Es geht nichts weiter

Die erste große Entscheidung, ob ich nach Herbst 2021 noch bei meinem Arbeitgeber beschäftigt sein werde, fällt wahrscheinlich Mitte Dezember, also kurz vor Weihnachten. Die lange Wartezeit und das ewige Hingehalten werden ist eine Zerreißprobe für die Nerven. Mein Magen hat inzwischen kapituliert, seit über einem Monat habe ich Magen-Darm-Beschwerden, vor einer Woche wurde eine Gastritis diagnostiziert (der histologische Befund steht noch aus). Derzeit geht wirklich nicht viel. Reisen geht nicht, indoor essen lehne ich kategorisch ab, nach Hause fahren ginge nur mit negativem Test, der aber nicht älter als 48 Std. sein darf. Naja, und jetzt konnte ich einen Monat lang kaum vernünftig essen. Kantine gibt es immer noch keine und eine Anfrage hat ergeben, dass das unser (mein) Problem ist. In anderen Firmen kümmert man sich da besser, und die sind nicht jwd ohne Essensmöglichkeit. Regelmäßig gesundes Essen ist nun einmal essentiell und derzeit quasi das mindeste, was irgendwie am Leben hält. Jetzt liegt die Endstation Hoffnung in einem asiatischen Lokal begründet, das längst aufsperren hätte sollen und das hoffentlich bald tut. Die Glutamatscheiße vertrag ich zwar auch nicht, aber Reis mit Ei und Huhn ohne Sojasoße geht eher und liegt nicht so im Magen wie Stelze, Schnitzel und Leberkäse. Es gab die letzten Jahre öfter mal Tage in der Arbeit, wo ich am meisten auf das gute Essen gefreut habe. Jetzt muss ich Monate oder Jahre verzichten auf Mahlzeiten, die ich mir selbst gar nicht zubereiten kann, und niemals so gut hinkriegen würde. Ich steh nun mal nicht in der Küche und koche vier Stunden Rindfleisch für mich selbst. Also Essen, ja, das ist ein bitterer Verlust.

Reisen genauso. Als Nichtautofahrer hab ich das immer geliebt, stundenlang im Speisewagen zu sitzen, Frühstück und Kaffee, später Bier oder Kuchen. Das geht jetzt nicht mehr. Am Weg zu meiner Drei-Tages-Wanderung saß ich notgedrungen im Speisewagen, weil sonst alles voll war. Maske rauf, runter, rauf, runter. Ich hab mich dennoch sehr unwohl dabei gefühlt, speziell, als eine vierköpfige Wandergruppe hinzustieß und sich laut lachend unterhielt. Die sieben Stunden Zugfahrt nach Hause könnten genauso sieben Tage sein – das Zuhause ist plötzlich sehr weit weg. Um an Weihnachten heimzufahren, müsste ich den Zug wahrscheinlich jetzt schon reservieren, aber als Platzreservierung, was ich hasse, weil ich dann die Nachbargespräche mitbekomme, die laute Musik, die ständigen Telefonate. Dann müsste ich rechtzeitig einen privaten Test für 120 Euro machen, in Österreich der günstigste Tarif, dessen Ergebnis am nächsten oder übernächsten Tag vorliegen muss, sonst darf ich nicht nach Deutschland einreisen, bzw. darf schon, muss aber einen Test machen und in Quarantäne, wo auch immer. Ich weiß nicht einmal, ob ichs bis nach Hause schaffen würde. In 7 Stunden Zugfahrt, mit denen man sich über Stunden hinweg mit vielen Reisenden das gleiche Atemvolumen teilt. Ich kann mich auch vor der Heimfahrt keine 14 Tage isolieren, um sicher zu gehen, dass ich mich nicht im Büro angesteckt habe. Auf der Rückfahrt dann der gleiche Scheißdreck, immer unter der Voraussetzung, dass die marode deutsche Eisenbahn pünktlich ist. Was ich bezweifle. Also nein, heimfahren ist leider keine Option, vielleicht ändert sich das mit Schnelltests, dass Bahnfahrten nur mit negativem Antigentest möglich sind. Das kann also noch ein paar Monate dauern. Und die vielen wenns rechnen jetzt gar nicht die Möglichkeit eines weiteren Lockdowns ein, denn der Winter wird hart und bitter. Und vielleicht möchte ich gar nicht mehr zurück nach Wien, wo ein Viertel der Gastronomie über den Winter pleite geht und etliche andere Geschäfte dazu. Ich möchte ja schon nach Hause. Ich hab die letzten Jahre an Weihnachten immer gearbeitet, letztes Jahr verlief Weihnachten nicht wie geplant und ich war alleine. Dieses Jahr verläuft Weihnachten wieder nicht wie geplant und ich bin wahrscheinlich alleine.

Ja, ich bin neidisch auf die meisten meiner Kollegen. Die mit Auto, die jetzt viel mobiler sind als mit Öffis. In Wien hab ich keine Probleme, da fahren die Öffis so oft, dass ich zwei U-Bahnen ziehen lassen kann, und erst in die dritte, halbleere U-Bahn einsteige. In die Arbeit wirds schon schwieriger. Der Flughafenbus auf meiner Linie wurde dauerhaft eingestellt. Am Wochenende fährt nur ein Zug in die Arbeit, dann muss ich noch früher aufstehen, weil auch Bim und U-Bahn seltener fahren. Mit dem Bus konnte ich länger schlafen. Wer wie ich im Schichtdienst arbeitet, weiß, wie viel zwanzig Minuten länger schlafen in der Früh ausmachen. Und in Zeiten mit verschärften Schlafstörungen erst Recht. Sobald ich dann aus Wien hinausgehe, muss ich besonders planen. Busse meide ich, ärgerlich ist dann Schienenersatzverkehr zu meinen Wanderzielen. Schulbusse versuche ich erst recht umzugehen, da bleibt dann halt unter der Woche nicht viel übrig und am Wochenende befindet sich halb Österreich in den Bergen. Ich bin so froh, wenn die ganzen Inländer wieder im Ausland sind. Selbst ehemals einsame Berge ohne markierte Zustiege sind überlaufen. Es nervt einfach nur noch.

Ich beneide auch die Kollegen und Freunde, deren Verwandtschaft in Österreich in der Nähe wohnt. Die regelmäßig nach Hause fahren und gut bekocht werden, oder einfach die Ruhe und Natur genießen und bleiben können. Früher hat mir das nicht gefehlt, ich bekam ja in der Kantine und beim regelmäßig Essen gehen immer gutes Essen. Jetzt ist es wirklich selten geworden. Natürlich vermisse ich auch die menschliche Wärme und Geborgenheit. Umarmungen reduzieren sich seit März auf eine einzige Person und diese Abhängigkeit ist auf Dauer auch nicht gut.

Ich beneide viele Kollegen auch um ihre Wohnungen und Häuser. Ich dachte schon im Lockdown, wie schön es wäre, in einem höheren Stockwerk mit Aussicht zu wohnen. Mit Himmelsblick. Ich sehe schöne Sonnenaufgangs- und untergangsbilder, werd diese aber niemals erleben, weil in meinem Grätzel weit und breit kein guter Aussichtspunkt ist. Ich hätte den Lockdown leichter durchgehalten, hätte mich auf den Balkon gesetzt und die Wolken beobachtet. Seit Jahren sehe ich nur Beton und Innenhöfe mit Baustellen. Ich beneide die Möglichkeit, aus der Haustür zu gehen und sofort im Wald zu sein. Der Augarten ist dafür kein Ersatz, zumal er jetzt voller ist als vorher. Ich brauche oft die Einsamkeit, nur ich und die Natur. Mit einem ewigen befristeten Vertrag ist ein weiterer Umzug oder gar eine Eigentumswohnung zu riskant. Eine Wohnung mit Aussicht oder Waldnähe war immer mein Traum, aber er ist unerreichbarer als je zu vor.

Ich bedaure es, dass viele Bekannte und Freunde keine Zeit mehr haben. Jeder hat jetzt seine eigenen Sorgen. Alleinerziehende haben besonders die Arschkarte gezogen. Manche sind schon weggezogen, andere kehren zurück nach Deutschland, worüber ich auch öfter nachdachte. Doch scheitert jeder Gedanke an Deutschland mit dem Zwang, das Auto fahren erneut erlernen zu müssen, samt Auto kaufen und sich dem Stress auszusetzen. Ein Job in Deutschland ist ohne Auto nicht möglich, eine Wohnung nach meinen Vorstellungen weder in Wien noch in Deutschland ebenso nicht. Scheiß Auto, warum sorgt das Virus dafür, dass man sehenden Auges in die Klimakatastrophe reitend, sich nichts sehnlicher wünscht als gut Auto fahren zu können? Ironie des Schicksals.

Ich vermisse die geführten Wanderungen, die jetzt wieder gegangen wären, nachdem mein Knochenmarködem weitgehend abgeheilt ist. Doch Übernachtungen auf der Hütte oder in gemeinsamen Zimmern sind auf Monate oder Jahre hinweg kein Thema mehr. Viele Gasthöfe in entlegenen Regionen, die ohnehin schon mit Nachfolgersuche gekämpft haben, werden endgültig zusperren. Diese geführten Gruppentouren waren für mich die letzten Jahre die einzige Möglichkeit, neue Kontakte über das gemeinsame Hobby aufzubauen.

Ich weiß nicht, was genau mein Lebensziel jetzt sein soll. Überleben ohne Folgeschäden, bis ich gegen das Virus geimpft werden kann. Lebenspartner, Reisen und Heimat kann ich mir bis dahin abschminken. Der Job unsicherer denn je, weil ich verfickt nochmal nicht abgesichert bin, wie vor einem Jahr noch gedacht, sondern jetzt auch in der Branche tätig bin, die mit am schwersten getroffen ist und sich auch nicht so schnell erholen wird. Und selbst wenn ich das alles überlebe, sind die Vorzüge von Wien und Österreich vorbei. Die Politik hier ist total im Arsch. Woanders sieht es kaum besser aus, aber den geistigen und moralischen Verfall direkt mitzuerleben ist schon hart.

Also ja, das war jetzt nicht sonderlich konstruktiv und ich bin heute nicht in der Stimmung, mir die Dinge und Lebewesen aufzuzählen, die ich noch habe. Die Pandemie hat alle Lebensträume zerstört und ich hatte meine Ansprüche eh schon ziemlich zurückgeschraubt. Von materiellen Gütern hielt ich sowieso nie viel. Wenigstens essen können möchte ich wieder. Die jetzige Zeit ohne Alkohol und Schokolade ist Folter. Mit jetziger Zeit meine ich auch das Trauma vom Lockdown, das mich mental ausgeknockt hat. Inzwischen bestehen die Alpträume darin, dass fremde Menschen in meinem Hotelzimmer übernachten wollen. Die Nerven liegen einfach blank, die Belastbarkeit ist niedriger, die Reizschwelle auch. Die Leistungsfähigkeit ist nicht bei 100% und die Motivation ist weit darunter. Die Motivation wäre insgesamt höher, wenn ich Jobsicherheit hätte, und ein regelmäßiges gesundes Essen ohne viel Energieressourcen aufwenden zu müssen.

Optimistischer wirds heute nicht. Fuck it.

3 thoughts on “Es geht nichts weiter

  1. SWB 8. October 2020 / 18:15

    Es tut mir sehr leid, das alles von dir zu lesen. Hoffentlich geht es bald wieder aufwärts.

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  2. SWB 8. October 2020 / 19:13

    Ich wünsch dir ebenfalls gute Besserung wegen deiner leidigen Magen-Darm-Geschichte. Wie du ja weißt, kenne ich das auch nur zu gut. Ich kann jetzt wirklich keinen Haferschleim mehr sehen!

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