In eigener Sache: Interview mit MiMa

Heute hat Indre Zetsche ein Interview mit mir auf ihrem Blog “MiMa (M)eine Art Gesellschaftsmagazin” veröffentlicht:

https://m-i-ma.de/2018/04/16/gefuehle-sind-ein-minenfeld-im-gespraech-mit-felix-w-autistenbloggen/

Indre Zetsche (*1972) hat Kulturwissenschaften studiert und einige Jahre freiberuflich als Autorin und Kulturmanagerin gearbeitet. Seit 2004 ist sie bei der Kommunikationsberatung tätig und nebenher Referentin, Rednerin und Moderatorin. Sie lebt in Berlin und ist Mutter zweier Kinder.

Ich freue mich sehr, dass sie meinen Blog gelesen hat und an mich herangetreten ist. Die Fragen haben mich sofort positiv angesprochen und darin bestärkt, vieles offen anzusprechen. Vielen Dank nochmals, Indre!

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Vollzeitautist.

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In ihrem Blogartikel zum Welt-Autismus-Tag über mangelnde Barrierefreiheit für Autisten schrieb elodiyla diese Zeilen:

Der größte Teil der Autisten ist arbeitslos. Wahrscheinlich, weil sie an Bewerbungsgesprächen und sozialen Strukturen scheitern. Die Barrieren in den Köpfen der anderen hindert sie daran, ihre Produktivität einsetzen zu können. Doch zu viele Menschen glauben, dass jemand, der im Alltag viele Schwierigkeiten hat, keine komplexe Aufgaben lösen kann.

Ich erlebe diesen vermeintlichen Widerspruch selbst und er hemmt mich dabei, offen mit meinem Autismus umzugehen. Für Außenstehende ist es nicht nachvollziehbar, wie jemand, der Vollzeit im Schichtdienst arbeitet, im Alltag ein einfaches Telefonat nicht führen kann, nicht mal zu den Nachbarn hingeht, wenn sie zu laut sind, kein Auto fahren will oder kann, obwohl er ständig über die Öffis meckert und seine Einkäufe und Arzttermine andauernde verschiebt. Wie passt das zu beruflichen Höchstleistungen?

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Buchempfehlung: Berufsbiografien von Asperger-Autisten (I)

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Wie bei vielen Autistinnen und Autisten ist auch bei mir rund ein Jahr nach der Diagnose eine gewisse Sättigung bei der Suche nach neuen Erkenntnissen und Erfahrungsberichten anderer Autistinnen eingetreten. Hier und da hat man immer wieder Aha-Erlebnisse, doch insgesamt hat man sich mit der Diagnose abgefunden und versucht damit zurechtzukommen. Das folgende Buch stellt eine Ausnahme dar:

Kohl, Seng, Gatti (Hrsg.): Typisch untypisch. Berufsbiografien von Asperger-Autisten. Individuelle Wege und vergleichbare Erfahrungen, 2017

Nicht nur das 50 Seiten starke Vorwort hat beeindruckt, sondern auch die Lebensgeschichten der 22 Asperger-Autistinnen und -Autisten, die interviewt wurden. Jedem Interview mit gleichlautenden Fragen wurde ein je nach Stil der Autoren ein kurzer oder langer Bericht über den beruflichen Werdegang vorangestellt. Erst die Summe der individuellen Erfahrungsberichte macht die Stärke und Bedeutung dieses Buchs aus, viele Gemeinsamkeiten, aber auch die Beseitigung von Klischees über Autistinnen.

Im Teil I möchte ich auf das Vorwort eingehen, in Teil II versuche ich eine Zusammenfassung der 22 Interviews, denn das einzige Manko des Buchs ist ein fehlendes schlussfolgerndes Kapitel. In Teil III möchte ich ein paar der vorformulierten Interviewfragen selbst beantworten.

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Buch über Autisten im Beruf übersetzt und Neuigkeiten zum Geschlechterverhältnis bei Autisten

Die erste gute Neuigkeit ist schon ein wenig älter, komme aber erst jetzt dazu, darüber zu berichten:

  1. Rudy Simone – Asperger’s on the Job

Das Buch der Autistin Rudy Simone ist in meinen Augen DAS Standardwerk für Asperger-Autisten, Kollegen (von Autisten) und Arbeitgeber. Es wurde nun vom Autismus-Verlag übersetzt. Weshalb ich das Buch so wertvoll halte? Für mich persönlich war es ein echter Augenöffner. Ich las es erstmals, als ich noch den Verdacht hatte, Asperger zu sein (Frühjahr 2014) und bis auf ein paar durchaus eindeutige Internet-Selbsttests wenig Handfestes gelesen hatte. Die Aha-Erlebnisse bei der Lektüre waren regelrecht ein Schock! Ich erkannte mich in so vielen Situationen wieder, das konnte ich mir gar nicht alles einbilden! Auszüge aus ihrem Buch habe ich in Teil II und Teil III meiner dreiteiligen Serie über Autismus im Beruf übersetzt (außerdem: Teil I ).

Die zweite Neuigkeit bestätigt meinen subjektiven Eindruck, dass Autismus bei Mädchen und Frauen viel häufiger ist als in den derzeitigen Statistiken widerspiegelt wurde. Vergesst bitte die Theorie des extrem männlichen Gehirns von Baron-Cohen. Es suggeriert außerdem, dass Autisten weniger Empathie hätten, während nach Dziobek et al. (2008= die emotionale Empathie (Mitgefühl) bei Autisten sogar stärker ausgeprägt ist.

  1. 2. In diesem Spektrum-Artikel wurde das Geschlechterverhältnis bei Autisten nun von 4:1 auf 3:1 reduziert.

Die Professorin für kognitive Neurowissenschaften am King’s College in London, Francesca Happé, sagt dazu: “Es gibt uns bis heute die stärkste empirische Grundlage, welche die Idee unterstützt, dass Autismus bei Mädchen wahrscheinlich unterdiagnostiziert wird. Das sind wirklich große Neuigkeiten.” Zumal die derzeitigen Theorien zur Ursachenentstehung bei Autismus auf der Annahme basieren, dass Männer anfälliger sein als Frauen. Autismus bei Mädchen wird eher übersehen, weil Ärzte und andere denken, es beträfe vorwiegend Buben. Mädchen maskieren ihre autistischen Eigenschaften zudem besser [Anmerkung: Und erhalten dann eher eine Borderline- oder ADHS-Diagnose]. Die Analyse zeigte außerdem eine gleichmäßigere Verteilung von Buben und Mädchen (3.1:1) bei Studien mit hohem Anteil an Kindern mit geistiger Behinderung. Die Fähigkeit von Mädchen, ihren Autismus zu überspielen, hängt mitunter von ihrer Intelligenz ab oder sie werden stärker beeinträchtigt als Buben.

Manche Forscher sind der Meinung, dass das Verhältnis insgesamt sogar unter 3:1 liegen könnte, weil Autismus-Tests vorrangig für typische Eigenschaften bei Buben entwickelt wurden. “Weil die Forschung und klinische Erfahrung mehrheitlich Buben umfasst, sind unsere Diagnosekriterien beinahe mit Gewissheit zugunsten von Männern verschoben”, sagt Happé.

Auch eine weibliche Form von Autismus ist denkbar, da Mädchen eher zu subtilen eingeschränkten Interessen und weniger repetitives Verhalten als Buben neigen. Doch die Diagnosekriterien zu ändern, um mehr Frauen mit autismusähnlichen Eigenschaften zu diagnostizieren ist keine leichte Aufgabe, weil dadurch Autismus selbst anders definiert werden müsste.

Darüber schreiben ist leicht, darüber reden nicht.

In diesem Jahr ging für mich viel vorwärts. Leicht ist es nie. Beim zweiten Job konnte ich frühzeitig darauf achten, bestimmte Fehler vom ersten Job nicht zu wiederholen, etwa die richtige Kleidung, soziale Gepflogenheiten, aber auch das rechtzeitige Coming Out, bevor der äußere Eindruck und die tatsächliche Absicht zu stark divergieren. Autismus verschwindet nicht, nur weil man plötzlich über viele Hintergründe für sein eigenes Verhalten Bescheid weiß. Autistisches Verhalten ist die Folge der anderen Wahrnehmung. Meine Wahrnehmung wurde durch die Diagnose nicht nichtautistisch, sie ist autistisch geblieben. Zeitweise sah es so aus, als müsste ich meine andere Wahrnehmung ausführlicher erläutern, um mehr Verständnis und Entgegenkommen zu ermöglichen. Ein Zufall sorgte dafür, dass ich das nicht mehr musste, sondern im bald dritten Job sehr strukturierte Arbeitsabläufe vorfinden werde, die meinem autistischen Streben nach Gleichförmigkeit, Ordnung und festen Prioritäten sehr entgegenkommen.

Ich gebe aber offen zu, dass ich immer noch Angst habe, offen mit meinem Autismus umzugehen. Ich schrieb wochenlang an Erklärungen, die ich vis-à-vis nicht aussprechen konnte, meist, weil sich die Gelegenheiten dafür nie ergaben. Entweder war ich zu müde, zu gestresst, zu überreizt und/oder der Adressat hat keine Zeit, war in Eile oder das Gespräch hätte bei zu vielen Umgebungsreizen stattfinden müssen. Zu wenig Zeit ist ganz schlecht. Ich brauche etwas Anlaufzeit, um etwas zu erklären, insbesondere, wenn es um nichts Geringeres als meine Zukunft geht. Woher die Angst? Es ist wahrscheinlich eine häufige Angst von Autisten, dann nur über Defizite wahrgenommen zu werden, dass nachfolgend nicht mehr über Stärken gesprochen wird. Diese Angst hemmt, bis sich Konflikte aufschaukeln, was vermeidbar ist, wenn das Verständnis für eine andere Wahrnehmung, eine andere Sicht auf die Welt und Erlebtes vorhanden wäre. Da kann man noch so viel darüber lesen und schreiben und diskutieren – wenn es um einen selbst geht, ist das nochmal ein anderes Kaliber.

Anders ist es, wenn es um nichts geht, wenn ich nur aufkläre, über mich spreche, mit dem Ziel, Vorurteile zu beseitigen, ein paar Wissenslücken zu stopfen. Im vergangenen Jahr durfte ich in der Ö1-Sendung Moment – Leben heute, mit Anna Masoner über meinen Autismus sprechen, dieses Jahr bei der Veranstaltung von Specialisterne Austria und Anecon vor Unternehmern und Journalisten in Wien. Auch für die Festschrift zum 25-jährigen Bestehen des Instituts für berufliche Integration (ibi wien) durfte ich einen Artikel verfassen. Größere Ambitionen, etwa eine Autobiografie, habe ich keine. Der Markt ist gerade gesättigt und ich wüsste nicht, welchen Mehrwert ich den vorhandenen Deutungen und Erklärversuchen von Autismus beisteuern sollte. Dafür bin ich wohl zu sehr Universaldilettant – an allem interessiert, aber zu wenig spezialisiert. Und ich möchte nichts veröffentlichen, über das ich nicht ausgiebig recherchiert habe. Das können andere besser. Nebenbei bin ich hauptberuflich Meteorologe und meine Interessen haben sich dank der Wertschätzung meiner Stärken schwerpunktmäßig nach längerer Durststrecke wieder hin zum Wetter verschoben, wo sie vorher schon lange gewesen sind. Eher schreibe ich mal ein Buch über meine Wanderungen oder ein Fachbüchlein zum Wetter.

Und nicht zuletzt hat auch die Art und Weise, wie Autismus-Aktivismus im deutschsprachigen Raum gelebt wird, dazu beigetragen, mich nicht weiter hineinzusteigern, mich über jeden journalistischen oder politischen Fehltritt zu empören oder unbedingt Lindt zu boykottieren, weil sie – im Unwissen darüber, was sie da eigentlich unterstützen – Autism Speaks fördern. Die Gehirnwäsche von Autism Speaks ist erfolgreich, klappt in den USA besonders gut, und im deutschsprachigen Raum weiß man ohnehin nicht, was Autismus erst mal ist. Ich boykottiere dann, wenn jemand wissentlich für die böse Sache eintritt, so wie damals der Nudel-Barilla-Chef mit homophoben Äußerungen. Erst nach der öffentlichen Entschuldigung habe ich die Barilla-Nudeln wieder gekauft. Besser einen Appell an Lindt, die Kooperation mit AutismSpeaks zu überdenken. [und nein, das ist keine Bevormundung, es sei jedem selbst überlassen, was und wen er aus welchen Gründen boykottiert. Genauso wenig mag ich verheimlichen müssen, dass ich mir gelegentlich mal eine Lindt-Schokolade gönne, weil sie mir schmeckt. Auch Google unterstützt Autism-Speaks, und Google zu meiden ist fast unmöglich. Entweder konsequent sein oder gar nicht.]. Die ganze Entwicklung, u.a. auch das leider spurlos verschwundene Nummermagazin, das frischen Wind ins armeHascherl-Land Österreich brachte, hat mich die letzten Monate sehr frustriert, und zerreißt mein Herz, weil ich einerseits sehr engagiert bin und gerne aufkläre, mich andererseits aber immer dann zurückziehe, wenn zu viel Herdendenken aufkommt. Ich möchte nicht Teil dieser Bewegung sein.

Und dann heißt es nach vorne blicken. Im neuen Jahr habe ich einiges vor mir: Prüfungen, Wohnungssuche, Umzug, neue Umgebung, neue Kollegen, neue Aufgaben. Keine Zeit zum Trübsal blasen, aber auch keine Zeit mich über Dinge aufzuregen, die ich ad hoc nicht ändern kann. Wenn ich herausgefunden habe, wie ich gewisse Herausforderungen bewältigen kann, werde ich sicherlich darüber schreiben. Meine Schreibwut hört gewiss nicht auf.