Zweiter Lockdown ante portas

Im Gegensatz zum ersten Lockdown Mitte März kommt dieser mit Ansage, jetzt muss es nur noch die Regierung in Österreich einsehen, dass es keine Alternative gibt, weil sonst die Spitäler zusammenbrechen. Das werden sie leider so oder so, weil drastisches Handeln zu spät kommt. Ich habe aber meine “Hausaufgaben” gemacht und mich intensiv mit Corona beschäftigt Es wurde ein neues Spezialinteresse und ich habe den gleichen intensiven Zeitaufwand hineingesteckt wie in die anderen Spezialinteressen auch, namentlich Meteorologie, Klinefelter-Syndrom und Autismus (dieser Blog).

Unter Schafen

Im Zuge der letzten Monate hat sich teilweise täglich etwas im Betriebsablauf geändert, mal neue wissenschaftliche Erkenntnisse, mal neue gesetzliche Verordnungen, dann wieder Turbulenzen im Job. Also dauernde Veränderungen, das ist Stress pur. Diesen Stress hätte ich auch, wenn mir Corona egal wäre, denn sobald ich die Wohnung verlasse, muss ich mich damit ernsthaft auseinandersetzen. Da mir als Autist schon etwas an vorhersehbaren Situationen liegt, versuche ich mich lieber so gut wie möglich vorher zu informieren, statt dauernd ins kalte Wasser geworfen zu werden (Redewendung). Deswegen wusste ich schon seit Monaten, dass die zweite Welle und leider auch der Lockdown unvermeidbar waren. Ich lebe hier ja schon einige Jahre und kenne die Dynamik im Land gut zu genug zu meinem Leidwesen, um abschätzen zu können, wo innovatives Denken möglich ist und wo hässliche Politik über Wissenschaft dominiert. Es gab daher keine andere Möglichkeit, dass wir in europäisch-patriotischer Arroganz die gleichen Fehler wie viele Nachbarländer begehen.

Goldener Oktober auf der Donauinsel

Bei der ersten Welle Mitte März traf mich alles recht unvorbereitet. Ich nahm das mit den Hamsterkäufen nicht ernst, hatte länger Probleme, an Desinfektionsmittel zu kommen, und war dann wie im Schockzustand. In den ersten Wochen waren meine Handlungen von Angst und Panik geprägt. Ich hab am eigenen Leib und Verstand gespürt, was dieses Gift anrichten kann. Anfangs hielt ich auch einige Maßnahmen für gerechtfertigt oder gar noch zu wenig, die ich mit emotionalen Abstand betrachtet heute kategorisch ablehnen würde. Ich regte mich über Menschenansammlungen im Freien auf, obwohl das einen viel kleineren Teil ausmachte als das Infektionsgeschehen in geschlossenen Räumen. Erst im Laufe des Aprils wich die Schockstarre und die wissenschaftliche Neugier gewann die Oberhand. Ich bloggte nicht mehr täglich und investierte dafür zunehmenden Zeitaufwand in die Recherche. Mit fortschreitender Dauer der Pandemie und wachsender Zahl von Schwurblern, leider nicht nur im Bekanntenkreis, sondern auch unter Medizinern, die sich öffentlich äußerten, begann ich Wissenschaftler, die ich schon länger las, direkt anzuschreiben. Ich traute mich selbst unter Kollegen offen zu widersprechen, auch auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen. Doch konnte ich nicht mehr schweigen. Hier geht es nicht nur um eine politische oder ideologische Haltung, sondern ich bin bei einem ansteckenden Virus direkt vom sorgsamen und solidarischen Verhalten meiner Mitmenschen abhängig.

Im Donaupark

Dieses Mal ging ich methodischer vor beim Vorräte anlegen. Die Packung Dinkelmehl vom März hab ich immer noch. Ich hab noch nie gebacken oder sonstwas damit gemacht. Stattdessen mehr Konserven mit Sugo oder Gulasch, natürlich ohne Geschmacksverstärker oder Laktose. Sonst Nudeln, Reis, Kartoffelpüree und ein paar Suppengerichte. Frisches Gemüse muss ich sowieso immer nachkaufen, da mein Gefrierfach zu klein ist für Tiefkühlkost. Ich hab dafür einen guten Lieferservice gefunden, der auch Mittagsmenüs liefert, ebenso gute Bestellservices für Burger, Hendl, Pizza, Tiefkühlgerichte. Im Gegensatz zum ersten Lockdown verzichte ich auf regelmäßige Lebensmittelbestellungen, da das weder mit Schichtdienst noch mit Freizeitaktivitäten vereinbar ist. Es gibt eben Tage, wo ich schlicht keine Zeit oder Lust zum Kochen habe. In den ersten zwei Monaten des Lockdowns habe ich viel Gemüse und Obst wegwerfen müssen, weil ich nicht dazu kam, alles zu verwerten. Die Qualität war zudem nicht wie erwartet vom “Bioladen”. Die Form und Größe von Obst oder Gemüse ist mir egal, aber es sollte halt nicht verfault ankommen. Lieber bestelle ich unregelmäßig, dafür nur das, was ich brauche und worauf ich gerade Lust habe, und was ich sicher verwerten kann.

Nach ausgeheilter Gastritis Kaspressknödelsuppe und ein großes Bier, die Vorfreude wurde nicht enttäuscht.

Solange die Restaurants und Hütten offen haben dürfen, sitze ich draußen. Diese Woche war ich gleich vier Mal essen, zwei Mal bei meinem Lieblingslokal frühstücken, einmal abends essen und einmal nachmittags auf einer Hütte. Immer draußen. Ich merke schon, dass die Pandemie ihre Spuren hinterlassen hat. In Innenräumen mit vielen fremden Menschen fühle ich mich extrem unwohl. Ja, das war als Autist vorher auch oft unangenehm, aber ich kenne die Gefahr von symptomfreien Covid-Trägern, die schon durch lautes Sprechen, Lachen, Singen oder Schreien beträchtliche Mengen an infektiösen Aerosolen produzieren können. Deswegen will ich eben derzeit nicht drinnen sitzen, selbst wenn die offiziellen Statistiken verhältnismäßig wenige Fälle in der Gastronomie aufweisen – nur, was hat man tatsächlich nachweisen können? Gegen die Gesetze der Biophysik kommt die Statistik auch nicht an. Und da hilft mir dann mein Meteorologie-Studium, wo Aerosole als Luftschadstoffe thematisiert wurden.

Neugierige Miez

Die Infektionszahlen sind inzwischen so hoch, dass man außerhalb der Wohnung praktisch jederzeit damit rechnen muss, auf eine infizierte Person zu treffen. Ich trage daher nur noch FFP2-Masken. Im Frühling hatte ich mir einige Stoffmasken bestellt, zu dem Zeitpunkt dachte ich noch, die Regierung würde der wissenschaftlichen Empfehlung folgen und die Maskenpflicht behalten. Sie wurde aber erst nahezu abgeschafft und später wurden Gesichts- und Kinnvisiere mit Masken gleichgestellt, obwohl selbst der größte Trottel erkennen müsste, dass beides unmöglich gleich gut schützen kann. Das hat sich rasend schnell in den Handel und Gastronomie verbreitet und meine Einkaufslust erheblich geschmälert. Weil auch immer häufiger Passanten und Fahrgäste diese lächerlichen Visiere trugen, fühlte ich mich mit den Stoffmasken nicht mehr ausreichend geschützt. Jetzt trage ich die FFP2-Masken aus der Apotheke für kürzere Gelegenheiten und spezielle Stoffmasken mit FFP2-Zertifizierung mit geringerem Atemwiderstand für längere Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln bzw. bei Einkäufen und im Büro.

Für die kommende Lockdownphase, von der völlig unklar ist, wie lange sie andauern wird, habe ich mich auch vorbereitet und extra warme Radkleidung gekauft, um auch bei Dunkelheit und Kälte mit dem Rad in den Dienst fahren zu können, bzw. sollten Öffis wieder für Freizeitaktivitäten nicht erlaubt sein, was laut Maßnahmengesetz passieren könnte, kann ich das Rad nehmen. Zuhause hab ich das Rudergerät, was leider die meiste Zeit ungenutzt an der Wand steht, aber ich betreibe Sport eben am liebsten im Freien. Sollte es aber echte Ausgangssperren geben oder das Wetter nicht einladend für Spaziergänge sein, kann ich zuhause trainieren.

Mir schwant nichts Gutes.

In Summe fühle ich mich also einigermaßen vorbereitet. Ich hoffe nur, dass es möglichst lange noch erlaubt sein wird, die Öffis zu benutzen und gemeinsam mit Freunden im Auto aus der Stadt zu kommen, um weiterhin wandern gehen zu können. Das Schwierigste an der Pandemie ist die Irrationalität der Entscheidungsträger. Mein geballtes Wissen über das Virus sagt mir, dass so ziemlich alles, was die Regierung seit März getan hat, falsch war, und selbst das, was in guter Absicht geschah, hat man irgendwie versemmelt, sodass es nicht die beabsichtigte Wirkung hatte (z.b. die App, die in Österreich eher unpopulär ist, und nebenbei in Situationen versagt, wo Aerosol-Übertragung stattfindet). Ich kann mich also überwiegend nur an Handlungsempfehlungen aus dem Ausland (z.b. RKI, Schweiz, Italien, UK oder USA) halten und habe einige wenige seriöse Experten in Österreich, deren Kompetenz ich vertraue, da sie wissenschaftlich arbeiten und interpretieren. Das beste Wissen nützt halt nichts, wenn man von einer großen Masse an Menschen umgeben ist, die sich sorglos oder gar egoistisch verhalten.

Naja, schau mer mal, wie es weitergeht.

Donaupark und UNO-City

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