Veränderungen

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Kraftort Vogelsangberg

Mein tägliches Wien-Tagebuch läuft weiter, dort schreib ich über die politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen, die sich im Zuge der Pandemie ergeben, und ein bisschen über meine persönlichen Umstände. Mein Autismus tritt scheinbar in den Hintergrund, ist aber natürlich sehr präsent. Ich würde hier gerne Tipps präsentieren, die ich selbst erfolgreich anwende, aber to be honest – ich hab immer noch keine (neuen) Routinen, geschweige denn einen Rhythmus.

Der Leitfaden von Leonard Schilbach ist dennoch empfehlenswert – bitte unbedingt weiterleiten!

Psychisch gesund bleiben während Social Distancing, Quarantäne und Ausgangsbeschränkungen auf Grund des Corona-Virus – Verhaltenstherapeutische Interventionen in einem Kurzprogramm zur Selbstanwendung

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Vorbereitungen, Checklisten und Routinen

Gut vorbereitet und gebrieft kann man gedanklich auch einmal abschweifen ohne schlechtes Gewissen.

Eines der Kernsymptome von Autismus ist die Furcht vor der Ungewissheit, vor allem, was außerhalb der eigenen Kontrolle liegt. Autisten bevorzugen tendenziell vorsehbare Zeiträume, wollen vorbereitet und möglichst gut informiert sein. Routinen bringen Regelmäßigkeit in den Alltag, vorhersehbare Abläufe, die beruhigen. Sehr wichtig sind für mich Aufgabenlisten auf Papier, wo ich regelmäßig notiere und aktualisiere, was in nächster Zeit zu tun ist. Dazu zählen Alltagsverpflichtungen, unaufschiebbare Einkäufe (z.b. Kleidung oder technisches Equipment), aber auch Haushaltsaufgaben wie waschen, putzen oder staubsaugen. Auch Spontanität ist bei mir geplant. Ich arbeite im Schichtdienst und habe immer wieder einzelne Tage unter der Woche der frei. Meistens unternehme ich dann selbständig etwas, während ich an freien Wochenendtagen eher zu zweit und mit mehreren unterwegs bin. Ich halte mir bewusst einzelne Tage komplett frei, wo ich mir nichts vornehme, keine Termine ausmache oder Verpflichtungen eingehe. Diese Tage sind für mich reserviert und es kann passieren, dass ich mich noch in der Früh umentscheide und etwas anderes tue. Ich muss mich dann nur vor mir selbst rechtfertigen.

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Strategien von Autisten im Umgang mit Schwierigkeiten im Berufsalltag (II)

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Ruhepol der Natur als Energieressource für den Berufsalltag

Dieser Beitrag war schon länger geplant, ist aber doch relativ umfangreich in der Umsetzung. Im ersten Teil hab ich das Buch Kohl, Seng, Gatti (Hrsg.): Typisch untypisch. Berufsbiografien von Asperger-Autisten. Individuelle Wege und vergleichbare Erfahrungen, 2017 umfangreich rezensiert (Link). Im zweiten Teil geht es um einen gemeinsamen Nenner bei der Beantwortung der vorformulierten Interviewfragen für die 22 interviewten Autistinnen und Autisten. Ich möchte mich dabei auf konstruktive Strategien bei Problemen im beruflichen Alltag beschränken. Welche Bewältigungsstrategien funktionieren, was führt zu einer Verschärfung der Problematik? So mancher Leser mag sich denken, hey, das kenne ich auch und ich bin nicht autistisch! Aber das ist kein Widerspruch, denn es gibt keine autistischen Alleinstehungsmerkmale. Erst die Summe bestimmter Symptome qualifiziert für die Diagnose Autismus. Manche Strategien helfen neurotypisch denkenden Menschen also genauso, andere laufen intuitiver ab als bei Autisten – sie müssen darüber nicht extra nachdenken.

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Für einen Autisten hätte ich Dich nie gehalten …

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Schneeschuhwandern

Nicht selten sorgen meine Coming Outs für Erstaunen, manchmal auch für skeptisches Stirnrunzeln. Du bist Autist? Nicht wirklich, oder? Also für mich bist Du ganz normal. Das hängt stark davon, in welchem Umfeld man mich kennenlernt, ob es eine einzelne Begegnung bleibt oder ob man mehrere Tage zusammen ist und wie sich meine Tagesverfassung dabei entwickelt. In einem kürzlichen Twitter-Thread wurde anschaulich aufgezeigt, welchen Stellenwert die Bewegung (Sport) für manche Autisten hat: Überfordernde Umgebungsreize, aber auch Überforderung und mentaler bzw. emotionaler Stress führen dazu, dass man irgendwann am Limit ist und keine Energie mehr hat, sich der Situation länger auszusetzen. Was das @trampeleinhorn nun empfiehlt:

“Je nach persönlicher Veranlagung kann es also sinnvoll sein, Kartons zu treten, zu schreien/laut zu singen, Dinge zu werfen, einfach rauszulassen, was gerade im Kopf geschimpft wird für “fight”, oder zu springen, zügig zu gehen/laufen, sich zu bewegen für “flight”. Damit lässt sich […] verhindern, dass sich die Stressreaktionen sowohl energetisch als auch betreffend der Nebeneffekte kumulieren.”

Genau diese Rolle erfüllt bei mir das Wandern und Bergsteigen. Continue reading

Ungeplante Freizeit überfordert

Ich sehe mich wieder einmal mit einem nicht rational erklärbaren Phänomen konfrontiert. In meinem Dienstplan habe ich eher zufällig fünf freie Tage in Serie bekommen, ohne Urlaub zu nehmen. Davor ist allerdings noch ein Spätdienst, bei dem ich bis eine Stunde vor Dienstschluss nie weiß, ob ich ihn regulär um 23.00 Uhr beenden darf oder er nicht doch länger dauert. Mein inneres Kind ist gespalten:

Da ist die eine Stimme, die sagt: “Nutz das doch aus, fahr weg!” und fieberhaft suche ich nach potentiellen Zielen, wobei mich wieder mal die Wucht des Single-Daseins trifft, und z.b. anspruchsvolle Bergtouren ausscheiden. Dann ist es eine Jahreszeit, in der ich nie Urlaub nehmen würde, außer es gäbe vorab ein geplantes Ereignis, wie in knapp zwei Wochen eine 24-Stunden-Wanderung, an der ich teilnehmen werde. Sonst ist es mir aber viel zu unbeständig vom Wetter. Meine ambitionierten Wanderpläne beschränken sich alle auf die Zeit von August bis Oktober, aber nicht davor. Die Tage verstreichen also, ich habe mich immer noch nicht entschieden. Ich könnte ja nach Wien fahren für ein paar Tage, wohlwissend, dass auch dort bedingt durch das verlängerte Wochenende die Hölle los sein wird. Gestern habe ich dann endlich mal nach Hotels in Wien geschaut, natürlich ist längst alles ausgebucht oder gut die Hälfte teurer als sonst. Verlockend wäre die Vorstellung schon, viele Bekannte oder Freunde zu treffen.

Die andere Stimme sagt: “Schalte einen Gang zurück. Entscheide von Tag zu Tag, was Du machen willst.” Das bringt mitunter den Nachteil, dass ich mich täglich über meinen täglich grillenden Nachbarn aufregen muss, der mir mit dem Grillgestank die Wohnung einnebelt. Dafür könnte ich, wenn sich doch ein trockenes Zeitfenster abzeichnet, noch ein zwei Bergtouren machen, evtl. sogar mit Übernachtung, da ab Juni die ersten Hütten aufsperren. Denn eines ist auch klar, die beiden längeren freien Phasen in diesem Monat büße ich dann zu Monatsende, wenn der Dienstplan wieder dichter wird. Grundsätzlich bin ich mit meinem Dienstplan sehr zufrieden, viel besser als bei meiner ersten Firma – durch die 12-Stunden-Dienste hat man viel Freizeit im Monat. Aber ich habe immer noch nicht gelernt, mit längeren freien Serien umzugehen, die ich nicht verplant habe, speziell bei gewitteranfälligem Wetter, wo mir exponierte Wanderungen zu riskant sind, und wo man leider derzeit nicht einmal am Vortag richtig weiß, wo und wann am nächsten Tag Gewitter losgehen.

Ich fühle mich überfordert und entscheidungsunwillig.