Zwischen Frust und Hoffnung

Meine Kugeln, als sie noch jungfräulich schwarz waren.

Ich hab schon gar keine Erinnerung mehr, wann ich das erste Mal Pétanque spielte. Inzwischen sind es sieben Mal intensiv mit Profis und dazu ein paar Mal alleine oder zu zweit mit anderen Anfängern. Die ersten Male ging es erstaunlich gut, ich konnte zwar nicht sagen, warum, aber ich legte die Kugel immer nahe und ziemlich gerade beim Cochonnet (Zielkugel) ab. Besonders gut ging das mit den schweren Wettkampfkugeln (73mm, 730g). Beim dritten Mal spielen wies mich der mehrfache österreichische Staatsmeister darauf hin, dass ich die Hand gerade halten sollte, und ab da spielte ich ziemlich solide über mehrere Spiele. Es lag im Gefühl. Beim sechsten Mal spielen im Einzel (tête-à-tête) traute ich mir auch erstmals zu, die Kugel des Gegners nahe der Zielkugel wegzuschießen. Das funktionierte zumindest zwei Mal ganz gut.

Dann kamen nach knapp drei Wochen endlich meine eigenen Kugeln aus Frankreich, 1 Set mit 690g und eines mit 710g. Mir war von Beginn an klar, dass es zwei Sets sein sollten, damit ich besser üben konnte, aber ich wollte nicht auf Dauer mit den schweren 730g spielen, sondern lieber etwas leichter. Fürs Schießen dann die 690g. Es ist kaum zu glauben, aber die 20g machen durchaus einen “gewichtigen” Unterschied.

Ich testete eines Abends die neuen Kugeln alleine im Augarten aus, legen und schießen klappte hervorragend, ich traf fast jede Kugel. Dann kam ich wieder mit für einen Nachmittag (und Abend) bis Sonnenuntergang bei den Profis. Auch da lief es (noch) gut. Und dann wars wie ein Filmriss. Es war ein sommerlicher Nachmittag, ich hatte schweißnasse Hände und mir rutschte ständig die Kugel aus der Hand beim Werfen. Nicht nur das, ich hatte mir falsch angewöhnt, die Kugel stärker zu rollen statt zu werfen, dadurch verstolperte sie bei jeder kleinen Unebenheit. Und ich hatte schon wieder einen Linksdrall drin, und schaute zu sehr auf die Zielkugel statt aufs Donnée (Aufschlagpunkt). Da kamen gleich mehrere negative Faktoren zusammen.

Und dann wurde meine Reaktion ziemlich autistisch…., ich konnte keine insgesamt stimmige Gesamtbewegung mehr erzeugen, sondern konzentrierte mich darauf, die Hand gerade zu halten, genug Weite zu dosieren, den Aufschlagpunkt zu treffen – viele Teilaspekte eines Wurfes also, aber kein big picture mehr. Und so gelang mir zwar das Eine, aber nicht das Andere. Wir spielten am Nachmittag Doubles, und zwei Mal spielte ich mit Profis, und jedes Mal verhaute ich die Kugeln, die ich legen sollte. Eine frustrierende Erfahrung. Erst am Ende, im letzten Licht – mittlerweile hatten wir den Generator für ein bisschen Flutlicht am Platz angeworfen – gelangen mir bei den letzten zwei Spielen wieder starke Würfe.

Heute war ich wieder alleine im Augarten. Und lange Zeit gelang wieder nichts. Mir versprang jede zweite Kugel. Die Profis sagten mir zuletzt, dass das weniger am groben Schotter oder großen Steinen läge, sondern an der Wurfbewegung. Nur, alleine konnte ich das nicht korrigieren. Dort, wo ich spielte, saß ein Mann, der laut Radio hörte- eine generelle Unart im Park, dass immer mehr Menschen meinen, die Umgebung (Natur) beschallen zu müssen. Wenn es wenigstens gescheite Musik wäre und kein Hitradio-Glumpat. Ich sah schon beim Kommen, dass jemand bei einem anderen Platz trainierte, und ging in seine Nähe, um ohne Musik und mit mehr Konzentration zu üben. Same shit, ich wollte schon frustriert aufgeben und packte gerade meine Sachen zusammen, da kam er auf mich zu und lud mich zu einem tête-à-tête ein. “Ich bin Anfänger”, stammelte ich, aber er wischte meine Bedenken beiseite, jeder hätte mal angefangen, da hilft nur üben, üben, üben.

Nach den ersten Spielen sagte er schon, dass ihm bei meinen Würfen einiges aufgefallen sei, und nach dem recht eindeutigen Sieg für ihn, erklärte er mir die Basics noch einmal – die ich zwar schon einmal gehört, aber wieder vergessen hatte: Arm gerade halten beim Wurf, der Wurf muss aus der Armspannung kommen, Hand unbedingt gerade halten, ich verzog immer nach links beim Auslassen der Kugel, dadurch versprang die Kugel nach dem Aufprall immer nach links. Beim Auslassen sollte die Handfläche gerade nach vorne gehen, damit die Kugel gerade weiterläuft, sonst wäre es eher dem Zufall überlassen, dass man nahe der Zielkugel ablegt, aber man würde es systematisch falsch lernen. Nach links drehen käme eher dann zur Anwendung, wenn die Gegnerkugel nicht überspielt werden kann, aber man möchte links dran vorbei kommen, aber als derjenige, der erstmal nur legt, ist gerade sein wichtig, beim Werfen und genauso beim Schießen.

Er bot mir an, dass ich jederzeit zu ihm (ihnen) kommen könnte, sie würden regelmäßig im Augarten spielen. Das war in Summe eine sehr nette Erfahrung und bestätigte erneut den positiven Eindruck der Spielerszene, die Anfängern gegenüber entgegenkommend und hilfreich begegnet – nicht selbstverständlich im Sport zwischen Profis und Anfängern.

Selbst hätte ich mir nicht getraut, ihn anzusprechen…

Vorteile dieser Sportart:

  • Wenn ich die Basics einmal richtig angelernt habe, kann ich jederzeit alleine üben.
  • Gerade sonst verlorene Tage eignen sich ideal, sei es weil ich später in den Nachtdienst fahre oder aus dem Nachtdienst komme – Tage, an denen ich meist früh weg muss, oder tagsüber zu müde bin, um einen Tagesausflug zu machen – ebenso Tage mit Arztterminen oder sonstigen Erledigungen, bei denen ich normalerweise nur am Computer sitze.
  • Es eignen sich etliche Schotterplätze – auch Parkplätze, Spielmöglichkeiten gibt es viele.
  • Ich bin viel mehr draußen als sonst. Vorher war ich nie im Augarten.
  • Man lernt “neue” Leute kennen, meistens Ältere, was mir ohnehin mehr liegt, aber auch jüngere spielen das.

Nachteile für mich:

  • Fremde Leute spreche ich nicht an.
  • Reizüberflutung riesiges Problem. Im Augarten füllt es sich vor allem am Nachmittag mit Familien, spielenden Kindern. Das Maskottchen vom Augarten, ein älterer Mann, offenbar Alkoholiker, aber fußballbegeistert, bringt den Kindern öfter das Fußball spielen bei. Sag ich auch nichts dagegen, aber er schreit dabei immer so laut und abgehackt, in einem Tonfall, der mich zum Overload bringt. ich versuche dann immer so weit wie möglich Abstand zu gewinnen.
  • Reizüberflutung aber auch visuell durch die vielen Spaziergänger, die immer wieder ins Blickfeld kommen. Oder eben Kofferradio, Bluetooth-Lautsprecher, Handymusik, schreiende Kinder. Eine Möglichkeit wäre, selbst mit Kopfhörern zu spielen (Noise-Cancelling und eine Musik, die mir genug Konzentration lässt), die andere liegt in der Hoffnung auf kühlerem Wetter, wenn der Park weniger frequentiert ist. Von den Uhrzeiten wäre natürlich vormittags besser als nachmittags, aber da schlaf ich an freien Tagen meist oder bin schlicht nicht auf Betriebstemperatur.
  • Anekdote am Rande: Der zweite Spielplatz liegt am Rosenhügel, einer “parkähnlichen Verkehrsinsel”, nebenan verläuft eine zweispurige, stark befahrene Straße. Der Verkehrslärm ist für mich grenzwertig bis störend – skurrilerweise wurde ich die letzten beiden Spiele beim letzten Abend deswegen konzentrierter, weil der Generator fürs Flutlicht den Verkehrslärm durch ein gleichmäßiges Geräusch übertönte – so wie das Meeresrauschen oder das Ventilatorgeräusch den Lärm von draußen beim Einschlafen überdeckt.
  • Schweißnasse Hände – bei mir ein großes Problem, da hilft nur immer viel mit Mikrofleecetüchern arbeiten, sonst rutscht mir die Kugel aus der Hand.
  • Schichtdienst. Ich kann nicht immer an den gleichen Tagen spielen wie die anderen Fortgeschrittenen oder Profis, geschweige denn würden sich eines Tages Turniere ausgehen, die am Wochenende stattfinden. Immer an den selben Tagen frei ist unmöglich. Regelmäßig mit den gleichen Leuten üben geht also nicht.
  • Kurzzeitgedächtnis from hell: Ich vergesse sehr schnell wieder, speziell, wenn man mir etwas zeigt – meine visuelle Verarbeitung hat bei dreidimensionalen Bewegungen Defizite (im 2-dim beinahe fotografisches Gedächtnis, z.B. bei Wanderungen). Daher nützen mir auch Youtube-Videos (oder Anleitungen) meist wenig, weil es einfach zu schnell geht.

Trotz der Nachteile will ich dabei bleiben. Die Leute sind alle nett, der Schmäh rennt. “Ich bin müde heute. – “Wieso? Konntest Du gestern im Büro nicht schlafen?” Man kann zwischendrin auch mal aussetzen, ein Bier trinken, und vor allem schau ich mal einige Stunden nicht oder kaum aufs Handy, sitze nicht ewig am Computer fest, und atme meistens frische Luft und ein paar Gelsen ein.

An Sportarten hab ich bisher nicht allzu viel probiert im Leben… Schulsport war Mobbing durch das bayrische Schulgesetz, die Leistungskriterien vom Alter abhängig zu machen – ich gehörte in meiner Klasse zu den älteren, war damals aber fast der kleinste, und schwächste, und hatte bei allen Sportarten das Nachsehen in Form schlechterer Noten.

  • Bogenschießen an einem “Projekttag”, das lag mir nicht.
  • Kugelstoßen – zu viele komplexe Teilbewegungen.
  • Schießen mit Pistole und Luftgewehr an einem Kindergeburtstag als 9jähriger – da kam ich in die Stichwahl :-)
  • Schul-Triathlon, wurde ich immerhin 17. von 18 -beim Schwimmen verlor ich Zeit, denn ich kann Arme und Beine beim Kraulen nicht koordinieren, daher ging nur Brustschwimmen.
  • Wandern…. fing ich 2010 auf regelmäßiger Basis an und bin dabei geblieben.
  • Klettersteige, vor allem 2012, fehlten mir die Kletterpartner und wegen meinem 3-dim-Vorstellungsdefizit bin ich nicht in der Lage, mir ein Klettersteigset zuverlässig umzulegen, ich scheitere an den vielen Schnüren, Bändern, das ist wie Bandsalat aus einer Kassette.
  • Bouldern …. 2016 machte ich einen Basiskurs… doch dann zog ich nach Salzburg, da gab es keine Kletterhallen für Anfänger mit senkrechten Wänden, und nur einen hohen Tageseintritt, aber mir reichte eigentlich oft eine Stunde, danach war ich kraftlos. Auch hier fehlte mir eine Boulderpartnerin. Dann kam der Ermüdungsbruch im Sesambein (Mittelfuß) und Ende der Boulder”karriere”.
  • Alpines Bergsteigen …. ich bin nicht völlig schwindelfrei und jetzt auch pandemiebedingt außer Übung im ausgesetzten Gelände, richtige Hochtouren werden selten bleiben.
  • Schneeschuhwandern …. ist geblieben, geht auch alleine und meistens sind es einsame Touren
  • Radfahren ….zwar ich hab seit 2 Jahren endlich ein gescheites Trekkingrad, fahre aber doch eher selten. In der Stadt ist es gefährlich, dazu kommt Verkehrslärm. Radwege aus der Stadt heraus sind oft mit Verkehrslärm verbunden. Richtige Ernährung vor Touren auch ein Problem (Zeit/Exekutivmanagement). Und wenn ich einen Patschen haben sollte, bin ich aufgeschmissen – weil ich mir nicht merken kann, wie man einen Schlauch wechselt, und ein Problem habe, den richtigen Druck zu finden, wenn ich etwas handwerklich angreife – hier habe ich schon mal über Grobmotorik und Autismus geschrieben. Grad deswegen find ich es umso interessanter, dass mir das bei Pétanque anscheinend besser gelingt mit dem richtigen Druckgefühl.

Die Ansprache heute kam jedenfalls genau richtig – ich wollte gerade aufgeben und bekam dann genau die Tipps, die ich mir erhofft hatte. Und noch dazu einen Anlaufpunkt, wenn ich künftig in den Park gehe.

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