Erinnerungen ans Studium

dorian
Cat-5-Hurricane DORIAN, Quelle: NOAA, 02-09-2019-2136z

Der neueste Text von SWB spricht mir aus der Seele, wie immer, aber es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr sich unsere Erfahrungen gleichen. Ich hab 2003 in Mainz begonnen zu studieren. In der ersten Veranstaltung saßen 100 Studenten, auch da hatte ich das Gefühl, die meisten kennen sich, es wurde angeregt sich unterhalten. Die Lärmkulisse war ein Wahnsinn. Ich saß relativ weit hinten und hatte solches Magenknurren, dass eine Studentin neben mir mir mitleidig ein Knoppers anbot. Das hab ich dankend, aber unter Zittern und Schweißausbrüchen angenommen. Nach dem zweiwöchigen Mathecrashtest blieben noch 50 übrig, im zweiten Semester noch 10, als ich dann nach Innsbruck wechselte, waren es noch drei. Ich tat mir die ganze Zeit dort schwer mit anderen. Außer mir hatte nur eine weitere Studentin Interesse am Wetter von Kindesbeinen an. Ich hatte mir völlig falsche Vorstellungen über die Beweggründe der anderen gemacht! Der Großteil hatte keine konkreten Vorstellungen, was sie später machen wollten. Manche gaben zu, dass ihnen einfach nichts anderes eingefallen ist, oder dass sie Erdkunde in der Schule interessant fanden. Für mich hingegen war es völlig logisch, aufgrund meines Wetterhobbys (alias Spezialinteresse, so intensiv, wie ich es betrieb) Meteorologie zu studieren. Nach zwei Jahren Leistungskurs Chemie gegen Ende der Gymnasialzeit reizte mich das Fach zwar auch, aber es war mir zu viel Physik und Mathe dabei. Überraschung – auch Meteorologie besteht zu 90% aus Physik und Mathe, aber das hab ich ignoriert.

Schwieriger Anfang

Das Meteorologie-Studium bestand die ersten Semester aus Analytik, Satz-Beweis, Quantenphysik und vielem weiteren, was ich in meiner gesamten beruflichen Laufbahn seitdem nicht mehr benötigt habe. Ich verstand NICHTS. Und hier beginnen die autismustypischen Schwierigkeiten: Naturwissenschaftliche Fächer und Prüfungen bestehen baut auf Gruppenarbeit auf. Ich tat mir schwer, den Kontakt aktiv zu suchen zu Kommilitonen, noch dazu zu solchen, die kein Interesse an der Meteorologie hatten. Das war eine zusätzliche Barriere, denn ich hatte kein anderes Gesprächsthema zum Einsteigen. Damals war ich noch undiagnostiziert und war mir meiner Schwierigkeiten, Smalltalk zu führen oder zu bemerken, wenn andere sich von meinen Wetterschwafeleien genervt oder gelangweilt fühlen, nicht bewusst. Ich versuchte die Übungsaufgaben alleine zu lösen, scheiterte aber in nahezu 100% der Fälle. Nach zwei Übungszetteln gab ich auf und machte nichts mehr. Dazu kam bereits von Beginn an die soziophobische Furcht, vom Professor aufgerufen zu werden und an die Tafel gehen zu müssen. Ich hatte solche Angst davor, dass ich auch aus diesem Grund keine Übungen mehr besuchte. Das war klar auf ein schulisches Trauma zurückzuführen, denn wann immer ich an die Tafel musste, fing ich fürchterlich an zu schwitzen, zitterte und hatte Blackouts. Außerdem war ich kaum in der Lage, einen vollständigen Satz herauszubringen. Diese Gefühle kamen im Studium frühzeitig wieder hoch und hinderten mich lange Zeit am Prüfungserfolg, vor allem mündlich. Alleine hat man bei dieser anspruchsvollen Mathemathik und Physik nur eine Chance, wenn man ein Naturtalent ist, und das war ich nicht. Nur in der Gruppe ist es möglich, Aufgaben gemeinsam zu lösen. Gruppenarbeit ist ausdrücklich erwünscht.

Für mich waren viele Lerninhalte zu abstrakt, ich konnte mir nichts darunter vorstellen und vor allem auch nicht, wozu ich das brauchen sollte. Mein damaliger WG-Bewohner, ein Physikstudent, empfahl Bronstein und Tipler. Ich kaufte beides und war danach auch nicht schlauer. Vor allem die Variablenschreibweise im Bronstein mit a, b,c, etc… ich hätte ein praxisnahes Beispiel aus dem Alltag zur Anwendung gebraucht. Ich tat mir auch schwer mit Textaufgaben, die übersetzt werden mussten. In der neuesten Ausgabe von “Autismus Verstehen” (02/2019) wird außerdem als Schwierigkeit von Autisten genannt, dass sie sich im Vergleich zu ihren Mitschülern viel schwerer tun, Inhalte zu lernen, die sie nicht interessieren oder die sie für sinnlos halten. Das beschreibt mein Grundstudium sehr gut. Wenn ich mich weigerte oder meinen Unwillen kundtat, hörte ich mehr als einmal “Das gehört eben dazu. Alle müssen das machen.” – Das reichte für mich aber nicht aus, den Sinn dahinter zu begreifen. Das war eine innere Barriere, ein regelrechter Hemmschuh, und eben nicht der Einzige. Es kam vieles zusammen und es ist mir im Nachhinein unverständlich, weshalb trotz mehrfacher psychologischer Beratung niemand auf Autismus gekommen ist.

Das erste Mal selbständig

Ich war ironischerweise noch vor meinem vier Jahre älteren Bruder von daheim ausgezogen. In eine 2er WG eines Studentenheims. Ein 12 qm großes Zimmer im elften Stock mit freiem Blick nach Westen. Von meinem letzten Ferienjob leistete ich mir einen Fernseher und eine kleine Stereoanlage, beide völlig überdimensioniert für das kleine Zimmer, das dadurch kaum größer als eine Gefängniszelle war. Ich erinnere mich sogar noch an den sterilen Geruch. Mein WG-Partner war ein totaler Nerd, das klassische Physikgenie, das scheinbar mühelos durchs Studium kam. Er war auch besonders reinlich und wir gerieten dadurch immer wieder aneinander, da Hygiene für mich ein schwieriges Thema war – auch das ist übrigens sehr autismustypisch. Nicht, weil wir es lieben, Dreckspatzen zu sein, sondern weil wir uns nicht bewusst sind, weshalb Hygiene und Sauberkeit wichtig sind und wie es auf andere wirkt, wenn man da nachlässig ist. Das gilt natürlich nicht für alle AutistInnen. Er mäkelte ständig an mir herum wegen Bad putzen oder wenn meine dreckigen Teller noch in der Spüle standen. So konnte Zusammenleben nicht funktionieren, das war klar. Ich saß die meiste Zeit im Zimmer am Computer, mit Standleitung, und aufgrund der Misserfolge im Studium mit Gruppenarbeiten, Übungen, Prüfungen und dem mangelnden Anschluss an die Kommilitonen saß ich da immer länger, zunehmend nächtelang.

Ein Vorkommnis ist mir noch besonders schmerzhaft in Erinnerung: Während einer Studententagung zeigte ich voller Enthusiasmus einem Kommilitonen, der sich gerade mit jemand anders unterhielt, eine selbst gezeichnete Skizze über eine Wettersituation. Er sah mich genervt an und sagte unwirsch “Das interessiert mich jetzt nicht!” Überhaupt drehten sich alle Gespräche der anderen um vieles, nur nicht ums Wetter. Nachdem sie den Hörsaal verließen, hörte ich sie über ihre Wochenendpläne reden “Hoffentlich ist das Wetter schön!” Ich verdrehte die Augen, sie sollten imstande sein, das selbst herauszufinden wie ich, dachte ich damals. Heute weiß ich, dass meine Erwartungshaltung völlig überzogen war, ich durfte nicht nur von mir ausgehen. Jeder Beweggrund fürs Studium hatte seine Berechtigung, auch oberflächliches Interesse, viele fanden erst später ihr Spezialgebiet, blieben an der Uni, gingen in andere Bereiche. Es war seit jeher so, dass die Wettervorhersage immer nur einen kleinen Teil anzog, die geringe Nachfrage nach studierten Meteorologen schlug sich im Studienangebot nieder.

Soziale Vereinsamung und Internetsucht

Für mich war das damals alles noch nicht verständlich. Ich zog mich in meine vier Wände zurück und wurde internetsüchtig. Die Wohnung verließ ich nur noch zum Einkaufen. Ich fuhr fast jedes Wochenende nach Hause, weil mein Bruder eine große Clique hatte, mit der wir uns fast jedes Wochenende trafen. Zwar fehlte mir da auch oft die Gesprächsbasis, es ging meist um Autos, Computer oder Videospiele, aber ich war zumindest abgelenkt und konnte mich betrinken. Die Sucht war wirklich problematisch. Im Herbst 2003 gab es über ganz Deutschland eindrucksvolle Polarlichter zu sehen. Ich hab das Ereignis verpasst, denn ich schaffte es nicht einmal, vom PC aufzustehen, den Flur hinabzugehen, auf den kleinen Balkon am Ende zu gehen und nach oben zu sehen. Geschweige denn einen anderen Ort aufzusuchen, wo man weniger Lichtverschmutzung hatte. Einmal hat mich ein Bekannter eines Internetfreundes zum Essen eingeladen, Sonntagabend nach der Rückfahrt von zuhause. Ich sagte aus fadenscheinigen Gründen ab, tatsächlich wollte ich zurück an den Computer. Er zeigte sich enttäuscht, die Vorbereitung war für ihn viel Aufwand gewesen. Er war mein einziger persönlicher Kontakt in Mainz damals. Als ich im Sommer 2004 auf Wien-Besuch mit einem Bekannten war, bestiegen wir den Schneeberg. Das sind immerhin 1200 Höhenmeter. Aus irgendeinem Grund nahm ich an, dass wir unterwegs noch frühstücken kauften, aber traute mich nicht, ihn darauf anzusprechen. Ich ging also ohne Essen los. Auf der Edelweißhütte haute ich mir zwei Brote rein, aber plagte mich danach trotzdem gewaltig. Erst viel später erkannte ich, dass ich wegen meiner Daueronlinezeit auch muskulär und konditionell stark abgebaut hatte. Ich war außerdem damals schon anfälliger für Magendarmerkrankungen und Atemwegsinfekte. Das vermeintlich segenreiche Internet barg viele Gefahren, neben der körperlichen Verwahrlosung ständige Konflikte mit manipulativen Usern, die eine Spirale der Reaktion und Gegenreaktion nach sich zog, offline das ständige Verlangen, etwas richtigstellen zu müssen. Meine Beiträge in diversen Foren wurden oft in den Himmel gelobt, ich bekam ein Gefühl der Unfehlbarkeit, der Deutungshoheit und überschätzte mich maßlos selbst. Es gab kaum kritische Kommentare und wenn doch, reagierte ich oft gereizt und fühlte mich in meiner Person angegriffen. Heute beobachte ich diese Verhaltensmuster bei anderen, die ständig auf Social Media aktiv sind. Die Persönlichkeit verändert sich, die Betroffenen werden impulsiv, arrogant, aggressiv, unfähig zur Selbstkritik und angemessen auf Kritik zu reagieren. Sie steigern sich hinein und können nicht mehr aufhören, müssen das letzte Wort haben. Das ist die Schattenseite des Internets. Ich schrieb Jahre später offen über meine Sucht, las Bücher über die Gefahren des Internets und wurde meist als Kulturpessimist abgekanzelt. Das war vor der Smartphone-Ära und noch vor der Zeit, als sich jeder zweite Student mit dem Netbook in den Hörsaal setzte.

Die psychischen Auswirkungen der Dauerberieselung beschäftigen heute viele Kinder- und Jugendpsychiater und -therapeuten.

“The stimulations of the Net, like those of the City, can be invigorating and inspiring. We wouldn’t want to give them up. But they are, as well, exhausting and distracting. They can easily, as Hawthorne understood, overwhelm all quieter modes of thought. One of the greatest dangers we face as we automate the work of our minds, as we cede control over the flow of our thoughts and memories to a powerful electronic system, is the one that informs the fears of both the scientist Joseph Weizenbaum and the artist Richard Foreman: a slow erosion of our humanness and our humanity.”

(Nicolas Carr: What the Internet is doing to our brains: The Shallows, 2010, Seite 220)

Seine dystopischen Visionen sind Realität geworden. Immer weniger Menschen sind in der Lage, einfach abzuschalten, nach der Arbeit geht die Bedröhnung am Computer oder Handy weiter. Langeweile wird nicht zugelassen, geschweige denn das aktive Nichtstun, wie es mein Kurpsychologe hervorhob. Die Weichen für den Burnout sind gestellt. Auf der Kur redete ich mit einer ca. 55jährigen, die meinte, dass sie heute viel schneller vom Job erschöpft sei als noch vor zwanzig Jahren, und das führte sie nicht auf das Alter zurück, sondern, dass es damals noch weniger Dauerberieselung durch Social Media oder Smartphones gab. Sie konnte nach der Arbeit viel leichter abschalten. Und was den letzten Satz aus dem Zitat betrifft: Siehe Trump, siehe Brexit, siehe den Umgang mit Flüchtlingen und der zunehmende Rechtsterror, siehe Cybermobbing.

Alltag im Studium

Zurück zu meinen Erinnerungen. In früheren Beiträgen schrieb ich dazu, wie wichtig das visuelle Lernen für mich war und ich stundenlang im Raum mit den Satellitenbildfilmen saß, um die Hoch- und Tiefdruckgebiete zu beobachten. Ich schrieb auch schon über meine starke autodidaktische Fähigkeit, Wissen über Inhalte, die überhaupt nichts mit dem Studium zu tun hatten, selbst zu erarbeiten. Beides sorgte natürlich nicht dafür, Bekanntschaften mit anderen Kommilitonen aufzubauen. Ich war häufig alleine. Die ersten Semester war ich nie auf Studentenpartys, mit Ausnahme der ersten Studententagung. Aber auch dort tat ich mir schwer, zum Glück hatte ich damals Kontakte zu einem anderen Wetterverrückten aus Wien. Ich war die Woche meist mit den Wiener Studenten unterwegs, weg von den Deutschen, und fühlte mich stärker akzeptiert. Diese Woche war die einzige Zeit im ersten Jahr, wo ich das Internet nicht vermisste. Schwierig war es abseits des Studienalltags auch deshalb, weil Mainz eine fremde Stadt war. Ich war mit der Orientierung überfordert, alles war unbekannt und ich hatte gar kein Bedürfnis, die Stadt zu erkunden. Nach dem Wechsel nach Innsbruck war das anders, da nutzte ich mit dem Rad die Möglichkeit und ebenso mit dem Bus. Kantine war und ist für mich problembehaftet. Akustisch eine Katastrophe. Dutzende Unterhaltungen gleichzeitig, das Stühle rücken, das Geschepper, wenn der Geschirrwagen hin und her geschoeben wird. Ich setzte mich immer an den Rand. Entweder Wand oder Fenster, sodass ich nicht von beiden Seiten Bewegungen im Blickfeld hatte. Mich machte das fertig, wenn ständig Leute eng an mir vorbei gingen oder sich gar vorbeidrückten und mich dabei berührten. Am liebsten aß ich alleine, denn in der Gruppe saßen wir meist in der Mitte und ich bekam von allen Seite Geräusche und visuelle Reize ab. Zudem verstand ich bei Gruppenunterhaltungen nichts, ich konnte andere Unterhaltungen und den Hintergrundlärm nicht ausblenden. Noch heute versuche ich in der Kantine zentral gelegene Sitzplätze zu meiden bzw. möglichst weit weg von der Tablettrückgabe zu sitzen. Einkaufen war damals wie heute stressig und damals wie heute zogen sich wichtige Einkäufe lange hinaus, etwa Bekleidung, Schuhe, technische Geräte. Natürlich fehlten mir im Studium noch dazu die finanziellen Mittel, aber meine Eltern hätten Bekleidung finanziert, ich traute mich nur nie alleine in die Geschäfte, meist ging ich schweißgebadet ohne Einkauf wieder hinaus oder kaufte das Falsche und brachte den Mut nicht mehr auf, es zurückzubringen. Auch das ist heute noch oft so. Trotz aller Fortschritte in der Bewältigung beruflicher Stresssituationen und im Kennenlernen bleiben exekutive Defizite und sozialphobische Situationen im Alltag erhalten. Oder um es mit den Worten des vertrottelten Kurarztes auszudrücken: Die autistische Symptomatik hat sich nicht verbessert. Ich bin immer noch Autist, sowas aber auch …

Mündlich und schriftlich

Wenn ich danach benotet worden wäre, wie ich mir Lerninhalte erarbeitete, hätte mein Notenbild anders ausgesehen. Ich schrieb zahlreiche Professoren aus dem Ausland an, auf Englisch natürlich, und bekam oft Antworten. Ich präsentierte eigene Theorien, ging für die Recherche für die Diplomarbeit als einer der wenigen noch ins Institutsarchiv, suchte Artikel aus dem 19. Jahrhundert heraus, die ich absatzweise ins Englische übersetzte. Mein Synoptikprofessor hob das auch bei der Benotung der Literaturrecherche positiv hervor. Heutzutage dominieren Google und Wikipedia. Haptische Recherche ist out. Jahrhundertealtes Wissen geht verloren, sofern es nicht digitalisiert wurde. Ich schrieb sogar eigene kleine Paper mithilfe des Textverarbeitungssystems LaTeX, was nebenbei eine gute Übung für die Diplomarbeit war. Einfach aus Interesse, so argumentierte ich damals. Tatsächlich war es eben Spezialinteresse, Aufwand weit über das Verlangte hinaus. Leider wurde das abseits der Diplomarbeit nicht honoriert. Da zählten Mitarbeitsnoten und das versaute mir in vielen Fächern die Durchschnittsnote. Ich war zu langsam in der akustischen Verarbeitung, es dauerte zu lange, bis sich verständliche Sätze in meinem Kopf formten, und bis ich mich traute, zaghaft die Hand zu erheben, waren wir schon beim nächsten Thema. Paradox erscheint dazu, dass ich meine Referate nie vom Zettel ablas. Ich machte mir immer Stichworte und zwang mich dadurch, frei vorzutragen. Wegen der Nervosität und den vielen Gesichtern vor mir verhaspelte ich mich oft oder war viel zu schnell. Ich steckte dafür wenig Aufwand ins Layout oder Special Effects und schrieb wenig Text auf die Folien, sodass die Zuhörer gezwungen waren, zuzuhören und nicht mitzulesen. Ich glaube, da war ich vielen Professoren weit voraus, was didaktische Fähigkeiten betrifft. Trotzdem bekamen jene mit dem aufwändigen Layout und vielem Text auf den Folien die besseren Noten, obwohl viele nur den Text ablasen und kaum eigene Gedanken frei dazu vortrugen. Das ist nicht unbedingt motivierend, es so wie ich zu machen, ich glaube aber, dass es sinnvoller ist. Ich weiß nicht, worunter exakt diese Strategie fällt, ich würde es heute als komplexe Kompensationsstrategie einordnen, die ich übrigens schon in der Schulzeit anwendete. Ich las also NIE den Text herunter.

Bei mündlichen Prüfungen war ich extrem nervös, schwitzte Bäche, die am Handrücken und den Knien herabronnen, verstand oft die Fragen nicht und hatte Blackouts beim Antworten. Ich lernte aber auch nicht gut, weil mich das Internet für Jahre im Würgegriff hatte. Ich schaffte es nicht, mich zu konzentrieren, musste dazu die Wohnung verlassen, aber war dann oft den Umgebungsreizen ausgesetzt. In die Bücherei ging ich lange nicht, weil unbekannte Räume und zu viele Menschen. Wenn ich damals schon ein Smartphone gehabt hätte, würde ich heute noch studieren. Einmal fasste ich mir ein Herz und gestand dem Professor meine Prüfungsangst. Seine Fragen waren deswegen nicht einfacher, aber er gab mir eine Gnadenvier, andernfalls wäre das Studium damals zu Ende gewesen: Ich hatte alle Versuche für das Fach ausgereizt. Aber: Ich hab nie aufgegeben!

Das sind die Nachteile des Notensystems, das nach unfairen Kriterien bewertet und nach dem Schüler und Studenten wie ich negativ bewertet werden, obwohl sie nicht die gleichen Voraussetzungen haben. Für diagnostizierte Autisten und Autistinnen gibt es heute teilweise die Möglichkeit von Nachteilsausgleichen, aber was ist mit jenen, die keine Diagnose haben oder große Vorbehalte gegenüber einem Coming Out haben? Außerdem ist bedauerlich, dass zusätzlicher Aufwand nicht bewertet wird, im Studium könnte man dafür extra ECTS-Punkte verteilen, wenn hinreichend Bezug zum Studienfach besteht. So wie ich schon im Fach Deutsch am Ende der 9. Klasse Gedichte und Kurzgeschichten schrieb und dem Deutschlehrer schickte. Er meinte damals, das sei zwar alles schön und gut, aber er gab mir trotzdem die Note fünf im Zeugnis und ich musste die Nachprüfung antreten. Hauptkritikpunkt war der sprachliche Ausdruck. Im Folgejahr gab mir ein anderer Deutschlehrer für das gleiche Genre die Note 2.

Kulanzstrategie: Emigration ins Ausland

Im vorherigen Beitrag fasste ich einen bahnbrechenden Artikel über Kompensationsstrategien bei erwachsenen Autisten zusammen. Die Checklist zu Kompensationsstrategien (Link) enthält als letzten Punkt Accommodation (Entgegenkommen, Kulanz, Toleranz) und darunter:

30. Foreign disguise

Live in a foreign country so that your differences are attributed to being foreign by others. Live in your country of birth but seek relationships with others who are foreign, so that your social differences are attributed to cultural differences. (Livingston et al., 2020)

Objektiv betrachtet war es für mich damals logisch, nach Innsbruck zu wechseln. Es gab Empfehlungen von Studienkollegen dort, das Studium sei näher an der Praxis, es gebe viel mehr Wetterverrückte, Gleichgesinnte also und das Studium sei noch dazu leichter als in Mainz. Weniger logisch ist es für Außenstehende, damit weit entfernt von der Heimat zu leben, noch dazu im Ausland. Am Anfang hab ich die kulturellen Unterschiede zwischen Österreichern und Deutschen sicher unterschätzt, aber schon frühzeitig begonnen, mich mit der neuen Heimat auseinanderzusetzen. Ich las österreichische Tageszeitungen, höre seit inzwischen sechzehn Jahren den Nachrichten- und Kultursender Ö1, begann österreichische Literatur (Marlen Haushofer, Thomas Bernhard) zu lesen und setzte mich intensiv mit der Politik auseinander. Vorbildliche Integration, könnte man sagen. Tatsächlich brauchte ich den Abstand zur deutschen Heimat, um mein Kindheits- und Schultrauma auf Abstand zu halten. Ich fühlte mich den Österreichern gegenüber gleich viel näher, weil sie viel schneller duzen als siezen, während Deutsche überwiegend siezen und das für mich noch mehr Überwindung kostete als ohnehin vorhanden, jemand anzusprechen oder um etwas zu bitten. In Innsbruck duzten selbst die meisten Professoren und im Geschäft konnte man “Habts ihr Jacken?” sagen und damit das Siezen umgehen. Möglicherweise habe ich die Gastfreundlichkeit der Österreicher verklärt, ich wurde bei der Wohnungssuche rasch eines besseren belehrt, als ich eine Wohnung nicht bekam, weil ich Deutscher war und sich die Vermieter später entschieden, nur an Österreicher zu vermieten – mein einziger Fehler war, dass ich hochdeutsch sprach, als sie mich zur Besichtigung einluden. Trotzdem blieben offen deutschfeindliche Situationen die Ausnahme. Ich fühlte mich einfach viel wohler und bestätigt in meiner Entscheidung, Deutschland zu verlassen. Damals ahnte ich noch nicht, dass ich sechszehn Jahre später immer noch in Österreich leben sollte, aber eine Rückkehr kam für mich nie ernsthaft in Frage.

Bei den wenigen Auslandbesuchen seitdem, etwa Konferenzen in Spanien und Finnland, oder Workshops mit internationalem Publikum tat ich mir immer leichter in der Kommunikation. Zwar hielt ich mich auch da in Gesprächen oft zurück, einerseits aufgrund mangelnder Praxis beim Reden und mangelndem Vokabular, andererseits weil die Gruppensituation an sich identisch war zum deutschsprachigen Alltag: Ich brauchte zu lange zum Verarbeiten und Ausformulieren eigener Gedanken. Trotzdem fühlte ich mich schneller akzeptiert und es gingen andere auf mich zu und nicht immer umgekehrt. Seit ich zurückdenken kann, habe ich immer einen besonderen Draht zu Menschen, die anders sind. Sei es wegen einer Behinderung, dem Aussehen oder wegen der ausländischen Wurzeln. Die polnische Studienkollegin, die ich auf einer Tagung kennenlernte und die zur Emailfreundin wurde. Die ausländischen Kollegen in der ersten Firma, mit denen ich gerne mein Englisch auffrischte. Diverse Taxifahrer aus unterschiedlichen Ländern, mit denen ich immer wieder interessante Gespräche führte. Der rumänische Busfahrer in Salzburg, mit dem ich gerne unterhielt, wenn ich auf den Gaisberg stieg und mit ihm ins Tal fuhr. Die Slowenin und die Polin auf der Kur, mit denen ich offen reden konnte, ohne das Gefühl, “soziale Gepflogenheiten” nicht einzuhalten. Etwa, als mich bei einem Gespräch im Dorfcafé nach der geführten Wanderung einer der älteren Kurgäste auf den Kaffee einlud und ich die folgenden Tage ständig nach Gelegenheiten suchte, ihn auch einzuladen, aber keine fand und insgeheim froh war, dass er eine Woche vor mir abreiste, sodass ich mir darum nicht mehr den Kopf zerbrechen musste. Mit Ausländern hatte ich diese Situationen schlicht nicht. Und am Ende war ich es, der den großteils kroatischen Putzfrauen ein großzügiges Trinkgeld gab, ebenso dem kroatischen Busfahrer, der uns zum Bahnhof brachte.

Nicht zufällig benutzte ich in manchen Foren das Pseudonym “Exil….”, woraus mein erster Vorgesetzter einmal die Hypothese ableitete, ich würde mich dort, wo ich mich derzeit aufhielt, unwohl fühlen, denn ins Exil begibt man sich immer unfreiwillig. So ganz Unrecht hatte er damit wohl nicht, aber das geschah ursprünglich unbewusst. Ich hab die starken Argumente pro Innsbruck genutzt, um unbewusst das Kindheitstrauma zurücklassen zu können. Das hat naturgemäß nicht funktioniert. Heute lebe ich immer noch in Österreich und habe hier so viele positive Kontakte aufbauen können, dass ich nicht mehr zurück möchte. Das Exil wurde zur positiv besetzten Heimat. Und die Diagnose, die erst fünf Jahre nach Ende des Studiums kam, hilft mir dabei, meine Vergangenheit zu verstehen und zu bewältigen, den inneren Frieden zu finden, trotz gelegentlicher Rückschläge.

Ich glaube, das war mal genug Text fürs Erste. Wiedererkennung beabsichtigt für andere diagnostizierte und unentdeckte Autisten. Vielleicht hilft es wie damals auch bei mir dabei, zu erkennen, wo Probleme liegen, sich ihnen überhaupt bewusst zu werden, und dann Strategien zu entwickeln oder Hilfen zu suchen, wie man sie lösen kann. Das ist übrigens eine Stärke von Autismus, die viel zu wenig gewertschätzt wird: Viele von uns finden sich nicht mit dem Istzustand ab, sondern suchen bewusst oder unbewusst nach Lösungen, besser klarzukommen. Davon können sich viele Nichtautisten, die uns nicht genug Respekt oder Toleranz entgegenbringen, eine Scheibe abschneiden!

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