Vollzeitautist.

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In ihrem Blogartikel zum Welt-Autismus-Tag über mangelnde Barrierefreiheit für Autisten schrieb elodiyla diese Zeilen:

Der größte Teil der Autisten ist arbeitslos. Wahrscheinlich, weil sie an Bewerbungsgesprächen und sozialen Strukturen scheitern. Die Barrieren in den Köpfen der anderen hindert sie daran, ihre Produktivität einsetzen zu können. Doch zu viele Menschen glauben, dass jemand, der im Alltag viele Schwierigkeiten hat, keine komplexe Aufgaben lösen kann.

Ich erlebe diesen vermeintlichen Widerspruch selbst und er hemmt mich dabei, offen mit meinem Autismus umzugehen. Für Außenstehende ist es nicht nachvollziehbar, wie jemand, der Vollzeit im Schichtdienst arbeitet, im Alltag ein einfaches Telefonat nicht führen kann, nicht mal zu den Nachbarn hingeht, wenn sie zu laut sind, kein Auto fahren will oder kann, obwohl er ständig über die Öffis meckert und seine Einkäufe und Arzttermine andauernde verschiebt. Wie passt das zu beruflichen Höchstleistungen?

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Too much information

Kurz notiert. Heute mit dem Vorhaben ins Einkaufszentrum (die ich normalerweise meide, aber im einkaufszentrenverseuchten Salzburg gibt es sonst keine genügend hohe Dichte an Geschäften, wo man zentral das bekommt, was man braucht, und mangels zeitgemäßer Verkehrsanbindung kommt man auch nicht schnell woanders hin, speziell bei starkem Dauerregen, wenn das Rad ausscheidet.), Winterlaufschuhe mit Spikes zu kaufen. Und der obligatorische Lebensmitteleinkauf danach. In der Galerie erschlägt mich die Menschenmasse. Kaum Unterschied zum 27.12. als ganz Bayern und Salzburg einkaufen war. Hölle. Nach etwa zehn Minuten geht mir die Langsamgeherei* der Flanierer schon auf den Sack (* ich unterscheide dabei sehr wohl zwischen denen, die körperlich nicht schneller können und den Schaufensterschlenderern, die an den Flaschenhälsen stehenbleiben), andauernd muss ich mich vorbeiquetschen. Und ich kann nirgends stehen bleiben, weil ich anderen damit automatisch im Wege stehe. Ärger im Reformhaus über unsortierte Ware, finde das Pulver gegen Sodbrennen auch beim zweiten Mal nicht. Wegen dem generellen Lärmpegel schaff ichs nicht, die Verkäuferin zu fragen. Als Nächstes zum Hervis, der die größte Salomonauswahl hat. Wieder Ärger über die scheinbar chaotisch verteilte Ware, dazu Hölle, weil zwei Drittel der Verkaufsfläche Wintersport ist und endlos herumgewuselt wird. Ich kann nicht mal zwischen zwei riesigen Schuhkartonbergen stehenbleiben, um zu schauen, weil ich damit anderen Kunden im Wege stehe, die da genau durchwollen. Die gewünschten Schuhe oder vergleichbare mit Spikes finde ich nicht. Aber da war noch ein Geschäft im Erdgeschoss von Salomon selbst. Der Weg dorthin wieder nahe am Meltdown. Menschen, Menschen, Menschen. Flaschenhälse bildend. Sich vorbeiquetschen müssen. Im Geschäft ein Kommen und Gehen, schnatternde Verkäuferinnen. “Den Schuh gibt es nicht mehr. Am besten im Internet schauen, da gibt es ihn noch manchmal.” – danke, sehr präzise. Zumal es deppert ist, wenn man Schuhe vorher anprobieren muss. Aber erst mal finden. Vielleicht hätte ich den Halbschuh anprobiert, aber zu hoher Lärmpegel. “Ich schau mal woanders” antworte ich, um einen Vorwand zu haben, schnell hinauszukommen. Der lästige Einkauf fehlt noch. Dort wieder zu viele Menschen, alle mit Einkaufswägen. Alle gaaaanz langsam schiebend, möglichst jeden Platz versperrend. Aber stehenbleiben kann man wieder nicht, weil man dann im Weg steht. Gespräche über Familientratsch zwischen den Konserven- und der Nudelabteilung. Sie stehen genau dort, wo ich hinwollte. Keine Kraft, um was zu sagen. Ich muss hier weg, und zwar schleunigst. Zum Glück reicht der Kassiererin heute das Zeigen der leeren Einkaufstasche und ich muss den Rucksack nicht extra absetzen. Das bringt mich sonst wieder unter Druck beim Einräumen. Gewaltsames zur Seite drücken von Personen, die im Weg stehen und nicht reagieren. Schnell raus und in den ersten Bus, egal wohin. Nur weg von der lauten Straße, die bei Dauerregen noch lauter ist als sonst. Ferienzeit, die Busse fahren noch seltener und sie fahren ohnehin zu selten. Wieder nicht bekommen, was ich wollte. So oft ist das. Ich nehme es mir fest vor, und binnen Minuten bin ich so überreizt, dass nichts mehr geht. Assistenzhund wäre die Lösung. Der mich durch den Menschendschungel sicher geleitet. Anderer Fokus. Notflauschisierung, wenn es gar nicht mehr geht.

Isoliert bleiben

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Ein schwieriger Umgang für mich. Ich weiß, es gibt viel viel mehr Autisten, die Familien gegründet haben oder erst später mit Familie von der Diagnose erfuhren. Für mich selbst ist das alles jedoch sehr weit entfernt von meiner Lebensrealität. Beziehung? Fehlanzeige. Nach über drei Jahrzehnten Lebenszeit könnte man meinen, dass da schon was vorhanden sein müsste. Jetzt bin ich in dem Alter, indem viele Weggefährten, Bekannte und Freunde, aber auch Arbeitskollegen eine Familie gründen. Das ist für mich leider oft gleichbedeutend mit dem Ende der Bekannt- oder Freundschaft. Continue reading