Sag nicht …

1

 “Das sieht bzw. merkt man dir aber gar nicht an!”

sondern

“Und wie äußert sich das bei dir?”

Das erinnert mich an eine Begegnung im Fernzug vor einigen Wochen. Wenn mich Österreicher am Dialekt erkennen, fragen sie üblicherweise “Kommst Du aus Deutschland?” was eine völlig schwachsinnig rhetorische Frage ist, weil man es ja hört und wenn man es nicht hören würde, täten sie gar nicht fragen. Dieses Mal war es ein Kärntner und der fragte direkt: “Woher aus Deutschland kommst Du?” Die Fragestellung impliziert bereits, dass ich nur aus Deutschland kommen kann, sodass man die Frage gleich genauer stellen kann, was meine Herkunftsregion ist. Das fand ich so lieb formuliert, dass ich eine ernsthafte Antwort gab.

Sonst mach ich mir immer einen Spaß, die Menschen zu verwirren. “Aus Salzburg.” – “Nein, ich meinte, davor.” – “Aus Wien.” – “???” Was im Prinzip nicht einmal so falsch ist, denn inzwischen habe ich schon sieben Jahre in Wien verbracht und Summe fünfzehn Jahre in Österreich. Ich verfolge längst nicht mehr alles so intensiv in Deutschland wie in Österreich, was sich gesellschaftlich und politisch, aber auch technologisch so tut – wenngleich ich selten, aber doch einmal die Süddeutsche Zeitung lese. Richtig heimisch fühle ich mich aber nur in Österreich – ich fahre auch nur noch einmal im Jahr “nach Hause” , die Menschen, die mir am Herzen liegen, leben in Österreich.Vor kurzem wurde ich erneut ausgefragt, aber von einem netten älteren Reisenden, der sich viel für Geschichte und Kultur interessiert und gelegentlich Deutschland besucht. Auch da gab ich bereitwillig Antwort, weil ich spürte, dass er an einem Plausch interessiert war – im Zug ist das leider selten geworden. Früher gab es oft spontan tolle Unterhaltungen in den alten 6er Abteils und die Züge waren damals ja auch noch viel langsamer und man hätte länger Zeit zum Plaudern.

Zurück zum Thema. Ich stoße immer wieder auf verwirrte Blicke, wenn ich erzähle, dass ich Autist bin. Das passt oft nicht ins Bild des klassischen, frühkindlichen Autisten. Tatsächlich kann man einem Menschen Autismus nicht ansehen. In manchen Fällen scheint es naheliegend, speziell bei offensichtlich nicht vorhandenem Blickkontakt, fehlender Sprache oder starker motorischer und sensorischer Auffälligkeiten, samt dem charakteristischen Zappeln, Schaukeln oder Wippen. Doch betrifft das nur einen bestimmten Teil des autistischen Spektrums. Der ICD-11 wird erst im Jahr 2022 in Kraft treten, bis dahin werden Asperger, frühkindlicher Autismus und atypischer Autismus weiterhin getrennt betrachtet, obwohl sie ab 2022 zum Autismus-Spektrum vereinigt werden. Ich fürchte, es wird in Österreich noch viel länger dauern, bis sich der Begriff Autismus-Spektrum und seine Bedeutung innerhalb der Bevölkerung durchsetzt, ja selbst bei Medizinern, die sich nicht auf Autismus spezialisiert haben. Das ist aber wichtig, um sich von den Verallgemeinerungen und Vorurteilen verabschieden zu können, z.b. …

  • Du kannst aber sprechen?
  • Du hast aber studiert?
  • Ich kenne einen Autisten, der ist aber ganz anders als Du.
  • Du bist aber höchstens leicht betroffen.
  • Du schaust mich aber beim Reden an.
  • Du hast aber einen Vollzeitjob.
  • Du bist aber gesellig.

Durch das “Das merkt man Dir aber nicht an” (= Du wirkst auf mich ganz normal) fühle ich einen Rechtfertigungszwang, als ob gerade meine Autismus-Diagnose infrage gestellt wurde. Das Autismus-Spektrum ist so umfangreich an individuellen Ausprägungen, dass sprechende, studierende, vollzeitarbeitende Autisten keine Seltenheit sind. Es sind alle Berufe vertreten und darunter sind genauso viele Autisten, die Blickkontakt halten können (für die das aber mitunter anstrengend ist, mich eingeschlossen) und eher extrovertiert sind.

Geselligkeit, Freundschaften, Beziehungen sind kein Ausschlusskriterium, im ICD-10 heißt es lediglich …

Unvermögen (in einer dem geistigen Alter entsprechenden Weise oder trotz ausreichender Gelegenheiten), Beziehungen zu Gleichaltrigen zu entwickeln, die das Teilen von Interessen, Aktivitäten und Emotionen betreffen;

Das galt für mich in der Kindheit in geringerem Ausmaß, es entwickelten sich aber keine anhaltenden Freundschaften daraus. In der Schulzeit war ich überhaupt auf mich alleine gestellt, im Studium blieb wieder nichts von dauerhaftem Kontakt bestehen. Erst mit dem Internet ergaben sich mehr Möglichkeiten, aber seit fünfzehn Jahren pflege ich wesentlich mehr Kontakte zu älteren Menschen als zu Gleichaltrigen oder Jüngeren. Das fällt mir bis heute schwer. Obwohl ich inzwischen dank Internetforen und social media einen breiten Bekanntenkreis habe und sich auch über die Jahre tiefe Freundschaften entwickelt haben, ist das obige (alte) Diagnosekriterium für Asperger weiterhin erfüllt.

Und damit noch ein weiterer Punkt: Wir leben nicht in unserer eigenen Welt. Wie ich zuletzt zusammengefasst habe, erkennen allmählich auch die Forscher, dass Autisten sehr wohl Empathie besitzen. Und davon nicht zu knapp. Wir leben alle in einer Welt, nur kommt sie uns Autisten oft wie der falsche Planet vor (wrong planet syndrome). Ich bekomme jedenfalls sehr wohl mit, was um mich herum geschieht, wie andere Menschen empfinden. Nur kann ich es nicht immer in der old school neurotypischen Ausdrucksweise äußern. Manchmal dauert die Verarbeitung des Erlebten und Gefühlten länger, aber eine Reaktion folgt immer. Als einer von vielen in dieser grausamen Welt kriege ich das Not und Elend mit, spende an Bedürftige und unterstütze nahestehende Menschen, die mir viel bedeuten – das geht mit und ohne Autismus.

Wenn Du hingegen fragst, wie sich das äußert (das kann Autismus sein, aber auch eine rheumatische Erkrankung oder andere Krankheitsbilder – alles, was körperlich und bei einem einmaligen Zusammentreffen unsichtbar ist.), dann zeigst Du Interesse daran, wie ich mit Autismus lebe, welche Symptome sich speziell bei mir zeigen und muss nicht ganz von vorne anfangen. Und da macht es eben einen Unterschied, ob man sich in einem lauten Café trifft, auf der Straße oder in einem ruhigen Nebenraum. Der Kontext und die Tagesverfassung entscheiden, wie (rasch) sichtbar mein Autismus sein wird.  Dazu zählen unter anderem auch exekutive Dysfunktionen, also Schwierigkeiten mit planen, organisieren, selbständig Haushalt bewältigen, Einkaufen, Behördenbesuche, Telefonate, etc. – nichts, was man einem Menschen auf den ersten Blick sofort ansieht.

One thought on “Sag nicht …

  1. gertrudtrenkelbach 10. December 2019 / 6:44

    Leider mußte ich dieses Ungauben bei meiner versuchten Diagnostik erfahren. Und da gehe ich ja davon aus, dass derjenige sich mit dem Thema beschäftigt und auskennt.

    Die Menschen, denen ich begegne, haben sich im allgemeinen nicht mit Autismus beschäftigt. Wissen nichts darüber. Und die meisten interessieren sich nicht dafür. Auch meine Kollegen nicht. Und wir arbeiten mit Autisten.

    Danke für den Beitrag.

    Liked by 2 people

Konstruktive und sachliche Kommentare werden freigeschaltet.

Please log in using one of these methods to post your comment:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.