Reduzierter Gefühlsausdruck

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Dies ist die deutsche Übersetzung der mind-blowing Tweetkette einer Autistin darüber, wie sich ein reduzierter Gesichtsausdruck auf das Umfeld auswirken kann. Zum besseren Verständnis sollte man sich den Thread später noch einmal anschauen, weil die Autorin entsprechende Selfies von ihrer Mimik gemacht hat. Aus Datenschutzgründen möchte ich die Bilder bei mir nicht hochladen. Mind-blowing deshalb, weil ich mich darin eins zu eins wiedererkannte. Schwierigkeiten, Gefühlsregungen in der Mimik zu zeigen, wurden bereits in dem Buch von Brit Wilczek – Wer ist hier eigentlich autistisch? aufgeführt:

“Sehr häufig sind dabei Aussagen wie “Du guckst so ernst/traurig” – obwohl es dem Betreffenden gerade gut geht oder er sich stimmungsmäßig neutral fühlt.”(S.178)

“Generell werden auch generelle Rückmeldungen zur Außenwirkung der Betroffenen gegeben, die so gar nicht zu dessen Selbstbild passen.”(S.178)

“Arztbesuche enden in Verzweiflung, da seine ernsthaft, aber wenig ausdrucksstark vorgetragenen Symptomschilderungen kaum Resonanz hervorrufen und in der Folge schlicht nicht ernst genommen werden. “(S.238)

Ein reduzierter Gefühlsausdruck ist eine Eigenschaft, die nicht ausschließlich bei Autismus auftritt. Vielleicht ist Dein Lächeln nicht lächelnd genug. Vielleicht sprichst Du zu monoton. Du *hast* zwar Gefühle, zeigst sie aber nicht entsprechend. Dies ist Teil der autistischen Symptomatik, die uns zwingt, sich Masken anzueignen. Menschen finden es sehr abschreckend, wenn man keine Freude oder Bedauern oder Besorgnis in einer Weise zeigt, wie sie erwartet wird. Daher hab ich eine physische Gesichtsmuskelmaske, die ich beinahe die ganze Zeit über trage.

Im Vergleich zu meinem natürlichen Gesichtsausdruck zeige ich nahezu immer erhobene Augenbrauen, geweitete Augen und gespitzte Ohren (wie mit den Ohren wackeln, aber sie in “Rück”position halten.), sodass mein Gesichtsausdruck offener und aufmerksamer wirkt. Ich besitze, was sich wie ein kleines Lächeln anfühlt, doch sieht es neutral aus.

[Bild] Mein neurotypisches Lächeln ist nicht mein natürliches Lächeln, sondern ist, was ich lernte, “schaut fröhlich”. Das fühlt sich an, als ob ich ein riesiges Zähnegrinsen vorzeige (warum wollte ich sicher sein, dass ich fröhlich *ausschaue*? Weil ich auf dem Bild mit einem SNES-Controller von einer Mini Classic Konsole abgebildet bin, als sie erstmals herauskam)

[Bild] Das ist mein natürliches Lächeln. So schaut mein Gesicht aus, wenn ich entspannt und natürlich lächle. Ich denke wirklich, dass es eine muskuläre Komponente bei reduziertem Gefühlsausdruck gibt, denn es fühlt sich tatsächlich so an, als ob ich die Mundwinkel anhebe, aber tatsächlich tu ich es nicht.

Warum ist das wichtig? Warum so viele Selfies? Das war garantiert das Lächeln, das ich zeigte, als mir mein Chef sagte, ich werde unbefristet angestellt. Wenn mir jemand eine Überraschungsparty schmeißen würde, täte mein Gesicht so ausschauen, wenn ich nicht maskiere. Du siehst selbst, wie wenig beeindruckt das aussieht. Du kannst den physischen Unterschied zwischen neurotypisch-anerkanntem Lächeln und meinem gewöhnlichen Lächeln sehen. In all diesen Fotos betreibe ich immer noch Maskerade wie oben beschrieben. Falls nicht, würde ich wütend oder verbissen aussehen. Wenig überraschend hab ich davon keine Fotos.

Das beweist, wie viel körperliche Anstrenung dahintersteckt. KÖRPERLICHE ENERGIE, die dafür erschöpft wird, ständig einen angemessen BASIS-Ausdruck aufrechtzuerhalten. Das ist nur eine Sache, die ich maskiere. Nur eine und sie ist relativ einfach. Das ist nichts.

Reduzierter Ausdruck bedeutet vor allem als Frau, dass man relativ schnell lernt, welche hohe Bedeutung Leute Gesichtsausdrücken beimessen. Wie gefährlich es ist, wenn man kein entschuldigendes Gesicht parat hat, wenn man es bräuchte. Wie viel es ausmacht, ob Fremde denken, man sähe nett aus. Wenn Du kein Autist bist, solltest Du das wissen und anderen erzählen. Nicht jeder geht offen mit seinen Gefühlen um. Das bedeutet nicht, dass man keine hat. Hör darauf, was Leute erzählen. Fordere sie nicht auf, ihr Gesicht physisch anzupassen.

Um das zu veranschaulichen: Stell Dir eine Situation vor, die Du normalerweise mit einer Entschuldigung bereinigst. Einen Streit oder ein Missverständnis. Nun stell Dir vor, die andere Person sieht Dein entschuldigendes Gesicht nicht. Sie glauben nicht, dass es Dir leid tut. Stell Dir vor, wie weit ihr Zorn eskalieren wird. Was sie sagen oder tun könnten. Das ist eine der Gründe, weshalb autistisch sein in einer neurotypischen Welt ausreicht, um ein Trauma zu erleiden. Wenn Dein Gesicht kein Bedauern oder Sorgen oder Traurigkeit zeigt, verbringst Du viel Zeit damit, immer das Schlimmste in den Leuten zu sehen – wütend oder verärgert -, und denkst, Du hättest keine Gefühle oder Dir wäre es egal.

2 thoughts on “Reduzierter Gefühlsausdruck

  1. lizzzy07 6. January 2020 / 10:20

    Na gut, Extreme fallen andren bei mir schon auf. Nuancen gehen aber verloren. Zum anderen werde ich oft unglücklicher eingeschätzt als ich bin. Eben weil nur Extreme wirklich auffallen. Wenn ich glücklich aussehe, bin ich auf Wolke sieben (RW). Einfach gut ohne was besondres fiele dagegen nicht auf.

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  2. Ben Schmidt 20. June 2021 / 9:52

    Ich glaube zu einem gewissen Grad ist die Frage ob wir autistisch sind auch eine Frage der Selbst-Indentifiktion.
    Soll heißen: Fakt ist es gibt viele Menschen die eine Autismus-Spektrum-Störung hätten und undiagnostiziert bleiben.
    Fakt ist man weiß noch immer nicht genau was die Ursache ist, dass man im Spektrum ist während andere Personen es nicht sind.
    Man nimmt stark an, dass man seit der Geburt im Spektrum ist. Wobei man aber nicht schon in den ersten Monaten eine Diagnose machen kann sondern erst ab 2 Jahren wenn ich mich richtig erinnere.
    Auch gibt es seltene Fälle von atypischen Autismus. Bis heute ist also nicht 100% gesichert wieso manche Menschen Autisten sind andere aber nicht.
    Interessant ist wieviel man erforscht wie Autisten anders sind als “normalos”.
    Aber als Person die vermutlich autistisch ist, wäre es viel spannender auch zu sehen wie “normalos” denken und alles wahrnehmen denn es gibt auch Erlebnisse die hart am Limit zum Autismus oder der Sensorischen Überempfindlichkeit sind.

    Wie etwa durch MIlch zu sehr eingeweichte Corn Flakes, oder Pommes Frites die total weich “letschert” sind. Esse ich gar nicht gerne.Aber offiziell heißt es so eine geschmackliche Überempfindlichkeit richtet sich nach Textur und Geschmack. Soll heißen: Nur weil es mir nicht schmeckt weil es weich ist, ist es eine überempfindlcihkeit des Geschmackssinns. Das wäre es angeblich wenn ich schon ekel kriege wenn ich das Zeugs sehe.

    Aber das war jetzt mehr Exkursion als eine Stellungnahme zu der steilen These…
    Also zu meiner These: Ich denke es ist eine Frag von Identifikation weil natürlich gibt es 3 Arten mit einer Autismus Diagnose umzugehen:
    Akzeptieren und diese umarmen(embrace it)
    Ignorieren
    Nicht wahrhaben wollen

    Vermutlich gibt es noch mehr Möglichkeiten.
    Und ich will keinesfalls unsensibel klingen wenn ich sage: MAn stelle sich vor man bekommt eine Diagnose vom Arzt die einschneidende Wirkung hat aber es gibt keine 100%ige Garantie, dass das was gesagt wird auch eintreten wird.
    Da kann man dann auch es akzeptieren wie es ist, dass beste draus machen.
    Es gänzlich ignorieren und sogar noch einmal am Putz hauen.
    Oder damit versuchen zu leben und dauert weiter zu grübeln “wieso ich”.

    Ich falle wahrscheinlcih in die Dritte Gruppe. Aber da ich sehe und höre, dass viele mit Autismus Spektrum-störung (oder die diagnostiziert wurden) sich damit gut fühlen, allerdings auch manche daran verzweifeln wegen dem Stigma und Vorurteilen denen sie begegnen könnten
    ist eines schon mal klar. Es ist nicht so, dass die Erfahrung eien Diagnose zu haben null Wirkung auf uns ausübt.
    Und je nachdem zu welchen Typus Personencharakter wir neigen werdne wir damit unterschiedlich umgehen.
    Sage es sogar mal positiv:
    Manche wachsen daran, andere bleiben gleich, wieder andere verzweifeln.
    Ich sehe mich noch an letzter Stelle, wobei dazu sage es kommt immer drauf an welchen Aspekt im Leben ich hernehme, schon die Jahre vor der Diagnose wurde es heftig, Corona hats alles über den haufen geworfen. Dein Blog ist super, ich sehe mich da in vieles was du schreibst kaffeehäuser,kulturbesuche etc. wieder.
    Und auch, dass wir gerne wenn andere aufgeben wieder weitermachen.
    Was ich wirklich wichtig fände ist, wenn “normalos”(neurotypismus ist nur das gegenteil von neurodiversität und neurodiversität bedeutet nicht automatisch nur autismus) verstehen, dass vieles was über die Diagnose verbreitet wird entweder halbwahr nur ist oder nicht richtig erklärt wird.
    zb. die “fehlende Empathie”. Damit ist ja nicht gemeint wir sind geühllos. Gemeint war, wir haben nicht so die Theory of Mind”(oder synonym folk psychology) wie andere also Gedanken/Gefühle anderer einzuschätzen . Wenn Leute immer wieder von Empathie reden nicht aber klar abgrenzten welche der 3 Arten von Empathie gemient sind entstehen diese Vorurteile.
    Übrigens lass ich mal auf reddit, dass so mancher autist sehr wohl ToM hat aber dann halt weniger “Emotionale Empathie”. Also nicht mal das stimmt es variiert (Wenn man reddit einträgen mehr glaubt). ehrlich gesagt weiß ich gar nicht was man glauben soll.
    Jeder Mensch ist verschieden. Und jeder Autist ist verschieden.
    Und das ist das spannende daran, man kann nicht jeden autisten über einen kam mit anderen scheren. MAn versucht es aber ist falsch. Ich weiß viele autisten denken gerne in kategorien aber dieses label autismus hat nicht eine einzige ” farbe” sondern wie schon beim Regenbogen ein Spektrum an farben.
    GLaub,dass ich soviel schreibe zeigt, dass ich im Spektrum bin^^.
    Was ich ja spannend finde: In meiner Schulzeit habe ich viel Schreiben gehasst. Ist scheinbar anders wenn es um Interessen geht und man die Tastatur hat…und genug Zeit!
    Und wie sich das Wetter ändert kann sich unsere Stimmung ändern und natürlich auch unsere Probleme unsere INteressen und naja nicht alles aber Corona und die Maßnahmen werden vorbeigehen. Kopf hoch!

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