Was den Stress beim Einkauf verursacht

Einer der Hauptgründe für mein Prokrastinieren von (mehr oder weniger) dringenden Einkäufen ist der damit verbundene Stress mit anderen Menschen. Das beginnt häufig schon mit der Anfahrt. Ich verzichte meist aufs Rad, weil ich (inzwischen) seltener Einkaufen gehe, dann aber möglichst viel auf einmal kaufen will. Da ist das Rad dann hinderlich bzw. der Rucksack mitunter zu klein (mein schweres Bügelschloss muss auch noch reinpassen). Das heißt dann immer Bus, und der ist unpünktlich, unbequem (Straßenschäden, ruckartiges Anfahren und Bremsen) und voll. Pro Busfahrt mindestens eine Person, die sich wochenlang nicht gewaschen hat, und sich dann meistens zu mir setzt oder stellt.

Im Einkaufszentrum ist es laut, hektisch, wuselig, Gedränge, Gerempel. Überlaute Hintergrundmusik sorgt dafür, dass es keine Ecke gibt, wohin man sich kurz mal zurückziehen kann.

In Einzelhandelgeschäften fehlt mir häufig die Möglichkeit, mir vorher im Online-Shop das Produkt meiner Wahl herauszusuchen, weil ich vor Ort oft “den Wald vor lauter Bäumen nicht sehe.” Zudem wird man meist sofort angesprochen von Verkäufern, was ja gut gemeint ist, aber mich immer extrem unter Entscheidungsdruck setzt. Ich muss mir Produkte immer vorher erst anschauen können. Deswegen geh ich nie auf Wochenmärkte, weil man sofort vom Marktstandverkäufer angelabert wird, klar, der will verkaufen, speziell, wenn nebendran noch zehn weitere Gemüsemärkte mit günstigeren Preisen sind. Aber ich kann mir dann nichts anschauen und bin oft in dem Moment so überreizt, dass ich verstumme statt laut auszusprechen “Ich möchte mir zuerst alles anschauen.

So gibt es in Salzburg mindestens fünf oder sechs Sportgeschäfte, aber ich kenne keinen Verkäufer/Berater persönlich wie in Wien, und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass er mir etwas aufschwatzt, dass ich gar nicht wollte. Ist schon zu oft passiert. Also warte ich oft lange, bis ich wieder in Wien bin, wo mein persönlicher Verkäufer auch mal sagt “da zahlst Du nur die Marke mit, es gibt auch das günstigere Produkt X, das genauso gut ist.”

In größeren Elektronikfachgeschäften sind die Mitarbeiter teilweise inkompetent, teilweise kompetent, ein Glücksfall. Als ich meine Spiegelreflex bewusst dort kaufte, weil ich im Garantiefall dann überall in Österreich hingehen konnte, und nicht an einen fixen Ort gebunden war, befand sich in der Schachtel kein Akku. Als ich zurückging und dies reklamierte, wollten sie mir unterstellen, ich hätte ihn daheim herausgenommen. Der Lüge/Betrug bezichtigt zu werden hat mich so wütend gemacht, am liebsten hätte ich den Kauf rückgängig gemacht. Dabei war es sogar der jüngere (neue) Mitarbeiter, der mir glaubte, aber der Leiter der Fachabteilung hat drei Mal Äußerungen fallen lassen, wo er mir eindeutig nicht glaubte. Es macht wahrlich keinen Spaß, viel Geld für einen Laden hinzulegen, wo der Kunde erstmal Verbrecher ist, wenn er reklamiert, wenn in Wahrheit die Mitarbeiter Mist gebaut haben. In seriösen Geschäften wird immer vor der Herausgabe kontrolliert, ob sich die vollständige Ware im Karton befindet.

Am häufigsten aber ist der Supermarkteinkauf. Früher waren sowohl die Laufbänder länger zum Auflegen als auch der Ablagebereich, um einzuräumen. Inzwischen haben viele Geschäfte kurze Laufbänder, wenig oder gar kein Ablagebereich und häufig viel zu wenig Trennteile, um seine Waren vom nachfolgenden Kunden abzugrenzen. Wenn der Vordermann oder die Vorderfrau dann vor sich hinträumt, hat man plötzlich wenig Zeit, alles aufzulegen, oder der Hintermann/Hinterfrau legt auch schon auf und man hat zu wenig Platz für sein eigenes Zeug. Oder wenn man der erste an der Kassa ist, was ich zu vermeiden versuche. Denn dann muss ich blitzschnell alles auflegen, während sies schon drüberzieht, aber ich kann nicht gleichzeitig auflegen und aufräumen. Der oder die nach mir drängelt schon oder kommt auf Körperkontaktnähe an mich heran, was ich wie die Pest hasse. Extra nervig ist es dann, wenn ich meinen Rucksack auch noch herzeigen muss, und sie zieht weiter über den Scanner. Dann komm ich gar nicht mehr nach, in der Hektik fällt mir dann noch was herunter. Als ich noch jünger war und weit vor der Diagnose, musste ich immer im Kopf erst organisieren, in welcher Reihenfolge ich den Rucksack abnahm, Geldbeutel bereithielt und wieder einräumte. Das klappt zwar inzwischen schon intuitiver, aber manches “Könnten Sie bitte den Rucksack zeigen?” kommt doch immer noch unerwartet und unvorbereitet.

Nach solchen Erlebnissen bin ich meist nassgeschwitzt, der Schweiß steht auf der Stirn. Das kann bei Konfrontationen wie in dem Elektronikgeschäft wirken, als ob ich schuldig sei. Tatsächlich laufen bei mir nur die Stresshormone Amok. Danach sackt auch der Blutzucker ab, ich muss dann dringend etwas essen, sonst werd ich ganz zittrig. Man kann sich vorstellen, dass die Summe aus alledem schwer unter einen Hut mit mehreren Einkäufen an einem Tag zu bringen ist. Regentage machen es nicht leichter, zur allgemeinen Geräuschentwicklung kommt noch das schneidende Geräusch von Fahrzeugreifen auf einer nassen Fahrbahn hinzu.

Man könnte jetzt natürlich sagen – warum bestellst Du nicht alles online? Das klingt im ersten Moment einfach und unkompliziert, aber ist es dann gar nicht. Erstens besitzen nicht alle Sportgeschäfte einen (übersichtlichen) Online-Shop, zweitens muss ich gerade bei Lebensmitteln sehen, was ich einkaufe, nicht immer steht alles auf meiner Liste, und drittens ist es durch meinen Schichtdienst ein Glücksspiel, ob ich zuhause bin oder nicht. Und ich möchte an freien Tagen nicht den ganzen Tag zuhause bleiben zu müssen, in Erwartung eines Pakets, dass dann vielleicht doch nicht kommt. Ich hole es auch ungern bei meinen (wenig geliebten) Nachbarn ab, wo man dann wieder darauf angewiesen ist, dass diese auch zuhause sind. Oder die lange Odyssee mit Paketdiensten und -zustellung.

Was helfen würde (Auswahl ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Rückzugsräume in Einkaufszentren

Beruhigende Klassikmusik statt lautes Popgedudel

Keine Musik/Hintergrundbeschallung in Einkaufsmärkten

Keine grellen/flackernden Neonröhren

Wieder mehr Ablagefläche an den Kassen

Begleithund (schön wär’s …)

Abstand halten (wird bei Bankomaten ja auch gemacht)

Übersichtliche Online-Shops und/oder übersichtliche Märkte (Negativbeispiel: Hervis, Intersport)

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Vollzeitautist.

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In ihrem Blogartikel zum Welt-Autismus-Tag über mangelnde Barrierefreiheit für Autisten schrieb elodiyla diese Zeilen:

Der größte Teil der Autisten ist arbeitslos. Wahrscheinlich, weil sie an Bewerbungsgesprächen und sozialen Strukturen scheitern. Die Barrieren in den Köpfen der anderen hindert sie daran, ihre Produktivität einsetzen zu können. Doch zu viele Menschen glauben, dass jemand, der im Alltag viele Schwierigkeiten hat, keine komplexe Aufgaben lösen kann.

Ich erlebe diesen vermeintlichen Widerspruch selbst und er hemmt mich dabei, offen mit meinem Autismus umzugehen. Für Außenstehende ist es nicht nachvollziehbar, wie jemand, der Vollzeit im Schichtdienst arbeitet, im Alltag ein einfaches Telefonat nicht führen kann, nicht mal zu den Nachbarn hingeht, wenn sie zu laut sind, kein Auto fahren will oder kann, obwohl er ständig über die Öffis meckert und seine Einkäufe und Arzttermine andauernde verschiebt. Wie passt das zu beruflichen Höchstleistungen?

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Too much information

Kurz notiert. Heute mit dem Vorhaben ins Einkaufszentrum (die ich normalerweise meide, aber im einkaufszentrenverseuchten Salzburg gibt es sonst keine genügend hohe Dichte an Geschäften, wo man zentral das bekommt, was man braucht, und mangels zeitgemäßer Verkehrsanbindung kommt man auch nicht schnell woanders hin, speziell bei starkem Dauerregen, wenn das Rad ausscheidet.), Winterlaufschuhe mit Spikes zu kaufen. Und der obligatorische Lebensmitteleinkauf danach. In der Galerie erschlägt mich die Menschenmasse. Kaum Unterschied zum 27.12. als ganz Bayern und Salzburg einkaufen war. Hölle. Nach etwa zehn Minuten geht mir die Langsamgeherei* der Flanierer schon auf den Sack (* ich unterscheide dabei sehr wohl zwischen denen, die körperlich nicht schneller können und den Schaufensterschlenderern, die an den Flaschenhälsen stehenbleiben), andauernd muss ich mich vorbeiquetschen. Und ich kann nirgends stehen bleiben, weil ich anderen damit automatisch im Wege stehe. Ärger im Reformhaus über unsortierte Ware, finde das Pulver gegen Sodbrennen auch beim zweiten Mal nicht. Wegen dem generellen Lärmpegel schaff ichs nicht, die Verkäuferin zu fragen. Als Nächstes zum Hervis, der die größte Salomonauswahl hat. Wieder Ärger über die scheinbar chaotisch verteilte Ware, dazu Hölle, weil zwei Drittel der Verkaufsfläche Wintersport ist und endlos herumgewuselt wird. Ich kann nicht mal zwischen zwei riesigen Schuhkartonbergen stehenbleiben, um zu schauen, weil ich damit anderen Kunden im Wege stehe, die da genau durchwollen. Die gewünschten Schuhe oder vergleichbare mit Spikes finde ich nicht. Aber da war noch ein Geschäft im Erdgeschoss von Salomon selbst. Der Weg dorthin wieder nahe am Meltdown. Menschen, Menschen, Menschen. Flaschenhälse bildend. Sich vorbeiquetschen müssen. Im Geschäft ein Kommen und Gehen, schnatternde Verkäuferinnen. “Den Schuh gibt es nicht mehr. Am besten im Internet schauen, da gibt es ihn noch manchmal.” – danke, sehr präzise. Zumal es deppert ist, wenn man Schuhe vorher anprobieren muss. Aber erst mal finden. Vielleicht hätte ich den Halbschuh anprobiert, aber zu hoher Lärmpegel. “Ich schau mal woanders” antworte ich, um einen Vorwand zu haben, schnell hinauszukommen. Der lästige Einkauf fehlt noch. Dort wieder zu viele Menschen, alle mit Einkaufswägen. Alle gaaaanz langsam schiebend, möglichst jeden Platz versperrend. Aber stehenbleiben kann man wieder nicht, weil man dann im Weg steht. Gespräche über Familientratsch zwischen den Konserven- und der Nudelabteilung. Sie stehen genau dort, wo ich hinwollte. Keine Kraft, um was zu sagen. Ich muss hier weg, und zwar schleunigst. Zum Glück reicht der Kassiererin heute das Zeigen der leeren Einkaufstasche und ich muss den Rucksack nicht extra absetzen. Das bringt mich sonst wieder unter Druck beim Einräumen. Gewaltsames zur Seite drücken von Personen, die im Weg stehen und nicht reagieren. Schnell raus und in den ersten Bus, egal wohin. Nur weg von der lauten Straße, die bei Dauerregen noch lauter ist als sonst. Ferienzeit, die Busse fahren noch seltener und sie fahren ohnehin zu selten. Wieder nicht bekommen, was ich wollte. So oft ist das. Ich nehme es mir fest vor, und binnen Minuten bin ich so überreizt, dass nichts mehr geht. Assistenzhund wäre die Lösung. Der mich durch den Menschendschungel sicher geleitet. Anderer Fokus. Notflauschisierung, wenn es gar nicht mehr geht.

Isoliert bleiben

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Ein schwieriger Umgang für mich. Ich weiß, es gibt viel viel mehr Autisten, die Familien gegründet haben oder erst später mit Familie von der Diagnose erfuhren. Für mich selbst ist das alles jedoch sehr weit entfernt von meiner Lebensrealität. Beziehung? Fehlanzeige. Nach über drei Jahrzehnten Lebenszeit könnte man meinen, dass da schon was vorhanden sein müsste. Jetzt bin ich in dem Alter, indem viele Weggefährten, Bekannte und Freunde, aber auch Arbeitskollegen eine Familie gründen. Das ist für mich leider oft gleichbedeutend mit dem Ende der Bekannt- oder Freundschaft. Continue reading