Drahtseilakt der Psyche

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Vor vier Wochen hab ich schon befürchtet, dass ich das mental nicht packen werde, wenn ich so oft unterwegs bin und dann gleich weitermachen. Jetzt ist die Befürchtung eingetroffen, weil – wie so oft – mehrere Faktoren zusammenkommen…

Zum Einen lief die Übergabe schief, der Vermieter hat mich um mehrere hundert Euro betrogen (Beitrag auf meinem anderen Blog – geschützt, Anfrage PW via Kontaktadresse möglich). Das war ein Schlag in die Magengrube, den ich nicht verdauen konnte, weil gleich danach der Umzug stattfand und große Einkäufe betreffend Möbel. Dann hatte ich genau einen Tag Zeit, bis ich wieder packen musste für eine Woche Dienstreise zurück an den Ort, wo das Trauma passierte. Die Dienste waren zwar nicht sehr anstrengend, aber einfach zu viel, die Erschöpfung zu groß. Dann misslang noch ein Schuhkauf, wo ich mich auf eine Twitterempfehlung verlassen hatte und dann den Schuh nach Reklamation nicht mehr zurückgeben konnte mit fadenscheiniger Begründung. Jetzt hatte ich teure Halbschuhe, die an den Fersen rieben mit und ohne Einlagen. Ich kam bisher nicht dazu, mir weitere Einlagen machen zu lassen. In den leichten Wanderschuhen, wo die Einlagen passen, konnte ich erst zwei fast schmerzfreie Touren machen, inzwischen schmerzt die Stelle am Fuß mit Einlagen genauso wie vorher ohne. Continue reading

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Ärztefrust

Ja, ich hab chronische Fußschmerzen und hätte schon viel früher zum Arzt gehen sollen. Ausschlussgrund war lange Zeit das Telefonieren, und die Angst, zu wenig Zeit zu haben, wenn ich dort bin, nicht genau genug beschreiben zu können, was wehtut, zu wenig Zeit zum Fragen stellen. Der heutige Besuch des Orthopäden in Wien hat mich wieder bestätigt.

Ich hab knapp zwei Stunden gewartet, der Arzt hat mich nicht einmal fünf Minuten lang untersucht. Ich kam nicht dazu Fragen zu stellen, zu erwähnen, dass ich bereits Osteopenie habe, dass ich viel wandern gehe, dass die Schmerzen zeitverzögert dazu begannen, als ich auf Laufschuhe umgestiegen bin und vor allem nach längerem Tragen der deutlich flacheren und engeren Schuhe sukzessive spürbar waren. Sesambeinentzündung, Röntgen veranlasst, Zinkverband und Einlagen. Das ging so schnell, dass ich gleich wieder vergaß, wann ich zur Kontrolle sollte. Und dann begannen die Probleme. Der Verband ist feucht und nässte meine Socken durch, soll drei Tage draufbleiben, darf natürlich nicht nass werden. Wie ich das machen soll, fragte ich den Orthopädietechniker, kreativ sein, sagte er. Ich bin derzeit im Hotel, sagte ich, Frischhaltefolie. Nur funktioniert das nicht, weil ich zwischen Haut und Folie nicht abschließen kann. Die letzten frischen dickeren Socken sind jetzt von Zinksalbe durchtränkt. Und mehr weiß ich nicht. Sportpause, bis das Röntgen oder die Einlagen fertig sind? Wie mach ich das mit dem Umzug? Wie werd ich schnell wieder fit? Welche Schuhe soll ich tragen? Welche soll ich meiden? Dafür blieb keine Zeit.

Auf den Fall war ich natürlich nicht vorbereitet. Hatte weder Deo noch Waschlappen dabei, weil es war nicht geplant, dass ich die Dusche nicht benutzen kann. Irgendwie hatte ich schon befürchtet, dass die 11 Tage (!) Dienstreise nicht reibungslos verlaufen werden. Selbst wenn seine Diagnose korrekt ist, fehlen mir die entscheidenden Infos, vor allem, weil mich das total niederschlägt. Worst Case. Großer Stress ohnehin durch die Dienstreise, den Umzug nächste Woche und danach schon wieder Dienstreise. Und die freien Tage zwischendurch kann ich mich jetzt nicht bewegen, kann den Stress nicht abbauen. Auch das Thema Bouldern hat sich auf unbestimmt erledigt, weil dazu muss man enge Schuhe tragen, um klettern zu können. Darauf hatte ich mich bei der Rückkehr gefreut. Jetzt geht weder wandern noch bouldern, meine wichtigsten (einzigen) Ausgleichssportarten. Ich war schon davor am Limit, was den erhöhten Stress durch das viele Reisen betrifft. Viel Neues, viel zu lernen. Und jetzt fehlt der Ausgleich. Mein Körper läuft auch unrund, wenn ich mich nicht bewegen kann. Die Verdauung streikt, ich schlafe schlechter, usw. Eine wertschätzende ganzheitliche Medizin nimmt auf sowas Rücksicht. Kein Wunder, dass viele zum Heilpraktiker oder Homöopathen rennen. Auch wenn man die “Medikamente” in den Mistkübel hauen könnte. Aber nach hundert Minuten Wartezeit drei Minuten Behandlungszeit? Und das Gefühl, der Arzt ist auf dem Sprung, und vor lauter Gehudel und Ultraschnelldiagnostik kommt man nicht dazu, die Fragen loszuwerden, die man loswerden wollte. Überhaupt lief es schon schief, als ich dort ankam. Im Internet stand nämlich, dass die Ärzte dort Privatärzte seien. Tatsächlich gab es wie auf der Titanic zwei Eingänge, einen für die Gstopften und einen für die Armen. Der Gstopfteneingang war gähnend leer, das Wartezimmer für die Kassenpatienten bumpvoll. Ich hatte mich schon darauf eingestellt, zahlen zu müssen, dafür ausgiebiger untersucht zu werden. Die zwei Eingänge haben mich so verwirrt, dass ich bei der Praxis für die Kassenpatienten rein bin. Das hätte ich mir sparen können.

Das Ende der Geschichte wird sein, dass ich mir den Verband morgen schon entfernen werde, um duschen zu können und nicht weitere Flecken im Socken und auf dem Boden zu hinterlassen.

 

 

Auditive Wahrnehmungsstörung

Dieser Blogtext beschreibt meine Schwierigkeiten sehr gut. Das ist auch der Grund dafür, weshalb ich dem Telefonieren so abgeneigt bin und weshalb ich mir in größeren Gruppen immer schwer tue, speziell, wenn ich fremd bin und man nicht über meine autistischen Bedürfnisse Bescheid weiß. Gerade die Situation auch, wenn ich an der Supermartkasse, an einem Ticketschalter, beim Bäcker an der Theke oder sonstwo stehe, und hinter mir fängt jemand laut zu reden oder telefonieren an, habe ich größte Mühe, noch einen klaren Satz herauszubringen bzw. zu verstehen, was der Verkäufer mir sagt. Es ist zugleich auch mühsam und frustrierend bei “Erstkontakten”, wenn ich akustisch nur die Hälfte vom Zwiegespräch mitbekomme und öfter “ins Blaue” antworte, weil ich die Frage nicht richtig verstanden habe. Im Job hilft mir ein Headset bzw. hilft oft die fachliche Routine. Die Fragen sind meist vorhersehbar. Im Privaten gilt das leider nicht und “Anrufe aus heiterem Himmel” beantworte ich meist schlichtweg nicht. Continue reading

Missverständnisse

Im zwischenmenschlichen Kontakt spüre ich Autismus am häufigsten durch Missverständnisse. Das klassische Unausgesprochene, zwischen den Zeilen lesen, das Vorausgesetzte, weil Neurotyische das schon immer erfassen konnten.

Die äußeren Umstände sind entscheidend, also Tagesverfassung, Reize in der Umgebung, Schlafqualität in der Nacht davor, Stress, geistige TodoListen, die ständig durch den Kopf schwirren.

Und dann passiert mal sowas wie gestern, als ich eine Absicht hatte, und dann unerwartet eine dritte Person die Handlung beeinflusst, was mich so irritiert, dass ich die üblichen sozialen Gepflogenheiten nicht mehr einhalte. Tunnelblick, geradeaus. Die Reflexion kommt zu spät. Die Kritik folgt auf dem Fuß, deutet die Absicht um. Und so nimmt das Missverständnis seinen Lauf, entwickelt ein falsches Narrativ, das mich ganz schlecht dastehen lässt.

Und so war es in der Vergangenheit leider oft. Richtige Absicht, ins Gegenteil interpretiert. Weil die Situation schiefgeht, weil ich mich zweideutig ausdrücke, weil ich von Neurotyischen betrachtet sonderbar agiere.

Und das ist so mühsam, wieder richtig zu stellen. Es fällt mir nicht schwer, mich zu entschuldigen, wenn ich Fehler gemacht habe, aber so zu argumentieren, dass ich aus dem Missverständnis komme. Ich tue nichts aus Boshaftigkeit, maximal Tollpatschigkeit. Fettnäpfchen treten, da bin ich Meister. Dummerweise hab ich ein hervorragendes Langzeitgedächtnis, was Fettnäpfchen betrifft.

Deswegen sind klare Anweisungen und Bedürfnisäußerungen so wichtig. Leider ist es in unserer Gesellschaft von 2018 immer noch leichter, mitfühlend eine schwere Krebserkrankung zu thematisieren als über seinen Autismus zu sprechen. Ein Manko, was erwachsene Autisten stark betrifft, denn man sieht den Autismus nicht an. In den Augen Neurotyischer verhält er sich in vielen Bereichen wie alle anderen und so herrscht dann die Erwartungshaltung, dass es in der Kommunikation und Interaktion genauso ist. Doch das ist ein Trugschluss, gerade da kompensieren Autisten viel und erscheinen meist normal. Unter den oben geschilderten Einflüssen, gerade wenn sie längere Zeit anhalten, fällt die Maske plötzlich und die Hauptsymptome von Autismus werden sichtbar.

Es ist nachvollziehbar, dass das überrascht, aber gerade im geouteten Zustand darf man ruhig mal eins und eins zusammenzählen. Das wäre quasi mein Wunsch und Appell an die nichtautistischen Mitmenschen, etwas unmittelbar aufzuklären, Kontext zu Autismus, wenn etwas völlig aus der Reihe fällt.

Nichtautisten ahnen nicht, wieviel Energie es kostet, sich darum den Kopf zu zerbrechen, Energie, die für den Alltag und die eigentliche Aufgabe dann fehlt. Das führt dann dazu, dass der Autist als nicht stressresistent gilt. Dabei ist nicht die Aufgabe das Problem, sondern das drum herum, das nicht auf dem Papier steht.

Ruhe in Frieden, Papiernote.

Die @papiernote war eine junge Autistin und Lehrerin, ein Kämpferherz. Ich habe sie nie persönlich getroffen. Wir sind jahrelang einander auf Twitter gefolgt. Ich habe sie schätzen gelernt. Sie brachte viele, gute Ideen, zeigte ihr Herz für ihre Schüler_innen. Sie engagierte sich trotz schwerer Krankheit für Flüchtlinge, als die Not danach verlangte. In den letzten Monaten sind ihre Tweets leider seltener geworden. Sie hat viel gekämpft. Sie hat letzendlich verloren. Es ist schwer in Worte zu fassen. Ich trauere mit den Hinterbliebenen, mit den engen Freund_innen und Bekannten, die sie auch persönlich kannten.

Es ist immer seltsam, wenn virtuelle Bekannte sterben. 2014 beging mein Wettermentor, den ich auch persönlich kannte, Suizid. Zerbrochen am Leben, an den Höhen und Tiefen. Es war eine schwierige Zeit danach. In den Jahren danach erlebte man auf Twitter hautnah, wie Menschen dem Krebsleiden erlagen. Der Kampf, die Qualen, die Hoffnung, der Rückfäll und der schnelle Tod. Entfernte Bekannte, aber ein seltsames Gefühl, wenn die Twitterkonten bleiben, aber keiner mehr antwortet. Nie mehr antworten wird.

So ist es jetzt auch. Und selbst wenn ich sie nie persönlich traf, war da doch mehr als nur ein entfernter virtueller Kontakt. Wir haben Gemeinsamkeiten gesucht und gefunden, der Autismus als verbindendes Element. Das Thema Tod und danach ist schwierig. Ich bin kein Atheist, aber auch nicht gläubig. Irgendwo dazwischen. Aber es ist auch schwer vorstellbar, dass nicht irgend etwas weiterexistieren wird. Ich wünsche es mir für sie.