Buch über Autisten im Beruf übersetzt und Neuigkeiten zum Geschlechterverhältnis bei Autisten

Die erste gute Neuigkeit ist schon ein wenig älter, komme aber erst jetzt dazu, darüber zu berichten:

  1. Rudy Simone – Asperger’s on the Job

Das Buch der Autistin Rudy Simone ist in meinen Augen DAS Standardwerk für Asperger-Autisten, Kollegen (von Autisten) und Arbeitgeber. Es wurde nun vom Autismus-Verlag übersetzt. Weshalb ich das Buch so wertvoll halte? Für mich persönlich war es ein echter Augenöffner. Ich las es erstmals, als ich noch den Verdacht hatte, Asperger zu sein (Frühjahr 2014) und bis auf ein paar durchaus eindeutige Internet-Selbsttests wenig Handfestes gelesen hatte. Die Aha-Erlebnisse bei der Lektüre waren regelrecht ein Schock! Ich erkannte mich in so vielen Situationen wieder, das konnte ich mir gar nicht alles einbilden! Auszüge aus ihrem Buch habe ich in Teil II und Teil III meiner dreiteiligen Serie über Autismus im Beruf übersetzt (außerdem: Teil I ).

Die zweite Neuigkeit bestätigt meinen subjektiven Eindruck, dass Autismus bei Mädchen und Frauen viel häufiger ist als in den derzeitigen Statistiken widerspiegelt wurde. Vergesst bitte die Theorie des extrem männlichen Gehirns von Baron-Cohen. Es suggeriert außerdem, dass Autisten weniger Empathie hätten, während nach Dziobek et al. (2008= die emotionale Empathie (Mitgefühl) bei Autisten sogar stärker ausgeprägt ist.

  1. 2. In diesem Spektrum-Artikel wurde das Geschlechterverhältnis bei Autisten nun von 4:1 auf 3:1 reduziert.

Die Professorin für kognitive Neurowissenschaften am King’s College in London, Francesca Happé, sagt dazu: „Es gibt uns bis heute die stärkste empirische Grundlage, welche die Idee unterstützt, dass Autismus bei Mädchen wahrscheinlich unterdiagnostiziert wird. Das sind wirklich große Neuigkeiten.“ Zumal die derzeitigen Theorien zur Ursachenentstehung bei Autismus auf der Annahme basieren, dass Männer anfälliger sein als Frauen. Autismus bei Mädchen wird eher übersehen, weil Ärzte und andere denken, es beträfe vorwiegend Buben. Mädchen maskieren ihre autistischen Eigenschaften zudem besser [Anmerkung: Und erhalten dann eher eine Borderline- oder ADHS-Diagnose]. Die Analyse zeigte außerdem eine gleichmäßigere Verteilung von Buben und Mädchen (3.1:1) bei Studien mit hohem Anteil an Kindern mit geistiger Behinderung. Die Fähigkeit von Mädchen, ihren Autismus zu überspielen, hängt mitunter von ihrer Intelligenz ab oder sie werden stärker beeinträchtigt als Buben.

Manche Forscher sind der Meinung, dass das Verhältnis insgesamt sogar unter 3:1 liegen könnte, weil Autismus-Tests vorrangig für typische Eigenschaften bei Buben entwickelt wurden. „Weil die Forschung und klinische Erfahrung mehrheitlich Buben umfasst, sind unsere Diagnosekriterien beinahe mit Gewissheit zugunsten von Männern verschoben“, sagt Happé.

Auch eine weibliche Form von Autismus ist denkbar, da Mädchen eher zu subtilen eingeschränkten Interessen und weniger repetitives Verhalten als Buben neigen. Doch die Diagnosekriterien zu ändern, um mehr Frauen mit autismusähnlichen Eigenschaften zu diagnostizieren ist keine leichte Aufgabe, weil dadurch Autismus selbst anders definiert werden müsste.

Darüber schreiben ist leicht, darüber reden nicht.

In diesem Jahr ging für mich viel vorwärts. Leicht ist es nie. Beim zweiten Job konnte ich frühzeitig darauf achten, bestimmte Fehler vom ersten Job nicht zu wiederholen, etwa die richtige Kleidung, soziale Gepflogenheiten, aber auch das rechtzeitige Coming Out, bevor der äußere Eindruck und die tatsächliche Absicht zu stark divergieren. Autismus verschwindet nicht, nur weil man plötzlich über viele Hintergründe für sein eigenes Verhalten Bescheid weiß. Autistisches Verhalten ist die Folge der anderen Wahrnehmung. Meine Wahrnehmung wurde durch die Diagnose nicht nichtautistisch, sie ist autistisch geblieben. Zeitweise sah es so aus, als müsste ich meine andere Wahrnehmung ausführlicher erläutern, um mehr Verständnis und Entgegenkommen zu ermöglichen. Ein Zufall sorgte dafür, dass ich das nicht mehr musste, sondern im bald dritten Job sehr strukturierte Arbeitsabläufe vorfinden werde, die meinem autistischen Streben nach Gleichförmigkeit, Ordnung und festen Prioritäten sehr entgegenkommen.

Ich gebe aber offen zu, dass ich immer noch Angst habe, offen mit meinem Autismus umzugehen. Ich schrieb wochenlang an Erklärungen, die ich vis-à-vis nicht aussprechen konnte, meist, weil sich die Gelegenheiten dafür nie ergaben. Entweder war ich zu müde, zu gestresst, zu überreizt und/oder der Adressat hat keine Zeit, war in Eile oder das Gespräch hätte bei zu vielen Umgebungsreizen stattfinden müssen. Zu wenig Zeit ist ganz schlecht. Ich brauche etwas Anlaufzeit, um etwas zu erklären, insbesondere, wenn es um nichts Geringeres als meine Zukunft geht. Woher die Angst? Es ist wahrscheinlich eine häufige Angst von Autisten, dann nur über Defizite wahrgenommen zu werden, dass nachfolgend nicht mehr über Stärken gesprochen wird. Diese Angst hemmt, bis sich Konflikte aufschaukeln, was vermeidbar ist, wenn das Verständnis für eine andere Wahrnehmung, eine andere Sicht auf die Welt und Erlebtes vorhanden wäre. Da kann man noch so viel darüber lesen und schreiben und diskutieren – wenn es um einen selbst geht, ist das nochmal ein anderes Kaliber.

Anders ist es, wenn es um nichts geht, wenn ich nur aufkläre, über mich spreche, mit dem Ziel, Vorurteile zu beseitigen, ein paar Wissenslücken zu stopfen. Im vergangenen Jahr durfte ich in der Ö1-Sendung Moment – Leben heute, mit Anna Masoner über meinen Autismus sprechen, dieses Jahr bei der Veranstaltung von Specialisterne Austria und Anecon vor Unternehmern und Journalisten in Wien. Auch für die Festschrift zum 25-jährigen Bestehen des Instituts für berufliche Integration (ibi wien) durfte ich einen Artikel verfassen. Größere Ambitionen, etwa eine Autobiografie, habe ich keine. Der Markt ist gerade gesättigt und ich wüsste nicht, welchen Mehrwert ich den vorhandenen Deutungen und Erklärversuchen von Autismus beisteuern sollte. Dafür bin ich wohl zu sehr Universaldilettant – an allem interessiert, aber zu wenig spezialisiert. Und ich möchte nichts veröffentlichen, über das ich nicht ausgiebig recherchiert habe. Das können andere besser. Nebenbei bin ich hauptberuflich Meteorologe und meine Interessen haben sich dank der Wertschätzung meiner Stärken schwerpunktmäßig nach längerer Durststrecke wieder hin zum Wetter verschoben, wo sie vorher schon lange gewesen sind. Eher schreibe ich mal ein Buch über meine Wanderungen oder ein Fachbüchlein zum Wetter.

Und nicht zuletzt hat auch die Art und Weise, wie Autismus-Aktivismus im deutschsprachigen Raum gelebt wird, dazu beigetragen, mich nicht weiter hineinzusteigern, mich über jeden journalistischen oder politischen Fehltritt zu empören oder unbedingt Lindt zu boykottieren, weil sie – im Unwissen darüber, was sie da eigentlich unterstützen – Autism Speaks fördern. Die Gehirnwäsche von Autism Speaks ist erfolgreich, klappt in den USA besonders gut, und im deutschsprachigen Raum weiß man ohnehin nicht, was Autismus erst mal ist. Ich boykottiere dann, wenn jemand wissentlich für die böse Sache eintritt, so wie damals der Nudel-Barilla-Chef mit homophoben Äußerungen. Erst nach der öffentlichen Entschuldigung habe ich die Barilla-Nudeln wieder gekauft. Besser einen Appell an Lindt, die Kooperation mit AutismSpeaks zu überdenken. [und nein, das ist keine Bevormundung, es sei jedem selbst überlassen, was und wen er aus welchen Gründen boykottiert. Genauso wenig mag ich verheimlichen müssen, dass ich mir gelegentlich mal eine Lindt-Schokolade gönne, weil sie mir schmeckt. Auch Google unterstützt Autism-Speaks, und Google zu meiden ist fast unmöglich. Entweder konsequent sein oder gar nicht.]. Die ganze Entwicklung, u.a. auch das leider spurlos verschwundene Nummermagazin, das frischen Wind ins armeHascherl-Land Österreich brachte, hat mich die letzten Monate sehr frustriert, und zerreißt mein Herz, weil ich einerseits sehr engagiert bin und gerne aufkläre, mich andererseits aber immer dann zurückziehe, wenn zu viel Herdendenken aufkommt. Ich möchte nicht Teil dieser Bewegung sein.

Und dann heißt es nach vorne blicken. Im neuen Jahr habe ich einiges vor mir: Prüfungen, Wohnungssuche, Umzug, neue Umgebung, neue Kollegen, neue Aufgaben. Keine Zeit zum Trübsal blasen, aber auch keine Zeit mich über Dinge aufzuregen, die ich ad hoc nicht ändern kann. Wenn ich herausgefunden habe, wie ich gewisse Herausforderungen bewältigen kann, werde ich sicherlich darüber schreiben. Meine Schreibwut hört gewiss nicht auf.

Mein Autismus

Der Text war Teil eines Vortrags, den ich heute bei einer Veranstaltung von Specialisterne Austria und Anecon in Wien gehalten habe.

Ich bin erst seit eineinhalb Jahren diagnostiziert und zähle wohl zu den unauffälligen Autisten. Unauffällig impliziert aber noch längst nicht, ein leichteres Leben zu haben, sondern auch mit hohen Erwartungen konfrontiert zu sein. In der Kind- und Jugendzeit blieb ich Außenseiter, mit anderem Musikgeschmack (z.B. Jazz) als alle anderen, anderen Hobbys, unsportlich und dafür immer viel am Schreiben, meist auf Notizzetteln und Blocks, aber auch Kurzgeschichten, Gedichte, usw. Meine Stärke war der Kopf, nicht der Körper. Meine Reizempfindlichkeit (gerade auf Geräusche) war zwar frühzeitig ausgeprägt, aber trat auf dem ländlichen Leben nicht sonderlich in Erscheinung. Erst mit dem Übertritt ins Studium bemerkte ich die Schwierigkeiten, weniger vom Lärm als vor allem zwischenmenschliche Kommunikation. Missverständnisse gab es immer wieder und ich kam mir oft reichlich naiv vor. Übrigens verstehe ich Ironie und Redewendungen oft problemlos, nur beim „abends werden die Bürgersteige hochgeklappt“ stellte ich mir das  bildlich vor.

Seit einem Jahr blogge ich hier regelmäßig über Autismus, über alles, was mich interessiert und weil ich gerne Englisch lese, übersetze ich englische Texte über Autismus, gelegentlich schreibe ich auf Englisch, weil ich meine Gedanken so besser zum Ausdruck bringen kann.

Viele dringende Themen betreffend Autismus gehören angesprochen, aber mich gibt es nur einmal und deswegen ist mein wichtiges Anliegen die Arbeit. Zuviele Ängste und Vorurteile verhindern, dass Firmen Autisten einstellen oder weiterbeschäftigen. Oft kommt es zu Missverständnissen aufgrund ihres Verhaltens oder unklarer Vorgaben. Und Autisten sind nicht nur in IT-Berufen zuhause, sondern in allen (!) Berufsfeldern, längst nicht nur Männer, sondern auch viele Frauen. Wenn die Rahmenbedingungen günstig sind, ist ein Autist ein genauso wertvoller und produktiver Mitarbeiter wie alle anderen auch.

Mein Werdegang ist sicherlich nicht stereotyp für Autisten. Zwar findet sich in vielen Infotexten oder Büchern über Autismus der Hinweis auf „beschäftigt sich gerne mit dem Wetter“, doch liest man nirgends von Autisten, die ein solches Spezialinteresse zum Beruf gemacht haben. Ich habe es studiert und arbeite seit über 6 Jahren im Schichtdienst. Dieser spezielle Beruf und meine Leidenschaft bringen es mit sich, sich immerzu mit dem Wetter zu beschäftigen. Wetter hört nie auf, nein, auch nachts nicht (schon zwei Mal bekam ich die irritierende Frage, was ein Meteorologe in der Nacht macht), und deswegen ist Vollzeit für mich kein Nachteil. In meiner Freizeit nutze ich mein Wissen, um meine Wandertouren zu planen und fotografiere währenddessen auch die Wetterphänomene, worüber ich später wieder Berichte und Fallstudien schreibe. So schließt sich der Kreis, es macht mir Spaß und ich gewinne ständig an Erfahrungen, die ich im Beruf direkt einsetzen kann.

Einschub Studium:

Ich hatte Glück. Ich wurde finanziell unterstützt, hab noch im Diplom studiert, konnte die zeitliche Abfolge der Fächer und Prüfungen großteils selbst bestimmen und es war eine kleine, aber sehr soziale Gemeinschaft an Studienkollegen, die sich gegenseitig geholfen hat. Heutzutage im Bachelor/Master hat sich vieles geändert, gerade in meinem Studienfach eindeutig zum Nachteil. Wen es wirklich in die Wettervorhersage zieht, der hat nach 3 Jahren Bachelor zu wenig Praxis und wird in der Regel schlechter bezahlt als mit Master-Abschluss. Es gibt viele Anwesenheitspflichten und kaum noch freie Wahlfächer (ich besuchte z.B. Sportphysiologie aus purem Interesse), was das interdisziplinäre Denken nicht fördert (das ist aber sehr wichtig, um Kreativität zu fördern).

Viele Autisten tun sich schwer mit …

  • Gruppenarbeit, Kontakte knüpfen, Fragen zu stellen
  • überfüllten Hörsälen, Reizüberflutung, Akustik (Professor ganz vorne verstehen), Prüfungssituationen mit Nebengeräuschen
  • Anwesenheitspflicht, wenn bereits der Alltag anstrengend ist und Erholung nur zulasten von Vorlesungsstunden gehen kann
  • Finanzierung durch Nebenjobs, weil dafür die Energie fehlen kann bzw. typische Nebenjobs nicht zwingend autistenfreundlich sind (z.B. kellnern)

Für viele Probleme gibt es jedoch Lösungen, sei es eine Assistenz(hund), feste Ansprechpartner im Studienfach, Nachteilsausgleiche bei Prüfungen, ein konsequentes Durchsetzen der Ruhe im Hörsaal (quatschende Studenten sind extrem störend und belastend), kleinere Gruppen, Kennenlernen über schriftliche Kanäle, etc.*

Auch in der Arbeit ähneln sich die Schwierigkeiten oft, aber auch hierfür gibt es Lösungen:

Wenn Telefonate schwerfallen … sich Notizen machen (daran erinnert werden, Notizen zu machen), um den Gesprächsinhalt nicht zu vergessen. Möglichst auf E-Mail ausweichen oder zusätzlich ein E-Mail schicken, um den Inhalt noch einmal zusammenzufassen.

Wenn Missverständnisse entstehen … Anweisungen klar formulieren und vor allem nicht auf die Zwischenschritte vergessen. Mir geht es dabei oft wie bei Anleitungen, ein Möbelstück zusammenzubauen, es werden oft Schritte übersprungen, „weil sie für den Durchschnittsmenschen eh logisch sind“, nur für mich eben nicht.

Die Umgebung reizarm gestalten …. also den Kopierer aus dem Büro in den Flur verbannen, nicht das Radio laut aufdrehen und schon gar nicht, wenn man gerade telefonieren muss. Wenn ein Einzelbüro nicht möglich ist, dann Kopfhörer anbieten, auch ein Milchglas hilft als Trennwand, denn ablenkend sind hektische Bewegungen im Blickfeld (wenn Kollegen oder Kunden hin und her laufen).

Infos bezüglich Änderungen rechtzeitig und vollständig bekanntgeben … nicht darauf hoffen „der wird das schon irgendwie erfahren“, gilt besonders bei Teilzeit, wenn die Anwesenheit im Büro zu einem Infomangel führt. Autisten fühlen sich wohler, wenn etwas vorhersehbar ist, wenn etwas geplant werden kann. Das senkt den (negativen) Stress deutlich, sie sind dann deutlich entspannter.

Feste Ansprechpartner sind ebenso hilfreich wie eine – stets aktuell gehaltene Checklist.

Über autistische Stärken habe ich mich erst vor kurzem ausgelassen. Ich glaube, dieses „thinking outside the box“ ist eine der Schlüsselfaktoren, wo Autisten einen Mehrwert einbringen können.

Bei mir ist es das Denken in Bildern bzw. Mustern, was mir in diesem Berufsfeld Vorteile bringt. Meine Aufgabe ist es, das Wetter richtig zu prognostizieren. Das geschieht mithilfe von Wetterkarten, die teils komplex aufgebaut sind. Wiederkehrende Wetterlagen zeigen ähnliche Muster (100 % gibt es nicht) und hier hilft die Erfahrung, diese Ähnlichkeiten zu erkennen. Ich kann die Karten blitzschnell durchscrollen, weil ich ein gutes visuelles Gedächtnis habe.

Ich achte auf Details und erkenne Kleinigkeiten, die große Auswirkungen auf die Qualität der Prognose haben können. Mein vielfältiges autodidaktisch erarbeitetes Wissen in den unterschiedlichsten Teilbereichen hilft mir hier weiter.

Detailerkennung bedeutet Fehlererkennung, ich sehe Rechtschreibfehler sofort und habe  ein Gefühl dafür, ob ein System „reibungslos“ läuft oder die Effizienz gesteigert werden kann. In den meisten Fällen läuft übrigens etwas unrund, weil ein Mangel an Kommunikation besteht. Es mag ironisch anmuten, dass dies ausgerechnet einem Autisten auffällt, aber aus einer Schwäche kann eben eine Stärke werden.

Eine logisch-systematische Denkweise ist immer hilfreich. Viel zu oft wird die Frage nach dem „warum“ nicht gestellt. Ich gebe mich nie damit zufrieden, wenn eine Prognose nicht hinhaut, sondern betreibe immer Ursachensuche. Erst, wenn ich die Ursachen einer Fehlprognose bzw. einer bestimmten Wetterentwicklung erkannt habe, kann ich dies beim nächsten Mal berücksichtigen und künftige Fehlprognosen vermeiden zu versuchen. Ich breche aus vorgefertigten Schablonen aus und lerne neue Methoden hinzu.

Den typischen Autisten gibt es nicht. Der eine hat kein Problem mit Telefonaten, etwa im Callcenter, weil es immer die gleiche Abfolge hat, die andere mag nur bestimmte Telefonate nicht oder kann nicht telefonieren, wenn es laut ist. Es gibt Autisten, die tagelang Exceltabellen ausfüllen können und andere, die Abwechslung – geplant – lieben. Der vermeintlich schüchterne Autist kann tatsächlich extrovertiert sein und gerne auf Partys oder Betriebsfeiern gehen, aber weiß nicht, wie er seine Kollegen anreden soll. Und nicht zuletzt sind Autistinnen auch in Sozialberufen vertreten, ich kenne Lehrerinnen, Ergottherapeutinnen und Psychologinnen. Ihr Spezialinteresse zum Beruf gemacht, warum muss Autismus da zwingend ein Hindernis sein?

Mein Appell an meine Leser, insbesondere an Arbeitgeber, Personalchefs, etc. ist:

  • Lasst Euch auf den Autismus ein! Wenn ihr von der Diagnose wisst, nehmt sie ernst. Fragt nach, holt Informationen ein, aber lasst ihn auch dazu etwas sagen, denn im Internet findet sich viel veralteter Unsinn über Autismus. Wenn sich ein Autist outet, ist das eine große Kraftanstrengung, die großen Respekt verdient! Legt ihm dann nicht nahe, es für sich zu behalten, wenn er offen damit umgehen möchte. Immerhin betrifft es nicht nur den Chef, sondern auch die Kollegen.
  • Fördert den schriftlichen Austausch! Die Mehrheit der Autisten tut sich schriftlich leichter als mündlich. Viele Angelegenheiten lassen sich besser per Mail klären als mit einem Anruf. Zudem geben sie dem Autisten auch Zeit, eine Antwort zu formulieren anstatt Schnellschüsse zu produzieren.

* Nachtrag bezüglich „Lösungen“. Ich hätte es im Konjunktiv formulieren sollen. Es gäbe viele Möglichkeiten, dass ein Studium für Autisten nicht unmöglich ist. Auch wenn das sicherlich vom Studienfach abhängig ist. Ich habe Naturwissenschaften studiert, wo es wieder anders ist als in Sozial- oder Geisteswissenschaften. Da gab es Arbeitsgruppen, um Übungsaufgaben zu lösen. Ein Studium steht und fällt mit den Finanzen, das gilt für alle, insbesondere weil die heutige Bachelor/Master-Konzeption kaum einen Teilzeitjob oder mehr duldet, aufgrund der häufigen Anwesenheitspflichten und des stark verschulten Lehrplans. Ein tierischer Begleiter im Alltag ist derzeit eher Glück, die Finanzierung dafür momentan theoretisch, zumal viele mit einem Begleithund nur blinde Menschen verbinden, nicht aber autistische Menschen.

Kein Beruf für Autisten?

sammel

Spezialinteressen kommen und gehen, manche bleiben ein Leben lang und werden schließlich zum Beruf gemacht. Vor der engeren Beschäftigung mit Autismus hielt ich mathematische Berufe für Autisten für stereotypisch. Das lag auf der Hand, logisch-analytisches Denken einzusetzen. Autisten in Sozialberufen? Als Schauspieler? Als Journalisten? Als Burlesque-Tänzerinnen? In ganz normalen Berufen? Ausgefallene Berufe? Was für viele neurotypische Menschen befremdlich erscheint, zeigen Studien und Erfahrungsberichte ganz deutlich: Autismus ist kein Widerspruch dazu, den Beruf auszuwählen, der einem Spaß macht – selbst wenn er auf den ersten Blick ungeeignet erscheint.

Zwar findet man in vielen Artikeln und Büchern über Autismus immer wieder mal den Hinweis auf das Wetterinteresse von (jungen) Autisten, aber nirgends liest man von autistischen Meteorologen. Es gibt sie: Ich bin einer von ihnen, der sein Spezialinteresse zum Beruf gemacht hat. Weiterlesen

„Der ist halt ein bisserl komisch.“ Presse, 27.3.16

Im Karriere-Teil der Presse-Zeitung ist am 27. März 2016 ein ausführlicher Artikel zu Asperger im Beruf erschienen, auch Specialisterne Austria wird erfreulicherweise erwähnt.

Es war wieder einmal höchste Zeit, dem Thema Autismus eine ganze Seite zu widmen, im wesentlichen ist dies in diesem Artikel auch gut umgesetzt worden. Ein paar Anmerkungen dennoch, in der Hoffnung, sie mögen eines Tages auf fruchtbaren Boden fallen …

Die inhaltliche Aussage ist klar: Autisten können mehr als man ihnen zutraut, zu viele sind arbeitslos. Weiterlesen