Kompensationstrategien von erwachsenen Autisten

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Graffiti am Donaukanal in Wien: Don’t try to be an apple if you are a banana. (c) Felix W.

Ein brandneuer Artikel von Livingston et al. (12. Februar 2020) hat erwachsene Autisten und Nichtautisten auf ihre Kompensationsstrategien untersucht. Ich versuche ein paar zentrale Ergebnisse und Schlussfolgerungen ins Deutsche zu übersetzen bzw. zusammenzufassen.

Hintergrund:

Auch die Wissenschaft hat zunehmend erkannt, dass eine Untergruppe von Autisten im bestimmten Kontext neurotypisch erscheint, etwa, indem sie Blickkontakt herstellt, angemessene Gegenseitigkeit in der Kommunikation zeigt und keine eng begrenzten Spezialinteressen vorweist. Bisher wurde das auf eine mit der Zeit einsetzende Verbesserung kognitiver Schwierigkeiten (“Erholung”) erklärt. Inzwischen mehren sich aber die Hinweise, dass sich vom kognitiven Status her nichts ändert. Das führt zur Hypothese der Kompensation. Demnach sind manche Menschen mit Entwicklungsverzögerungen wie Autismus dazu fähig, diese mithilfe alternativer Nervenbahnen und psychologischer Strategien zu kompensieren, sowohl bewusst als auch unbewusst. Die Autoren vergleichen diese Fähigkeiten mit der Echoortung von Blinden, um sich rein mit dem Gehör zu orientieren. Trotz bedeutender Fortschritte in der Forschung ist erstaunlich wenig bekannt, wie Autisten im Alltag zu kompensieren versuchen. Theoretisch lässt sich damit erklären, weshalb manche Autisten erfolgreicher sind als andere, aber auch, warum manche erst spät im Erwachsenenalter eine Diagnose erhalten. Das betrifft vor allem Frauen, bei denen davon ausgegangen wird, dass sie mehr kompensieren als Männer.

Methodik:

Als aussagekräftig hat sich der Camouflaging Autistic Traits Questionnaire (CAT-Q) für Erwachsene von Hull et al. (2019) erwiesen. Dieser beinhaltet Komponenten zur

  • Tarnung: passive Strategien, um nicht aufzufallen oder autistisches Verhalten zu verbergen)
  • Kompensation: aktive Strategien, um auf gesellschaftliche Anlässe vorbereitet zu sein).

Die Studie von Livingston et al. widmet sich schwerpunktmäßig Kompensation und Kompensationsstrategie bei Erwachsenen mit und ohne Autismus-Diagnose. Die Teilnehmer sollten qualitativ alle möglichen Strategien beschreiben, mit denen sie versuchen, in Gesellschaft Schwierigkeiten anzugehen. Über eine neuartige Compensation Checklist mit 31 Aussagen wurden die Selbsteinschätzungen der Teilnehmer kodiert. Daraus wurden Zusammenhänge mit Diagnosestatus, autistischen Zügen, höchster Bildungsgrad (stellvertretend für IQ), Alter bei der Diagnose und Geschlecht abgeleitet. Die Ergebnisse brachten vier Komponenten bei der Kompensation hervor:

  • Tarnung (masking)
  • Einfache und komplexe Kompensation (shallow/deep compensation)
  • Entgegenkommen/Kulanz (accommodation)

Bei der Kulanzstrategie wird aktiv nach Umfeld/Umgebungen gesucht, die den eigenen kognitiven Schwierigkeiten und Stärken entgegenkommen.

Bisheriger Wissensstand

Autisten, die Kompensation anwenden, besitzen allgemein bessere kognitive Fähigkeiten, einen höheren IQ und besser ausgeprägte Exekutivfunktionen. Das ist im Einklang damit, dass i) Kompensationsstrategien wie abgeleitete Regeln Kopfarbeit voraussetzen (z.b., wann und wie lange Blickkontakt notwendig ist) und ii) behutsames Abwägen und Wechseln zwischen Strategien, um erfolgreich zu kompensieren. Kompensation wird damit als Anpassungsleistung gesehen, die Autisten dabei unterstützt, unabhängig zu leben, erfolgreiche Beziehungen zu führen und Jobs zu bekommen und zu erhalten. Nachdem Kompensation autistische Schwierigkeiten nur verschleiert, aber nicht zwingend beseitigt, erhalten manche Autisten nicht vor dem Erwachsenenalter eine Diagnose, was sich nachteilig auf die Erhaltung des Arbeitsplatzes auswirken kann. Studien, die unter anderem den CAT-Q verwendet haben, fanden einen Zusammenhang zu schlechter psychischen Gesundheit. Kompensationsanstrengungen stellen sich als kognitiv fordernd heraus, erzeugen Stress und sind nicht immer erfolgreich, um als neurotypischer Mensch “durchzugehen” und soziale Bindungen zu anderen aufzubauen.

Wesentliche Ergebnisse der Studie

Menschen mit Autismus-Diagnose neigen stärker zur einfachen Kompensation, wodurch es ihnen nicht gelingt, ihren Autismus z.B. vor erfahrenen Fachärzten zu verbergen. Das Alter zum Zeitpunkt der Diagnose spielt dabei keine wesentliche Rolle. Stärkere Kompensation war mit stärkeren autistischen Zügen bzw. Autismus-Diagnose verbunden. Je höher der Bildungsgrad, desto eher wurde Kompensation beobachtet. Das wird darauf zurückgeführt, dass viel Kopfarbeit notwendig ist, um Regeln und angemessenes Sozialverhalten auszuarbeiten, wenn das intuitive Verständnis dafür nicht vorhanden ist. Ein sehr spannendes Ergebnis ist, dass Kompensation nicht davon abhängt, ob man klinisch diagnostiziert ist, sondern, ob autistische Züge vorliegen. Es ist nicht die Diagnose an sich, ab der man feststellt, Kompensationsstrategien zu benötigen, sondern dies geschieht schon lange vor der Diagnose.

Tarnen ist nicht zwingend mit Autismus verbunden. Auch Nichtautisten täuschen vor, etwa, um vor anderen besser darzustehen. Kulanzstrategien und komplexe Kompensation sind ebenso unabhängig von Autismus. So setzen auch Nichtautisten Kulanzstrategien ein und benötigen so keine Diagnose. Diagnostizierte Autisten wiederum zeigen meist wenige komplexe Kompensationsstrategien, was erklärt, weshalb sie überhaupt eine klinische Diagnose benötigen. Selbsteinschätzungsfragebögen könnten diesbezüglich nicht ideal sein, da sie mangels Bewusstsein gar nicht bemerken, wann sie kompensieren. Außerdem gab es keine Korrelation zum weiblichen Geschlecht. Es mag geschlechterspezifische Unterschiede bei den Gründen für Kompensation geben, aber es gibt offenbar nicht den weiblichen Autismus-Phänotyp, der durch hochgradige Kompensation gekennzeichnet ist.

Ausblick

Klinischen Fachärzten sollte bewusst sein, dass Individuen mit hohem Bildungsgrad und autismustypischen Schwierigkeiten Kompensationsstrategien verwenden, selbst wenn sie nicht alle Verhaltenskriterien für Autismus erfüllen. Sie können dennoch ähnlich viel Unterstützung benötigen wie diagnostizierte Autisten auch, speziell deswegen, weil Kompensationsverhalten mit schlechter psychischer Gesundheit verbunden ist. Die Compensation Checklist könnte in klinischen Settings verwendet werden, um autistische Tendenzen in “gut kompensierten” Individiuen zu erkennen. Der neue DSM-V (2013) in den USA erkennt an, dass Strategien autistisches Verhalten verschleiern können.

Einschränkungen:

  1. ist unklar, ob die Kompensationsstrategien zwingend erfolgreich sind, und wie häufig sie angewendet werden.
  2. Zweites war das Geschlechterverhältnis unausgewogen (von 117 Teilnehmern 95 Frauen und 22 Männer), außerdem sollten auch mildere Autismusformen einbezogen werden.
  3. Aufgrund der Methode mit Selbsteinschätzung sind die Ergebnisse nicht notwendigerweise repräsentativ für Autisten mit zusätzlicher geistiger Behinderung.
  4. Für Autisten, die sich mit mündlichen Selbsteinschätzungen schwer tun, sollte nach Methoden gesucht werden, Beobachtungen und Angehörige miteinbeziehen.

Persönlicher Kommentar:

Es ist wohltuend zu lesen, dass sich die Autismus-Forscher verstärkt erwachsenen Autisten widmen. Hier fühle ich mich direkt angesprochen, denn auch ich wurde spät diagnostiziert, musste einiges durchmachen, bis man endlich die richtige Diagnose gestellt hat. In der formalen Diagnose wurde mir ein hoher Kompensationsgrad bescheinigt, aber wie angesprochen wirkt sich das negativ auf die psychische Gesundheit aus, wenn man im Alltag ständig als neurotypischer Mensch durchgehen muss. Die Erwartungshaltung ist groß, speziell dann, wenn man äußerlich nicht besonders auffällt (sonderbarer Gang, Schaukeln, Händeflattern, bewusstes Wegschauen, etc.) und scheinbar normal wirkt. Das ist auch das häufigste Nichtkompliment, das ich bekomme: “Auf mich wirkst Du ganz normal.” oder “Du bist doch höchstens leicht betroffen. Ich kenne Autisten, die sind ganz anders. Die kommen alleine überhaupt nicht klar.” Dieses “alleine klarkommen” hat auf Dauer seinen Preis: Die autistische Erschöpfungsdepression, neudeutsch Burnout genannt. Immer über seine Grenzen gehen oder die Grenzen werden durch neurotypische Menschen stetig überschritten. Das fordert seinen Tribut, durch steigendes Bedürfnis nach Schlaf, Erholung, Alleinsein, sich seinen Spezialinteressen widmen. Auch einfache Tätigkeiten im Alltag können dann schon überfordern. Wie schon oft geschrieben, sieht das leider niemand von jenen, die die Diagnose anzweifeln oder eine milde Form attestieren. Die Erschöpfung ist unsichtbar und es wird oft mit Unverständnis und Irritation reagiert, wenn man schon im jungen Alter viel weniger belastbar ist als die Älteren, als sie im gleichen Alter wie man selbst waren. Auch deswegen wäre es auf Dauer viel nachhaltiger, wenn die Kompensationsstrategie stärker auf Entgegenkommen (Accommodation) setzen würde statt energieraubend auf Verschleiern und Verstecken von unerwünschtem Verhalten (dies auch als kleiner Seitenhieb auf ausufernde Verhaltenstherapie). Entgegenkommen setzt allerdings zwei voraus, und der autistische Mensch ist dabei immer im Nachteil, er muss vorsichtig sein mit dem Äußern seiner Bedürfnisse, die meist mit Befindlichkeiten verwechselt und daher nicht ernstgenommen werden. Das Gegenüber muss die Dringlichkeit seiner Bedürfnisse erkennen und angemessen darauf reagieren, nicht überbehütend, sondern so, dass sich der Autist so frei wie möglich entfalten kann. So eine günstige Umgebung bzw. Umfeld kommt aber erst zustande, wenn genügend aufgeklärt wurde. Und daran hapert es hierzulande massiv (siehe vorheriger Beitrag über einen Medientext). Es ist unendlich erleichternd, wenn man hin und wieder auf Menschen trifft, die gleich ticken, entweder, weil sie auch autistisch sind oder autistische Züge aufweisen. Die Kommunikation fällt dann ganz leicht, es ist keine Kompensation notwendig. Man darf authentisch sein, es wird nicht durch Unverständnis und Irritation ausdrückende Kommentare Tarnung verlangt. Solche Kontakte und Gespräche geben sehr viel zurück an Selbstwertgefühl. Dafür bin ich dankbar, und zugleich bedaure ich, wie selten sich dafür Gelegenheiten ergeben.

2 thoughts on “Kompensationstrategien von erwachsenen Autisten

  1. lizzzy07 24. February 2020 / 15:35

    In meinem Repertoire kommt alles vor und verändert sich mit der Zeit. Wobei ich auf eine entgegen kommende Umwelt achte, um den Aufwand für Kompensation und Tarnung zu reduzieren. Das macht mitunter eine Menge aus.

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  2. John 1. March 2020 / 21:41

    Ich hatte eine Frühdiagnose mit 7 Jahren in einer Spezialklinik. Seit dem hat sich an Asperger-Syndrom nichts geändert an der Diagnose. Ich konnte so Jahrzehnte lang stabil an mir arbeiten. Natürlich macht das soziale Umfeld viel aus in der Persönlichkeitsentwicklung.
    Ich habe inzwischen geschafft viele Defizite in den Griff zu bekommen. Spontane Veränderungen machen mir wesentlich weniger aus als früher. Der Stress und die Ängste sind mal mehr und mal weniger das primäre Problem.
    Einen richtigen Psychologen hatte ich nicht. In der Jugendzeit Ergotherapeuten und zeitweise eine Jugendpsychologin.
    Es stimmt, dass sich eine höhere Kompensationsstrategie mit einer höheren Bildung ergeben kann. Ich selbst habe einen Hauptschulabschluss geschafft, Bürokaufmann absolviert und arbeite in einem Lager in der Kommissionierung. Mein Spezialinteresse ist inzwischen in Richtung Sozial- und Werbepsychologie gegangen. Dadurch konnte ich mir viele flexible Strategien selbst erarbeiten und weiterentwickeln. Ich mache derzeit ein Fernstudium zum Werbetexter (was mir sehr gut gefällt). Ich kann mich immer besser Situationen anpassen und reagieren. Spätdiagnosen sind schwer. Ich kenne ein paar Autisten, die erst Anfang 30 oder 40 Autismus als Diagnose bekamen.

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