Ungeplante Freizeit überfordert

Ich sehe mich wieder einmal mit einem nicht rational erklärbaren Phänomen konfrontiert. In meinem Dienstplan habe ich eher zufällig fünf freie Tage in Serie bekommen, ohne Urlaub zu nehmen. Davor ist allerdings noch ein Spätdienst, bei dem ich bis eine Stunde vor Dienstschluss nie weiß, ob ich ihn regulär um 23.00 Uhr beenden darf oder er nicht doch länger dauert. Mein inneres Kind ist gespalten:

Da ist die eine Stimme, die sagt: “Nutz das doch aus, fahr weg!” und fieberhaft suche ich nach potentiellen Zielen, wobei mich wieder mal die Wucht des Single-Daseins trifft, und z.b. anspruchsvolle Bergtouren ausscheiden. Dann ist es eine Jahreszeit, in der ich nie Urlaub nehmen würde, außer es gäbe vorab ein geplantes Ereignis, wie in knapp zwei Wochen eine 24-Stunden-Wanderung, an der ich teilnehmen werde. Sonst ist es mir aber viel zu unbeständig vom Wetter. Meine ambitionierten Wanderpläne beschränken sich alle auf die Zeit von August bis Oktober, aber nicht davor. Die Tage verstreichen also, ich habe mich immer noch nicht entschieden. Ich könnte ja nach Wien fahren für ein paar Tage, wohlwissend, dass auch dort bedingt durch das verlängerte Wochenende die Hölle los sein wird. Gestern habe ich dann endlich mal nach Hotels in Wien geschaut, natürlich ist längst alles ausgebucht oder gut die Hälfte teurer als sonst. Verlockend wäre die Vorstellung schon, viele Bekannte oder Freunde zu treffen.

Die andere Stimme sagt: “Schalte einen Gang zurück. Entscheide von Tag zu Tag, was Du machen willst.” Das bringt mitunter den Nachteil, dass ich mich täglich über meinen täglich grillenden Nachbarn aufregen muss, der mir mit dem Grillgestank die Wohnung einnebelt. Dafür könnte ich, wenn sich doch ein trockenes Zeitfenster abzeichnet, noch ein zwei Bergtouren machen, evtl. sogar mit Übernachtung, da ab Juni die ersten Hütten aufsperren. Denn eines ist auch klar, die beiden längeren freien Phasen in diesem Monat büße ich dann zu Monatsende, wenn der Dienstplan wieder dichter wird. Grundsätzlich bin ich mit meinem Dienstplan sehr zufrieden, viel besser als bei meiner ersten Firma – durch die 12-Stunden-Dienste hat man viel Freizeit im Monat. Aber ich habe immer noch nicht gelernt, mit längeren freien Serien umzugehen, die ich nicht verplant habe, speziell bei gewitteranfälligem Wetter, wo mir exponierte Wanderungen zu riskant sind, und wo man leider derzeit nicht einmal am Vortag richtig weiß, wo und wann am nächsten Tag Gewitter losgehen.

Ich fühle mich überfordert und entscheidungsunwillig.

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In eigener Sache: Interview mit MiMa

Heute hat Indre Zetsche ein Interview mit mir auf ihrem Blog “MiMa (M)eine Art Gesellschaftsmagazin” veröffentlicht:

https://m-i-ma.de/2018/04/16/gefuehle-sind-ein-minenfeld-im-gespraech-mit-felix-w-autistenbloggen/

Indre Zetsche (*1972) hat Kulturwissenschaften studiert und einige Jahre freiberuflich als Autorin und Kulturmanagerin gearbeitet. Seit 2004 ist sie bei der Kommunikationsberatung tätig und nebenher Referentin, Rednerin und Moderatorin. Sie lebt in Berlin und ist Mutter zweier Kinder.

Ich freue mich sehr, dass sie meinen Blog gelesen hat und an mich herangetreten ist. Die Fragen haben mich sofort positiv angesprochen und darin bestärkt, vieles offen anzusprechen. Vielen Dank nochmals, Indre!

Vollzeitautist.

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In ihrem Blogartikel zum Welt-Autismus-Tag über mangelnde Barrierefreiheit für Autisten schrieb elodiyla diese Zeilen:

Der größte Teil der Autisten ist arbeitslos. Wahrscheinlich, weil sie an Bewerbungsgesprächen und sozialen Strukturen scheitern. Die Barrieren in den Köpfen der anderen hindert sie daran, ihre Produktivität einsetzen zu können. Doch zu viele Menschen glauben, dass jemand, der im Alltag viele Schwierigkeiten hat, keine komplexe Aufgaben lösen kann.

Ich erlebe diesen vermeintlichen Widerspruch selbst und er hemmt mich dabei, offen mit meinem Autismus umzugehen. Für Außenstehende ist es nicht nachvollziehbar, wie jemand, der Vollzeit im Schichtdienst arbeitet, im Alltag ein einfaches Telefonat nicht führen kann, nicht mal zu den Nachbarn hingeht, wenn sie zu laut sind, kein Auto fahren will oder kann, obwohl er ständig über die Öffis meckert und seine Einkäufe und Arzttermine andauernde verschiebt. Wie passt das zu beruflichen Höchstleistungen?

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Buchempfehlung: Berufsbiografien von Asperger-Autisten (I)

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Wie bei vielen Autistinnen und Autisten ist auch bei mir rund ein Jahr nach der Diagnose eine gewisse Sättigung bei der Suche nach neuen Erkenntnissen und Erfahrungsberichten anderer Autistinnen eingetreten. Hier und da hat man immer wieder Aha-Erlebnisse, doch insgesamt hat man sich mit der Diagnose abgefunden und versucht damit zurechtzukommen. Das folgende Buch stellt eine Ausnahme dar:

Kohl, Seng, Gatti (Hrsg.): Typisch untypisch. Berufsbiografien von Asperger-Autisten. Individuelle Wege und vergleichbare Erfahrungen, 2017

Nicht nur das 50 Seiten starke Vorwort hat beeindruckt, sondern auch die Lebensgeschichten der 22 Asperger-Autistinnen und -Autisten, die interviewt wurden. Jedem Interview mit gleichlautenden Fragen wurde ein je nach Stil der Autoren ein kurzer oder langer Bericht über den beruflichen Werdegang vorangestellt. Erst die Summe der individuellen Erfahrungsberichte macht die Stärke und Bedeutung dieses Buchs aus, viele Gemeinsamkeiten, aber auch die Beseitigung von Klischees über Autistinnen.

Im Teil I möchte ich auf das Vorwort eingehen, in Teil II versuche ich eine Zusammenfassung der 22 Interviews, denn das einzige Manko des Buchs ist ein fehlendes schlussfolgerndes Kapitel. In Teil III möchte ich ein paar der vorformulierten Interviewfragen selbst beantworten.

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Buch über Autisten im Beruf übersetzt und Neuigkeiten zum Geschlechterverhältnis bei Autisten

Die erste gute Neuigkeit ist schon ein wenig älter, komme aber erst jetzt dazu, darüber zu berichten:

  1. Rudy Simone – Asperger’s on the Job

Das Buch der Autistin Rudy Simone ist in meinen Augen DAS Standardwerk für Asperger-Autisten, Kollegen (von Autisten) und Arbeitgeber. Es wurde nun vom Autismus-Verlag übersetzt. Weshalb ich das Buch so wertvoll halte? Für mich persönlich war es ein echter Augenöffner. Ich las es erstmals, als ich noch den Verdacht hatte, Asperger zu sein (Frühjahr 2014) und bis auf ein paar durchaus eindeutige Internet-Selbsttests wenig Handfestes gelesen hatte. Die Aha-Erlebnisse bei der Lektüre waren regelrecht ein Schock! Ich erkannte mich in so vielen Situationen wieder, das konnte ich mir gar nicht alles einbilden! Auszüge aus ihrem Buch habe ich in Teil II und Teil III meiner dreiteiligen Serie über Autismus im Beruf übersetzt (außerdem: Teil I ).

Die zweite Neuigkeit bestätigt meinen subjektiven Eindruck, dass Autismus bei Mädchen und Frauen viel häufiger ist als in den derzeitigen Statistiken widerspiegelt wurde. Vergesst bitte die Theorie des extrem männlichen Gehirns von Baron-Cohen. Es suggeriert außerdem, dass Autisten weniger Empathie hätten, während nach Dziobek et al. (2008= die emotionale Empathie (Mitgefühl) bei Autisten sogar stärker ausgeprägt ist.

  1. 2. In diesem Spektrum-Artikel wurde das Geschlechterverhältnis bei Autisten nun von 4:1 auf 3:1 reduziert.

Die Professorin für kognitive Neurowissenschaften am King’s College in London, Francesca Happé, sagt dazu: “Es gibt uns bis heute die stärkste empirische Grundlage, welche die Idee unterstützt, dass Autismus bei Mädchen wahrscheinlich unterdiagnostiziert wird. Das sind wirklich große Neuigkeiten.” Zumal die derzeitigen Theorien zur Ursachenentstehung bei Autismus auf der Annahme basieren, dass Männer anfälliger sein als Frauen. Autismus bei Mädchen wird eher übersehen, weil Ärzte und andere denken, es beträfe vorwiegend Buben. Mädchen maskieren ihre autistischen Eigenschaften zudem besser [Anmerkung: Und erhalten dann eher eine Borderline- oder ADHS-Diagnose]. Die Analyse zeigte außerdem eine gleichmäßigere Verteilung von Buben und Mädchen (3.1:1) bei Studien mit hohem Anteil an Kindern mit geistiger Behinderung. Die Fähigkeit von Mädchen, ihren Autismus zu überspielen, hängt mitunter von ihrer Intelligenz ab oder sie werden stärker beeinträchtigt als Buben.

Manche Forscher sind der Meinung, dass das Verhältnis insgesamt sogar unter 3:1 liegen könnte, weil Autismus-Tests vorrangig für typische Eigenschaften bei Buben entwickelt wurden. “Weil die Forschung und klinische Erfahrung mehrheitlich Buben umfasst, sind unsere Diagnosekriterien beinahe mit Gewissheit zugunsten von Männern verschoben”, sagt Happé.

Auch eine weibliche Form von Autismus ist denkbar, da Mädchen eher zu subtilen eingeschränkten Interessen und weniger repetitives Verhalten als Buben neigen. Doch die Diagnosekriterien zu ändern, um mehr Frauen mit autismusähnlichen Eigenschaften zu diagnostizieren ist keine leichte Aufgabe, weil dadurch Autismus selbst anders definiert werden müsste.