Das neurotypische Virus

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Sozialkontakte reduzieren, Sozialkontakte reduzieren, Sozialkontakte reduzieren. Ja, aber welche Sozialkontakte? Manche Aspekte der Einschränkungen betreffen mich überhaupt nicht. Ich vermisse keine vollgestopften Lokale oder Nachtclubs. Ich ging bisher kaum auf Festivals, selbst das Donauinselfest schreckte mich oft schon von der Musikwahl und der Klientel ab, während ich wenigstens einmal (2004) das Wacken Open Air besuchte – Heavy-Metal-Fans sind grundsätzlich auch gemütlicher und betrinken sich eher mit Bier als mit harten Getränken. Großveranstaltungen meide ich weitgehend. Das typische Wochenendleben hab ich seit der Studienzeit nicht mehr gehabt – ok, schichtdienstbedingt, aber selbst an freien Wochenenden zog es mich immer alleine in die Berge, maximal begleitet von Wanderfreunden, die entweder durch Familienmitglieder oder durch sich selbst Autismus-Bezug haben, man schwimmt auf derselben Wellenlänge, alles durchwegs harmonisch, wohingegen ich mir in größeren Wandergruppen vom Alpenverein immer schwerer tue, wenn etwa meine autistischen Grundbedürfnisse missachtet werden (z.B. Lärmpegel beim Abendessen im Gasthaus, Overloadsituationen, erhöhte Reizbarkeit).

Sozialkontakte einschränken. Undenkbar wäre für mich ein Skiurlaub. Ausgebuchtes Hotel, das Gedränge beim Frühstück, beim Lift, im Skigebiet, die laute Schlagermusik auf der Terrasse. Vielleicht habt ihr die Reportage “Am Schauplatz” im ORF gesehen, das den Skirummel in Ischgl dokumentiert hat. Mein persönlicher Horror – ich ziehe dem jede einsame Schneeschuhtour vor. Meine Sozialkontakte sind außerdem eher anders organisiert als bei neurotypischen Menschen. Mit vielen Bekannten oder (wenigen) Freunden halte ich Kontakt über Whatsapp, Twitter und E-Mail. Alle paar Wochen oder Monate gibt es ein Kneipentreffen, sonst alle paar Wochen eine gemeinsame Wanderung. Dazwischen einzelne Kontakte. Sozialkontakte deutlich reduzieren? Noch weiter? Ich habe keine engen Kontakte mit anderen Menschen, die Familie ist weit weg, die Großeltern bereits gestorben. Die Verwandtschaft biologisch ausgedünnt und nicht am selben Ort meiner Eltern wohnend. Wenn ich Händeschütteln und Umarmungen weglasse, komme ich gar nicht erst in die Verlegenheit eines engen Kontakts. Das ginge höchstens, wenn ich mit Freunden im Lokal gegenüber sitzen würde, oder bei einer Autofahrt (da kann man aber das Fenster öffnen) – beides ist derzeit nicht möglich. Wenn ich den Abstand halte, beträgt meine Transmissionsrate also Null. Sozialkontakte reduzieren, durchhalten, das klingt mehrheitsbezogen so, als ob jeder neurotypische Mensch hunderte Sozialkontakte hätte, ein riesiges Ansteckungspotential, das jetzt im Zaum gehalten werden soll.

Besonders originell finde ich die Begründung dafür, dass man sich nicht längere Zeit im Freien aufhalten soll. “Weil dann die Wahrscheinlichkeit für Sozialkontakte/Bewegungen wächst!” In einer Großstadt? Seriously? Es stimmt, ich hab mich zu Beginn der Krise auch mit der Verkäuferin vom Papiergeschäft etwas länger unterhalten (14.03.) und auch ein paar Worte erstmals mit dem Nachbarn gewechselt (16.03.), aber auf der Straße? Im Wald? Deswegen betreibe ich nicht mit Wildfremden plötzlich distanzloses Socialising. Es kommt alle paar Monate, vielleicht auch nur ein bis zwei Mal im Jahr vor, dass ich in der 2-Mio-Stadt Wien zufällig einen Bekannten treffe oder dieser mich erkennt (letzteres geschieht wesentlich häufiger). Bei meinen normalen Wanderungen halte ich mich meist abseits der Hauptrouten auf und kann weitgehend alleine bleiben bzw. erschöpft sich der Kontakt zu Fremden in flüchtigen Begegnungen, in einem Aneinandervorbeigehen im Respektabstand, und selbst wenn der Meter kurzzeitig unterschritten würde, geschieht das Vorbeigehen innerhalb von Sekunden, weit entfernt von den zehn Minuten engen Kontakt, die für eine Infektion notwendig wären. Es wäre schon ausgesprochenes Pech, wenn die entgegenkommende Person genau während dem Vorbeigehen einen Husten- oder Niesanfall bekäme. Ein Restrisiko bleibt immer. So ist das Leben in Freiheit.

Dabei trifft das längst nicht auf alle neurotypischen Menschen zu, auch chronisch Kranke haben mitunter schon immer wenig Sozialkontakte, weil sie physischen und psychischen Kräften haushalten müssen. Immunsupprimierte Menschen mussten schon immer aufpassen, auch bei normalen Erkältungsviren, besonders auch bei Influenza. Da hat es die Regierung übrigens nie interessiert. Es gibt keine Impfflicht, die Durchimpfungsrate betrug diese Saison unter 30%. Die Influenza-Saison war hartnäckig und die Genesung teilweise zäh, in der Schwere nicht vergleichbar mit Covid19, aber was ändert das für Betroffene, die einen langwierigen Heilungsverlauf vor sich haben, bzw. zur Risikogruppe zählen? Zu immunsupprimierten Menschen zählen übrigens auch jene mit Spenderorganen. Wer hat sie bisher geschützt? Es war bis VOR Covid19 selbstverständlich, krank in die Arbeit zu gehen. Vor allem in der Privatwirtschaft galt es als karriereschädigend, krank daheim zu bleiben. Je weniger Krankenstände, desto wahrscheinlicher ein Aufstieg auf der Hierarchieleiter. Und wenn der Arzt – aus gutem Grund – für zwei Wochen krankschrieb, meldeten sich viele nach drei Tagen wieder gesund. Dazu propagiert auch die Apothekerwerbung undifferenziert die vielen kombinierten Wirkstoffkeulen, wie Neocitran oder AspirinComplex, um alle Symptome zu unterdrücken, damit man möglichst lange bzw. schnell wieder arbeitsfähig ist. Dabei ist es gar nicht ratsam Fieber zu unterdrücken, und wenn man heftige Gliederschmerzen hat, dann will einem der Körper damit etwas sagen, nämlich, dass man gefälligst zuhause bleiben und sich ausruhen soll.

Wie gesagt, all das spielte vor dem Corona-Virus keine Rolle und die Politik hat nichts getan, um Menschen mit erhöhter Infektanfälligkeit und Risiko für schwere Verläufe zu schützen. Stattdessen hat man zugelassen, dass sich eine Dreiklassenmedizin mit weiter schwindendem Kassenleistungsanteil und stark vermehrendem Wahl- und Privatarztanteil entwickelt. Die Regierungen der letzten Jahre haben diesen Prozess beschleunigt, die Kassenfusion ist nur die Krönung bzw. Spitze des Eisbergs. Privatspitäler bekommen Gelder, die eigentlich Kassenspitälern zustehen. Man wollte sogar in der allgemeinen Ambulanz Privatpatienten bevorzugen. Das ist jetzt während der Covid19-Pandemie übrigens der Fall, wenn private Labore eher Tests durchführen als bei einem Anruf der 1450-Nummer geschieht. Geld entscheidet, wer den Test eher bekommt und nicht die Dringlichkeit, etwa durch einschlägige Symptome und schwerem Verlauf.

Man hat nichts für chronische Kranke getan, die gesetzlichen Kassenleistungen wurden immer weniger, immer mehr wird an Zusatzversicherungen ausgelagert, die chronisch Kranke aber nicht bekommen dürfen. Sonst muss man alles selbst zahlen, und chronische Krankheit oder Behinderung geht eben gehäuft mit Arbeitslosigkeit, schlechter Bezahlung und zu geringem Vermögen einher. Die Beratung durch klinische Psychologen, von denen es eine handvoll in Wien explizit mit Autismus-Expertise gibt, zahlen die gesetzlichen Krankenkassen übrigens nicht. Zuschüsse gibt es nur für Diagnostik. Selbst während der Pandemie, wo zumindest Telefon- oder Skype-Telefonie angeboten werden, gibt es keine Zuschüsse. Gleichzeitig brechen den Therapeuten die Termine weg, weil sich nicht jeder Patient telefonische Beratungen vorstellen kann.

Für die Zukunft kann ich persönlich gut damit leben, wenn man einige neuen Angewohnheiten beibehält:

  • regelmäßig gründlich Hände waschen
  • In den öffentlichen Verkehrsmitteln und im Supermarkt Abstand halten
  • Auf Händeschütteln verzichten zur Begrüßung, ebenso auf Bussis auf die Wangen
  • Daheim bleiben, wenn man krank ist

Das Einzige, was ich derzeit vermisse, sind Umarmungen. Das mag unautistisch klingen, aber wenn man alleine lebt, keine Freundin hat und kein Haustier, dann ist das Bedürfnis nach menschlicher Nähe trotzdem da, das kann auch keine Gewichtsdecke ersetzen. So wie es derzeit aussieht, werde ich noch einige Monate ohne Umarmungen auskommen müssen. Erst, wenn ein seriöser Antikörpertest nachweisen kann, dass ich die Infektion schon durchgemacht habe oder ein Impfstoff entwickelt wurde. Beides wird noch Monate dauern.

Zurück zu den Nichtautisten: Plötzlich erfahren auch sie einmal am eigenen Leib, was es heißt, von der Außenwelt isoliert zu sein, wenn man keinen Zugang zur medizinischen Versorgung hat oder jeder Einkauf zum Spießrutenlauf wird. Die ständige Ungewissheit, wie es weitergeht, dass man nichts planen kann. Wie unrund das macht. Und genauso das Unverständnis von Dritten, die aufgrund priviligierter Umstände oder vorhandener Resilienz besser mit der Extremsituation umgehen und das eigene Lamentieren herunterspielen, ins Lächerliche ziehen oder mit Floskeln wie “Reiß Dich mal zusammen, das geht wieder vorbei.“, “Anderen geht es noch viel schlechter als Dir!” oder “Sei froh, dass wir keine Verhältnisse wie in Italien oder Spanien haben!” keine Rechtfertigung zulassen. Leiden und Leidensdruck sind individuell, jeder hat eine andere Grenze, ab der eine Situation nicht mehr aushaltbar ist. Es handelt sich hier nicht um einen Wettbewerb!

Ob aus der aktuellen Situation aber ein besseres Verständnis für Autisten erwächst, ist fraglich. Viele sind mit sich selbst beschäftigt und psychische Erkrankungen treten derzeit in den Hintergrund, obwohl viele Menschen traumatisiert werden. Aber das wäre Aufgabe der Politik und der Journalisten, da mehr Druck zu machen.

6 thoughts on “Das neurotypische Virus

  1. sori1982 7. April 2020 / 19:15

    Ihr Beitrag hat mir gefallen.

    Zwar habe ich keine persönlichen Erfahrungen mit Autismus und ihrer Vielfalt gesammelt, aber ich kann das Bedürfnis nach Distanz sehr gut nachvollziehen. Für mich als hochgradig Schwerhörige ist es auch nicht immer einfach, unter “normalen” Menschen zu sein.
    Da fliehe ich auch gern alleine in die Natur. Dort erlebe ich auch, dass das “Risiko”, mit jemand anderem in Kontakt zu treten, sehr gering ist. Höchstens, wenn ich dann in einer Wirtschaft einkehre…

    Liebe Grüße aus Ottakring!

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  2. schattentier 11. April 2020 / 11:29

    Das kann ich alles total gut nachvollziehen. Veranstaltungen fehlen mir auch überhaupt nicht, generell keine größeren Menschentrauben (im Gegenteil), aber ich kann natürlich akzeptieren, dass andere das vermissen. Meine Freund*innen und auch deren Umarmungen fehlen mir dagegen sehr. Vorgestern habe ich eine Freundin zufällig draußen auf der Straße getroffen, und es war dermaßen seltsam, jetzt mit 2 Meter Abstand stehenzubleiben. Ich hatte regelrecht ein körperliches Bedürfnis, sie fest zu umarmen.

    Mag auch irgendwie unautistisch klingen, aber ich habe mittlerweile sowieso die Erfahrung gemacht, dass es “unautistisch” in dem Sinn gar nicht gibt. Und dass ich mit Autist*innen nicht automatisch besser auskomme.

    Dass man nicht Lamentieren darf, weil man privilegiert ist, scheint auch ein Standard geworden zu sein. Dabei sind zum einen die Leidengrenzen sehr unterschiedlich, und zum anderen kann man Emotionen gleichzeitig empfinden. Dankbarkeit und Frust, Einsamkeit und Verbundenheit. Schließt sich ja nicht aus.

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  3. sori1982 11. April 2020 / 21:02

    Servus Felix,

    ich schon wieder. Ich verfolge mit großem Interesse Ihre Einträge in Ihrem “Wiener Alltag”.
    Ich habe mich mit dem Entfall der zweckgerichteten Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel in Wien befasst und finde bis dato keine konkreten Anhaltspunkte, ab dem 14. April mit den Öffis und natürlich mit MNS zu fahren, wohin wir wollen. Es ist nur die Rede davon, mit MNS zu fahren, aber nicht, dass wir zB endlich in den Wald fahren können.
    Das Thema ist mir auch ein großes Anliegen, aber https://coronavirus.wien.gv.at/site/oeffentliches-leben/#toggle-I'd-19 beinhaltet nur die Vorschrift, MNS zu tragen. Dass die Öffis wieder verstärkt fahren, ist meiner Ansicht nach nur geschuldet, um das Shoppingvergnügen einzelner Leute zu befriedigen.

    Liebe Grüße aus Ottakring,

    S.

    PS: Wir können uns auch duzen.

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    • Felix 11. April 2020 / 22:20

      Servus S, ich bin durch einen Tweet von Georg Renner (DiePresse) darauf aufmerksam geworden.

      https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/BgblAuth/BGBLA_2020_II_148/BGBLA_2020_II_148.pdfsig

      Paragraph §4 lautete vorher:

      “§ 4. Die Benützung von Massenbeförderungsmitteln ist nur für Betretungen gemäß § 2 Z 1 bis 4 zulässig, wobei bei der Benützung ein Abstand von mindestens einem Meter gegenüber anderen Personen einzuhalten ist.”

      Und nach der Änderung:

      “4. §4 lautet:„§4.(1) Das Betreten des Kundenbereichs in Massenbeförderungsmitteln ist nur zulässig, wenn dabei eine den Mund-und Nasenbereich gut abdeckende mechanische Schutzvorrichtung als Barriere gegen Tröpfcheninfektion getragen wird […]

      Der §5, dass nur Z 1-4 zulässig sind, entfällt nach der Änderung, also darf man ab 14. April wieder überall hinfahren, nur halt mit MNS.

      Gruß,Felix

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      • sori1982 12. April 2020 / 13:58

        Vielen Dank noch einmal für den Hinweis. Ich habe diesbezüglich noch etwas genauer recherchiert und freue mich, wenn ich am nächsten Wochenende die Öffis für Waldspaziergänge nutzen kann. (Den MNS muss ich mir noch einverleiben…)

        Ich wünsche Dir trotz allem schöne Ostertage!

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      • Felix 12. April 2020 / 15:54

        Bitte gerne, wollte mich selbst auch nochmal versicherm. Dir auch einen schönen Sonntagabend und Montag. LG Felix

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