Sein Leben alleine bestreiten

Im Lockdown Ende März im Prater: Weltuntergangsstimmung mit Vogelzwitschern

Ich muss mein Leben alleine bestreiten und den Großteil der Konflikte mit mir selbst ausmachen. Die äußeren Konflikte und die inneren Konflikte. Es gibt momentan nicht viele Menschen abseits virtueller Kontakte, mit denen ich ernsthaft und tiefsinnig reden kann. Das war vor der Pandemie schon so. Die Pandemie hat Spreu von Weizen getrennt, sie hat aber auch offen gelegt, dass viele gute Bekannte selbst total im Sand sind und mit sich selbst genug zu tun haben. Virtuell ist gut und schön, aber wenn ich zeitversetzt antworten kann, dann hab ich in der Zeit dazwischen genug Gelegenheit für Hirnfasching und Kreisgedanken. Es wird höchstens temporär unterbrochen. Ich weiß, wovon ich rede, ich hatte Phasen exzessiven Internetkonsums und stieß eine reale Person nach der anderen vor den Kopf damit.

Vielleicht sollte ich mir keine Gedanken darüber machen, dass ich zu viel jammere und mich zu wenig daran erfreue, was ich habe. Es ist mein Blog, ich kann schreiben was ich will und (nicht nur) in Zeiten einer Pandemie fürchte ich, dass es vielen ähnlich geht wie mir, mit ihrer eigenen individuellen Geschichte eben. Jeder hat Träume, jeder hat sich sein Leben irgendwie vorgestellt oder kann rückblickend zumindest sagen, so lief das gut, so lief das schlecht. Die Pandemie ist wie ein Brennglas auf die Fähigkeit, mit einschneidenden Veränderungen umzugehen. All das, was in der Vergangenheit geschah, wird in der Gegenwart noch einmal konzentriert wiedergegeben.

Ich hatte keine Schulfreundschaft, die auf Gegenseitigkeit beruhte, war in der ganzen Schulzeit immer ein Einzelgänger. Unfreiwillig. Undiagnostiziert. Wenn Menschen in meiner Anwesenheit sagen, dass sie kürzlich wieder einen alten Schulfreund trafen, bin ich oft emotionslos. Es löst bei mir keine Gefühle aus, höchstens negative. Die Schulzeit war über weite Strecken grausam durch Mobbing geprägt, dadurch auch mit einem Leistungsabfall. Am Leben gehalten hat mich lange Zeit der Gitarrenunterricht, den ich über die gesamte Schulzeit durchzog, und mein Wetter-Spezialinteresse. Mit der Vorbereitung aufs Abitur schaffte ich das Gitarre spielen zeitlich nicht mehr, bzw. kam da das Internet ins Haus und ich scheiterte dabei, diszipliniert zu üben und den Computer abgeschaltet zu lassen. Internet war früh schon Fluch und Segen für mich. Die Studienzeit ging nahtlos schwierig weiter, ich erlebte phasenweise wieder Mobbing durch einen Studienkollegen, der sich an meinem Verhalten aufrieb – ich war weiterhin ohne Diagnose, und bemerkte oft gar nicht, dass ich aneckte. Schwierig war aber auch der Lerninhalt. Was mich nicht interessierte, ging nicht in mich hinein. Nicht einmal mit Gewalt. Das Studium zog sich in die Länge. Dazu kamen Freundschaftskrisen, denn ich reagierte oft impulsiv und reagierte nicht mehr, verstummte total. Schweigen ist die tödlichste Waffe in einer Freundschaft. Zum Glück bestehen zwei der Freundschaften noch heute, durch das Internet entstanden, Kontakt überwiegend über Internet aufrechterhalten.

Bis heute schwierig ist für mich der Kontaktverlust, der entsteht, wenn Freunde ihre Partner kennenlernen, Kinder bekommen, ihr eigenes Leben führen, oft verbunden mit einem Ortswechsel. In vielen Fällen riss der Kontakt komplett ab. Sich zu treffen ist dann nicht mehr so leicht, Priorität hat immer jemand anders. Jetzt bin ich in dem Alter, wo fast alle Kollegen, Bekannte, Freunde heiraten und Familien gründen. Ihr eigenes Leben führen, die so in ihrer Familienrolle aufgehen, dass sie vom Rest, der passiert, nichts mehr mitbekommen. Ich seh das an der Pandemie deutlich. Ich als Single sitze oft alleine daheim und habe viel Zeit, mich mit dem Virus auseinanderzusetzen, konnte zwei Monate lang täglich einen langen Blogtext raushauen, verbringe viel Zeit mit Recherche, habe – ohne angeben zu wollen – einen beträchtlichen Wissensvorsprung und versuche mich entsprechend zu verhalten, was zu Diskussionen mit jenen führt, die dieses Wissen nicht haben. Was für mich nachvollziehbar ist, weil mit Frau und Kindern die Zeit fehlt, und wenn sie vorhanden wäre, wohl die Konzentration und Motivation. Ich hab Covid als neues Spezialinteresse betrachtet und gerade während dem Lockdown hatte ich auch kaum Alternativen. Vor ein paar Tagen hatte ich das erste Mal seit 3 Monaten wieder ein Buch in der Hand und konnte ein paar Seiten lesen (in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit), die Monate davor fehlte mir dafür jegliche Konzentration.

Bis auf zwei Ausnahmen, eine liebe Freundin und ein lieber Wanderfreund, bin immer ich es, der ein Treffen vorschlagen muss, und fühle mich dabei zunehmend unbehaglich, als ob ich stören würde, als ob mich niemand vermissen würde, wenn das Treffen nicht zustandekommt. Ich vermisse die Regelmäßigkeit. Ganz besonders schlimm war das letztes Jahr, als ich wegen der Fußverletzung keine gemeinsamen Wanderungen machen konnte. Ich wäre gerne regelmäßig schwimmen gegangen, oder man hätte uns öfter mal im Kaffeehaus getroffen und einfach nur geredet. Alleine bin ich oft blockiert. Wo war da der große Bekanntenkreis, auf den ich mich mit meiner Rückkehr nach Wien gefreut hatte? Vor kurzem war ich wieder mit der lieben Freundin schwimmen, und dachte, das wäre so einfach, sein Badezeug zu packen, und es wird schon keiner die Wertsachen fladern (meine größte Sorge) und ich könnte den ganzen Tag schwimmen. Und ich nahm mir vor, das umzusetzen, aber kaum ist der Tag da, bin ich wieder handlungsunfähig. Exekutive Dysfunktion. Ich schlafe zu lang, dann dauert es ewig, bis ich frühstücke. Hungrig kann ich keinen Sport machen. Oft zieht es sich bis in den Nachmittag, bis ich mich endlich aufraffen kann, dann ist die Liegewiese voll und in mir kommt die Soziophobie hoch, die ich sonst unterdrücken kann. Ich glaube, dass das irrational ist, aber Erkenntnis alleine bewirkt noch keine Verhaltensänderung. Ohne diese liebe Freundin wäre ich weder letztes Jahr noch heuer ins Wasser gegangen, mit Ausnahme der Kur im Jänner. Aber in Hallenbäder geh ich erst recht nicht, mit den ganzen Covid-Bestimmungen verbrannte Erde für mich, wortwörtlich. Hallenbäder erinnern mich zusehr an Traumata im Schulunterricht. Flashbacks.

Durch die privaten Rückschläge und auch mit dem Umstand, dass ich niemals so etwas wie eine echte Beziehung zu einem anderen Menschen entwickelt habe, die auf Gegenseitigkeit beruht hätte, habe ich meine ganze Energie in meine Spezialinteressen gesetzt. In der Schulzeit hab ich Gedichte und Kurzgeschichten geschrieben, im Studium hatte ich viele fachliche Interessen mit Wetterbezug, baute daraus Webseiten, Fallstudien und Leitfäden. Durch die Diagnose meiner Chromosomenvariante 47,XXY betrieb und fütterte ich einen sehr populären Selbsthilfeblog, Autismus kam erst gegen Ende hinzu, als der Verdacht im Laufe des Jahres 2014 erstmals aufkam. Als ich 2010 nach Wien zog, blühte ich auf, was Bergwandern betraf, und schrieb bis heute mehrere hundert Wanderberichte mit über 10000 Bildern. Zwischenzeitlich hatte ich dank eines Freundes aus Sachsen zunehmend Interesse an der Baugeschichte und Architektur, etwas, was ich bis heute in meine Wanderberichte einfließen lasse. Ich fotografiere leidenschaftlich gerne, ein Bild wurde schon in einer Ausstellung präsentiert, aber ich verstehe zu wenig von Technik und Bildbearbeitungs-Software, um Berufsfotograf zu werden, und um das zu erlernen, fehlt mir die Geduld. Leider kein zweites Standbein. Seit der Pandemie recherchiere ich zum Virus ähnlich intensiv wie zu Autismus oder 47,XXY. Objektiv bringt es mir nichts, meine Texte gehen unter in der Masse und einen weiteren Hobbyvirologen braucht es nicht. Aber Spezialinteressen entstehen selten bis nie aus dem Zweckgedanken heraus. Mich lenkt die Beschäftigung ab – zu Beginn schrieb ich, es versachlicht den Schrecken, nimmt die Emotion aus der Katastrophe, lenkt den Fokus auf den Verstand statt auf den Instinkt.

Von 2014 bis 2016 ging ich bouldern, machte sogar einen Basiskurs. Bis auf den Absprung vom Top-Boulder gelang mir immer mehr, der ganze Körper profitierte, diverse Schmerzen verschwanden. In der Kletterhalle sind auch Singles unterwegs. Mein “Plan” war, regelmäßig dabei zu bleiben und in der Regelmäßigkeit würde sich vielleicht irgendwann ein Kontakt ergeben. Sonst gelingt mir Kennenlernen ja fast ausschließlich nur über Foren und Twitter. Dann funkte die Versetzung nach Salzburg dazwischen und in Salzburg wird in den Kletterhallen nicht nach Minuten abgerechnet, sondern es gab nur Tageskarten. Ich war aber oft schon nach einer Stunde platt – meine dünnen Arme (47,XXY-bedingt) ließen nicht mehr zu, und ich hatte niemand, der mich beim ersten Mal in die Halle begleiten konnte. Das ist immer noch ein großer Hemmschuh, da bin ich immer noch sehr autistisch, trotz aller sonstigen Kompensationsstrategien im restlichen Leben. Zurück in Wien kam die Fußverletzung und Bouldern war Geschichte, und bleibt es wohl, denn so belasten wie früher kann ich den Fuß vermutlich nie mehr. Das hat mich schwer getroffen, auch die geführten Wanderungen, die alle wegfielen, auch das Gelegenheit zum Kennenlernen. Zaghafte Ansätze, die sich ergaben, verloren sich dadurch wieder. Meist waren die Mitgeher ohnehin schon in einer Partnerschaft oder zu alt.

Viele sonstigen Gelegenheiten macht mein Schichtdienst zunichte, ich hab höchstens ein freies Wochenende im Monat und dann muss ich mich entscheiden – will ich mit dem besten Freund wandern oder wer sonst bekommt den Zuschlag? Wer muss verzichten und es dauert wieder Wochen, bis die Gelegenheit da ist. Das zerreißt mich dann. Es ist wohl kein Zufall, dass die liebe Freundin keinen gewöhnlichen Mo-Fr-Bürojob hat, sonst hätte sich wahrscheinlich nie ein längerer Kontakt oder eine (platonische) Freundschaft entwickelt. Es tut schon sehr weh, wenn man an solche äußeren Umstände gebunden ist. Gerade, weil mir das Kontakte knüpfen und aufrechterhalten so schwer fällt. Die Pandemie fügt weitere Umstände hinzu. Generell haben viele Menschen jetzt eigene Sorgen, die eigene Existenz ist in Gefahr, es ist viel zu organisieren, da bleibt nicht viel Spielraum für neue oder bestehende Kontakte. Nur: Ein Ende ist nicht in Sicht. Das zieht sich jetzt über Jahre, und je länger die Regierungen politische Motive in den Vordergrund stellen statt das Wirtschaftssystem grundlegend zu verändern, desto schlimmer werden die Konsequenzen.

Wie geht das jetzt weiter? Vor einem halben Jahr war ich noch sehr stolz und enthusiastisch in meinem Job, stolz darauf, dass meine Stärken und Talente im Vordergrund stehen. Der Job hat abgelenkt davon, dass ich privat nicht weiterkam, dass ich nach dem Auszug aus dem Elternhaus vor 17 Jahren immer noch alleine bin, während sich alles um mich herum verheiratet und man oft benachteiligt ist, von der Urlaubssperre im Sommer über die Gutscheinhefte für Paare bis hin zur schwierigen Wohnungssuche. Ich bin in meinem Job aufgegangen und wäre das auch weiterhin. Inzwischen weiß ich, dass das Virus nicht alleine für die Krise in meiner Branche verantwortlich ist, es hat manche Prozesse verlangsamt, andere beschleunigt. Die Postenschacherei in Österreich ist da eher noch das größere Ärgernis. Aber was es auch ist, meine Zukunftspläne sind on hold, und die beste Ablenkung ist momentan keine mehr wegen der akuten Sorge um den Jobverlust. Es ist mangelnde Perspektive gepaart mit der aufwallenden Einsamkeit, die mich derzeit immer wieder zurückwirft im Versuch, mit der aktuellen Situation fertig zu werden. Aber was erwartet man sich jetzt eigentlich? Es herrscht eine Pandemie, die bestehende Weltordnung bricht zusammen, nicht unbedingt wegen Corona, sondern wegen irren Herrschern in den großen westlichen Demokratien. Es herrscht totale Ungewissheit, wie es weitergeht. Das alleine würde schon ausreichen, dass einem der Verstand zeitweise abhanden kommt. Gesundheitskrise und Wirtschaftskrise zusammen potenzieren das Gefühl des Kontrollverlusts. Nur noch Passagier sein.

Keine Ahnung, ob das so klug ist, hier so detailreich aus meinem Leben zu schildern. Was ist schon klug? Monatelang durfte ich mir aus der eigenen Familie anhören, ob es so klug ist, auf (die mir gesetzlich zustehende) Kur zu gehen, wenn ich einen befristeten Vertrag habe. Ich wiegelte genervt ab, die Firma sei sozial, es wird nicht nach Krankenständen bewertet, niemand wurde je entlassen. Schon gar nicht deswegen. Dann kam ein neuer Personalchef und plötzlich sind Entlassungen kein Tabuthema mehr, das Virus liefert den willkommenen Anlass. Und jetzt könnten lange Krankenstände plötzlich doch bewertet werden, wenn am Ende entschieden wird, wer bleiben darf und wer gehen muss. Aber bereue ich deswegen die Kur? Nein. In meiner damaligen Situation mit chronischer Fußverletzung, vieler abgesagter Urlaube und Burnout-Tendenzen war die Kur absolut richtig, das beste, was ich machen konnte. Ich durfte auch knapp sechs Wochen gestärkt daraus hervorgehen, bis der Lockdown alle guten Vorsätze zunichte machte.

Das klingt jetzt alles sehr pessimistisch, aber warum sollte ich auf meinem eigenen Blog Optimismus vortäuschen, der einfach nicht da ist? Meine Gedanken sind gerade so, wie sie sind. Ich blende vieles Schönes aus, auch seit März gab es schöne Erlebnisse, von denen ich noch viele Tage zehren konnte. In meiner momentanen Verfassung fällt es mir schwer, diese in den Vordergrund zu stellen. Die Sorge vor dem Jobverlust durchdringt alle Bereiche. Es kann noch Monate dauern, bis ich Gewissheit habe, wie es weitergeht.

3 thoughts on “Sein Leben alleine bestreiten

  1. AnnaHenry 7. July 2020 / 12:19

    Danke danke danke für deine Gedanken, lieber Forscher.

    Es tut mir wieder mal gut, dass andere diese ebenso haben und ich nicht allein damit bin. Auch in mir ist die Angst der Zukunft und auch ich habe sehr viel über das Virus und die jetzige Politik gelesen.

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  2. sori1982 7. July 2020 / 17:24

    Danke, dass Du diese Gedanken mit uns teilst. Ich wäre bei weitem nicht so mutig gewesen wie Du und doch erkenne ich in den Passagen (Schulzeit, Kontaktabbruch oder -verlust durch Familiengründung) gewisse Parallelen.

    Ich lese gern Deine Beiträge im “Wiener Alltag”, weil sie für mich eine tolle Anlaufstelle sind, um mich über die Pandemie zu informieren.

    Liebe Grüße aus Ottakring,

    S.

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