Nur noch Wahnsinn

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Road to hell

Die Coronakrise ist in Wirklichkeit eine Zeitenwende. So weiterwurschteln wie bisher geht nicht mehr. Die verzweifelten Versuche der Regierungen, scheinbar unbegrenzte Finanzspritzen in die untergehende Wirtschaft zu jagen, lassen den fehlenden Realitätssinn erkennen. Es wird nicht mehr so sein wie vorher. Die Globalisierungsblase ist geplatzt. Der schädliche Teil davon zumindest. Ausgelagerte Produktionen, Kosten sparen, so wenig Lohn wie möglich, Gewinne schreiben. Aber das ist ein Blabla für den Wieneralltag-Blog. Mir fehlt gerade das Wir-Gefühl, und zwar ganz massiv. In Deutschland gibt es eine offene gesellschaftliche Debatte über die Lockerung der Maßnahmen. Hart geführt, zweifellos, einige unethische Vorschläge dabei, aber sind meinem Gefühl nach alle einig, dass das kein Alleingang bestimmter Parteien sein darf. In Österreich wird alles von oben herab bestimmt. Keiner darf widersprechen. Erschreckend viele Menschen glauben das alles, was beschlossen wird. Denken, dass es schädlich ist, wenn man rausgeht. Der Ausnahmezustand dauert erst einen Monat. Was wird in einem halben Jahr sein? Man braucht Hoffnung.

Ich brauche Hoffnung. Manche wissenschaftliche Studien stellen Zeiträume des “social distancing” in den Raum, die nicht akzeptabel sind. Sich auf die veränderte Situation einzulassen, artet beinahe in eine philosophische Diskussion aus. Es ist für mich un-vor-stell-bar, über etliche Monate oder gar Jahre auf jegliche enge Sozialkontakte zu verzichten. Ich hatte vorher schon sehr wenige enge Sozialkontakte und es war schon vorher schwer erträglich, das ewige Alleinsein. In der jetzigen Phase ist der direkte Austausch wichtiger denn je geworden, das Reden. Ich merke, dass ich nur noch einen Schritt vom Abgrund entfernt bin.

Unter anderen politischen Voraussetzungen würde ich mich jetzt wohler fühlen. Ich hab mich schon während der schwarzblauen Koalition extrem ungewohl gefühlt, dachte zeitweise daran, wieder nach Deutschland zurückzugehen. Jetzt sehe ich die extreme Obrigkeitshörigkeit der Bevölkerung, die gar nicht mehr hinterfragt, was angeordnet wird. Und das macht mir einfach Angst. Meine Wanderleidenschaft, die Liebe zu den Bergen, das hat mich fünfzehneinhalb Jahre im Land gehalten. Ich sehe genau hin und stelle fest, dass die Hilfestellungen vom Staat immer an eine Preisgabe von Daten geknüpft werden. Der gläserne Bürger, ein feuchter Traum wird wahr. Die Regierung verbreitet Angst und Schrecken, statt Hoffnung. Sie redet vor allem gerne darüber, was man alles nicht darf, verkündet täglich neue Regeln. Überhaupt sind die täglichen Pressekonferenzen inzwischen das Schlimmste. Es erinnert alles immer mehr an Orwells 1984. Die allgegenwärtige Überflutung mit Ankündigungen. Sich entziehen geht nicht. Sonst bin ich ab kommenden Montag derjenige Depp am Fahrrad, der von Passanten oder der Exekutive herausgefischt wird, weil er beim schnellen Fahren weniger als zwanzig Meter Abstand hält. Das erfährt man nur, wenn man Nachrichten konsumiert.

Und ja, mich versetzen solche Neuigkeiten, die sich direkt auf die wenigen Aktivitäten auswirken, die mir noch geblieben sind, in chronischen Stresszustand. Das Fahrrad ist das einzig verbliebene freie Verkehrsmittel. Beim Gehen muss man so stark aufpassen wegen Abstand halten, in den öffentlichen Verkehrsmitteln muss man durchfeuchtete Masken tragen. Am Rad kann ich mich noch frei bewegen. Ich werd mich von dem Virus nicht abhalten lassen, meine Wandersachen zu packen und eine Tagestour in den Hausbergen zu unternehmen, das Risiko einer längeren Fahrt mit den Öffis werde ich eingehen müssen. Oder ewig in Wien versauern über viele Monate oder Jahre hinweg. Die wissenschaftliches Infos, die ich beziehe, stehen oft im Widerspruch zu dem, was die Regierung verlautbaren lässt. In mir keimt der zivile Ungehorsam. Die innere Freiheit kann mir nicht genommen werden.

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Ochsenzunge (Anchusa officalis)
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Feuerarme
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Selten gewordener Anblick beim Flughafen Schwechat

Ergrünung bei Mannswörth, Bild vom 08. und 15. April 2020

Die meiste Furcht hab ich wohl davor, dass keine zweite Gelegenheit mehr kommen wird. Datings erst wieder nach der Impfung, die fern in der Zukunft liegt. Ein weiter Weg dorthin. Ich werd mir was ausdenken, einen Gesichtsschutz, so etwas wie einen Schutzhelm für Bienenzüchter. Hermetisch abgeriegelt. Handschuhe. Aber wenigstens einmal eine feste Umarmung, das wird sein müssen. Anders ist es nicht aushaltbar über eine solange Zeit. Ich hätte vor sechs Wochen noch nicht geglaubt, wie überlebenswichtig menschliche Nähe sein kann, wenn alle vertrauten Strukturen so wegbrechen.

Ich würde das gerne irgendwie mit einem Hoffnungsschimmer beenden, aber mir fällt nichts ein.

6 thoughts on “Nur noch Wahnsinn

  1. Etosha 15. April 2020 / 20:54

    Hoffnungsschimmer: Morgen gibts Kuchen!

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  2. SWB 16. April 2020 / 9:00

    Vielleicht auch für dich Hoffnungsschimmer: Überall Frühling mit seinen frischen Farben, Gerüchen. Allmorgendliches Gezwitscher – dank der Ruhe draußen sogar weithin hörbar. Die Spargelsaison hat begonnen und in ein paar Wochen gibts heimische Erdbeeren.

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  3. hieristbesetzt 16. April 2020 / 14:52

    Mir blutet das Herz (im übertragenen Sinn), wenn ich Deinen Eintrag lese. Gibt es denn eine vertraute Person, die für Dich physisch erreichbar wäre? Deine Familie wohnt ja in Deutschland. Hast Du jemanden in Wien? In dem Fall würde ich, sofern mir das Infektionsrisiko überschaubar erscheint, auf die Kontaktbeschränkung pfeifen. Das ist ein Notfall!

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  4. schattentier 16. April 2020 / 17:09

    Ich versteh dich sehr gut. Ich würd gern ein bisschen was Positives hier lassen, aber ich bin selbst grad mürbe. Bei uns gibt es wahrscheinlich erst wieder Kinderbetreuung ab August. Keine Ahnung, wie ich das alles strukturieren soll bis dahin. Argh.

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  5. AnnaHenry 17. April 2020 / 22:47

    „In Deutschland gibt es eine offene gesellschaftliche Debatte über die Lockerung der Maßnahmen.“
    Lieber Felix, ich habe keine Ahnung wie es in Österreich ist, aber in Deutschland wird jede offene Debatte über Corona unterdrückt. Es finden Zensuren statt, Wissenschaftler und Ärzte werden mundtot gemacht, eine Rechtsänwältin wurde angezeigt und auch in die Psychiatrie gebracht. Journalisten werden ebenso diffamiert. Polizeigesetze werden „nochmal“ verschärft. Nachbarn zeigen andere Nachbarn an. Wird dann alles unter Verschwörungstheoretiker abgestempelt. Dass manches davon Fake-News ist mag wohl stimmen. Aber nicht alles. Viele Fakten liegen auf der Hand und die Bürger werden nur beruhigt.

    Von Österreich weiß ich nur, dass sie ein weitaus besseres Rentensystem haben als die Deutschen. Von daher sehe ich für dich momentan keinen Grund nach Deutschland umzusiedeln. Du machst das auch richtig gut, dass du dich von der Natur heilen lässt. Auch ich gehe mehr spazieren als sonst in der Natur. Das tut meiner Seele richtig gut 🙂

    Du sagst du hast keine Hoffnung. Natürlich ist es zermürbend. Aber es ist für mich ein Hoffnungsschimmer, dass da mehr Leute sind, die das alles nicht mehr in Ordnung finden. Es ist wichtig, dass solche Leute wie du darüber reden. Und dass wir kleinen Menschen zusammenhalten. Nur so kann es sich zum Guten wenden. Du bist wichtig!

    Und ich danke dir sehr für deine kritische Sichtweise!

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  6. heut nur grau (@zerog2002) 17. May 2020 / 22:55

    ich kann das so gut verstehen, was Du schreibst. Mich hat die Corona-Krise auch voll erwischt, sämtliche Aktivitäten, die ich gern gemacht habe, unmöglich gemacht, insbesondere meinen geliebten Trampolinsport, bis heute weiß ich nicht, wann es wieder losgehen kann mit Training. Und obwohl ich weiß, daß nix tun nicht gut für mich ist, krieg ich den A… nicht hoch…

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