Autismus und Empathie

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Dieser Artikel von Sue Fletcher-Watson und Geoffrey Bird, erschienen am 01.November 2019, – mit freundlicher Genehmigung beider Autoren habe ich wesentliche Erkenntnisse ins Deutsche übersetzt. Es handelt sich um einen monatlichen Leitartikel im Autismus-Journal, der regelmäßig Mythen widerlegen soll. Nach Ansicht der Autoren haben irreführende Begrifflichkeiten, Studien und theoretische Grundlagen über das Thema Autismus und Empathie zu einem falschen Bild von Autisten beigetragen – insbesondere wirkt sich das Vorurteil, Autisten besäßen wenig Empathie, sehr negativ für sie aus.

Das Problem fängt schon damit an, dass es keine wissenschaftlich gültige Definition von Empathie gibt. In einem Lexikon wird sie definiert als ‘Fähigkeit, die Gefühle anderer zu verstehen und sie zu teilen”. Dazu existieren zahlreiche Synonyme wie Seelenverwandtschaft, Sympathie, Empfindsamkeit, Verständnis, Identifikation, Bewusstsein, freundschaftliche Gefühle, Gleichgesinnt sein, Nähe empfinden, usw. Empathievermögen gilt daher als menschliche Eigenschaft, die zugleich schwer greifbar und messbar ist.

Definition von Empathie

Um Empathie zu empfinden, muss erst bemerkt werden, dass eine andere Person etwas fühlt. Das erfordert Aufmerksamkeit gegenüber äußeren Anzeichen für den Gefühlszustand dieser Person. Vor allem junge und geistig beeinträchtigte Autisten tun sich damit tendenziell schwerer, da sie sich weniger anderen Menschen zuwenden – eventuell fallen darunter auch manche Erwachsene. Ein anderer Faktor kann “Monotropismus” sein, d.h. Autisten tun sich damit schwer, mehr als eine Information gleichzeitig aufzunehmen, z.b. soziale Signale, die andere Personen zeigen, während etwas anderes im Blickpunkt ist.

Im nächsten Schritt muss das Verhalten korrekt interpretiert werden. Geschieht das Weinen vor Freude oder Traurigkeit? Ist es ein freudiges Lachen oder trocken-sarkastisch aus Frustration? Auch damit tun sich Autisten schwerer, insbesondere dann, wenn sie ihre eigenen Gefühle nicht klar benennen können, bzw. wenn sie emotionale Signale von Nichtautisten interpretieren sollen.

Im dritten Schritt geht es um Mitgefühl, zu spiegeln, was eine andere Person fühlt. Das ist meist gemeint, wenn von Empathie die Rede ist. Das ist die einzigartige, wichtigste und zugleich am schwierigsten messbare Komponente von Empathie. Nach Auffassung der Autoren verhalten sich Autisten dabei nicht anders als Nichtautisten.

Mangelnde Empathie wird oft dann vorgeworfen, wenn Autisten anders reagieren als Nichtautisten. Wie man auf emotionale Signale reagiert, ist stark von den Normen und Erwartungen einer nichtautistischen Mehrheitsgesellschaft vorgegeben. Oberflächlich betrachtet erscheinen Autisten zwar unempathisch, aber sie folgen einfach nicht dem gleichen Reaktions-Skript wie Nichtautisten. Empathievermögen muss von sozialen und kognitiven Faktoren getrennt werden, sonst unterschätzt man Empathie von Autisten.

Empathie messen

Studienergebnisse über mangelnde Empathie bei Autisten beziehen sich meist auf den “Empathisierungsquotienten” (EQ), einen Selbsttest mit 60 Aussagen/Fragen. Der Test setzt die einzelnen Komponenten der Empathie zusammen:

Beispielsweise …

  • “Ich erkenne rasch, wenn sich jemand in einer Gruppe unwohl oder ängstlich fühlt.” (Schritt 1, die Gefühle anderer erkennen).
  • “Andere Menschen sagen mir, dass ich gut darin bin zu verstehen, wie sie fühlen und was sie denken.” (Schritt 2, Gefühle anderer korrekt interpretieren)
  • “Andere Menschen weinen zu sehen berührt mich nicht wirklich.” (Schritt 3, Empathie empfinden)
  • “Falls ich gefragt werde, ob ich ihren Haarschnitt mag, antworte ich wahrheitsgemäß, selbst wenn ich ihn nicht mag.” (Schritt 4, entsprechend sozialer Normen reagieren)

Selbsttests sind schnell und billig, daher ist die Dominanz des EQ in der Autismus-Literatur nicht überraschend. Doch hat sich der Mythos über Empathiedefizite bei Autismus so tief verwurzelt, dass eigene Einschätzungen von Autisten, sie hätten kein Empathiedefizit, entweder die Sichtweise der großen Mehrheit an Experten in Frage stellt, oder sogar die Ablehnung ihrer Diagnose bedeutet. Folglich könnten sie selbst dann von mangelnder Empathie berichten, wenn sie häufig Empathie empfinden.

Die Fragen bei solchen Tests sind häufig unpräzise: Es ist unklar, mit welcher Gruppe man sich selbst vergleichen sollte, und wie man wissen soll, ob man Dinge rasch bemerkt. Außerdem beziehen sich mehrere Fragen auf die Wahrnehmung autistischer Kompetenz durch neurotypische Personen, die dies gar nicht beurteilen können. Der Informationswert dieser Aussagen ist entsprechend begrenzt.

Experimentelle Messungen wie Gehirnaktivität bei Schmerzen spielen eine tragende Rolle, die wahre Natur von Empathie bei Autisten zu erfassen. Beispielsweise werden zuerst kurze Elektroschocks gegeben, um festzustellen, welche Gehirnbereiche reagieren, wenn eine Versuchsperson Schmerz empfindet. Dann werden diese Bereiche überwacht, während man dem Angehörigen der Versuchsperson Elektroschocks gibt. So lässt sich Empathie messen: Schmerzen im Gehirn der Versuchsperson, während dem Angehörigen Schmerz zugefügt wird. Bird et al. (2010) hat bei einem solchen Test nachgewiesen, dass Autisten typisches Empathievermögen zeigen. Die Verwendung solcher Tests und die Entwicklung weiterer, die eher für Menschen mit geistigen Behinderungen oder Sprachverzögerungen geeignet sind, und die nicht des Zufügens von Schmerz bedürfen, sind wesentlich für ein genaueres Verständnis von Empathie bei Autismus.

Über Empathie theoretisieren

In der Empathieforschung wird mangels allgemein gültiger Definition Empathie häufig mit kognitiven Prozessen wie Theory of Mind vermischt. Das hat zur Folge, dass Empathie als zentrales Element von Autismus missverstanden wird. Derzeit gibt es aber positive Entwicklungen, die eher zu einer Trennung der Empathie von der Theory of Mind führen:

Dazu zählt die Alexithymie (Gefühlsblindheit), die sich von Autismus unterscheidet und weder notwendig noch hinreichend für eine Autismus-Diagnose ist. Alexithymie kommt häufiger bei Autisten (und anderen neurodivergenten Menschen) vor als in der neurotypischen Bevölkerung. Neuere Erkenntnisse legen nahe, dass Autismus mit atypischer “Theory of Mind” verbunden ist, nicht aber mit Empathie, während Alexithymie mit atypischer Empathie, nicht aber mit “Theory of Mind” verbunden ist.

Früher hat man von kommunikativen und interaktiven Defiziten bei Autismus gesprochen, heute vom double empathy problem (Milton 2012), da sich die Probleme in beiden Richtungen zwischen Autisten und Nichtautisten abspielen. Nichtautisten tun sich schwer damit, emotionale Äußerungen von Autisten richtig einzuordnen. Relativ neue Forschungsergebnisse (Crompton et al., 2019) zeigen, dass Autisten einander besser einschätzen können.

Negative Folgen innerhalb der Community

Natürlich handelt es sich bei Empathie nicht um das einzige psychologische Konstrukt, das unter schwammigen Definitionen und unpräzisen Messungen leidet. Für Autisten können die Auswirkungen jedoch schwerwiegend sein, etwa, wenn in manchen Studien ein Zusammenhang von Autismus mit Terrorismus nahegelegt wird. Im schlimmsten Fall werden Autisten durch die Wortwahl entmenschlicht, indem sie als empathie- oder gar gefühllos bezeichnet werden und ihnen die Menschenrechte abgesprochen werden.

Forscher können die Forschung zum Positiven verändern, indem sie berücksichtigen, was Autisten selbst über ihre Erfahrungen mit Empathie berichten. Sie schreiben beispielsweise von einer “Übererregung des empathischen Systems” oder “intensive, unkontrollierbare Empathie”. In seinem Onlineartikel stellt Hari Srinivasan den folgenden Bericht über Autismus und Empathie vor:

Wennn man anders auf Sinnesreize reagiert als neurotypische Menschen, dann beinhaltet das auch die Emotionen von den Menschen, mit denen man spricht, selbst deren unausgesprochene Emotionen. Das kann zu einer emotionalen Achterbahnfahrt führen, wenn man mit sensorischen und emotionalen Reizen bombardiert wird. Neurotypische Menschen nehmen zwar an, dass Autisten nicht zur Empathie fähig sind, doch in Wahrheit äußern wir sie nur anders. Unser Gesichtsausdruck oder Körpersprache entspricht mitunter nicht dem, was die Gesellschaft gewohnt ist und erwartet.

Begriffserklärungen:

  • Alexithymie: Gefühlsblindheit, keine Gefühle wahrnehmen oder erkennen
  • Theory of Mind: Die Fähigkeit, eigene Geisteszustände zu benennen und der anderen zu erkennen (gute Erklärung in einfachem Englisch hier)
  • Monotropismus: Aufmerksamkeit des Menschen ist quantitativ begrenzt, neurotypische Menschen können sich auf mehrere Dinge oder Menschen gleichzeitig konzentrieren, Autisten neigen zum Tunnelblick, positiv ausgedrückt aber auch zur Aufmerksamkeit für Details oder Spezialinteressen (interessanter Blogbeitrag dazu)
  • double empathy problem: Gegenseitiges Unverständnis zwischen Autisten und neurotypischen Menschen, die jeweils nicht in der Lage sind, sich in die Lage und Gefühle des anderen zu versetzen
  • Empathizising Quotient (EQ): Link zum Fragebogen

2 thoughts on “Autismus und Empathie

  1. u3unit 17. November 2019 / 11:19

    Hi, denke Empathie ist ne art Sinn für sich.
    Tiere haben es und gehört meiner Meinung nach in den Bereich Synaesthesie. Babies wird das dann systematisch wegsozialisiert.
    Alle Kleinkinder haben es. Nur bei Neurodiversen bleibt es.
    Bei mir ist es ein Mix aus starker somatischer Empathie, ne Art Mirror Touch Synaesthesie, Emotional spatialer Synaesthesie und das ergibt dann metaphorische Synaesthesie. Kann auch die Farben von Leuten sehen. Auf meinem innere Screen, wenn ich hinschaue. Denke es ist das Chakra. Ich weiss einfach Dinge über Leute. Macht Probleme im Alltag. Bin lange davor weggelaufen. Jetzt ist es besser.

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