Neue Ziele suchen

Auch das Jahr 2021 wird zur Hängepartie

Seit letztem Jahr schrieb ich überwiegend über die Pandemie, recherchierte dort und fasste zusammen, was ich halbwegs verstanden hatte. Der Autismus ist seitdem nicht verschwunden. Er war auch während der Pandemie nie wirklich verdrängt. Ich leide nach wie vor unter Reizüberflutung, vor allem Geräusche. Im ersten Lockdown hätte ich die Stille durchaus genießen können, wenn mich die Gesamtsituation mental nicht so mitgenommen hätte. Seitdem ist alles gefühlt lauter wie vorher. Überall Baustellen. Inzwischen auch angrenzend an das Büro an der Dienststelle. Staubsauger, Bohren, Hämmern, Schleifen den halben Tag. Wenn die Bauarbeiter Mittagspause machen, kommen die Reinigungskräfte und veranstalten Radau. Ich bin ja kein Arsch, sondern bedanke mich, auch wenn es mich kirre macht. Seit ich voll geimpft bin und mit reichlich Antikörpern beschenkt wurde, sag ich auch nichts mehr zu den Nasenbären. Ihre Sache. Ich hab monatelang versucht, an anderer Stelle aufzuklären – und mich dadurch unbeliebt gemacht. Ich muss damit leben, in einem Land zu leben, wo wissenschaftlich und rational denkende Menschen als Hysteriker abgewertet werden. Also, ich müsste es eigentlich nicht, “ich kann ja woanders hingehen, wenn es mir hier nicht gefällt”, zumindest sagen das Patriot*Innen immer zu mir.

Zurück zum Autismus. Exekutive Dysfunktionen, Handlungsstarre, Denkblockade, nein, vielmehr Umsetzungsblockade. Es dauert immer Monate, bis ich etwas umsetzen kann. Manchmal Jahre. Letzte Woche hab ich mir endlich ein neues Nachtkastl bei IKEA gekauft. Eine Stunde Anfahrt zum Laden, eine Stunde suchen, eine Stunde zurück. In etwa. 13 Kilo schwer. Das leichtere und günstigere Kastl war schon vergriffen. Wie immer halt. Ich hab es geschafft, es selbstständig aufzubauen, auch ohne darauf zu achten, ob auf den Schubladen-Schienen L oder R steht *smiley*. Alles richtig gemacht, sogar der Bruder hat sich mal geirrt, als ich ihm ein Foto zeigte, weil die Schublade nicht richtig in der Schiene saß. Erst am nächsten Tag bemerkte ich, dass da noch zwei Löcher waren, in die die aufgesetzten Schrauben auf der Schiene genau hineinpassten – damit war die Schublade fixiert und wackelte nicht mehr. Das alte Kastl hab ich 2014 bei Mömax gekauft. Bilig, aber musste dafür extra zum Außenlager hinausfahren – öffentlich schlecht erreichbar. Wegen einem winzigen Kastl, das in den letzten Jahren zunehmend auseinanderfiel. Und zu klein war für das Bett. Die Nachttischlampe stand immer zu niedrig. Das Problem ist also gelöst. Das macht mich ein klein wenig stolz.

Ebenso gelöst ist eine größere Baustelle: Eine neue Sonnenbrille. Um 2015 herum war ich bei Fielmann, schwitzte mir im Laden einen ab, weil ich von der eins zu eins Situation mit der Verkäuferin überfordert war. Die hatte leider keine Ahnung vom Fach und schwatzte mir eine gelb getönte Freizeit-Sonnenbrille auf – dabei wollte ich ursprünglich eine Sportsonnenbrille. Die Tönung gefiel mir überhaupt nicht – verfälschte Farben sind nicht gut für einen visuellen Denker und leidenschaftlichen Fotografen wie mich. Ich benutzte die Sonnenbrille kaum, dafür verlor ich die Folgejahre drei teure stärkelose Sportsonnenbrillen. Eine flog mir beim Bergsteigen im Winter vom Kopf und mit dem Sturm davon, eine zweite fiel in den tiefen Pulverschnee und eine dritte verlor ich beim Wandern, als ich einen Schlag mit laufenden Forstarbeiten überqueren musste (ich schrieb hier darüber). Die letzten drei Jahre hatte ich eine Hochtouren-Sonnenbrille auf, die ich für sündhaft teures Geld in Sölden (Ötztal) gekauft hatte – einen Tag vor einer Mehrtagestour im Hochgebirge. Die ist leider seit letztem Jahr zerkratzt an einer blöden Stelle mitten im Glas und schränkt das Gesichtsfeld deutlich ein. Gänzlich ohne Sonnenbrille geht dafür doch ziemlich auf die Augen. Jetzt hab ich mich also durchgerungen, in der Früh das Nachtkastl zusammengebaut und danach einen Termin beim Sportoptiker. Für sündhaft teures Geld eine polarisierte, selbsttönende Sonnenbrille mit geschwungenen Gläsern ergattert, Top Beratung hat eben ihren Preis. Die darf ich nicht verlieren, niemals. Dank der Selbsttönung, die es auch erlaubt, sie bei Dämmerung zu tragen, besteht allerdings kein Grund mehr, die Brille zwischendrin abzusetzen. Ich werd sie hüten wie mein Augapfel, und sie hütet ja meinen Augapfel. Die normale Brille ist aber auch zerkratzt schon, und da werden neue Gläser fällig, vielleicht geht da ein Sonnenbrillenclip, mal sehen.

So stolz ich darüber bin, was ich in dieser Woche geschafft habe, hat es doch einige Löffel gekostet. Intensive eins zu eins Situationen mit dem Ergebnis, dass ich eine Kaufentscheidung treffen muss, strengen mich immer sehr an. Für mich ist es undenkbar, mehrere Angebote einzuholen – ich bin meist schon mit einem bedient. Das hat unter anderem dazu geführt, dass ich mit der Wohnungssuche nie zufrieden war. Es musste immer beim ersten Mal passen, weil für weitere Suchen hatte ich schlicht keine Kraft mehr. Nachtkastl gelöst, Sonnenbrille gelöst, Sonnenschutz für Balkon in Arbeit, nachdem es der dritte Sommer in Folge ist ohne Sonnenschutz des verglasten Balkons, der sich aufheizt wie ein Backofen. Der Vermieter wird sich einer Lösung annehmen, schadet der Wohnung insgesamt nicht – denn die Sommer werden immer heißer. Klimaanlage ist baulich nicht möglich – wahrscheinlich auch nicht erlaubt mit den vielen Nachbarbalkonen. Von den materiellen Anschaffungen bin ich dann mal weitgehend durch – Kaffeemaschine (Vollautomat) wäre noch toll. Ein Jahr Pandemie hieß ein Jahr Instantkaffee. Brrrr.

Aber letzendlich ist das alles nicht wichtig…. ich hab derzeit wieder Umsetzungsblockade, vor allem, was Freizeitaktivitäten betrifft. Und ich glaube zu wissen, was mir die Vorfreude vermiest. Letztes Jahr hätte ich eigentlich schon meinen unbefristeten Vertrag bekommen sollen. Ich war von 2016 weg unbefristet, aber Teilzeit angestellt, gab das auf, um einen befristeten Leiharbeitsvertrag anzunehmen. Der wurde einmal verlängert. Daraufhin erhielt ich einen befristeten Vertrag, der letztes Jahr das zweite Mal befristet verlängert wurde. Eine dritte Befristung geht nicht. Entweder wird er unbefristet, oder ich bin weg. In rund drei Wochen fällt wieder eine betriebliche Entscheidung, die über unsere Zukunft entscheidet – vor allem eben meine, denn einen befristeten Vertrag ausrennen zu lassen, das geht leicht. Und diese drei Wochen Wartezeit vermiesen mir gerade so ziemlich alles.

Es tun sich Wohnungsmöglichkeiten am Land auf, zu denen ich aber nichts sagen kann, weil im Fall einer Arbeitslosigkeit wirds nichts mit neuer Wohnung. Ich würde auch gerne suchen, irgendwo am Stadtrand, und hätte das gerne im Vorjahr schon, denn jetzt sind die Wohnungspreise gerade dort und am Land explodiert, weil viele Stadtbewohner in der Pandemie bemerkt haben, wie grässlich so eine Großstadt sein kann, wenn alle Vorzüge zugesperrt sind und die Nachteile, das fehlende Grün und die Menschenansammlungen in den Öffis, überwiegen. Ich bin ein bisserl spät dran jetzt. Ohne unbefristeten Vertrag kann ich nicht suchen. Von einer Eigentumswohnung hab ich mich ohnehin schon verabschiedet. Und zum letzten Jahr hat sich wenig verändert, eher verschlechtert: In meiner Branche gibt es so gut wie keine anderen Jobs. Mit meiner Expertise schon gar nicht. Da bliebe nur Ausland.

Zu meinen persönlichen Schicksalswochen gesellt sich die politische Lage im Land. Da gibt es nahestehende Menschen, die mir sagen, ich soll das nicht so hoch gewichten. Job behalten, still sein (Händefalten, Goschen halten) und mein Leben genießen. Ich könne nicht die ganze Welt retten, sondern soll auf mich schaun. So bin ich leider nicht. Ich ertrage das nur ganz schwer, was sich hier in Österreich abspielt. Zugegeben fällt es immer schwerer, mein Heimatland zu idealisieren, wo Spahns Behinderte diskriminieren und Grüne deswegen nicht Kanzlerin werden, weil sie sich größer machen müssen als sie sind (machen andere Politiker genauso, stellen sich aber weniger patschert an anscheinend). Hartz4 idealisieren geht sowieso nicht, was für mich einer der gewichtigsten Gründe war, nicht zurückzugehen. Allerdings wird in Österreich jetzt auch laut über ein degressives Arbeitslosengeld nachgedacht. Ich hab einmal darüber gebloggt, wie sich die Unterschiede zwischen beiden Ländern für mich anfühlen, und weswegen ich mich trotzdem Deutschland näher fühlen würde als Österreich.

Ja, das belastet zusätzlich, wenn man so einen Wendepunkt im Leben erreicht hat. Ich bin jetzt 37 und an sich würde ich gerne einmal sesshaft werden und mich wohlfühlen, dort, wo ich bin. Eine Wohnung im Grünen oder mit Ausblick, darauf hab ich mein Wohnungsziel heruntergeschraubt, wahrscheinlich eh illusorisch. Fernreisen … nicht so bald, und alles, was nach 2021 ist, fällt in eine Blackbox. Wie sieht’s mit dem Job dann aus? Ich weiß es nicht. Wenn sich die Arbeitsbedingungen verschärfen, komme ich schneller an meine Grenzen. Autistischer Burnout. Dieses übergeordnete Einsparungsziel, was beinahe jede Branche betrifft, schwebt wie ein Damoklesschwert über dem, was ich als gut kompensierender Autist leisten kann. Ich hab keinen Feststellungsbescheid beantragt, weil das im Fall einer Kündigung Nachteile am Jobmarkt bringen würde. Ohne Bescheid gelte ich aber als voll belastbar. Dieses Dilemma haben Autist*Innen immer.

Und dann belastet es einfach unnötig, wenn unsere Regierung nur noch damit beschäftigt ist, die Justiz anzugreifen und dauerhafte Verschlechterungen in Aussicht zu stellen, während sie sich selbst bereichert. Und in Wahlumfragen bekommt das rechte Spektrum solide über 50 Prozent! Einschließlich der Neoliberalen sogar komfortable 60% auf Seiten der Reichen und Wirtschaftsinteressen. In einer Pandemie, in der man schöne Zukunftsvisionen haben könnte, von einer besseren Gesellschaft, vom Kampf gegen die Erderwärmung, von einer gerechten Entlohnung all jener Systemerhalter, ohne die die Infrastruktur in der Pandemie zusammengebrochen wäre. Stattdessen redet der Kanzler von einer ENTWERTUNG der Staatsbürgerschaft, wenn man den Zugang zu ihr erleichtern würde.

Das ist dann vielleicht doch ein Unterschied, wenn man in einer Großstadt lebt, wo naturgemäß viele Migranten leben und auch Freunde und Bekannte Teil dieser Systemerhaltung sind, und man sich für sie einsetzt, damit sie fair behandelt werden, als wenn man seine Pension am Land bezieht und vieles nicht mehr mitbekommt. Mir egal, Hauptsache mir gehts gut. So bin ich nicht. Ist es vorstellbar, dass man beides möchte? Dass es einem selbst gut geht, aber dass man auch ein gutes Gefühl für sich hat? Temple Grandin hatte das einmal geschrieben – sie hat ebenfalls keine Familie gegründet, möchte aber irgendwas von sich hinterlassen. Was Gutes tun für die Gesellschaft. Materielle Errungenschaften sind auf Dauer leblos und vergänglich.

Jetzt wirds philosophisch und ich sollte aufhören. Seit rund acht Jahren dominiert bei mir dieses Thema – wie geht der Job weiter? Kann ich mal sesshaft werden? Große Urlaubspläne irgendwann vielleicht? Wohnung schauen? Und die innere Sehnsucht danach, etwas genießen zu können, ohne innerlich gehetzt zu sein. Meistens kommen dann, wenn ich dieses Gefühl mal erlebe, wieder neue Hiobsbotschaften. I mog nimma.

2 thoughts on “Neue Ziele suchen

  1. John 12. June 2021 / 16:58

    Der Autismus geht nie Ganz weg. Leider ist das Verständnis dafür niedrig in der Gesellschaft. Ich habe es zuletzt bei einer Probearbeit in der Firma meines Bruders gemerkt. Es ist zu chaotisch, laut und Schichtarbeit plus Samstagarbeit würde mich auf Dauer zerstören. Ich suche gerade nach einer Alternative, da bei meiner Firma Untergangsstimmung herrscht und es keinen Nachfolger gibt. Dort wird jedoch Rücksicht genommen und das ist nicht selbstverständlich.

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  2. effema 28. June 2021 / 11:21

    “Ist es vorstellbar, dass man beides möchte? Dass es einem selbst gut geht, aber dass man auch ein gutes Gefühl für sich hat?” – Ja, das ist meines Erachtens nicht nur vorstellbar, sondern es ist ein zutiefst menschlicher und vernünftiger Wunsch! Leider läuft unsere Gesellschaft im Hamsterrad eines Wirtschaftsmodells, welches im Wesentlichen nur dasjenige Handeln als vernünftig bezeichnet, mit welchem der Einzelne SEINEN Nutzen maximiert.
    Wenn ich Deine Ausführungen lese, spüre ich darin das tägliche Leiden an der Irrationalität der Welt – wie ich es auch von mir sehr gut kenne. Ich glaube, dass dies eine Last ist, welche viele Autist:innen tragen. Das macht uns unter anderem wohl aus: dass wir da “nicht aus können”. Diese autistische Wahrnehmung ist wertvoll und notwendig – auch wenn und gerade weil die Gesellschaft noch kaum gelernt hat und selten bereit ist, diese wertzuschätzen.
    Ich verstehe auch, dass die in gewisser Weise prekäre Situation, was Deine berufliche Zukunft angeht, sehr belastend für Dich ist. Gleichwohl möchte ich Dir bei dieser Gelegenheit weitergeben, was mir in der vergangenen Woche meine Therapeutin zugesprochen hat: Es darf Dir auch einfach einmal “gut gehen”! Und dass dann, wenn Du gerade einmal etwas genießen kannst, immer Hiobsbotschaften kommen: das glaubst Du doch selbst nicht!

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