Im Nirgendwo.

Kammspitz und Fahrnrinnkogel, Dachsteingebirge – 3 Wochen lang mein Anblick während der Kur

Das ist gerade eine ganz seltsame Zeit bei mir. Die drei Wochen Kur sind jetzt bereits eine Woche zurück. Vieles hab ich schon vergessen, auch die vertrauten Gesichter der vier Menschen, mit denen ich am häufigsten an einem Tisch saß, verschwinden langsam aus der Erinnerung. Was mir bleibt, sind die täglichen Übungen, die ich konsequent durchziehe, und von der letzten Sensomotorikkrafteinheit die Schmerzen im linken Knie (unterhalb der Kniescheibe, etwa Patellasehne), die ich bei längerem Sitzen bzw. Beugen des Knies spüre. Ein Souvenir, auf das ich gerne verzichtet hätte und das mich gerade daran hindert, neue Wanderpläne zu schmieden. Ich hatte mir ein Zirbenkissen gekauft, seitdem schlafe ich tatsächlich jede Nacht durch. Mithilfe eines Fitnesstrackers überwache ich Herzfrequenz und meinen Schlaf, allerdings hab ich Standort und Bluetooth meistens ausgestellt, ich mag keine Dauerüberwachung und ständige Datensammlung über mich. Interessant ist aber auch die Herzfrequenz (die optisch am Handgelenk gemessen wird und mir den ständig verrutschenden Brustgurt erspart), mit der ich direkt messen kann, wie sich (vor allem akustische) Reizüberflutung bei mir auswirkt. Eine Spielerei für zwischendurch, zugegeben nicht das vom Psychologen beschworene aktive Nichtstun.

Es fällt mir wiederholt auch auf, wie unfassbar schnell ich die zwei Jahre in Salzburg verdrängt habe. So, als ob man aus dem Koma erwacht und nicht weiß, was in zwei Jahren Tiefschlaf geschehen ist.

In 2 Jahren und zwei Monaten stand ich insgesamt 62 Mal auf meinem Hausberg, dem Gaisberg (1287m)

Ich kann nicht einmal sagen, ob ich etwas vermisse, weil sich die Realität mit der Rückkehr nach Wien so drastisch geändert hat, durch das diagnostizierte Knochenmarködem musste ich Abstand von meinem durchwegs auf Bewegung konzentrierten Lebensmittelpunkt nehmen. Daran hat sich nun auch ein knappes Jahr später wenig geändert. Mein Aktionsradius hat sich zwar vergrößert, aber ist weit entfernt von der Unabhängigkeit der letzten Jahre. Die verstärkte Hornhautbildung unter den beiden Sesambeinchen (Os sesamoideum) ist immer noch da, und beim Spaziergang vor drei Tagen im Wienerwald spürte ich plötzlich wieder einen stechenden Schmerz von einem Moment auf den anderen. Das rät zur Vorsicht und leider auch zur defensiven Urlaubsplanung. Ein Auto würde derzeit tatsächlich mehr Möglichkeiten mit sich bringen, aber ich bleibe standhaft.

Ausblick von der Richterhöhe zum Tennengebirge und in die Berchtesgadener Alpen

Die Stadt selbst vermisse ich auch nicht. Eher erinnert mich der Overtourismus in Wien schmerzhaft an die Menschenmassen in Salzburg. Innerhalb der zwei Jahre zwischen Übersiedlung und Rückkehr hat der Massentourismus in Wien massiv zugelegt. Die Innere Stadt ist genauso unerträglich wie die Stadt Salzburg geworden. Glücklicherweise kann ich sie oft meiden und finde meinen Weg drum herum.

Ausblick vom Heuberg auf Hochgitzen und Haunsberg, Flachgau

Inzwischen versuche ich zu vermeiden zu erwähnen, dass ich vorher in Salzburg gelebt habe. Mich öden Kommentare wie, dass es dort so schön sei und die Berge so nah, nur noch an. Ich hatte zwei Jahre versucht, alles herauszuholen, was mit öffentlichem Verkehr möglich ist. Es war immer mühsam, auch so kamen die vielen Gaisbergtouren zustande, weil mir alternative Tourenziele zu umständlich waren, mit zu frühem Aufstehen verbunden, zu langer Fahrt, zu wenig Spielraum mit der Rückfahrt, usw. In Wien habe ich mehr Möglichkeiten, bessere Verbindungen insgesamt. Mich ermüden auch Kommentare an, die andeuten, dass die Berge im Nahkreis von Wien ja viel niedriger seien und deswegen weniger lohnenswert als die hochalpinen Gipfel bei Salzburg. Zu meiner Wiener Zeit war ich unglaublich viel unterwegs und hatte keine chronische Verletzung dadurch, weil die Strecken zwar länger waren, aber auch flacher. Ich habe insgesamt sogar mehr Landschafts- und Kulturfotos geschossen als in Salzburg.

Bilanz meiner Wandertouren seit ich in Österreich bin (2004-2020), zu fast allen Touren gibt es Wanderberichte.

Meine Tourenübersicht zeigt, dass vor Salzburg (vor 2010 bis 2016) eine stattliche Anzahl an Touren zusammenkam. Diese sind für mich selbst, und das alleine zählt, nicht weniger Wert als Touren im hochalpinen Gelände. Zumal ich auch von Wien aus teilweise weite Anreisen in Kauf nahm, um auf einen Gipfel zu steigen (z.b. Mixnitz – Hochlantsch, oder Grünau im Almtal – Zwillingkogel, Gimpl – Gößeck).

Salzburg ist jedenfalls in der Erinnerung beinahe ausgelöscht. Ein paar Bekannte von damals sind geblieben, aber seit der letzten Dienstvertretung im April 2019 war ich nicht mehr dort. Ich hätte meinen Tagesausflug gerne mit einer Gaisberg-Besteigung verbunden, mal schaun, wann Fuß und Knie das wieder mitmachen.

Irgendwie sind momentan aber auch Zukunftspläne nicht präsent. Wie geht es jetzt weiter? Ende des Jahres halte ich hoffentlich den bereits von allen Gremien abgesegneten unbefristeten Vertrag schriftlich in meinen Händen. Es nervt ungemein, dass das nicht vorzeitig geschehen kann. Alle versichern, dass das nur noch eine formale Geschichte ist. Formal oder nicht, diese 1% Restunsicherheit bleibt im Kopf bestehen, und das scared eben den shit out of einen Autisten, der Unvorhersehbarkeiten hasst. An der Genesung des Ödems hängen auch mittelfristige Pläne mit Fernreisen, mit einwöchigen geführten Wanderungen, mit der Rückkehr in die Boulderhalle (klettern ohne Seil in Absprunghöhe) – alles niederschwellige Möglichkeiten, eine potentielle Partnerin kennenzulernen, ohne den Weg über eine Partnerbörse gehen zu müssen. Derzeit komme ich mir sehr gebremst in meinen Aktivitäten vor, ein ständiges Hineinhorchen in den Körper, ob ich ihm nicht eh nicht schon wieder zu viel zumute.

Genauso muss die Überwindung wieder gelernt werden, alleine Dinge zu unternehmen. Damit meine ich nicht nur lästige Einkäufe, ständig aufgeschobene Telefonate mit Fachärzten, sondern auch außer Haus zu gehen und eine Wanderung oder einen Fotospaziergang zu machen. Angesichts der Vielzahl an Touren, die ich jedes Jahr unternehme, mag diese innere Blockade wundern, aber manchmal sind meine Ressourcen einfach verbraucht, die Löffel alle ausgegeben, und dann geht’s nicht so, wie ich mir das vorher vorstellte. Das wechselt je nach Schlafqualität, Tagesform und Stress vom Vortag. Das lässt sich schwer planen. Ich kann höchstens versuchen zu antizipieren, wie gestresst ich am Abend sein werde und mir für den Folgetag keine unrealistischen Ziele setzen, z.b. frühes Aufstehen für eine lange Wanderung. So wie heute.

So, jetzt versuche ich den Müdigkeitsnebel zu besiegen und doch noch einmal das Haus zu verlassen.