, sich zu bewerben, ein größeres Projekt anzugehen, tut man es nicht. Es passt nicht mehr in den Kopf. Das kann alles betreffen, was außerhalb des direkten Alltags liegt: Urlaubspläne, Autokauf, finanzielle Vorplanung, Steuererklärung usw. usf.. Mancher mag hier in eine Art Abhängigkeit von äußerer Unterstützung geraten, nicht, weil er faul wäre oder etwas im Notfall nicht könnte, sondern weil schlicht die Kraft nicht mehr da ist.

Das wird von außen leider sehr oft nicht verstanden.

– Warum hast Du Dich nicht schon längst woanders beworben?
– Schau Dich doch mal nach einer neuen Wohnung um?
– Warum fliegst Du nicht mal in Urlaub?
– Warum fängst Du nicht mit dem X-Sport an?

usw.

Der Kopf ist bereits gefüllt mit dem, was einen morgen erwartet, die folgenden Wochen. Alles, was weiter weg ist, ist ein riesiger Berg an Unsicherheit, etwas, das nicht planbar ist. Das kann einen regelrecht darin lähmen, von seiner Routine abzuweichen. Auch darin zeigt sich die fehlende Flexibilität als Kernsymptom bei Autismus. Ich z.B., esse nicht täglich dasselbe, habe keine TV- oder Spiele-Rituale, mache nicht an einem bestimmten Wochentag immer dasselbe. So gesehen bin ich gegenüber anderen Autisten ziemlich flexibel. Und trotzdem geht es mir ganz genau so wie im zitierten Text beschrieben, was im Umfeld häufig auf Unverständnis stößt und Rechtfertigungszwänge auslöst.

Natürlich hängt vieles vom Umfeld ab, von der aktuellen Lebenssituation, ob man depressiv ist oder ob man eine positive Lebensphase hat. Dann ist auch mehr Kraft da, als wenn die Depression einen bereits im Alltag niederringt, und Gedanken an die Zukunft weit weg erscheinen. Es ist dann keine Schande, nach Unterstützung zu suchen, sich bei langfristigen Projekten helfen zu lassen, Informationen einholen zu lassen, die Ungewisses planbarer machen. Je mehr Informationen vorhanden sind, desto leichter kann man (nicht nur Autisten) sich darauf einstellen. Hier bemerke ich auch eine gewisse Angst vor der Angst, die für Autisten typisch scheint (auch bei Prüfungsangst beschrieben, z.b. hier), also die eigentlich paradoxe Angst/Blockade, sich die Informationen einzuholen, die die Angst/Blockade abbauen würden. Wenn das ggf. Dritte übernehmen können, ist schon einmal ein wesentlicher Schritt zur Abbau der Blockade getan.

Ein unterstützendes, verständnisvolles Umfeld ist wesentlich für Autisten!