Reifeprozess

Alle von uns sind im Innersten verwundbar, selbst wenn sie es nicht nahe an sich heranlassen. Jeder von uns zeigt Schwächen (und Stärken). Der perfekte Mensch müsste erst erfunden werden, wäre dann aber wohl ziemlich fad. So leben wir stattdessen mit unseren Mäkeln und Macken in den Tag hinein, und wundern uns, wie lange das meist gut geht. Offenbar hält es sich mit den Mäkeln und Macken der anderen meist die Waage.

Wir Autist*Innen [ich und manch andere Autisten im Spektrum, aber nicht alle, sonst wäre es kein Spektrum] machen uns meist zu viele Gedanken darüber, was wir alles falsch machen, wie wir anderen gegenüber erscheinen, ob unsere Kommunikation richtig angekommen ist. Die Stärke ist zugleich Schwäche, denn vom wohlgemeinten Selbstreflektieren ist der Grat schmal zu endlosen Gedankengrübeleien. Unsere bisweilen exzessive Selbstreflexion ist durchaus berechtigt angesichts kommunikativer Fettnäpfchen, missverständlicher Mimik und Gestik und dem Umstand, dass unser Gehirn häufig beschäftigt ist, die Umgebungsreizüberflutung auszublenden. Glücklicherweise gibt es Menschen, die sich auf Autismus einlassen können, einlesen können, und Rücksicht darauf nehmen, dass die Kommunikation zwischen Neurodiversen und Neurotypischen ein Minenfeld sein kann.

Wenn ich die letzten zehn bis fünfzehn Jahre zurückblicke, dann sehe ich immer wieder Fortschritte in meiner geistigen Reife, in meiner Fähigkeit, eigene Gefühle zu benennen und mich immer besser einzuschätzen, was ich möchte und was ich ablehne. Im Prozess sah ich den Fortschritt und das “da hab ich aber einen Blödsinn gemacht” bereits im Abstand von einigen Monaten. Ich finde es generell erstaunlich, wie man “im jetzt” denkt, man hätte ein klares Ziel vor Augen und argumentiert gut dorthin, und einige Zeit später schüttelt man nur den Kopf über soviel Naivität oder Stumpfsinn. “Im Jetzt” fühlte es sich aber verdammt gut und richtig an, dachte das Jetzt. Das “Später” dachte anders darüber, und erreicht eine Art unausgesprochenen Mehrheitskonsens, dass das Jetzt falsch lag. Aber das war eben jetzt und nicht später.

Wahrscheinlich liegt daran, philosophisch gesprochen, auch das Geheimnis der Zeit, die nicht nur Brot schimmeln, Blumen verdorren und graues Haar wachsen lässt, sondern einen stetigen Reifeprozess bedeutet. An dem kann man aktiv teilhaben und selbstgestalten, oder man wird zum Passagier und schwimmt nur mit. Aber dann bleibt das Boot halt an der Staumauer hängen und balanciert hilflos über dem Abgrund, während der aktive Ruderer in den anzuvisierenden Seitenarm des Flusses steuert, und den Stillstand umgehen kann. Am Ende sind natürlich beide irgendwann hin, aber der Ruderer kann sagen, er hat versucht, seine Technik des Umschiffens zu verfeinern, während der Passagier sich höchstens selbst angeludelt hat.

Dieser Reifeprozess ist also wichtig, und seinen Kurs ständig zu korrigieren, um Hindernisse zu umgehen. Wir erleben das in der Pandemie. Wer am wissenschaftlichen Kenntnisstand vom Jänner 2020 sitzen blieb, der ist jetzt meist schon infiziert oder tot, oder ein unerstrebenswerter Zustand dazwischen. Nur, wer anerkannt hat, dass seine bisherige Sammlung an Wissen und Fakten unvollständig ist – weil die Zeit nun einmal neue Erkenntnisse mit sich bringt, kann sich weiterentwickeln, kann lernen, kann falsche Ansichten korrigieren, kann andere davon überzeugen, das ebenso zu tun. Das unterscheidet die Experten von Scheinexperten, die ihre Ansichten nicht ändern, sondern die Daten umdeuten wollen, dass sie zu ihren Ansichten passen. Beliebtes Rhetorikmittel von Verschwörungsdenkern: “Torpfosten verschieben” (Forderungen verschärfen, ohne dass die vorherigen Forderungen erfüllt waren). Das ist leichter als sich einzugestehen, dass man mit seiner Meinung längst nicht mehr ins Geflecht der Fakten passt.

Diesen Reifeprozess bestimmt unser ganzer Leben, und wer stehen bleibt, der wird zum Passagier und kann nicht mehr selbst bestimmen. Fremdbestimmtsein ist ein grausliches Gefühl, weil wir als Individuen geboren werden und uns frei entfalten wollen. Immer, wenn mehr als ein Mensch da ist, wirds schwierig, das begleitet uns durchs ganze Leben. Manche fügen sich besser ein, andere schlechter. Das gilt genauso für alle im Spektrum. Manche brauchen die Hierarchie als Struktur, andere brauchen die lockeren Zügel zur freien Entfaltung. Alle brauchen irgendwo klare Kommunikation, sonst fängt der Kopf an, sich mit Hirnfasching zu verselbstständigen und interpretiert alles mögliche hinein, was gar nicht da ist, und das laugt auf Dauer ziemlich aus. *Vielen* Autisten geht es so, dass sie ständig am Übersetzen kommunikativer Hinweise (Mimik, Gestik, Tonmelodie, Gesprochenes) sind, und gezwungen sind, die Plausibilitätslücken zu füllen. Das ist echt anstrengend. Kommunikation über Social Media macht es nicht einfacher. Die Hemmschwelle ist zwar niedriger, aber die Gefahr von Missverständnissen größer.

Eine Erkenntnis, die ich daraus ziehe, ist vergleichbar mit meiner Abneigung von Shoppen und Online-Shoppen. Ich gehe ungern einkaufen, weil mich das oft überfordert von akustischen und visuellen Reizen, genauso mit meiner mangelnden Entscheidungsfreudigkeit oder der Freudigkeit für vorschnelle Entscheidungen. Ich kaufe aber auch ungern online ein, da ist das Angebot noch viel größer und ich kann mich noch schwerer entscheiden. Und dann das leidige Versandthema. Bin ich zuhause, darf ich raten, wann das Paket kommt, wer übernimmt es in Abwesenheit, der Nachbar, den ich nicht ausstehen kann? Um es auf den Punkt zu bringen: Ich mag Einkaufen nicht – weder physisch noch digital. Und so ist es auch mit der Kommunikation. Im direkten Gespräch komm ich mir oft wie ein Trottel war und rede selten mal mehr als zwei Sätze am Stück, die von der Logik her nicht immer zusammenpassen. Aber geschrieben erscheint es mir zwar im jetzt logisch, aber nicht später. Und was ich im jetzt noch für eine gute Idee und unbedingt wichtig zu sagen hielt, für das fasse ich mir später entgeistert an den Kopf.

Wenn man aber weder gesprochen noch geschrieben glücklich mit der Kommunikation ist, wie kommuniziert man dann am besten? Gar nicht, man schweigt, aber schweigen ist nie gut, lässt vielsagenden Raum für mannigfaltige Interpretationsmöglichkeiten – die meistens nicht das beste Licht auf einen werfen. In diesem Spannungsfeld lebe ich und wahrscheinlich auch *einige* andere Autisten, denn zur Kernsymptomatik gehört nun mal die Schwierigkeit in der Kommunikation, und auch wenn *viele* von uns Social Media als Segen betrachten, weil die Kontaktaufnahme leichter wird, so bleibt die Kommunikation immer ein Minenfeld. Das gilt wohlgemerkt vor allem im Umgang mit neurotypischen Menschen, denn unter Neurodiversen einigt man sich bewusst oder unbewusst auf Bedingungen, um möglichst wenig Energie damit zu verbraten, zu erkennen, was der andere einem mitteilen will. Und dann wird es sehr leicht, und fühlt sich wie Urlaub an. So müsste es eigentlich immer sein, dieses Leichtigkeitsgefühl. Das würde jedem gut tun, und man hätte mehr Energie für die Dinge im Leben, die einem wirklich wichtig sind.

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