Tag 1, 12.03.

In Österreich steht das Kulturleben inzwischen fast völlig still, alles hat zu, Museen, Theater, Großdisco, aber auch Tiergarten und Schloss Schönbrunn, Prater. Ab Montag schließen dann sukzessive alle Schulen. Die Öffis fahren weiterhin, damit Menschen wie ich mobil bleiben und die Hackn können. Wer weiß, wie lange. Tschechien und die Slowakei haben heute ihre Grenzen für mindestens einen Monat geschlossen. Das heißt auch, dass zehntausende Arbeitskräfte fehlen, sofern sie sich nicht gerade in Österreich befinden, also vorwiegend Pflege- und Reinigungskräfte. Dass die Pandemie bis Ostern ausgestanden ist, glaubt wohl inzwischen keiner mehr. In Wien bilden sich lange Schlangen vor Apotheken, in den Supermärkten wird weiter das Häuslpapier knapp. Ich muss meine Aprilurlaube canceln, den Maiurlaub nach Budapest, auch die 4 Tage im Juni kann ich wohl genauso vergessen. August ein langer Urlaub, dann September, mal sehen, was übrig bleibt. Schwer vorstellbar, die nächsten Wochen oder Monate ausschließlich in der Wohnung zu verbringen. Gesund bleibt man davon auch nicht. Zu lesen hätte ich ja genug und ein Rudergerät herumstehen, was ich die letzten Monate sträflich vernachlässigt habe. Mir fehlt jetzt als Ausländer das, was andere Österreicher haben – ein Haus am Land, Verwandtschaft oder Eltern am Land. Sie können aus der Stadt fliehen und trotzdem noch rausgehen. Ich wohne mitten in der Stadt und fahre mit dem Rad eine Zeit, bis ich den Stadtrand erreiche. Solange man das noch darf. Mich würde nicht wundern, wenn in wenigen Tagen oder Wochen, wenn die Pandemie eine gewisse Größenordnung erreicht hat, eine komplette Ausgangssperre verhängt wird.

Gehamstert hab ich übrigens, da ich die letzten Wochen die Panikmache ignoriert habe, relativ wenig. Ich hab Nudeln und Reis daheim und etwas Fertigsugo, mal schaun, ob ich die nächsten Tage noch mit Konserven aufstocken kann. Bei den Getränken muss ich darauf hoffen, dass die Hochquellwasserleitung nicht abgestellt wird, so gesehen geht Leitungswasser nie aus, und wenn das ausginge, hätten wir eh ganz andere Probleme. Die Flaschen Wein, die ich verschenken wollte, trink ich jetzt wohl selbst.

Heute Vormittag im Dienst hatte ich kurz mal eine heiße Stirn, verstopfte Nase und Halskratzen, mir wurde richtig übel und ich hatte Durchfall. Eine typische Histaminunverträglichkeitsreaktion. Natürlich denke ich jetzt an Corona und die Angst führt dazu, dass ich anfange zu hyperventilieren, was dem Symptom der Kurzatmigkeit ähnelt, das hatte ich vor Weihnachten schon einmal, als Corona noch kein Thema war. Zum Glück hab ich die Angstattacke überstanden, zum Mittagessen hab ich einen Bekannten getroffen und es tat gut, einfach mal reden zu können, vor allem mit jemandem, der sich nicht hineinsteigert. Zum Zeitpunkt meines Blogposts gab es ca. 370 Infektionen in Österreich. Die “normale” Influenza hat immer noch rund 10000 Erkrankte alleine in Wien und da sich die Symptome stark ähneln (etwaige Vergleiche, die bei einzelnen Symptomen von “selten” und “manchmal” sprechen, kann man wohl nicht ernstnehmen, was bringt das, wenn man genau der eine Fall mit den seltenen Symptomen ist…), ist die Diskriminierung bzw. Identifikation weiterhin schwierig. Dazu kommt die voll in Fahrt kommende Pollensaison, also nicht jeder, der niest und schneuzt, hat auch einen viralen Infekt, aber natürlich ist man derzeit extrem sensibilisiert bei seinen Mitmenschen.

Gestern war ich in der Wachau, eine objektiv gesehen unnötige Zugfahrt mit erhöhtem Ansteckungsrisiko. Im Zug waren wenige Fahrgäste, aber alle haben gehustet oder waren verschnupft. Ich hab die Augen verdreht und gehofft, dass sich keiner infiziert hat. Die Wanderung war schön, der gewohnte einsame Mix aus Kultur, unmarkierten Steigen, wenig bekannten Gipfeln und viel Wald. Die Pläne fürs Frühjahr fallen weitgehend flach, Kleine Karpaten (Slowakei) und Pollauer Berge (Tschechien) sind wegen der Grenzschließungen nicht mehr erreichbar. Der Wienerwald ist zum Glück offen.

Der Bundeskanzler hat für morgen neue Maßnahmen angekündigt. Schätze mit meinen Wanderungen ist es dann auch vorbei und ich frag mich gerade, wozu ich noch im Büro sitzen muss. Sollte wohl besser einkaufen.

 

2 thoughts on “Tag 1, 12.03.

  1. hieristbesetzt 12. March 2020 / 18:48

    Lieber Felix, aus Deinen Zeilen klingt Angst. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Du bist jung, Du hast vermutlich keine Vorerkrankungen, Du rauchst nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass Du bei einer Corona-Infektion Komplikationen entwickelst, ist sehr gering. Ich selber bin immunsupprimiert, habe aber ansonsten keine Risiken. Noch sehe ich die Ansteckungsgefahr entspannt – wir haben zur Zeit elf Fälle im gesamten Landkreis (Norddeutschland). Das wird sich sicher demnächst ändern.

    Häusliche Quarantäne als Alleinstehender stelle ich mir in der Tat nicht so angenehm vor. Für mich selber klingt es paradiesisch – ich habe aber auch Mann, Katze, Haus und Garten.

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    • Felix W. 12. March 2020 / 19:18

      Vor dem Erkranken hab ich keine Angst, aber vor der Ungewissheit, wie sich das entwickelt. Bisher ist alles unter Kontrolle. Es gibt Lebensmittel, Medikamente und noch genug Betten im Krankenhaus. Ich hoffe, es bleibt so. Muss das jetzt ganz alleine durchstehen, hab Angst um meinen Vater und um eine liebe Freundin, die immunsupprimiert ist.

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