Autisten und Do-it-yourself-Mentalität

Im gestern erschienenen Artikel in der Wiener Zeitung über die zunehmende Do-it-yourself-Mentalität im Handel kommt der Redakteur wieder einmal nicht ohne die von Vorurteilen geprägte Metapher Autismus aus. Der Artikel leitet mit dem Elektronikfachladen SATURN ein, der in Innsbruck seit einiger Zeit mit einer innovativen Neuerung aufwartet.

Es gibt keine Kassen. Freilich ist die angebotene Ware – hier sind es zuvorderst Kleinteile wie Batterien, Kabel, Kopfhörer, aber auch Kaffeemaschinen – nicht gratis. Es gilt, vorab eine App auf sein Mobiltelefon zu laden, seine Zahlungsverbindungen zu hinterlegen und mit dem integrierten Scanner das Preisschild des gewünschten Objekts zu erfassen. Der Diebstahlschutz wird flugs entfernt. Dann kann man schnurstracks wieder aus dem Laden marschieren. Personal ist zwar vorhanden, es kümmert sich aber nur auf Nachfrage um Erläuterung des Konzepts oder konkrete Hilfestellung. Der Konsument der Zukunft ist tendenziell Autist. Und immer online.

Der Autor schließt mit den Worten

Aber bis auf weiteres werde ich die Supermärkte ansteuern, die noch Kassen besitzen. An denen Menschen aus Fleisch und Blut sitzen. Und denen gelegentlich – ohne Vorahnung – ein Lächeln entweicht.

Nun, ich bin Autist und ich bevorzuge aus denselben Gründen Geschäfte mit menschlichen Kassen wie der Autor. Weil ich selbst in einer Branche arbeite, die stark gefährdet ist, in naher Zukunft durch Automaten ersetzt zu werden. Diese Mentalität will ich nicht unterstützen. Es wurden schon genug Arbeitsplätze vernichtet, weil man vordergründig die Bequemlichkeit unterstützen möchte, in Wahrheit geht es aber nur darum, Personalkosten einzusparen.

Für mich persönlich ist Kontakt mit Verkäufern lediglich dann ein Graus, wenn ich beim Betreten eines Geschäfts keine Zeit habe, mich zuerst umzusehen, sondern sofort angelabert werde. Das setzt mich unter Druck und ich bekomme Schweißausbrüche. Weiters merke ich genau, wenn ein Verkäufer fachlich wenig Ahnung hat und nur versucht, mir einen teuren Artikel anzudrehen. Wenn ich dagegen meine Lieblingsbergsportgeschäfte aufsuche, bin ich sogar dankbar, wenn mir Artikel empfohlen werden, die besser bzw. günstiger sind als das, was ich mir online ausgesucht habe. Geschäfte ohne Onlineshop vermeide ich daher weitgehend.

Mir persönlich macht es grundsätzlich aber gar nichts aus, an einer Kassa zu zahlen, wo ein Mensch sitzt. Im Gegenteil finde ich die verschiedenen Selbstbedienungskassen mit selbst einscannen wie bei Spar, Billa, Merkur oder McDonalds verwirrend, und wenn sich hinter mir dann Schlangen bilden, ist der Druck dann größer als mit Schlangen an den Menschenkassen. Bei letzteren stört mich einzig, wenn die Menschen keinen Abstand halten und auch die Trennteile nicht benutzen, sodass ihre Ware in meine geschoben wird. Oder der Kassamensch nebenher plaudert und unkonzentriert ist und vom Wartenden hinter mir was über den Scanner ziehen will. All dies ist lästig, aber ich nehme diese Lästigkeit in Kauf, wenn es den Arbeitsplatz des Kassamenschen sichert.

Technikaffine Autisten, die mit Selbstbedienungskassen keine Probleme haben und mit dem Onlineshop von SATURN zurechtkommen (ich nicht), mögen das neue System toll finden, ich gehöre nicht dazu. Ich bin aber auch kein technikaffiner Autist und empfinde diese Metapher daher als unnötige Verallgemeinerung.

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Autisten sind nicht gestört, sie stören andere

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“Wahrnehmungsstörung” oder besondere Wahrnehmung?

Zugegeben eine provokante Neu-Interpretation des vielbenutzten Begriffs Autismus(-Spektrum)-Störung. Ich möchte dabei ein Gefühl ansprechen, das manche Autisten von uns gut kennen. Wenn sie das Gefühl haben, sie können wichtige Anliegen nicht ansprechen, weil sie anderen damit auf die Nerven gehen. Diese Gefühle treten immer wieder auf, in Alltagssituationen, bei wichtigen Gesprächen, bei Behördengängen, bei Ärzten, in der Arbeit, aber vor allem die medizinische Deutung von Störung wird auch gerne von Journalisten genutzt.

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Der nützliche Autist im Einmachglas

trottelbuld

Ein besonders originelles Bild, um einen Autisten darzustellen. Übertroffen wird die klischeehafte Darstellung nur durch die Bildunterschrift. Im Titel steht dann “Firmen machen gute Erfahrungen mit Autisten” (abgerufen am 16. November 2017). Nein, es reicht nicht, Autisten schaukelnd in der Ecke darzustellen, es muss ein Einmachglas sein. Continue reading

Kompromisse

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Ganz verlassen konnte ich Twitter dann doch nicht. Ich entschied mich jedoch zu einer rigorosen Maßnahme: Ich deinstallierte die App vom Handy. Auf diese Weise kann ich unterwegs nicht nachschauen, sondern erst nach Feierabend oder nach der Wanderung. Zurück zu analogen Zeiten – immerhin benutzte ich Twitter von 2012 bis 2015 an einem, was man heute analogen Handy nennt, Klapphandy. Das ging mäßig zufriedenstellend, deswegen interagierte ich mehr vom Computer aus mit, was dann zu lange Computerzeiten mit sich brachte. Mein letzter Eintrag zu Licht ins Dunkel fasst meinen Weltschmerz gut zusammen – zum Zweck meiner Katharsis beschäftigte ich mich intensiv mit dem, was mir Angst machte, und kann nun nicht mehr überrascht werden. Das, was sonst so über die Timeline flattert, verdränge ich derzeit – ich lese nicht viel davon, sondern tue das, was ich monatelang immer weniger konnte: Ausblenden. Continue reading

“Licht ins Dunkel” reicht nicht

Grundsätzlich … ja, es ist wichtig, dass gespendet wird, speziell von jenen, die keine Erbschafts- oder Vermögenssteuern zahlen müssen und zur besserverdienenden Schicht gehört, die von Steuerbonus & CO künftig profitieren wird. Unter den Projekten des Charity-Vereins “Licht ins Dunkel” befinden sich auch welche, die Autisten betreffen, vgl. den Rechenschaftsbericht 2015/2016 (s. S.16 über ein Förderzentrum in Tirol). Einmal im Jahr wird die Werbetrommel an prominenter Stelle im Fernsehen und als Reklame auf öffentlichen Gebäuden gerührt, und damit ist das Thema Krankheit, Behinderung, Barrierefreiheit und Inklusion auch schon wieder durch. Wo es speziell bei Autismus hakt, habe ich bereits im vergangenen Jahr ausführlichst beschrieben. Jedoch darf man Behinderung und Autismus nicht mit Scheuklappen betrachten, sondern muss einen weiteren Kontext dazu einbinden. Nicht alle Autisten sind auf geschützte Werkstätten angewiesen, viele nehmen ganz normal am Berufsleben teil oder würden es gerne – man lässt sie aber nicht bzw. legt ihnen Steine in den Weg.

Jedenfalls verdamme ich nicht die Großspendenaktion an sich, fordere wohl aber, dass eine Vielzahl der dadurch erst ermöglichten Projekte staatlich gefördert werden sollten. Die Unterstützung benachteiligter Menschen solltn nicht von Almosen reicher Menschen abhängig sein – immer mit der Ungewissheit, ob so eine Förderung oder ein Projekt aufgrund von Geldmangel wieder eingestellt werden muss, vgl. den sozialen Kahlschlag derzeit in Oberösterreich. Spenden lösen keine strukturellen Probleme, wie etwa ein Mangel staatlicher Anlaufstellen, ein akuter Mangel an Therapiezentren, an Kassenärzten, an Angeboten auch für Erwachsene, an zu wenig Aufklärung von Arbeitgebern und überhaupt ein Mangel an Bewusstseinsschaffung in der Gesellschaft. Das Bild vom durchwegs hilfebedürftigen Menschen wird durch Aktionen wie “Licht ins Dunkel” weiter gefestigt, insbesondere fehlt eine Empowerment-Bewegung Betroffener, wie etwa bei Autisten, völlig. So wird suggeriert, andere (“Gesunde”) müssen über deren Schicksal entscheiden: Totale Abhängigkeit. Besonders perfide ist aber, dass führende Regierungspolitiker mitspenden, obwohl sie mit dem neuen Regierungsprogramm selbst für strukturelle Verschlechterungen und nicht addressierte Defizite verantwortlich sind.

Und genau dieses Programm habe ich mir jetzt einmal intensiv angeschaut, um festzustellen, ob beim Thema Behinderung und Inklusion mal irgendwas weitergeht, oder besser gesagt, wie hart die Rückschritte ausfallen werden. Continue reading