Essensfrust

Seit dem 26. Oktober, Nationalfeiertag, leide ich an einer Gastritis. Das sind jetzt über fünf Wochen mit eingeschränktem Essensplan. Die restlichen Begleitumstände mit der Pandemie sind ja schlimm genug, also geschlossene Gastronomie und Berghütten, seit März 2020 keine Kantine mehr, was sich so schnell nicht ändert und die Gewerkschaften interessieren sich dafür genauso wenig wie die Kollegen. Viele kochen selbst oder werden bekocht in der Familie, oder können regelmäßig zur Verwandtschaft pendeln, wo sie ebenfalls bekocht werden. Ich hab diesen Luxus nicht, aber da ich nur eine Minderheit bin, hab ich halt Pech gehabt.

Ich muss die meiste Zeit meinen Autismus nicht thematisieren und wirke angeblich “normal”, was spätestens dann kein Kompliment mehr ist, wenn man feststellt, wie kraftraubend Normalität ist. 12-Stunden-Dienste waren in der Vergangenheit energiehaushaltstechnisch anstrengend, aber durch die Kantinen ersparte ich mir das mühsame einkaufen, Essen planen, kochen, abwaschen, ggf. einfrieren (oder wegwerfen). Mehr noch – das Essen war ausgewogen, ich konnte immer wählen mit Salaten, Suppen, Fisch, gekochtem Gemüse, Fleisch oder vegetarisch. Ich fand immer etwas, das mir zusagte. Seit März 2020 ist mein Essen ziemlich einseitig. Fisch meistens nur kalt aus der Verpackung oder Dose, Suppen alle paar Wochen mal auf einer Berghütte, Salat wenig, weil ich Rohkost schlecht vertrage. In meinem jetzigen Magenzustand bräuchte ich gekochtes Essen in jeder Form, also das, was den meisten Aufwand macht. Viele Fertigsoßen in Fertiggerichten vertrage ich nicht, entweder Laktose oder zu viel Fett. Neulich gab es zu einer Verabschiedung Trześniewski-Brote mit Aufstrich, Fisch, Leber, Ei, etc… schmeckte sehr gut, aber ich wusste vorher schon, dass das eine Katastrophe für den Magen sein wird. Am nächsten Tag ging es mir wie erwartet dreckig. Blähungen from hell, Reflux, Kopfweh.

In der Pandemie ist meine Energie noch geringer als vorher. Hintergrundstress könnte man dazu sagen. Zukunftssorgen, dazu Frust, wenn man wieder zu naiv war, und dann dann wieder Urlaube absagen muss, aber die Urlaubstage nicht verschoben werden können. Wieder an den Lockdown verschissen. Ich stell mich, wenn ich nach Tagdiensten um 20 Uhr heimkomme, nicht noch hin, und koche vor für den nächsten Tag. Und an freien Tagen will ich mir eigentlich nicht den Kopf darüber zerbrechen müssen, was ich esse. Daher ging ich früher oft essen. Lieferservice ist ein anderes Problem, ich kann mich oft nicht entscheiden, was meistens damit endet, dass ich nichts bestelle und mir eine Pizza reinschiebe oder etwas anderes mäßig Gesundes. Ich kann nicht viel kochen, und sollte mir wohl diesen Thermomix zulegen, aber auch damit muss ich mich dann in Ruhe und geduldig auseinander setzen, wofür mir momentan die Ruhe und Geduld fehlt, und natürlich die passenden Zutaten kaufen, die nur ich alleine verbrauchen werde. Ein weiteres technisches Gerät zudem, was ich dann wieder nicht so nutzen werde wie ich sollte.

Ja, es belastet schon ziemlich. Mittagspausen, die keine sind, ständiger Krampf, was könnte ich gerade so vertragen. Nicht immer hab ich Zeit, mir im Dienst etwas zu kochen. Wenn es wenigstens einen Backofen gäbe…, aber es gibt nur zwei winzige Herdplatten. Und einfach Stress, und Pandemie-Weltschmerz, und wenn die Freizeit schon eingeschränkt ist und der Alltag eintönig… Essen bringt immer etwas Freude, außer man muss wochenlang Schonkost essen, alles schmeckt fad und bäh. Kein Alkohol, ok, gestern ein Glas Sekt, aber bereut, eh klar, ich würde so gerne wieder Bier trinken, mir hängt der Tee zum Hals raus. Tee und Wasser vertrag ich schadlos. Kaffee gönne ich mir trotzdem, aber meist Espresso, und statt Kuhmilch Mandelmilch. Schmeckt naja, aber besser als nichts.

Ich seh da kurz- und mittelfristig keinen Ausweg. Es wird keine Kantine geben, obwohl es tausende Mitarbeiter betrifft, die momentan auch keine Kantine haben und meistens zu McDonalds gehen, Leberkassemmel essen oder Haxn vom Supermarkt. Ja, damit kann man mich jagen. Lieferservicewüste, außer ölige Pizzen, die schon ohne Gastritis reichen für Übelkeit und Durchfall.

Das fuckt mich grad alles so an. Samt Unverständnis darüber, dass ich mir nicht selbst was kochen kann so wie alle anderen. Ich hab mir diese fucking Exekutiven Dysfunktionen nicht ausgesucht.

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One thought on “Essensfrust

  1. effema 5. December 2021 / 17:10

    Hey Forscher, ich kann Deinen Essensfrust gut nachvollziehen! Ich selbst koche auch äußerst ungern: es strengt mich total an und die Gesamtenergiebilanz erscheint negativ – obwohl sie das kalorisch sicherlich nicht ist. Dazuhin ist mein Verdauungstrakt auch ziemlich sensibel.
    Nun habe ich das große Glück, verheiratet zu sein und eine Frau zu haben, die gerne und hervorragend kocht. Und bei den nun seltenen Gelegenheiten, wenn ich auswärts essen muss, stelle ich fest, wie gut mir demgegenüber die heimische Küche bekommt…
    Aber sag einmal: Gibt es in dem gschi… Wien denn wirklich keine größere Auswahl an gutem Essen zur Lieferung? Mir bekommt allgemein die asiatische Küche gut, was natürlich eine unzulässige Pauschalisierung ist, aber ich meine damit Gerichte, die überwiegend aus kurz gegartem Gemüse, leichten Saucen, Reis und – in meinem Fall – Tofu bestehen. Scharf darf es bei Deinen momentanen Beschwerden natürlich nicht sein! Vielleicht findest Du einen vietnamesischen oder thailändischen Imbiss mit Lieferservice?
    Ich wünsche Dir baldige Besserung!

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