Wie soll man nicht an Corona denken?

Mein Lieblingsblick geht meist nach oben

Es ist für mich nahezu unmöglich, mich thematisch von der Pandemie abzukapseln – selbst für ein paar Stunden. Das ist einfach die Folge davon, wenn man schon seit Monaten alleine lebt und keine regelmäßigen Gespräche führen kann. Das ist wie mit dem rosa Elefanten. Es gibt momentan auch wenig, was mich nicht daran erinnert, die alte Zeit zu vermissen. Ein paar Dinge, die ich früher gemacht habe und jetzt nicht mehr so leicht oder gar nicht gehen:

  • Bücher lesen – Das letzte Mal hatte ich wohl im März noch die Konzentrationsfähigkeit, längere Zeit in einem Buch zu lesen. Es gingen ohnehin schon länger nur noch Sachbücher, was aber auch daran lag, dass ich keinen wirklich fesselnden Roman oder Krimi in der Hand hatte. Jetzt herrscht dieser ständige Widerspruch zwischen Fiktion und Realität bei praktisch allen Romanen der letzten hundert Jahre.
  • Film und Serien schauen – Dort gilt das Gleiche. Ich schau derweil am liebsten Science-Fiction, das ist eine andere Realität. Einmal pro Woche kommt derzeit eine neue Folge der fünften Expanse-Staffel, auch wenn sie nicht an die Qualität und Spannung der vorherigen Staffeln anknüpfen kann (seit der vierten Staffel geht es bergab). Wenn ich alles durch hab, schau ich wohl zum dritten Mal die ganze Serie. Sämtliche Star Trek Serien hab ich schon viel öfter gesehen und bin leider gesättigt für längere Zeit. Die neuesten Serien mit den ganzen B-Movie-Schauspielern interessieren mich nicht. Netflix bringt leider schon seit längerem kaum noch neue (alte) Filme heraus, dafür sind alle OmU. Bei Amazon Prime kosten selbst Filme noch extra, die bei Netflix automatisch im Abo enthalten sind – zudem sind viele nur in der deutschen Synchronisation erhältlich oder bei englischem Originalton fehlen die Untertitel. Ich kann seit Jahren nur noch OmU schauen, weil ich die deutsche Synchronisation unerträglich finde, es geht viel Sprachauthentizität, aber auch Wortwitz verloren.
  • Zugreisen – Das vermisse ich wirklich sehr, da konnte ich richtig abschalten. Das Frühstück im Speisewagen zählte zu jeder längeren Zugfahrt, das war oft fest eingeplant, wenn ich zuhause wieder mal nichts essen konnte in der Früh. Zu jedem Frühstück gehörte auch eine Tageszeitung, die ich während der Fahrt dann durchackerte. Die letzte “längere” Fahrt mit dem Railjet war im August nach Bruck an der Mur (zwei Stunden), dann war mir die Inzidenz zu hoch und bei bis November erlaubten Gesichts- und Kinnvisieren das Risiko schlicht zu groß, obwohl ich schon damals seit September nur noch FFP2 trug. Jetzt tragen zwar alle FFP2, aber für längere Fahrten ist es mir zu mühsam, stundenlang die Maske tragen zu müssen. Meine privaten CO2-Messungen zeigen außerdem, dass die Frischluftzufuhr in den ÖBB-Zügen oft unzureichend ist und selbst in dünn besetzten Garnituren meist zwischen 800 und 1000ppm liegen, in den doppelstöckigen Pendlerzügen der Südbahn hab ich auch schon 2000ppm gemessen, und das einige Minuten, nachdem er sich weitgehend geleert hatte. Der Grenzwert für Raumluft liegt bei 1000ppm, für Risikogruppen sogar bei 700ppm, allerdings gültig für Büroräume, wo man sich länger aufhält. Aber eine etwa siebenstündige Zugfahrt nach Hause (Minimum, mit Grenzkontrollen und allfälligen technischen Störungen der Deutschen Bahn eher mehr) entspricht etwa der durchschnittlichen Aufenthaltsdauer in einem Büro und da kann man sich dann eben auch trotz Maske noch anstecken.
  • Mehrtägige Wanderurlaube – oft als Gruppenwanderung mit dem Alpenverein, Anreise meist gemeinsam mit dem Auto und damit in Gebiete, die ich öffentlich schlecht oder gar nicht erreichen konnte. Das war die letzten Jahre defakto die einzige Gelegenheit (neben Twitter), Leute kennenzulernen. Die ist jetzt weggefallen. Auch wenn mir eine Gruppe mit mehr als zehn Leuten nominell zu viel war (autistischer Stress), vor allem beim Zusammensitzen zu den Mahlzeiten, wo es schnell laut wurde, war ich zumindest den ganzen Tag abgelenkt und habe mich öfter auch gut unterhalten. Im Abstand von mehreren Wochen kann ich zumindest mit dem besten Wanderfreund noch Touren machen. Der aufgrund seiner Krankenhaustätigkeit auch schon die erste Pfizer-Impfung erhalten hat. Das nimmt von mir schon Belastung weg, immerhin wäre er aufgrund seines Alters eher gefährdet als ich für einen schweren Verlauf.
  • Kaffeehäuser besuchen – einer der Gründe für meine Rückkehr nach Wien. R.I.P. – gut frühstücken (Halloumi-Frühstück im An-Do) oder Mittag essen (Tafelspitz im Eiles), und Zeitungen lesen.
  • Spaziergänge in der Stadt – sind derzeit eher deprimierend. Man kann nirgends reingehen, sieht die geschlossenen Geschäfte und jene, die für immer zusperren. Die Stadtwanderwege sind selbst unter der Woche überlaufen und es sind viele Pärchen und Familien unterwegs, was mich noch deprimierter macht. Ausnahme sind seltene, im Abstand von ein, zwei Monaten, Spaziergänge mit guten Bekannten in Parks und Gärten. Da bleibt das Handy dann auch mal in der Hosentasche und ich kann mich ganz auf meinen Gesprächpartner fokussieren.
  • Kulturelle Aktivitäten – einer der weiteren Gründe meiner Rückkehr nach Wien war, das Ausmaß meiner sportlichen Aktivitäten etwas zu reduzieren, um erneuten Überlastungen meiner Füße vorzubeugen. Die Lücke hätte ich gerne mit kulturellen Veranstaltungen gefüllt, mit Konzerten, Kabarett, aber auch den ein oder anderen Museumsbesuch oder ab und zu mal in den Tiergarten mit der Spiegelreflex. Stattdessen bin ich meist draußen und bewege mich zu Fuß, was sich jetzt so ausgewirkt hat, dass mir der andere (rechte) Fuß ebenfalls schmerzt. Ich sehne mich schon nach wärmeren Wetter, um wieder öfters auf das Rad umsteigen zu können. Geistige Erfüllung bzw. Abwechslung ist es halt nicht.

In meiner Stadtwohnung bin ich jetzt seit März 2020 bis auf drei auswärtige Übernachtungen ununterbrochen. Ohne Haushaltshilfe wäre es noch mühsamer. Es ist so lästig, auch immer selbst kochen zu müssen. Wenn ich den Lieferdienst hole, nervt mich die Warterei und die unangenehm laute Türklingel, die jeder Nachbar im ganzen Haus hört. Dann jedes Mal aufs Neue die Spannung, ob der Lieferant die Maske richtig oder überhaupt trägt. Der Augarten ist nur einen Katzensprung von der Wohnung entfernt, aber an schönen Tagen völlig überlaufen. Viele Familien und entsprechend laut ist es. Ich gönn es ihnen ja, aber erholen kann ich mich dann nicht.

Was bleibt….. sind Tagestouren mit kurzer Anfahrt, im Jänner war ich insgesamt vier Mal am Vogelsangberg (516m), dem dritthöchsten Gipfel im Wiener Stadtgebiet nach Hermannskogel (542m) und einer unbenannten Anhöhe (518m) im südwestlichsten Teil des Lainzer Tiergarten. Der geht auch als Halbtageswanderung mit durchschnittlich drei Stunden Gehzeit. Am Kahlenberg hat immer noch der Imbiss offen, dort hatte ich schon zwei Mal einen Fischburger (und ein Bier dazu). Sonst komm ich ja kaum noch an Fisch. Die kalten sind alle geräuchert und das vertrag ich je nach Histaminspiegel nicht so gut. Bei längerer Anfahrt muss ich schon wieder überlegen, wie ich am besten tue, um Rush Hours zu vermeiden. Obwohl ich inzwischen FFP3 trage und mich relativ sicher fühle. Aber je länger die Pandemie dauert, desto misanthropischer werde ich.

Und dann bleibt halt nur noch das Bloggen übrig ….. auch wenn das derzeit monothematisch ist. Andererseits habe ich dadurch schon eine Menge interessanter Menschen kennengelernt (virtuell) und tausche mich regelmäßig mit Intensivmedizinern, Journalisten, HNO-Ärzten, Infektiologen, Virologen, Epidemiologen und Mikrobiologen und vielen anderen aus, die Ahnung vom pandemischen Geschehen haben. Das ist trotz der dramatischen Entwicklungen der letzten Monate durchaus spannend, informativ und weckt den Naturwissenschaftler in mir, der ich noch immer bin.

Es ist halt derzeit schwierig, an etwas zu denken, das nicht von Corona tangiert wird. Ohne ausreichende Durchimmunisierung in den einzelnen Staaten lässt sich an ernsthaften Urlaub nicht einmal denken. Wenn ich dann eh schon (dauernd) daran denken muss, blogge ich halt darüber.

2 thoughts on “Wie soll man nicht an Corona denken?

  1. John 3. February 2021 / 22:00

    Es ist echt schwer mal an was anderes als Corona zu denken. Ich versuche, es als Inspiration für meine Geschichten zu nehmen.

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  2. mama1480 4. February 2021 / 16:57

    Mir geht es ähnlich… Ich (Autistin mit ADHS)sitze mit meinen beiden autistischen Söhnen (11 und 5 und beide ADHS) den ganzen Tag zu Hause rum. Schon vor Corona war es schwer, mit den zwei Stubenhockern- die sich zum Glück einigermaßen verstehen- raus zu gehen. Da musste schon ein Eis bei der Eisdiele drin sein… Jetzt, da weder Spielplatz noch Eisdiele locken, bin ich um jedes Gespräch mir Erwachsenen dankbar.
    Der Große quält sich mit Homeschooling und der kleine quält sich, weil er keinen Spielgefährten für Minecraft hat… oder wild durch die Wohnung rennen, bis dass die Mutter schreit und beide Kinder sich die Ohren zuhalten: “Mamaaaa, du bist zu laut!” Danke auch. 3 Kreuzer wenn Schule und Kita wieder offen haben und die Jungs ihre geregelten Tagesabläufe…
    …und ich meinen auch wieder.

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