Sheldon Cooper: Reizthema oder Künstlerfreiheit?

Ich war vorübergehend ein glühender Fan der Sitcom. Vier schrullige Physiker mit Schüchternheit, wenn’s um Dates und Beziehungen geht. Die romantische Situationen mit Fachdiskussionen sprengen. Hey, das könnte aus meinem Leben sein! Mein erstes Date in der Schulzeit hab ich so zerstört, weil ich der Bekanntschaft Wolkenbilder gezeigt habe! Wolkenbilder!! Danach hab ich sie nicht wieder gesehen. Heute kann ich darüber schmunzeln, denn ich kannte damals die sozialen Codes und Signale nicht, die neurotypische Frauen beim Flirten verwenden. Auch bei späteren Bekanntschaften hab ich die Signale nie gesehen, habe nie gewusst oder bemerkt, was sie interessiert und was nicht. Viele komisch dargestellte Situationen mit Sheldon Cooper erinnerten mich an eigene Erlebnisse. Continue reading

Advertisements

“Lass Dich doch diagnostizieren!”

Dieser Ratschlag wird in Autismusforen recht schnell vergeben, wenn ein Neuankömmling von seinen Symptomen schildert und sich unsicher ist, ob das Autismus sei oder nicht. Während in den USA – auch aufgrund der prekären Versicherungslage und hoher Kosten – ein eher unverkrampfter Umgang mit selbstdiagnostizierten Autisten herrscht, zeigt sich hierzulande ein anderes Bild. Manche werden nicht müde daraufhinzuweisen, wie viele falsch-positive Diagnosen es gibt (d.h., die Autismus-Diagnose stellt sich später als unzutreffend heraus), und wie schnell man sich Symptome anlesen könne, die tatsächlich gar nicht vorhanden sind. Ja, diese Gefahr besteht durchaus und gilt nicht nur für andere psychiatrische Diagnosen, sondern für medizinische Diagnosen generell. Hypochonder, Google und Wikipedia sind eine brisante Mischung. Um sich sicher zu sein, ist eine dritte, bestenfalls unabhängige Meinung unerlässlich.

Nachteile beim Abschluss von Versicherungen und am ersten Arbeitsmarkt

Doch sollte dies unbedingt durch ein offizielles Diagnoseprozedere stattfinden, das meist sehr zeit- und je nach Krankenkasse, Ambulanz und Land auch kostenaufwändig ist, und zulasten der Psyche (Selbstzweifel, Wartezeit, Depressionen) geht? Ich sage: “kommt drauf an”, denn eine offizielle Diagnose bedeutet auch, dass man sich Berufsunfähigkeitsversicherungen abschminken kann, auch bei anderen Versicherungstypen wird es schwierig bzw. kommen Vereinbarungen nur mit höheren Prämien zustande. Weiters bedeutet ein offener Umgang mit der Diagnose auch ein Nachteil am heimischen Arbeitsmarkt. Inklusion ist nicht selbstverständlich. Manche IT-Firmen wie SAP suchen gezielt technikaffine Autisten, Firmen wie Auticon beschäftigen diese. Es gibt Vereine und Organisationen wie Specialisterne, die Autisten vermitteln, jedoch ebenfalls überwiegend in Technik- und Software-Jobs. All jene Autisten, die andere Spezialinteressen und Stärken haben, gehen eher leer aus bzw. müssen mit längeren Wartezeiten rechnen (andere Branchen sind etwa bei Specialisterne im Aufbau, Kontakte müssen erst geknüpft werden). Arbeitgeber kaufen sich lieber frei statt die Quote zu erfüllen.

Schwerbehindertenausweis und Feststellungsbescheid

Wenn man sich doch zu einer Diagnose entschließt, stellt sich die Frage, ob man noch einen Schritt weitergeht. In Österreich wird zwischen dem Feststellungsbescheid (Feststellung einer Schwerbehinderung von mindestens 50 %) und dem Schwerbehindertenausweis unterschieden, in Deutschland gibt es nur den Schwerbehindertenausweis (SBA).

i) Feststellungsbescheid (nur für die Arbeitswelt relevant)

Erst ab 50 % zählt man zum “Kreis der begünstigten Behinderten”, d.h., erhält Diskriminierungsschutz, bei bestehendem Dienstverhältnis ab 6 Monaten Kündigungssschutz, bei neuem Dienstverhältnis erst nach 5 Jahren Kündigungsschutz. Aber: Angabe bei Bewerbung ist Pflicht! Bescheid kann auch zurückgegeben werden (muss dann neu beantragt werden).

Bei unter 50 % hat er keine Auswirkungen, Angabe der Diagnose ist dann verpflichtend, wenn sie für den Betrieb sicherheitsrelevant ist.

ii) Behindertenpass (nur für private Zwecke relevant)

bringt finanzielle Ermäßigungen, ab 50 % wird ein Pass ausgestellt, darunter kein Pass, aber bringt dennoch Vorteile bei Jahresausgleich und Krankheitskosten-Abrechnung. Ein Pass befähigt z.B. auch zum Erhalt eines Autismus-Begleithunds  (Finanzierung durch Kasse jedoch sehr unwahrscheinlich)

iii) Schwerbehindertenausweis in Deutschland

Meines Wissens wie bei i) und ii), mit entsprechenden Nachteilen bei Bewerbungsverfahren.

Vor- und Nachteile abwägen!

Autisten, die sich spät diagnostizieren lassen und schon seit längerem bei einem Arbeitgeber beschäftigt sind (und dort bleiben wollen), profitieren also eher von einer 50%+-Behinderung-Feststellung als jüngere sowie arbeitssuchende Autisten. Behinderung schreckt bei der Bewerbung ab! Unabhängig vom Grad der Behinderung kann man sich Hilfe suchen, etwa die genannten Organisationen Specialisterne (derzeit: europaweit und in Nordamerika), die Barmherzigen Brüder in Oberösterreich (“WORK_aut”) oder bei berufsberatenden und -begleitenden Ämtern (in Österreich: ibi, Institut für berufliche Integration und Career Moves bzw. “Fit2work” jedoch nicht autismusspezifisch!).

Alter und Jobstatus spielen also eine wichtige Rolle, ob man sich diagnostizieren und sich weiterführend einen Behindertenausweis ausstellen lassen will. Das alles sollte man berücksichtigen, ehe man sich diagnostizieren lässt bzw. jemand anderem zur Diagnose rät. Hinzu kommt auch der gesellschaftliche und wirtschaftliche Wandel. Vor wenigen Jahrzehnten war es noch viel üblicher, für längere Zeit beim gleichen Arbeitgeber zu bleiben. Heute wird viel mehr Flexibilität verlangt, eine höhere Bereitschaft, den Wohnort zu wechseln oder gar die Branche, und manche Branchen sind selbst in einem Wandel, meist nicht zum Besseren; das betrifft auch jene mit abgeschlossenem Studium oder Ausbildung. (z.B. Angestellte an der Uni, Dissertation, Journalisten, Meteorologen).

Wege zur Diagnose

Sich alleine mit Autismus auseinanderzusetzen, bringt oftmals schon Erkenntnisgewinne. Sich sein Leben so zu gestalten, dass man nicht ständig in den Overloadmodus gerät, geht auch ohne Diagnose.

Eine Diagnose (v.a. für spätdiagnostizierte!) kann dann angebracht sein, wenn …

– einen das Umfeld ohne Diagnose nicht (mehr) ernstnimmt, wenn man sich mehr Verständnis in der Familie, bei Ärzten, bei Ämtern, Arbeitgeber, Kollegen und anderem erhofft. Die Diagnose ist jedoch kein Garant dafür, dass Verständnis automatisch da ist. Im Gegenteil: Das Umfeld muss sich darauf einlassen können und man selbst hat einen langen Weg der Aufklärung vor sich.

– eine vorherige Diagnose keine Klarheit, keine Therapieerfolge oder gar Schaden bringt. Viele spätdiagnostizierte Autisten kommen wegen Depressionen oder Angsterkrankungen in die Praxis (oder Klinik), manche auch wegen ADHS oder Borderline.

– posttraumatische Belastungen das Leben beeinträchtigen. Die Diagnose kann Klarheit über die eigene Biografie, über Missstände in der Kindheit und Schulzeit schaffen, eine Antwort auf das große “Warum?” liefern, sozusagen als Seelenhygiene dienen.

– bereits eine genetische Veranlagung oder ein genetisches Syndrom vorliegt, das jedoch nicht alle Verhaltensweisen erklärt. Ab Januar 2016 soll eine neue S3-Leitlinie zu Autismus veröffentlicht werden, die u.a. beinhaltet

Genetische Befunde, die mit einer erhöhten ASD-Rate assoziiert sind (bestimmte Mutationen, Mikrodeletionen oder -duplikationen, Chromosomenaberrationen wie das Klinefelter-Syndrom)

 

Dazu zählen neben dem Klinefelter-Syndrom (47,XXY) auch Triple X (47,XXX), Turner-Syndrom (45,X), 22q11-deletion syndrome (DiGeorge-Syndrom) und andere.

So haben etwa Kinder und Erwachsene mit Klinefelter-Syndrom weder dasselbe Verständnis noch denselben Anspruch auf Unterstützung wie mit einer zusätzlichen Autismus-Diagnose, obwohl sich zahlreiche Verhaltensweisen, aber auch sensorische Besonderheiten überlappen.

Fazit:

Eine Selbstdiagnose ist für all jene ausreichend, die von sich überzeugt sind, dass sie im Leben klarkommen, und für die eine intensivere Beschäftigung damit ausreicht, etwa durch Fachartikel, Blogs, Autobiografien, Fachbücher oder Kontakt mit anderen Betroffen.

Für all jene, die mit dem Leben und Lebensentwurf hadern, kann eine Diagnose befreiend sein, doch bringt sie nicht nur Vorteile mit sich. Und in den meisten Fällen bedeutet sie ein hartes Stück Arbeit, seinem Umfeld klarzumachen, was Autismus generell heißt und wie “mein Autismus” darin ausschaut.

Steve Silberman: 4 Dringend zu beseitigende Mythen über Autismus

Der Journalist Steve Silberman hat sich durch seinen Artikel “The Geek Syndrome” über Autismus im Silicon Valley einen Namen gemacht, und ist spätestens seit einem Bestseller über Autismus (“Neurotribes”) auch in weiten Teilen der autistischen Communities ein Begriff. So kritisierte er u.a. auch die Arbeit von AutismSpeaks in einem heuer erschienenen Artikel.

In seinem Text über 4 Falschstellungen von Autismus, die dringend beseitigt gehören, spricht er folgende Mythen an (keine vollständige, aber sinngemäße Übersetzung):

Mythos #1: Autismus war einmal selten, heute ist es normal

1970 schätzte man die Häufigkeit von Autismus unter US-Schulkindern auf 1 in 10 000, heute sind es 1 in 68. Manche Eltern und Aktivisten sehen fälschlicherweise die Ursache in Impfstoffen, obwohl die Studie des Gastroenterologen Andrew Wakefield von 1998 inzwischen mangels Beweisen zurückgezogen wurde.

Tatsächlich ist der dramatische Anstieg diagnostizierter Autisten vor allem darauf zurückzuführen, dass diese Diagnose überhaupt möglich ist. Bis in die 80er gab es kein “Autismus-Spektrum” als Diagnosekategorie. Die Kriterien für eine Diagnose waren ziemlich eng gefasst und man dachte zudem, sie sei selten. Unter anderem Leo Kanner war für die sehr strikten Kriterien verantwortlich. Nur, wer sich eine mehrfache Diagnostik leisten konnte, bekam schließlich die Autismus-Diagnose. Mädchen mit Autismus waren bis zum Ende des 20. Jahrhunderts nahezu unsichtbar.

Die britische Psychiaterin Lorna Wing, selbst Mutter eines stark betroffenen autistischen Mädchens, führte in den späten 80ern das Konzept des “autistischen Kontinuums” (später Spektrum) ein, und kurz darauf die Bezeichnung “Asperger-Syndrom”. Sie machte zudem deutlich, dass es sich um eine lebenslange Entwicklungsstörung handelt, und keine seltene Psychose, die nur die frühe Kindheit betreffe, wie Kanner lange Zeit suggeriert hat.

Der Forschungsschwerpunkt (unterstützt u.a. durch Autism Speaks) richtet sich großteils darauf, potentielle Auslösefaktoren für Autismus zu finden, während die unmittelbaren Bedürfnisse autistischer Menschen und Angehörigen ignoriert werden.

Dabei könnte die englische National Autistic Society ein Vorbild sein, die den Löwenanteil ihrer Finanzen darauf verwendet, das Leben erwachsener Autisten und ihrer Angehörigen zu verbessern.

Mythos #2: Autisten mangelt es an Empathie

Früher wurden Autisten häufig als emotionslose Automaten, unfähig zu Mitgefühl, quasi als Soziopathen dargestellt. Eine der ersten Zeitungsberichte (1990) über das Asperger-Syndrom besagte “Es ist die Seuche derer, die nicht fühlen können” und benannte sie als “grausam” und “herzlos”.

In Wahrheit beschäftigen sich Autisten oft sehr mit den Gefühlen ihrer Mitmenschen, was sie manchmal beinahe lähmen kann. Ihre Probleme liegen darin, soziale Signale zu interpretieren – kaum merkliche Veränderungen im Gesichtsausdruck, Körpersprache und Tonfall – worauf sich”Neurotypische” beziehen, wenn sie sich einander ihren Gemütszustand mitteilen. Die Ansicht, dass es Autisten an Empathie mangele, wurde dazu benutzt, ihnen den Sündenbock zuzuweisen, wenn grausame Verbrechen (wie Massenmorde, Amokläufe) geschehen.

Autisten und Nichtautisten stehen Herausforderungen gegenüber, wenn es darum geht, sich in die Situation des anderen zu versetzen. Für Kinder im Spektrum kann der Gebrauch von “social stories” den Lernprozess beschleunigen, während Neurotypische ihre Fähigkeit verbessern könnten, zu verstehen, wie Autisten denken, indem sie einfach öfter mit ihnen zusammen sind, und zwar, wenn sie sich in Umgebungen aufhalten, wo die Sinnesüberlastung auf ein Minimum begrenzt ist.

Empathie ist keine Einbahnstraße.

Mythos #3: Das Ziel sollte sein, autistische Kinder ”ununterscheidbar von ihren Altersgenossen” zu machen.

In den 80ern erfand der US-Psychologe Ole Ivar Lovaas eine Behandlungsmethode für Autismus, die unter dem Namen Applied Behaviour Analysis (ABA) bekannt ist und bis heute am häufigsten als Frühinterventionsmethode eingesetzt wird. Es gibt einige Probleme mit Lovaas-ABA, davon abgesehen, dass es erheblich zeit- und kostenaufwändig ist, und für viele Familien ohne zusätzliche Hilfe kaum bewältigbar ist. Zudem übertrieb Lovaas den Erfolg der Normangleichung, “was nicht das widerspiegelt, was tatsächlich geschah und bestimmt nicht als wissenschaftliche Grundlage hergenommen werden kann” (Christine Lord, führende Autismusforscherin).

Zudem berichteten manche erwachsene Autisten von ihren traumatischen Kindheitserfahrungen, die zu lebenslangen Angsterkrankungen beigetragen haben (z.B. Julia Bascom in  “Quiet Hands”:

“Als kleines Mädchen war ich autistisch. Und wenn Du autistisch bist, ist es kein Missbrauch, sondern Therapie”

 

Barry Prizant ermutigt Eltern und Ärzte in seinem kürzlich veröffentlichten Buch Uniquely Human: A Different Way of Looking at Autism dazu, autistisches Verhalten (wie Hände flattern und Echolalien) nicht als krankhaft zu betrachten, sondern als Anpassungsstrategien, um mit einer Welt fertig zu werden, die sich chaotisch, unvorhersagbar und überwältigend anfühlt.

Er kritisiert an der Normangleichung, dass …

“sie die Person als ein Problem behandelt, das gelöst werden muss, statt als ein Individuum, das verstanden werden muss.”

 

Diese Annäherungen machen alles oft noch schlimmer. Hilfreicher sei es, zu fragen, was diese Verhaltensweisen motiviert.

Indem sie fragen, warum sich ein Kind in einer bestimmten Weise verhält, lernen Eltern und Ärzte, die Quellen emotionaler Dysregulierung zu erkennen (z.B. ein kratzendes Kleidungsstück oder flackerndes, fluoreszierendes Licht) und sie so weit wie möglich zu beseitigen, was zu andauernder Verhaltensänderung führt und auch zu einem tiefgründigeren Verständnis der Talente und Herausforderungen des Kindes.

Mythos #4: Wir überdiagnosieren Sonderlinge mit einer Modediagnose.

Die subversivste Idee in Lorna Wing’s Spektrumskonzept ist, dass jede Eigenschaft, die als kennzeichnend für Autismus betrachtet wird, auch von nichtautistischen Menschen besetzt wird und zwar in verschiedenen Abstufungen. Autisten “stimmen” (selbststimulieren), Neurotypische zappeln. Autisten haben Spezialinteressen und Obsessionen, Neurotypische Hobbys und Leidenschaften. Autisten haben sensorische Empfindlichkeiten, Neurotypische können Polyester an ihrer Haut nicht ertragen.

Das heißt, es gibt eine breite Grauzone zwischen Autismus und Nichtautismus (eines von Wings Lieblingszitaten war Winston Churchills Sprichwort “Nature nevere draws a line but smudges it” – Die Natur zieht niemals eine Grenze, sondern verwischt sie).

Forscher nennen die Menschen innerhalb der Grauzone “broad autism phenotype” (BAP), aber meistens werden sie einfach als exzentrisch angesehen – der Kerl im Pub, der Dir jedes Detail einer Schlacht aus dem Zweiten Weltkrieg aufzählen, das Gothic-Mädchen, das ihre Katze liebt und weite Teile der Dialoge von Doctor Who wörtlich rezitieren kann.

Aus der Ferne berühmten Personen nachträglich die Diagnose zu geben, sind zum Hipster-Gesellschaftsspiel geworden. Das Problem ist: Wenn Milliardäre wie Mark Zuckerberg und Yahoo-Chefin Marissa Meyer Autisten sind, und einer der gefeiertesten Comedians in den USA im Spektrum ist, warum tun sich dann unverhältnismäßig viele Autisten schwer damit, über die Runden zu kommen? Warum sagen Familien, dass sie verzweifelt mehr Unterstützung brauchen, um ihren autistischen Kindern dabei zu helfen, einen Arbeitsplatz zu finden und unabhängig zu leben? Ist Autismus nicht eher ein “Anderssein” als eine Behinderung?

Doch Autismus ist eine Behinderung – es ist in der Tat eine schwerwiegende und tiefgreifende, die beinahe alle Aspekte des Lebens betrifft, wie jeder mit einer Diagnose (bzw. deren Angehörige) weiß.

Die Gesellschaft weiß, wie man auf Behinderungen Rücksicht nimmt. Was sind die kognitiven Äquivalente zu abgesenkten Bordsteinkanten und Rollstuhlrampen? Wir haben gerade erst damit begonnen, die Möglichkeiten zu erforschen, obwohl das digitale Zeitalter unsere Optionen massiv vergrößert hat, um, sagen wir, die Lehrpläne autismusspezifisch anzupassen, damit sie den Lernstilen individueller Schüler gerecht werden.

Es ist gar nicht lange her, als jemand, der sich seinem oder ihrer Freunde mithilfe einer Tastatur mitteilte, als schwer gehandicapt betrachtet wurde. Nun sind sie einfach Teenager.

Specialisterne Österreich

Am 16. Oktober fand beim österreichischen (unabhängigen) Ableger von Specialisterne der “Tag der offenen Tür”. Es handelte sich dabei um einen Vortrag vor rund 40 Zuhörern mit anschließender Fragerunde

Der äußere Rahmen:

Es war notwendig, sich vorher anzumelden (beschränkte Sitzplätze), das konnte telefonisch und via E-Mail geschehen. Der Sitz des Vereins befindet sich in einem etwas verwinkeltem Innenhof, war aber gut ausgeschildert.

Das Publikum war recht gemischt, es waren sowohl Autisten (Großteil, wenn nicht alle männlich) da als auch Angehörige und Betreuer, allerdings waren die Nichtautisten eher in der Mehrheit. Vom Setting her für mich nicht ideal, um später Fragen zu stellen, da ich damit beschäftigt war, beim Zuhören Informationen zu verarbeiten. Entsprechend habe ich mir vorgenommen, nur mitzuschreiben und ggf. auftauchende Fragen später per Mail zu formulieren.

Der Vortrag dauerte insgesamt etwas mehr als eine Stunde, daran schlossen sich rund 45 min Fragen an.

Der Inhalt:

Das Team in Wien ist zu fünft, und die Vortragenden waren zu dritt. Der Firmengründer Sonne kommt selbst aus dem technischen Bereich. Es handelt sich um einen non-profit-Verein, der bis 2016 noch finanziell unterstützt wird und danach selbsterhaltend arbeiten muss. Specialisterne legt Wert auf eine andere Sichtweise auf Autismus: Nicht Behinderung steht hier im Vordergrund, sondern besondere Fähigkeiten wie Detailerkennung, Genauigkeit, Freude an Routineaufgaben, logisches Denken und Mustererkennung.

In Oberösterreich gibt es rund 8000 Autisten, hier herrscht ein relativ großes Interesse, während in Wien das Interesse geringer ausgeprägt ist. Die Hauptfrage, die Specialisterne stellt ist, wo Interessen in die Wirtschaftswelt hineinpassen. Sie betonen aber, dass nicht alle Autisten im IT-Bereich tätig sind. Entsprechend gibt es auch etwas für Qualitätssicherung (z.b. Dokumentation, Lektorat, z.B. Sicherstellung korrekter Beipackzettel bei Pharmaunternehmen) und Datenerfassung (Transkribieren, Abschriften).

Sie gehen am potentiellen Arbeitsplatz des Klienten offensiv mit Diagnose und besonderen Bedürfnissen um, das nimmt den Druck. Sie versuchen das Interesse in Firmen zu wecken, etwa dort, wo ungeliebte Tätigkeiten keine Abnehmer finden. Die Kandidaten werden dann bei Specialisterne den Firmen vorgestellt. Viele Klienten sind langzeitarbeitslos und beginnen zunächst mit Teilzeit. Im Unternehmen selbst steht oft ein Mentor (Teamleiter) bereit.

Es gibt auch bei Specialisterne regelmäßige Treffen der Klienten (Autisten), wobei das Gruppentreffen für Autisten kein Problem darstelle. Sie sind sehr sozial zusammen, sehr sensibel, kriegen viel mit und interessieren sich sehr für andere. Der Vortragende betonte an dieser Stelle, dass viele Klischées über Autisten, was die soziale oder empathische Komponente betrifft, nicht zutreffen.

Das Feedback auf ihre Arbeit ist überwiegend positiv, auch vom AMS, das leider die Finanzierung von Qualifikationen für Autisten eingestellt hat, bzw. nur ältere Menschen ab 50 aufwärts finanziert. In Oberösterreich werden Qualifikationen hingegen vom Sozialministerium bezahlt, in Wien, Niederösterreich und im Burgenland nicht. In Linz gibt es Work_aut von den Barmherzigen Brüdern, die eine ähnliche Arbeit wie Specialisterne machen.

“Inselbegabungen” sind keine Voraussetzung, um sich an Specialisterne zu wenden. Sie stellen dort fest, wo die Stärken des Klienten liegen, und für welche Arbeit bei welchen Voraussetzungen er am besten geeignet wäre, und zwar unabhängig von der Qualifikation bzw. vom Abschluss. Gerade im IT-Bereich sind formale Abschlüsse oft nicht notwendig, oftmals können Klienten rasch an die Aufgabe herangeführt werden. Rund 20 % der Klienten haben einen höheren Abschluss, 80 % niedrigere Abschlüsse. Im Handwerksbereich ist die Vermittlung deutlich schwieriger, hier fehlen auch die Kontakte, zudem sind meist Qualifikationen/Abschlüsse Voraussetzung.

Die Entlohnung geht nach dem Kollektivvertrag und ist für studierte Autisten besser bezahlt. Allerdings arbeiten viele Teilzeit und verdienen rund einen 1000er im Monat, was der Mindestsicherung entspricht. Aber: Viele wollen arbeiten. Korrekte Entlohnung ist ihnen wichtig, weil sie nicht die Behinderung sehen, sondern Spezialisten.

Eine Diagnose ist Voraussetzung für ein (gratis!) Beratungsgespräch von Specialisterne, aber oftmals ein Problem, weil Diagnosen sehr teuer sein können (400-600 €) und nicht komplett von der Kasse übernommen werden. Zudem gibt es gerade in Österreich bzw. in Wien nur wenige Diagnostiker bzw. Autismus-Experten. Negativ aufgefallen ist Kuno Gruber vom Personalmanagement, dass es ein absurdes Konkurrenzverhalten unter den Autismusvereinen gibt, die sich gegenseitig Gerüchte streuen, was hier und dort schlecht läuft.

Der erste Kontakt mit Firmen zeigt oft die Angst der Unternehmer bzw. der Chefs vor Autismus. Sie wissen darüber praktisch gar nichts, höchstens irreführende Beschreibungen wie durch den Film “Rain Man”, und haben Angst davor, dass der Autist das Team sprengen könnte. Die Angst kann den Unternehmen aber bald genommen werden, und eine andere Perspektive auf Autismus vermittelt werden.

Eine Metapher hat mir sehr gut gefallen:

“Das Leben ist ein soziales Echosystem”

Je mehr kommt, desto mehr wird gegeben. Je weniger kommt, desto weniger wird gegeben.

Interpretation:

Specialisterne übernimmt die Aufgabe des AMS, Menschen in Jobs zu vermitteln, die auf dem ersten Arbeitsmarkt schwer vermittelbar sind. Viele Autisten empfinden die Bewerbung als größte Hürde, weshalb auch Bewerbungstraining stattfindet. Specialisterne ist es wichtig, dass man die speziellen Stärken der Autisten herausfindet und gezielt daraufhin nach möglichen Arbeitsplätzen schaut. So sind es vor allem Tätigkeiten, bei denen sich Nichtautisten schwerer tun bzw. weniger beliebt sind, die von Autisten besonders akribisch ausgeführt werden. Sie expandieren schrittweise auch in den Bereich abseits der IT, wenngleich viele Fachrichtungen immer noch zu kurz kommen. Sie sprechen nicht von Einschränkungen, sondern von Auffälligkeiten.

Die positive Grundeinstellung zog sich durch die gesamte Präsentation. Aufgrund des Vereinsstatus können sie aber nicht unbegrenzt Qualifikationen und Kursen anbieten, die finanziellen Mittel sind begrenzt, auch durch das AMS, und Sponsoring wäre dringend notwendig. Auch Crowdfunding wurde bereits überlegt. Wien scheint ein wenig Wüste zu sein, was Anlaufstellen für Diagnostik, Therapeuten und Aufklärungsstand betrifft, während Oberösterreich mit Linz schon weiter ist.

Und das bringt mich auf einen allgemeinen Gedanken:

Viele Firmen beschäftigen Autisten, die meisten davon vermutlich unwissentlich, und wundern sich über sonderbares Verhalten und Missverständnisse in der Kommunikation. Sie wissen nicht, dass ihre Mitarbeiter sehr produktiv sein können, wenn sie eine angemessene Umgebung zur Entfaltung haben. Ja, das betrifft alle Mitarbeiter, aber suboptimale Bedingungen wirken sich bei Autisten schwerwiegender aus (z.B. die Sensorik), und mehr Klarheit und Struktur nehmen viel Stress weg, denn Stress erleben Autisten bereits genug in Alltagssituationen, die für Nichtautisten nicht oder weniger als Stress empfunden werden. Nachdem man Mitarbeiter naturgemäß meist nur in der Arbeit erlebt, wissen die wenigsten von diesem alltäglichen Stress.

Wer klärt Unternehmen darüber auf, was für Schätze sich in ihren Mitarbeitern verbergen können? Dass oft nur minimale Veränderungen notwendig sind, und dass die meisten Anpassungen auch den anderen Mitarbeitern zugute kommen. Denn eines ist klar: In jeder Branche sind Autisten aktiv (auch wenn ein hoher Prozentsatz an Arbeitslosen oder Teilzeitarbeitern vorhanden ist), und haben nicht alle ein Recht darauf, dass man sie respektvoll und wertschätzend behandelt, gerecht entlohnt und sie ausreichend motiviert?

Ich stelle mir also die Frage, wie man ganz grundsätzlich vermitteln kann, ohne sich auf spezielle Berufszweige festzulegen, dass es sich hier um Menschen mit speziellen Fähigkeiten handelt, und nicht per se um behinderte Menschen (das schließt Komorbiditäten nicht aus, aber das hat dann nichts mit dem Autismus zu tun). Das setzt einen Paradigmenwechsel in der Sichtweise auf Autismus voraus, so wie ihn Specialisterne vorlebt. Unterstützung weiterhin ja, Förderungen, ggf. Betreuer oder Mentoren, aber Hauptaugenmerk darauf, was jemand besonders gut kann. Ich glaube, das erlebt auch jeder selbst – wenn er etwas mit Freude macht, fallen Schwierigkeiten weniger stark ins Gewicht.