Invisible for you (translation)

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I translated my german entry Was ihr nicht seht (II) in english. Some phrases may sound a bit different with respect to the origin since I generally prefer to express my thoughts and feelings in english.

How to explain autism/Asperger’s in a way to be understood? Depending on attention span and given time window of my dialogue partner, I miss often the really important parts of my explanation. It’s always a feeling of high pressure because it’s a a thin line between mistaken for a savant and being underrated in what I’m able to do. Here in Austria, most people never heared of Asperger himself, so if I say autism, people automatically think of autism in terms of Leo Kanner (infantile autism) who defined much more narrow symptomes than Hans Asperger. I also have to stress out that autism is not a fashion label and despite we may share some of these symptomes, not all people including you will automatically be autistic.
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Wie geht’s Dir?

übersetzt aus dem Englischen

von Jeannie Davide-Rivera (Originaltext auf Englisch)

Ich weiß nicht, ob mein Problem mit dieser Frage an sozialen Erwartungshaltungen liegt und ich in diese sozialen Fettnäpfchen steige, oder ob ich alles wortwörtlich verstehen muss und dem Bedürfnis nachgebe, Fragen zu beantworten. Wenn Du mich jedenfalls zum Erstarren bringen willst, frag einfach

 „Wie geht’s Dir denn heute?“

Mein Gehirn stellt seinen Dienst ein!

Ernsthaft. Mein Gehirn schaltete unmittelbar in den Frage- und Antwort-Modus. Die Minute davor hast Du mich noch angelächelt und sagtest

„Hallo“.

Ich habe niemals verstanden, weshalb man diese Frage als Grußformel benutzen muss. Wenn Du mir eine Frage stellst, werde ich sie beantworten. Warum würdest Du auch etwas fragen, was Du nicht wissen willst, oder? Mein Ehemann sagte, es ist bloß eine Art, höflich zu sein, wenn man jemanden empfängt. Worauf ich antwortete: „Warum kannst Du nicht einfach Hallo sagen, wenn es bloß eine Begrüßung ist?“

Für jene ohne Asperger mag das lächerlich und albern klingen. Für sie ist es verständlich, dass die Person nicht wirklich wissen will, wie es einem geht. Sie fragen nur aus Höflichkeit. Was sie nicht sehen: Ich verstehe, dass das eine Form der sozialen Spitzfindigkeit ist. Ich weiß das und ich scheitere auch nicht es zu verstehen. Wenn ich aber gerade beschäftigt bin, über etwas nachdenke, am Telefon antworte, ein Treffen ausmache oder in ein Büro gehe, um jemanden um etwas zu bitten, und Du mich fragst, wie es mir geht, stürzt mein Gehirn ab.

Meine Tätigkeit wurde durch eine Frage unterbrochen. Ich verliere meinen Gedankenzug und beginne gewöhnlich damit, die Frage zu beantworten. Das Problem dabe ist, dass ich mir zu spät bewusst wird, dass ich darauf nicht antworten muss. Die korrekte Antwort ist:

Fein, wie geht’s Dir?

Und dann mit dem Gespräch fortfahren, als ob niemand diese Fragen gestellt hat. Mein hochgradig logisches Gehirn findet das komplett unlogisch! Und um das noch zu verschlimmern, dauert es ein paar Sekunden, bis ich mich daran erinnere, dass mir eine rhetorische Frage gestellt wurde, und oftmals bleibe ich zurück und fühle mich wie ein völliger Idiot.

Meine Gedanken werden unterbrochen

Meine Gedanken sind bereits unterbrochen, meiner Konzentration beraubt, und ich beginne damit eine Antwort zu formulieren. Wie geht’s mir heute? Verglichen mit gestern, allgemein oder dreht sich die Frage um meine Arbeit? War ich heute produktiv? Blödsinn! Ich bin im Plan hinterher. Warte … OH YEAH! Das ist keine echte Frage, missachte sie, und zaubere die korrekte Standardantwort  hervor: Fein, und wie geht’s Dir?

Klingt verrückt? Es bringt mich zum Überschnappen.

Wie manche von Euch wissen, beschloss ich vor ein paar Wochen, einen professionellen Finanzberater aufzusuchen, um meine Verrücktheit wieder in Ordnung zu bringen. Ich rief an, hinterließ eine Nachricht, und warte auf einen Rückruf mit einem Terminvorschlag. Als das Telefon läutete, wusste ich, dass es mein Rückruf war (Anruferkennung natürlich). Ich nahm an.

Ich : Hallo?

Anrufer: Frau (Aspie Writer)? Hier ist die Frau Beraterin vom Beratungsserivce. Wie geht’s Ihnen heute?

Ich: Oh…ähmm…. ach, ja.

Dann beginnt das Kesseltreiben.Das Band in meinem Gehirn spielte erneut mit der Stimme aus dem Off ab: Du Idiot! Wie geht’s Dir heute? Oh …ähmm, …ach, ja, wirklich? Du klangst wie ein babbelnder Idiot. Sie wird sich fragen, was in der Welt mit Dir falsch ist. Vielleicht hätte ich die Frage beantworten sollen. Mir geht’s heute nicht gut, ich rief sie an. Das würde andeuten, dass ich bei etwas Hilfe bräuchte. Deshalb geht es mir nicht gut.

Etwas ähnliches wie hier wird beinahe immer passieren, wenn ich auf diese harmlosen Feinheiten treffe. Mein Gehirn springt vom Grüßungsmodus in den Frage-Antwort-Modus. Dann dauert es ein paar Augenblicke, um es zu vergegenwärtigen und ich springe zurück. Bis dahin vergaß ich, was ich tat oder sagen wollte, und verpasse Teile der Unterhaltung.  Im obigen Beispiel verpasste ich den ersten Teil des Telefonats, weil ich bei der Frage feststeckte und der innerer Monolog in meinem Kopf weiterlief. Ich verpasste völlig, was die Frau sagte, und es endete damit, sie auffordern zu müssen, das Gesagte zu wiederholen. Ich war danach ziemlich frustriert über mich selbst. Mein Gehirn ist auslaugend!

Meine Frage ist daher: Warum kannst Du nicht bitte einfach nur Hallo sagen?
Schon eine unschuldige, kleine, unausgereifte Frage legt mir Steine in den Weg. Bin ich damit allein? Bringt das auch andere zur Ablenkung? Hast Du Dich selbst schon einmal dabei ertappt, die Frage ehrlich zu beantworten, und dabei festgestellt, dass Deine Ausführungen niemanden interessieren?

Overloads vorbeugen

Was genau hilft nun, die Reizüberflutung erträglicher zu gestalten? Dazu gibt es von einer sehr geschätzten Bloggerin eine schöne Übersicht auf Englisch. Meine Übersetzung:

Sinnesüberreizung – und wie man diese bewältigt.

Sinnesüberreizung wird mit folgenden Störungen in Verbindung gebracht:

  • Fibromyalgie
  • Chronisches Müdigkeitssyndrom (CFS)
  • Posttraumatisches Belastungssyndrom (PTBS)
  • Autismus-Spektrum-Störungen (ASS)
  • Generalisierte Angststörung (GAD)
  • Synästhesie

Eine Sinnesüberreizung tritt auf, wenn einer oder mehrere der Sinnesorgane durch die Umgebung überstimuliert wird. Grundsätzlich fühlt sich das so an, als ob alles zur gleichen Zeit geschieht, und zu schnell für Dich geschieht, um mitzuhalten. Sinnesüberreizungen können durch Überstimulierung von jedem Sinn hervorgerufen werden:

  • Hören: Laute Geräusche oder Klänge aus mehreren Quellen, wie wenn sich mehrere Menschen gleichzeitig unterhalten
  • Sehen: Grelles Licht, Stroboskoplicht oder Umgebungen mit vielen Bewegungen, wie Menschenmassen oder häufige Szenenwechsel im Fernsehen
  • Geruch und Geschmack: Starke Aromen und scharfes Essen
  • Tasten: Taktile Sinneserfahrungen wie von anderen Menschen berührt werden oder das Gefühl von Stoff auf der Haut.

Offensichtlich reagiert jeder unterschiedlich auf Sinnesüberreizungen.

Einige Verhaltensbeispiele:

tabelle

Es gibt zwei verschiedene Methoden, Sinnesüberreizungen zu verhindern: Vermeidung und Grenzen setzen

  • Schaffe Dir eine ruhigere und geordnetere Umgebung, welche den Geräuschpegel bei einem Minimum hält und das Gefühl des Durcheinanders reduziert.
  • Ruhe Dich vor großen Ereignissen aus.
  • Konzentriere Deine Aufmerksamkeit und Energie auf jeweils eine Sache.
  • Beschränke die Zeit, die Du für vielfältige Aktivitäten verwendest.
  • Wähle Situationen, in denen Du Menschenansammlungen und Geräusche vermeiden kannst.
  • Man könnte auch Interaktionen mit bestimmten Leuten beschränken, um Sinnesüberreizung zu vermeiden.

In Situationen mit Sinnesüberreizung ist es wichtig, sich selbst zu beruhigen und auf ein normales Niveau zurückzukehren.

  • Ziehe Dich aus der Situation zurück.
  • Tiefer Druck gegen die Haut kombiniert mit Wahrnehmungen aus dem eigenen Körper, die die Rezeptoren in den Gelenken und Bändern stimulieren, beruhigt häufig das Nervensystem.
  • Sinneseindrücke reduzieren kann helfen, etwa stressende Geräusche zu eliminieren und das Licht abzudämmen
  • Für manche funktioniert es, beruhigende, konzentrierte Musik zu hören.
  • Gönn Dir eine längere Erholung, wenn eine kurze Pause keine Erleichterung bringt.

Was ist, wenn ein_e Bekannte_r gerade eines Sinnesüberreizung erleidet?

  • Erkenne den Beginn der Überreizung. Wenn sie die Fähigkeiten verloren haben zu scheinen, die sie normalerweise haben, z.B. vergessen, wie man spricht, ist das oft ein Zeichen für eine schwere Überreizung.
  • Verringere den Lärmpegel. Wenn sie sich an einem lärmreichen Ort aufhalten, biete ihnen an, sie wohin zu führen, wo es ruhiger ist. Gib ihnen Zeit, damit sie Fragen und Antworten verarbeiten können, weil Überreizung tendenziell das Verarbeiten verlangsamt. Wenn Du den Lärmpegel steuern kannst, etwa die Musik abzuschalten, mach es.
  • Berühre oder stoße sie nicht. Viele Leute mit Sinnesüberreizung sind übersensibel gegenüber Berührungen – berührt zu werden, oder alleine die Gedanken daran, berührt zu werden, können die Überreizung verschlimmern. Wenn sie sitzen oder kleine Kinder sind, begib Dich auf ihre Höhe statt über sie zu ragen.
  • Spricht nicht mehr als notwendig. Frag, wenn notwendig, um Hilfe anzubieten, aber sagt nichts Beruhigendes oder bring sie dazu, über etwas anderes zu reden. Sprechen ist Sinnesinput, und kann die Überreizung verschlimmern.
  • Wenn sie eine Jacke haben, wollen sie sie möglicherweise anziehen und die Kapuze aufsetzen. Das hilft, die Reize zu verringern, und viele Leute finden das Gewicht der Jacke tröstend. Wenn sich ihre Jacke nicht in Reichweite befindet, frag sie, ob Du sie ihnen bringen sollst. Eine schwere Decke kann denselben Zweck erfüllen.
  • Reagiere nicht auf Aggressionen. Nimm sie nicht persönlich. Überreizte Menschen verursachen selten ernsthaften Schaden, da sie niemanden verletzen wollen, sondern bloß der Situation entkommen wollen. Aggressionen treten meist dann auf, weil Du versuchst hast, sie zu berühren, einzuengen bzw. ihre Fluchtmöglichkeit blockiert hast.
  • Wenn sie sich beruhigt haben, sei Dir dessen bewusst, dass sie oft erschöpft sind und für längere Zeit Überreizungen gegenüber empfänglicher sind. Es kann Stunden oder Tage dauern, bis sie sich von der Phase mit Sinnesüberreizung vollständig erholt haben. Falls möglich, versuche den Stress danach ebenfalls zu verringern.
  • Wenn sie damit beginnen, sich selbst zu verletzen, solltest Du dabei normalerweise nicht aufhalten. Zurückhalten macht ihre Überreizungen wahrscheinlich schlimmer. Schreite nur ein, wenn sie etwas tun, das sie ernsthaft verletzen könnte, etwa fest beißen oder den Kopf gegen Wand schlagen. Es ist viel besser, die Selbstverletzungen indirekt anzugehen, indem man die Überreizungen abmildert.

Zusammenfassung: Denk an die 5 R’s:

  • 1. Recognise (Erkenne)

… die Symptome der Überreizung

  • 2. Remove (Entferne )

… Dich aus der Situation

  • 3. Reduce (Verringere)

… den Sinneseindruck, der die Überreizung verursacht

  • 4. Relax (Entspanne)

… Deinen Körper und beruhige Dich

  • 5. Rest (Ruhe)

… Dich aus, da Du sehr wahrscheinlich ermüdet sein wirst. * PS: Im Englischen verwendet man den Begriff Overload für Überreizung, welche sich in Sinnesüberreizung (Sensory Overload) und mentale Überreizung (Mental Overload)/endlos kreisende Grübeleien unterteilt. Reizfilterschwäche (Sensory Gating Disorder) bezieht sich meist auf die körperlichen Sinne, während Hochsensibilität eher auf Gefühle abzielt.

Wie Angst, Reizüberflutung und Ungewissheit zusammenhängen

angst
Tiefblick bei Überquerung einer Schotterrinne. (c) by me

Ein spannender Artikel von Ann Grisworld, Spectrum News, beschreibt die Zusammenhänge zwischen Unplanbarkeit, Angsterkrankungen und sensorischer Überlastung bei autistischen Kindern.

Bis zu 84 % der autistischen Kinder leiden unter ausgeprägten Angsterkrankungen und bis zu 70 % zeigen extreme Überempfindlichkeiten auf Licht und Geräusche. Die Überreaktion auf sensorische Reize löst Ängste bei Autisten aus. Eine neue Studie stellt die These auf, dass die Furcht vor dem Unbekannten beide Erscheinungen fördert und dass ein verbesserter Umgang mit der Ungewissheit entsprechende Symptome lindern kann. Die Erkenntnisse stützen außerdem die Theorie, dass autistische Kinder die Welt als überwältigend wahrnehmen, weil sie sich damit schwer tun, Abläufe vorherzusehen. Autistische Kinder wollen ihre Umgebung kontrollieren, sie vorhersehbarer machen. Continue reading

Zusammenhang Savants – Autismus? Teil 2

Im ersten Teil hatte ich nur die erste Hälfte des SpectrumGo-Artikels zusammengefasst, die weitaus faszinierenden Ergebnisse finden sich jedoch im zweiten Teil, und dabei wird auch deutlich, dass es hier NICHT um Spezialinteressen geht. Eine Inselbegabung kann man nicht bzw. nur unter immensen Aufwand erlernen, entweder hat man sie oder nicht, während Spezialinteressen die bewusste Entscheidung für ein bestimmtes Thema sind, und das bewusste Verbringen von viel Zeit darin, enormes Wissen darüber anzuhäufen – das können selbstverständlich auch Nichtautisten.

Vor 30 Jahren entwickelte der Psychologe Bernard Rimland mit 34 000 Personen die weltweit größte Datenbank an Autisten. Rimland fiel auf, dass ihre Savant-Fähigkeiten wie künstlerische Ausdruckskraft oder die Fähigkeit, Objekte im dreidimensionalen Raum zu manipulieren, am häufigsten Fähigkeiten der rechten Gehirnhälfte waren. Ihre Schwierigkeiten, wie etwa zu kommunizieren, erschienen oft in Funktionen, die von der linken Gehirnhälfte kontrolliert werden.

Bei vielen Arten von Gehirnverletzungen oder Dysfunktionen, die durch einen Schlaganfall oder degenerative Erkrankungen verursacht werden, bemerkten die Ärzte, dass ein Defekt in der linken Hälfte zu einer kompensatorischen Verbesserung der Funktionen in der rechten führen kann. Gewöhnliche Menschen mit durchschnittlicher Intelligenz und Fähigkeiten, die schwere Gehirnverletzungen erlitten und plötzlich neue Fähigkeiten entwickelten, etwa musische Talente, Fremdsprachen oder herausragende mathematische oder künstlerische Fähigkeiten, brachten die ersten Hinweise auf den zugrundeliegenden Mechanismus von Savant-Fähigkeiten.

Bruce Miller, ein Neurowissenschaftler an der Universität von Kalifornien, beobachtete dieses Phänomen bei manchen seiner älteren Patienten, die an FTD (frontotemporal dementia) litten, einer degenerativen Gehirnstörung, die vor allem den vorderen, linksseitigen Teil des Gehirns betrifft, spontan ein Interesse an Kunst entwickelten. Als die Demenz fortschritt, wuchs der Drang, etwas zu erschaffen und ihre Zeichnungen wurden besser.

Miller und seine Kollegen benutzten die single-photon emission computed tomography, eine Technik, die Blutstromänderungen im Gehirn erfasst und die neuronale Aktivität widerspiegelt, bei einem dutzend Leuten mit FTD, die neue künstlerische Talente entwickelt hatten. Sie offenbarte Schaden am anterior temporal lobe ihrer linken Gehirnhälfte und am orbitofrontal cortex – beides Regionen, die mit Logik, verbaler Kommunikation und Verständnis assoziiert werden. Ihre Theorie ist, dass die teilweise Gehirndegeneration im wesentlichen ruhende Fähigkeiten im rechten Gehirn “freisetzte”, wo künstlerischer Ausdruck (inkl. visuelle Konstruktion, z.B. Zeichnungen zu kopieren oder Puzzles zusammenzusetzen) und kreatives Denken veranlagt sind.  Als sie diese Scans mit einem jungen autistischen Künstler verglichen, der seit früher Kindheit davon besessen war zu zeichnen, fanden die Forscher “bemerkenswerte Parallelen”. Wie die Menschen mit FTD zeigte der 9jährige Savant einen Funktionsverlust im linken Temporallappen, gepaart mit erhöhter Aktivität im rechten Gehirn.

Bildgebende Studien von Mottrons Team und anderen gaben noch mehr Aufschluss über die möglichen neurologischen Grundlagen von Savantismus. Mottrons Gruppe fand heraus, dass selbst Autisten mit durchschnittlichem IQ um bis zu 40 % schneller als Gleichaltrige ohne Autisten sind, wenn es um die Lösung komplexer logischer Probleme geht [Anm.: Diese Zahl wird u.a. auch von Michelle Dawson genannt, wenn es darum geht, zu widerlegen, dass nonverbale Autisten mehrheitlich geistig behindert seien. Sie erzielen bloß bei teilverbalen IQ-Tests schlechtere Ergebnisse im Gegensatz zu komplett nonverbalen Tests]. Ihre analytischen Fähigkeiten sind eventuell für diese Überlegenheit beim Zahlen manipulieren verantwortlich. Autisten besitzen außerdem verstärkte Wahrnehmungsfähigkeiten (Mustererkennung, Fehlersuche, 3D-Formen gedanklich manipulieren).

In einer Meta-Analyse von fMRI (2012) fand Mottrons Gruppe verstärkte Aktivität bei Autisten in Gehirnregionen, die mit visueller Verarbeitung, Objekterkennung, visuelle Expertise, z.B. verschiedene Vogelarten erkennen, verbunden sind. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die visuelle Wahrnehmung eine zentrale Rolle bei bei der autistischen Wahrnehmung spielt (berühmtes Beispiel: Temple Grandin’s “Thinking in Pictures”).

Mottron sagt, dass verstärkte Wahrnehmung zu logischen Fähigkeiten beitragen kann, was überragende Fähigkeiten bei manchen Autisten beim Lösen komplexer logischer Rätsel erklären kann. Erhöhte Wahrnehmung könnte auch beim Erwerb von drei Savant-Fähigkeiten helfen:

  • absolutes Gehör
  • Hyperlexie
  • Synästhesie

Mottrons Team fasst zusammen: Das Gehirn scheint seine Mittel umzustrukturieren, sodass bestimmte zweckgebundene Regionen fortgeschrittenere Aufgaben übernehmen. Im wesentlichen bedeutet das, dass autistische Gehirne flexibler als jene der Kontrollgruppen sind. Diese Plastizität (Verformbarkeit) hilft ihnen nicht beim Überwinden sozialer Defizite, da diese weder von der Wahrnehmung noch mit Logik angegangen werden können. Sie benutzen jedenfalls andere Nervenbahnen als Nichtautisten und zeigen erhöhte Aktivität bei der Wahrnehmung. Wenn diese mit Wissen und anderen Formen der Expertise zusammenfällt, sind Savant-Fähigkeiten die Folge.

Wunderkinder:

Im Jahr 1998 stolperte Joanne Ruthsatz, angehende Psychologin, über eine mögliche Erklärung über die Wurzeln von Savantismus während einer zufälligen Begegnung in einem Fastfoodlokal in Louisiana. Sie wollte ein 6jähriges Musikwunderkind interviewn, das Gitarrenkonzerte quer über den Süden gab. Nach den ganzen IQ und Fähigkeiten-Tests wollte das Gitarrenphänomen unbedingt zu McDonald’s. Also machten sich der Junge, seine Mutter und die Forscherin auf dem Weg dorthin. Zufällig kamen die Tante des Kindes und sein Cousin hinzu. Während die beiden Schwestern redeten, grunzte der Cousin und flatterte mit den Händen. Später erzählte die Mutter, dass ihr Neffe schwer autistisch sei. Wie viel Zufall braucht es, um solche Cousins zu sein?

Die Chancen hierfür sind recht signifikant. Eine Ruthsatz-Studie von 2007 teilte den AQ 3 Arten von Leuten zu, jeweils 10 Testpersonen:

  • eine Gruppe mit Wunderkindern und ihre nähesten Verwandten (Eltern oder Geschwister)
  • eine weitere mit Autisten und ihren Verwandten
  • und eine dritte mit Individuen ohne Diagnose und deren Verwandten.

Die Familien der Wunderkinder und Autisten erzielten höhere Punktzahlen, speziell die Wunderkinder erzielten höhere Ergebnisse bei “enhanced attention to detail” als Autisten.

Seit diesem schicksalsreichen Treffen hat Ruthsatz ausgiebige Profile von 30 vermeintlichen Wunderkindern gesammelt. Bis Ende 2011 entdeckte sie, dass 3 der ersten 9 Wunderkinder ehemals mit Autismus diagnostiziert wurden, aber die Kriterien nicht länger erfüllten. 5 von 9 hatten zumindest ein nahestehendes Familienmitglied mit Autismus. Ein Wunderkind hatte zwei Geschwister, einen Vater, eine Oma und eine Tante im autistischen Spektrum. Eine gemeinsame genetische Ursache von Autismus und Savantismus sei damit naheliegend, so Ruthsatz, die Ko-Autorin des bald erscheinenden Buches “The Prodigy’s Cousin: The Family Link Between Autism and Extraordinary Talent” ist.

In einer 2012 erschienenen Studie über 8 berühmte Wunderkinder dokumentierte Ruthsatz viele Eigenschaften, die oft bei autistischen Kindern gefunden werden, etwa Schwierigkeiten in sozialen Situationen und zwanghafte Aufmerksamkeit für Details. Die Wunderkinder hatten zudem ein bemerkenswertes Arbeitsgedächtnis, mehr als 2 Standardabweichungen über dem Mittel. Im Jahr 2015 identifizierte das Team von Ruthsatz eine mögliche genetische Verbindungen zwischen Wunderkindern und Autisten. In genetischen Samples von 11 Wunderkindern und von Familienmitgliedern von Autisten entdeckte sie eine gemeinsame Mutation auf Chromosom 1, eine Region, die als 1p31-q21 bekannt ist. Bisher ist die genaue Position der genetischen Variante noch unbekannt, ebenso, wie sie zu den Eigenschaften beiträgt, die von Wunderkindern und Savants geteilt werden. Das Team sucht nach einem genetischen Modifikator bei den Wunderkindern, der sie gegen Autismus schützen könnte, was erklären könnte, weshalb sie diese Diagnose nicht länger aufweisen.