Überladung: Meine Woche

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Die kleinen Freuden des Öffi-Fahrens, Rettungsanker in der Reizüberflutung

Ich wollte über etwas ganz anderes bloggen, aber mir fehlt die Lust dazu. Also berichte ich von meiner Woche. Da lief ein bisschen was aus dem Ruder, was dazu geführt hat, dass ich immer noch sehr erschöpft bin. Wo soll ich es auch hinschreiben… wenn nicht hier. Das Problem sitzt eigentlich woanders, und zwar im Jänner, wenn ich für drei Wochen auf meine erste Kur fahre. Continue reading

Geschäfte und Lokale für Autisten in Wien?

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Ruhiger Gastgarten mit Katzen – Ich hab das Paradies gefunden

Vorab, weil ich es immer wieder höre: Natürlich leiden auch viele Nichtautisten unter dem Lärm und der generellen Reizüberflutung durch Menschenmassen. Aber das ist dann nur ein ausgeprägtes Symptom von vielen weiteren Symptomen, die zu autistischem Stress führen, der häufig chronisch wird und die Lebensqualität beeinträchtigen kann.

Meine subjektiven Kriterien für ein ideales Restaurant oder Kneipe zum Weggehen:

  • Musik in erträglicher Lautstärke (nicht schreien müssen, um sich zu verstehen)
  • Keine mit Sitzgelegenheiten zu vollgestopfte Räume, bei denen man sich aneinander vorbeiquetschen muss
  • Allgemeiner Geräuschpegel, was auch mit Raumhöhe und Bauart zu tun hat (schlimm sind Keller …)
  • Geräuschpegel, den die Bar (Kaffeeautomat) und Küche (z.b. in Kaffeehäusern) verursacht
  • Einsehbarkeit von außen: Bestenfalls große Fensterfronten, sodass ich freie Plätze erspähen kann, bevor ich das Lokal betrete (war früher ein Totschlagkriterium)
  • Dieser Punkt kollidiert allerdings mit: Rückzugsmöglichkeiten durch (verwinkelte) Nebenräume, die vom Lärmpegel des Hauptraums abgetrennt sind
  • Nichtraucher: Getrennte Bereiche funktionieren oft gar nicht (Tür bleibt ständig offen, die Kleidung stinkt danach trotzdem)
  • Schanigarten: Der “Gastgarten” am Gehsteig ist oft ein No-Go, weil man den Straßenlärm direkt daneben hat.
  • Gastgarten: Leider häufig ebenfalls ein No-Go wegen den vielen Rauchern. Auf Rauch reagiere ich immer empfindlicher und beim Essen mag ich es schon gar nicht.

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Besuch des autistischen Planeten: Noise-canceling Kopfhörer

Seit Mitte April besitze ich erstmals “noise-canceling”-InEar-Phones (gegen die Kapselkopfhörervariante entschied ich mich, da ich Brillenträger bin). Nun, was soll ich sagen? Hätte diese schon vor zwanzig Jahren gebrauchen können. Es ist ein völliges neues Lebensgefühl, eine deutliche Steigerung an Lebensqualität und derzeit kann ich das besonders brauchen. Anfangs hab ich die Kopfhörer nur in der Wohnung getragen, wo sie vom lästigen Uhrenticken über den surrenden Kühlschrank bis hin zu den Stimmen aus den Nachbarwohnungen alles vollständig ausfiltern. Auch das Bohren von der Baustelle irgendwo im Haus wird damit zum Schweigen gebracht.

Inzwischen bin ich damit auch gerne draußen, nur in Gebieten mit Straßenverkehr schalte ich die “noise-canceling”-Funktion aus, weil man herannahende Verkehrsteilnehmer sonst gar nicht oder zu spät bemerkt. Eine spürbare Erleichterung und Stressreduktion bringen sie für mich vor allem in größeren Einkaufszentren und Supermärkten. Die surrenden Tiefkühlaggregate werden stumm, auch das hektische Gewusel wird ganz leise. Ich kann beinahe entspannt zwischen den Regalen flanieren und muss nicht mehr hektisch hinein- und hinausrennen. Auch in öffentlichen Verkehrsmitteln kann ich mich besser abkapseln. Dann höre ich über das Smartphone außerdem meine Lieblingsmusik, was den Effekt noch verstärkt. Gestern war ich mit ihnen im Tiergarten Schönbrunn – das hektische Umhertollen der Kinder können die Kopfhörer zwar nicht wegfiltern, aber die grellen Kinderstimmen auf ein erträgliches Maß reduzieren. Bisher war das der Hauptgrund, weswegen ich mich vorher oft viel kürzer als geplant im Zoo aufhielt.

Die “noise-canceling”-Funktion hätte mir damals im Studium und auch bei den Vorbereitungen auf die Prüfungen in der Ausbildung vor zwei Jahren wesentliche Nachteilsausgleiche gebracht. Ich hätte Ruhe beim Lernen gehabt. In schmerzlicher Erinnerung ist mir noch die Statistikprüfung auf der Uni Innsbruck vor über 12 Jahren, als hinter dem Raum gerade die alte Universitätsbibliothek abgerissen wurde. Ich konnte mich bei dem ohrenbetäubenden Lärm nicht konzentrieren und fiel bei der Prüfung durch.

Der einzige Haken der “Bose Quiet Comfort 20 Acoustic Noise Canceling“-Kopfhörer ist der Preis: Mindestens 200 Euro (beim Hersteller 250 Euro) wird man dafür hinblättern müssen. Auf Twitter meinte ich scherzhaft, jeder sollte zusammen mit seiner Diagnose ein gratis Paar Bose-Kopfhörer erhalten. Realistischer betrachtet könnte ich mir vorstellen, dass jeder mit einer offiziellen Diagnose (durch einen Facharzt) zumindest einen deutlichen Preisnachlass beim Hersteller bekommen sollte, entweder aus Kulanz des Herstellers bei Vorlegen eines entsprechenden Nachweises selbst (unwahrscheinlich, aber nicht völlig ausgeschlossen, das Unternehmen nagt nicht am Hungertuch) oder durch die Krankenkassen. Voraussetzung dafür ist aber überhaupt erst einmal, dass die erhöhte Reiz- und insbesondere Geräuschempfindlichkeit bei vielen (nicht allen!) Autisten als Teil der autistischen Grundsymptomatik anerkannt wird.

Im rückständigen Österreich ist mir überhaupt nichts bekannt, was überhaupt bei Autisten übernommen wird (2012 haben die Gebietskrankenkassen selbst ABA abgelehnt – zum Glück, muss man allerdings sagen, das Early Start Denver Model wird allerdings finanziell unterstützthier ein kritischer Artikel der autistischen Autismus-Forscherin Michelle Dawson aus dem Jahr 2010!). In Summe drehen sich etwaige Förderungen aber nur um (Klein-) Kinder und Jugendliche, Erwachsene fallen vollständig durch den Rost.

In meinen Augen tragen Hilfsmittel wie Noise-Canceling-Kopfhörer wesentlich zu einer Verbesserung der Lebensqualität von (erwachsenen) Autisten bei, sie verringern chronischen Stress durch immanente Reizüberflutung und können die Teilhabe an der Gesellschaft bzw. im Verrichten von Alltagstätigkeiten (Einkaufen, Bus/Zug fahren) erleichtern.

Nervenaufreibend bis zuletzt

Flache Nebelschwaden im Süden von SalzburgDie letzten Wochen waren sehr anstrengend für mich, weil ich aus meinen gewohnten Routinen gerissen wurde. Es kamen gleich mehrere Baustellen zusammen und das hat dazu geführt, dass ich phasenweise die Fassung verloren habe und im mildesten Fall auf Twitter mit niveauarmen Schimpfwörtern um mich geschmissen habe. Der korrekte autistische Fachbegriff dafür lautet “Meltdown”. Erst elf Tage Dienstreise (Einschulung am neuen Arbeitsplatz in Wien), dann eine Woche Übersiedlung und diese Woche erneut Dienstreise (zum alten Arbeitsplatz, weil wegen Unterbesetzung meine Dienste nochmal benötigt werden). Meine üblichen Entspannungsroutinen – wandern, Film schauen, fotografieren, schreiben/bloggen – konnte ich in der ganzen Zeit kaum umsetzen. Continue reading

Was den Stress beim Einkauf verursacht

Einer der Hauptgründe für mein Prokrastinieren von (mehr oder weniger) dringenden Einkäufen ist der damit verbundene Stress mit anderen Menschen. Das beginnt häufig schon mit der Anfahrt. Ich verzichte meist aufs Rad, weil ich (inzwischen) seltener Einkaufen gehe, dann aber möglichst viel auf einmal kaufen will. Da ist das Rad dann hinderlich bzw. der Rucksack mitunter zu klein (mein schweres Bügelschloss muss auch noch reinpassen). Das heißt dann immer Bus, und der ist unpünktlich, unbequem (Straßenschäden, ruckartiges Anfahren und Bremsen) und voll. Pro Busfahrt mindestens eine Person, die sich wochenlang nicht gewaschen hat, und sich dann meistens zu mir setzt oder stellt.

Im Einkaufszentrum ist es laut, hektisch, wuselig, Gedränge, Gerempel. Überlaute Hintergrundmusik sorgt dafür, dass es keine Ecke gibt, wohin man sich kurz mal zurückziehen kann.

In Einzelhandelgeschäften fehlt mir häufig die Möglichkeit, mir vorher im Online-Shop das Produkt meiner Wahl herauszusuchen, weil ich vor Ort oft “den Wald vor lauter Bäumen nicht sehe.” Zudem wird man meist sofort angesprochen von Verkäufern, was ja gut gemeint ist, aber mich immer extrem unter Entscheidungsdruck setzt. Ich muss mir Produkte immer vorher erst anschauen können. Deswegen geh ich nie auf Wochenmärkte, weil man sofort vom Marktstandverkäufer angelabert wird, klar, der will verkaufen, speziell, wenn nebendran noch zehn weitere Gemüsemärkte mit günstigeren Preisen sind. Aber ich kann mir dann nichts anschauen und bin oft in dem Moment so überreizt, dass ich verstumme statt laut auszusprechen “Ich möchte mir zuerst alles anschauen.

So gibt es in Salzburg mindestens fünf oder sechs Sportgeschäfte, aber ich kenne keinen Verkäufer/Berater persönlich wie in Wien, und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass er mir etwas aufschwatzt, dass ich gar nicht wollte. Ist schon zu oft passiert. Also warte ich oft lange, bis ich wieder in Wien bin, wo mein persönlicher Verkäufer auch mal sagt “da zahlst Du nur die Marke mit, es gibt auch das günstigere Produkt X, das genauso gut ist.”

In größeren Elektronikfachgeschäften sind die Mitarbeiter teilweise inkompetent, teilweise kompetent, ein Glücksfall. Als ich meine Spiegelreflex bewusst dort kaufte, weil ich im Garantiefall dann überall in Österreich hingehen konnte, und nicht an einen fixen Ort gebunden war, befand sich in der Schachtel kein Akku. Als ich zurückging und dies reklamierte, wollten sie mir unterstellen, ich hätte ihn daheim herausgenommen. Der Lüge/Betrug bezichtigt zu werden hat mich so wütend gemacht, am liebsten hätte ich den Kauf rückgängig gemacht. Dabei war es sogar der jüngere (neue) Mitarbeiter, der mir glaubte, aber der Leiter der Fachabteilung hat drei Mal Äußerungen fallen lassen, wo er mir eindeutig nicht glaubte. Es macht wahrlich keinen Spaß, viel Geld für einen Laden hinzulegen, wo der Kunde erstmal Verbrecher ist, wenn er reklamiert, wenn in Wahrheit die Mitarbeiter Mist gebaut haben. In seriösen Geschäften wird immer vor der Herausgabe kontrolliert, ob sich die vollständige Ware im Karton befindet.

Am häufigsten aber ist der Supermarkteinkauf. Früher waren sowohl die Laufbänder länger zum Auflegen als auch der Ablagebereich, um einzuräumen. Inzwischen haben viele Geschäfte kurze Laufbänder, wenig oder gar kein Ablagebereich und häufig viel zu wenig Trennteile, um seine Waren vom nachfolgenden Kunden abzugrenzen. Wenn der Vordermann oder die Vorderfrau dann vor sich hinträumt, hat man plötzlich wenig Zeit, alles aufzulegen, oder der Hintermann/Hinterfrau legt auch schon auf und man hat zu wenig Platz für sein eigenes Zeug. Oder wenn man der erste an der Kassa ist, was ich zu vermeiden versuche. Denn dann muss ich blitzschnell alles auflegen, während sies schon drüberzieht, aber ich kann nicht gleichzeitig auflegen und aufräumen. Der oder die nach mir drängelt schon oder kommt auf Körperkontaktnähe an mich heran, was ich wie die Pest hasse. Extra nervig ist es dann, wenn ich meinen Rucksack auch noch herzeigen muss, und sie zieht weiter über den Scanner. Dann komm ich gar nicht mehr nach, in der Hektik fällt mir dann noch was herunter. Als ich noch jünger war und weit vor der Diagnose, musste ich immer im Kopf erst organisieren, in welcher Reihenfolge ich den Rucksack abnahm, Geldbeutel bereithielt und wieder einräumte. Das klappt zwar inzwischen schon intuitiver, aber manches “Könnten Sie bitte den Rucksack zeigen?” kommt doch immer noch unerwartet und unvorbereitet.

Nach solchen Erlebnissen bin ich meist nassgeschwitzt, der Schweiß steht auf der Stirn. Das kann bei Konfrontationen wie in dem Elektronikgeschäft wirken, als ob ich schuldig sei. Tatsächlich laufen bei mir nur die Stresshormone Amok. Danach sackt auch der Blutzucker ab, ich muss dann dringend etwas essen, sonst werd ich ganz zittrig. Man kann sich vorstellen, dass die Summe aus alledem schwer unter einen Hut mit mehreren Einkäufen an einem Tag zu bringen ist. Regentage machen es nicht leichter, zur allgemeinen Geräuschentwicklung kommt noch das schneidende Geräusch von Fahrzeugreifen auf einer nassen Fahrbahn hinzu.

Man könnte jetzt natürlich sagen – warum bestellst Du nicht alles online? Das klingt im ersten Moment einfach und unkompliziert, aber ist es dann gar nicht. Erstens besitzen nicht alle Sportgeschäfte einen (übersichtlichen) Online-Shop, zweitens muss ich gerade bei Lebensmitteln sehen, was ich einkaufe, nicht immer steht alles auf meiner Liste, und drittens ist es durch meinen Schichtdienst ein Glücksspiel, ob ich zuhause bin oder nicht. Und ich möchte an freien Tagen nicht den ganzen Tag zuhause bleiben zu müssen, in Erwartung eines Pakets, dass dann vielleicht doch nicht kommt. Ich hole es auch ungern bei meinen (wenig geliebten) Nachbarn ab, wo man dann wieder darauf angewiesen ist, dass diese auch zuhause sind. Oder die lange Odyssee mit Paketdiensten und -zustellung.

Was helfen würde (Auswahl ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Rückzugsräume in Einkaufszentren

Beruhigende Klassikmusik statt lautes Popgedudel

Keine Musik/Hintergrundbeschallung in Einkaufsmärkten

Keine grellen/flackernden Neonröhren

Wieder mehr Ablagefläche an den Kassen

Begleithund (schön wär’s …)

Abstand halten (wird bei Bankomaten ja auch gemacht)

Übersichtliche Online-Shops und/oder übersichtliche Märkte (Negativbeispiel: Hervis, Intersport)