Vorbereitungen, Checklisten und Routinen

Gut vorbereitet und gebrieft kann man gedanklich auch einmal abschweifen ohne schlechtes Gewissen.

Eines der Kernsymptome von Autismus ist die Furcht vor der Ungewissheit, vor allem, was außerhalb der eigenen Kontrolle liegt. Autisten bevorzugen tendenziell vorsehbare Zeiträume, wollen vorbereitet und möglichst gut informiert sein. Routinen bringen Regelmäßigkeit in den Alltag, vorhersehbare Abläufe, die beruhigen. Sehr wichtig sind für mich Aufgabenlisten auf Papier, wo ich regelmäßig notiere und aktualisiere, was in nächster Zeit zu tun ist. Dazu zählen Alltagsverpflichtungen, unaufschiebbare Einkäufe (z.b. Kleidung oder technisches Equipment), aber auch Haushaltsaufgaben wie waschen, putzen oder staubsaugen. Auch Spontanität ist bei mir geplant. Ich arbeite im Schichtdienst und habe immer wieder einzelne Tage unter der Woche der frei. Meistens unternehme ich dann selbständig etwas, während ich an freien Wochenendtagen eher zu zweit und mit mehreren unterwegs bin. Ich halte mir bewusst einzelne Tage komplett frei, wo ich mir nichts vornehme, keine Termine ausmache oder Verpflichtungen eingehe. Diese Tage sind für mich reserviert und es kann passieren, dass ich mich noch in der Früh umentscheide und etwas anderes tue. Ich muss mich dann nur vor mir selbst rechtfertigen.

In meinem Berufsfeld kommt man ohne Schichtdienst kaum aus. Ich studierte damals Meteorologie, ohne darüber nachzudenken, was das später für meinen Lebensrythmus bedeutet. Von Autismus wusste ich da noch nichts. Im September diesen Jahres kann ich auf zehn Jahre Schichtdienst und acht Jahre mit Nachtdiensten zurückblicken. Ohne Lücke im Lebenslauf und nur ein knappes halbes Jahr in Teilzeit. Fünf Jahre hatte ich in einem Großraumbüro zu tun, mit Kundenkontakt, Ö3 im Hintergrund und reichlich organisatorischen Telefonaten, weil das Sekretariat häufig unbesetzt war. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte diese Zeit souverän bewältigt. Es brachte mich – undiagnostiziert – regelmäßig in einen Overload.

Das A und O für Stressreduktion am Arbeitsplatz ist eine akribische Vorbereitung. An meinem jetzigen Arbeitsplatz gibt es bereits von Haus aus Checklisten zum Abhaken, so kann man kein Produkt vergessen. Ich arbeitete auch davor mit eigenen Checklisten, die viel ausführlicher waren, weil das, was andere zwischen den Zeilen lasen, bei mir tatsächlich auf dem Papier stand. Anfangs waren diese Listen drei Seiten lang, was auch schon zu Kritik führte, aber mit zunehmender Routine wurden meine Listen immer kürzer, weil ich viele wichtige Informationen verinnerlichen konnte, also ins Langzeitgedächtnis überführen. Dennoch kann es immer wieder passieren, dass bestimmte Aufgaben selten vorkommen und dann schadet es nicht, sich bestimmte Arbeitsschritte in Erinnerung zu rufen. Telefonate muss ich führen, wenn ein Kunde eine konkrete Frage hat oder ich umgekehrt eine konkrete Information für ihn. Das bereitet mir wenig Stress, denn ich kann mich in der Regel vorbereiten und bin nicht überrascht. Ärgerlich ist nur, wenn allgemein eine Information bekannt ist, aber nirgends notiert wurde und ich dann kalt erwischt werde. Wenn mir so etwas passiert, reagiere ich in der Regel so, dass ich die Information sofort allen zugänglich mache. Eine Verbesserung für das Team, nicht nur für mich. Mein erster Arbeitgeber hat das nie honoriert, sondern Fehler nicht im System, sondern grundsätzlich bei der Person selbst gesucht. Für das Betriebsklima ist so eine Herangehensweise tödlich, sie verstärkt Ängste vor dem Versagen und demotiviert, Kritik zu üben.

Manche Faktoren bei Telefonaten lassen sich schwer beeinflussen, etwa, wenn ein Kunde während dem Autofahren oder im Freien anruft und Wörter verschluckt oder die Stimmen verzerrt werden. Das geht nicht nur mir so, aber es ist natürlich besonders kraftraubend, sich extrem auf das Gespräch fokussieren zu müssen, um nur ja nichts misszuverstehen. Der Faktor Akustik sorgt immer für Stress und bleibt ohne Gewöhnungseffekt. Die einzige Lösung dafür ist, das Gespräch zu verschieben, um einen Rückruf zu bitten oder schlicht zu sagen, dass man akustisch nicht genug verstehe, um seriöse Antworten zu geben. Wenn es nicht um Kundenberatung geht, sondern um Kollegen, genügt mitunter auch ein E-Mail, was ich sowieso bevorzuge, weil ich mir dann in Ruhe den Text durchlesen und antworten kann, und auch einige Zeit später noch nachschauen kann, welche Informationen ausgetauscht wurden.

Zu den Übergaben, wenn ich den Arbeitsplatz des Kollegen übernehme, habe ich oft wenig Zeit, um mich einzuarbeiten. Auch hier bereite ich mich vorab schon zu Hause oder während der Bus- oder Zugfahrt vor, indem ich am Handy die einsehbaren Informationen einhole und nicht völlig blank beginnen muss.

Zu den Routinen gehören für mich der tägliche Spaziergang in der Mittagspause oder wenigstens einmal im Dienst die 24 Stockwerke hinaufzugehen (ca. 8 Minuten für 90 Höhenmeter), künftig kommen auch die Dehnungsübungen hinzu, die mir der Physiotherapeut während der Kur gezeigt hat. Diese zehn Minuten sollten sich in jeden Dienst einbauen lassen. Zuhause habe ich mir ein paar eher schädliche Routinen aufgebaut, an denen ich noch arbeiten muss. Etwa das abendliche Netflix Streaming schauen (ausschließlich Filme, ich bin kein Serienmensch), stundenlang zu twittern oder sich sonst irgendwo im World Wide Web zu verlieren. Mehr oder weniger überdreht geh ich dann ins Bett, lese am Handy weiter mit, bis ich dann spät einschlafe und mit Schlafdefizit aufwache.

Buch lesen statt Computer klingt gut, aber nach zwölf Stunden Bildschirmarbeit bin ich oft zu erschöpft, um noch anderen Input aufzunehmen. Filme gehen gerade so, zumal ich fast ausschließlich englischsprachige Filme mit englischen Untertiteln schaue, um sprachlich in Form zu bleiben. Der kritische Bereich ist die Zeit vor dem Zubettgehen und im Bett liegen. Meine Buchauswahl ist vom Genre her sehr eingeschränkt. Diesbezüglich bin ich ziemlich autistisch, mir gefallen nur Krimis von Robert Harris (mit anderen Autoren fiel ich die letzten Jahre oft auf die Nase) oder Sachbücher. Sachbücher sind abends natürlich sehr trocken und sperrig, aber Krimis hab ich alle durch, und wenn mir einer gefällt, les ich den auch in drei Tagen fertig. Bücher, die ich gerne lesen würde, kosten viel Überwindung, dran zu bleiben, etwa Thomas Bernhard, Mann ohne Eigenschaften oder Dostojewski. Bücher lesen funktioniert unglücklicherweise nur dann, wenn ich gut gelaunt bin und eine ausgewogene innere Balance ohne größere Sorgen. Diese Tage kann ich seit der Kindheit an einer Hand abzählen. Irgendetwas ist eben immer.

Zu den Routinen (gleichzeitig auch Spezialinteresse) zählt für mich auch das Bearbeiten von eigenen Bildern, und die Pflege meiner Wanderberichte. Das fährt meinen Puls extrem herunter, ich kann dabei richtig abschalten. Bei Entspannungstechniken bin ich oft blockiert, weil ich nicht die absolute Ruhe habe und leicht ablenkbar bin. Ich erinnere mich noch gut an die erste Stunde beim Hypnose-Therapeuten. Beim ersten Mal hat es funktioniert, ich fiel in Trance. Danach verstand ich den Trick und bei keiner der nachfolgenden Sitzungen gelang es ihm noch einmal, mich in dieselbe tiefe Trance zu versetzen. Mein autistisch sachliches Unterbewusstsein blockiert jegliche Versuche von außen, meinen Kopf zu überlisten. Ich denke in dem Moment dann viel zu stark nach, was gerade passiert, wie es passiert, was dabei abläuft, als gar nichts zu denken. Anders ist es, wenn ich in den Flow komme, während ich gerade meinem Spezialinteresse nachgehe. Ich bin dann gedanklich so fokussiert, dass negative Gedanken völlig ausgeblendet werden können.

2 thoughts on “Vorbereitungen, Checklisten und Routinen

  1. lizzzy07 23. January 2020 / 17:24

    Das mit den Entspannungstechniken kenne ich. Einmal durchschaut, funktionieren die nicht mehr. Was aber zuverlässig für mich funktioniert, ist Beten – immer dieselben Gebete morgens und abends. Wenn jemand nicht gläubig ist, funktioniert es freilich nicht. Wenn das Anziehende von was-auch-immer Routinen und feste Regeln sind, Termine, die ich mir schon Monate im Voraus in den Kalender eintragen kann. Bücher, die ich lese: Selten, dass ich mal etwas lese, das weder die Bibel noch Sekundärliteratur zu selbiger ist und auch nichts mit Israel/Judentum zu tun hat. Die Nachrichten noch. Zeitung. Sachinformationen.

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  2. hieristbesetzt 23. January 2020 / 19:11

    Ich lese fast ausschließlich Sachbücher, gerade abends im Bett. Ich kann dabei gut abschalten, und sie fesseln mich nicht so sehr, dass ich Gefahr laufe, meine Einschlafzeit zu überziehen. Auch lese ich gern Biographien.
    Romane lese ich fast gar nicht, aber ich mag die Krimis von Agatha Christie sehr (aber nur im Original). Sie habe ich alle schon zigmal gelesen. Mir ist egal, dass ich schon weiß, wer der Mörder ist – ich mag ihre Bücher, ihre Sprache. Und ich lese sowieso gern Bücher mehrfach. Sie sind dann vertraut, und ich weiß, was mich erwartet.

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