Veränderungen

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Kraftort Vogelsangberg

Mein tägliches Wien-Tagebuch läuft weiter, dort schreib ich über die politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen, die sich im Zuge der Pandemie ergeben, und ein bisschen über meine persönlichen Umstände. Mein Autismus tritt scheinbar in den Hintergrund, ist aber natürlich sehr präsent. Ich würde hier gerne Tipps präsentieren, die ich selbst erfolgreich anwende, aber to be honest – ich hab immer noch keine (neuen) Routinen, geschweige denn einen Rhythmus.

Der Leitfaden von Leonard Schilbach ist dennoch empfehlenswert – bitte unbedingt weiterleiten!

Psychisch gesund bleiben während Social Distancing, Quarantäne und Ausgangsbeschränkungen auf Grund des Corona-Virus – Verhaltenstherapeutische Interventionen in einem Kurzprogramm zur Selbstanwendung

Eine befreundete Psychologin gab mir zuletzt den Tipp, sich täglich eine große Aufgabe und zwei kleine Aufgaben vorzunehmen. Zu den großen Aufgaben können (kleine) Putzaufgaben gehören, die man ewig vor sich herschiebt, ein Anruf oder auch eine E-Mail, die dringend wären. Jeder weiß das selbst am besten, was man gerne prokrastiniert. Am wichtigsten ist derzeit: Sich keinen Druck machen, und auch ein wenig Galgenhumor: Morgen ist auch noch Zeit, der Istzustand wird noch eine Weile andauern. Für mich zählen dazu momentan auch Dinge, die mir normalerweise Spaß machen: Bewegung im Freien!

Einschubrant Status quo.

Die Regierung in Österreich verwendet im Gegensatz zu Deutschland recht martialische Rhetorik, um die Bevölkerung durch Panikmache und Einschüchterungsversuche zur Mitarbeit zu zwingen. Keine gute Krisenkommunikation. Viele Menschen haben auch so Angst genug, um ihre eigene Gesundheit, um die ihrer Liebsten, von denen sie mitunter getrennt sind, um ihren Job, um die langfristige Absicherung, wegen der Unsicherheit, wie es weitergeht. Alle drei Tage gibt es derzeit eine Pressekonferenzen. Menschen, die arbeiten müssen, weil sie systemrelevant sind, werden weiterhin schlecht bezahlt, setzen sich hohen Gesundheitsrisiken aus, gleichzeitig spricht man von “Gefährdern”, wenn sich Menschen in Gruppen im Freien bewegen, obwohl das Risiko einer Ansteckung in geschlossenen Räumen 18fach höher ist als im Freien. In der Stadt schüchtert die Polizei einzelne Spaziergänger oder Mütter mit Kindern ein, die sichtbar keinen Kontakt zu anderen Menschen haben, am Land werden Hausbesuche gemacht und Garagenpartys gefeiert, weil Wirtshäuser geschlossen haben. Ich wohne in der Nähe des Augartens, dessen Öffnung hängt vom Goodwill der ÖVP-Landwirtschaftsministerin ab, weil die Gärten dem Bund gehören, während die Stadtparks weiter geöffnet sind. Nur leider befindet sich kein Stadtpark in unmittelbarer Wohnnähe. Öffentliche Verkehrsmittel darf ich auf unabsehbare Zeit nicht mehr benutzen. Ein Auto hab ich nicht, nie gebraucht, ich wohne ja in der Stadt mit dem besten öffentlichen Verkehrsnetz der Welt. Trotz zunehmendem Protests bleiben die Gärten immer noch zu und damit die größte Grünfläche in meiner Nähe, die ich schon um 7.00 in der Früh betreten könnte, wenn sonst niemand unterwegs ist. Die Gehsteige sind schmal und ausweichen schwierig, weil sich alles rund um den Augarten drängelt.

Einschubrant Ende

Mir macht es hochgradig zu schaffen, dass die Polizei sich nicht an die eigenen Erlässe hält und die führenden Politiker immer wieder neue Interpretationen und Zusätze zu den Erlässen erfinden, um die Bewegungsfreiheit weiter einzuschränken. Ursprünglich hieß es, Sport im Freien sei ohne Zeitbegrenzung erlaubt. Dann liest man was davon, dass mehrstündige Einzelfahrten mit dem Rad untersagt sind, dass man sich nicht mehrere Stunden am Tag draußen aufhalten soll, dass man einen kurzen Spaziergang oder eine kurze Radfahrt drehen soll. Ja, das ist ja alles gut und schön, aber mit Kürze und unter einer Stunde erreiche ich keine Grünfläche, wo sich derzeit NICHT die Massen ansammeln. Ich war letzte Woche dann doch – erstmals – mit dem Rad im Wienerwald, hab das (nagelneue) Fahrrad an ein Geländer gekettet und hatte für die drei Stunden, die ich teilweise weglos durch den Wald gestapft bin, ein höchst ungutes Gefühl, dass vom Fahrrad später nicht Einzelteile fehlen. Die Wanderung selbst war schön, endlich wieder Wald und gute Gerüche. In Clemens Arvays Buch Biophilia (bitte das Vorwort ignorieren) steht auch, dass dieser Waldgeruch die Produktion von Killerzellen anregt, also das Immunsystem stärkt. Waldgeruch verhindert keine Infektion, senkt aber das Stresslevel und trägt – wenn schon nicht nachgewiesen physisch – seelisch dazu bei, sich besser zu fühlen. Ab morgen soll Maskenpflicht in den Supermärkten herrschen, außerdem muss jeder einen Einkaufswagen benutzen. In weiterer Folge soll die Maskenpflicht (Logistik und Verteilung noch völlig unklar) auf alle Bereiche des öffentlichen Lebens ausgeweitet werden, überall dort, wo “viele” Menschen zusammenkommen, also auch öffentliche Verkehrsmittel. Bleibt zu hoffen, dass die Benutzung der Verkehrsmittel nicht erst in Monaten gelockert wird. In jedem Fall fühl ich mich jedes Mal, wenn eine Pressekonferenz angekündigt wird, wie bei der Zeugnisvergabe – was kommt als nächstes? Das erzeugt zusätzliche Angst und bringt meine Pläne durcheinander.

Ich hab mir schon verschiedene Ziele ausgesucht, die ich mit dem Rad erreichen kann, aber alle umfassen mindestens eine Stunde Fahrtzeit, und das heißt, ich brauch Wechselgewand, eine bequeme Hose, vor allem viel zu Trinken, und genug Platz für die Fahrradschlösser und den Helm, wenn ich dann zu Fuß weitergehe. Ich häng dann tagelang im Planungsstadium fest statt es auch wirklich umzusetzen. Und jeden Tag, den ich nichts tue, hab ich Furcht davor, dass die Regierung aufgrund der zahlreichen Blockwarte, die jede Menschenansammlung auf den noch vorhandenen Grünflächen melden, die Bwegungsfreiheit weiter einschränkt und ich zu spät bin.

Ab April bin ich wieder zu Diensten eingeteilt, abwechselnd Homeoffice, Tag- und Nachtschichten, zu denen ich mit dem Rad (Nachtschicht) bzw. mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anfahren werde. Die Dienste bringen zumindest wieder etwas Struktur in den Alltag und zwingen mich außerdem zu einem geregelteren Schlafrhythmus – derzeit geh ich meist erst gegen 1 Uhr schlafen, wache dann zwar schon gegen 9 auf, aber bleibe bis 11 oder 12 liegen. Wenn der Vormittag vorbei ist, bin ich am Nachmittag untätig. Meist sitz ich am PC und tu relativ viel Unproduktives, abgesehen von den Corona-Podcasts, die ich aussauge wie ein Schwamm, und nebenbei mein Englisch aufbessere.

Was derzeit gar nicht klappt: aufräumen und saubermachen. Dafür hatte ich davor eine Putzfrau, die ist jetzt weggefallen. Was schlecht klappt: Lebensmittel liefern lassen. Ich verschätze mich ständig mit den Mengen, die ich brauche, muss dennoch alle 3-4 Tage einkaufen gehen, weil Fleisch, Gemüse und Pizza aus sind. Bestellen überfordert mich maßlos, die Onlineshops sind oft unübersichtlich und ich kann Mengen besser abschätzen, wenn ich sie direkt vor mir sehe. Wöchentlich 1kg Zucchini waren jedenfalls zu viel des Guten.

Zusammengefasst: Die Schnelligkeit, mit der diese Pandemie über uns hereingebrochen ist, innerhalb weniger Tage von Normalzustand auf massive Freiheitsbeschränkung (für mich vor allem durch den Wegfall der Öffis), hat verhindert, dass ich mich anpassen konnte. Deswegen bin ich die ersten sieben Tage mental regelrecht zusammengebrochen. Mithilfe der Psychologin (Skype-Videotelefonie) hab ich mich wieder aufgerafft, zudem telefoniere ich wenigstens einmal täglich mit einem netten Menschen und versuche so Kontakt zu halten, nachdem ich sonst überhaupt keine Sozialkontakte mehr habe.

Alles weitere in meinem Tagebuch zum (neuen) Wiener Alltag – dort habe ich außerdem Infos zusammengetragen zu

Diese Arbeit tu ich mir weiterhin gerne an, ich hab schon sehr viel gelernt über das Virus und es ist eine angenehme Erfahrung, wenn Ärzte aus aller Welt auf Twitter auf Fragen oder Anmerkungen direkt reagieren – wenn schon die Infos in Österreich so dürftig (kommuniziert werden) sind.

Konstruktive und sachliche Kommentare werden freigeschaltet.

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