Autismus als andere Wahrnehmung

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Autismus als Spektrum

Ich beziehe mich für meinen Definitions- und Erklärungsversuch vor allem auf folgende Bücher:

  • Ian Ford – A Field Guide to Earthlings. An Autistic/Asperger View of Neurotypical Behavior, 2010
  • Gee Vero – Autismus – (m)eine andere Wahrnehmung. , 2014
  • Temple Grandin and Richard Panek – The Autistic Brain, 2013
  • Ludger Tebartz Van Elst, Autismus und ADHS. Zwischen Normvariante, Persönlichkeitsstörung und Neuropsychiatrischer Krankheit, Kohlhammer, 2016

Ausgangslage ist die andere Wahrnehmung – sensorisch, motorisch und emotional. Diese beeinflusst, wie wir denken, wie wir fühlen und wie wir mit anderen Menschen kommunizieren. Etwa wörtliches Verstehen, weil wir nicht auf Mimik, Gestik und Tonmelodie achten, kein Smalltalk, weil wir “schnell zur Sache kommen” und die kognitive Empathieleistung, die uns viel länger und intensiver über unseren Gesprächspartner nachdenken lässt als das umgekehrt neurotypische Menschen tun.

Ein Autist fühlt die Mimik, die Situation des Anderen vermutlich genauso wie ein Neurotypischer. Aber aus unklaren Gründen, aus irgendeiner Verirrung der Hirnentwicklung, sattelt darauf kein prozeduraler Automatismus. Die Masse der Sinneseindrücke, insbesondere der Tsunami an sozialen Signale fallen für ihn nicht in einfache, erlernte Muster. Sie überfordern ihn, weil sie bewusst verarbeitet sein wollen. Darum denkt ein Autist vermutlich erheblich mehr über das Innenleben seines Gegenübers nach als umgekehrt. Er hat vermutlich eine bei Weitem bessere Menschenkenntnis. Ist das dasselbe wie: mehr Empathie? Oder was meinen wir mit diesem Wort überhaupt?

(siehe “Die Mär vom empathielosen Autisten” von Konrad Lehmann)

Mit der anderen Wahrnehmung als Kernsymptom lassen sich alle für die Diagnostik relevanten Merkmale erklären:

  • Defizite in der sozial-emotionalen Gegenseitigkeit, im nonverbalen Kommunikationsverhalten, in der Aufnahme, Aufrechterhaltung und dem Verständnis von Beziehungen

Der zweite Bereich der Diagnostik umfasst bereits die Auswirkungen der anderen Wahrnehmung, dazu zählen …

  • Stereotypien und repetitiver Gebrauch von Objekten und Sprache, Bedürfnis nach Gleichförmigkeit, Routinen, Ritualen und Spezialinteressen

In einer chaotisch wirkenden Welt, in der intensive Reize ständig auf den Betroffenen einprasseln, ist der Wunsch nach Struktur und Unveränderlichem verständlich. Alle oben aufgezählten Merkmale sind neutral zu sehen, nicht defizitär, und streng genommen sogar positiv, weil sie eine funktionierende Bewältigungsstrategie für Autisten darstellen.

Im Gegensatz zum ICD-10 wird der ICD-11 folgende Passage enthalten:

  1. Hyper- oder Hyporeaktivität auf sensorische Reize oder ungewöhnliches Interesse an Umweltreizen (z. B. scheinbare Gleichgültigkeit gegenüber Schmerz oder Temperatur, ablehnende Reaktion auf spezifische Geräusche oder Oberflächen, exzessives Beriechen oder Berühren von Objekten)

Dieses Kriterium ist jedoch nicht zwingend, es zählt zu insgesamt vier Merkmalen, von denen mindestens zwei erfüllt sein müssen. Genau darin liegt das Problem. In einem zukünftigen ICD-12 wird die Hyper- und Hyporeaktivität auf sensorische Reize wahrscheinlich das Hauptkriterium für Autismus bilden – bis dahin vergehen jedoch viele Jahre, in denen angehende Psychologen und Psychiater lernen sowie Körpermediziner am Rande lernen, dass die sensorische Über- und Empfindlichkeit kein notwendiges Kriterium für Autismus ist. Das halte ich fatal für viele erwachsene Autisten, aber auch im Hinblick auf zweifelhafte Therapiemethoden für Kinder und Jugendliche.

Umgekehrt werden in den USA Patienten, die zwar das erste Kriterium erfüllen, aber nicht Stereotypien, usw., unter “Soziale Kommunikationsstörung” eingeordnet, obwohl es sich um Autismus ohne repetitives Verhalten und eng begrenzte Interessen handelt.

Bis zum Jahr 2011 gab es sehr wenig Studien über das Thema sensorische Wahrnehmung, in einem 1400-seitigen Buch über Autismus mit 81 Artikeln handelte ein Artikel davon – geschrieben von Temple Grandin! Wie kann man mit anderen Menschen in Kontakt treten, wenn die Umgebung zu laut? Tatsächlich reagieren Autisten nur auf bestimmte Arten von Geräuschen. Nicht jeder Autist, der unter Reizüberflutung leidet, reagiert auf Reize in der gleichen Art und Weise noch leidet er im gleichen Ausmaß. Für nonverbale Autisten gilt das Gleiche wie für verbale Autisten (im Übrigen ist der Spracherwerb im neuen ICD-11/DSM-V kein Unterscheidungskriterium mehr zwischen frühkindlich und Asperger, sondern es werden alle bisherigen Autismus-Typen zum Autismus-Spektrum zusammengefasst) – wenn zu viel Information auf den Betroffenen einprasselt, folgt eine Gegenreaktion, als Shutdown oder Meltdown.

Man spricht auch vom “Intense World Problem”:

Das Gehirn erhält zuviel Information -> Das handelnde Ich sieht verlangsamt aus, während das denkende Ich das Gegenteil empfindet.

Wenn lediglich milde Spezialinteressen, kaum Routinen und nicht wahrnehmbare Stereotypien diagnostiziert werden, spricht das nicht gegen Autismus und ist auch kein Indiz für eine leichte Ausprägung. Es ist sogar ein Warnzeichen, denn wenn im Alltag ständig Reize auf so jemand einprasseln, dann besteht die Gefahr, keine funktionierenden Kompensationsstrategien entgegenhalten zu können- weil sie nie erlernt wurden. Manchmal können Routinen auch nicht leicht aufrechterhalten werden, weil man eine unglückliche Berufswahl getroffen hat. In so einem Fall droht man rascher in den Overload und im schlimmsten Fall in den Burnout zu kommen. Autismus ist keine Krankheit oder Störung an sich, denn die andere Wahrnehmung ist neutral zu verstehen – insbesondere in der Interaktion mit anderen Autisten gibt es viele “Defizite” schlichtweg nicht. Zu den defizitären Begleiterscheinungen, die fast alle Autisten betrifft, zählt aber chronischer Stress. Das Stresslevel ist aufgrund des “intense world problem” dauerhaft höher als bei Nichtautisten – dazu kommen häufig noch andere Begleiterkrankungen, die bei Autismus gehäuft auftreten (Epilepsie, Depression, Ehler-Danlos-Syndrom, Angsterkrankungen, usw.) und die “normalen” Krankheiten, die Menschen im Laufe des Lebens entwickeln können. Wer sich mit einer Krebserkrankung für längere Zeit ins Spital begeben muss, hat dann aber nicht nur eine Krebserkrankung, sondern kämpft auch mit den Umgebungsbedingungen, wie Mehrbettzimmer, Lautstärke, ungewohnte Essenszeiten, anderes Essen, Berührungen/Körperkontakt bei Untersuchungen, häufiger Kommunikation mit Pflegekräften und Ärzten, usw. Das chronisch erhöhte Stresslevel addiert sich zur Erkrankung dann noch hinzu – man kann das eine nicht behandeln, ohne das andere zu berücksichtigen.

Aus diesem Grund ist es so wahnsinnig wichtig, die andere Wahrnehmung als das zentrale Merkmal von Autismus anzuerkennen. Das betrifft das gesamte Umfeld in allen Lebenslagen, aber besonders betrifft es den nahen Umkreis, Verwandte und Freunde, den Arbeitsplatz, die Sacharbeiter bei Behörden und Ärzte aller Fachrichtungen. Verständnis ist wichtig und sich als erstes fragen, wie man Bedingungen so verändern kann, dass das chronische Stresslevel auf ein erträgliches Maß sinkt, bevor man zusätzliche Reize einführt.

Priorität ist, die Auslöser für Stress zu beseitigen, indem man eine autismusfreundliche Umgebung schafft. Es sind viele Nichtautisten schnell mit Aussagen wie “das kenne ich auch!”, aber wenn sich Autisten Entgegenkommen oder Nachteilsausgleiche wünschen, herrscht oft Unverständnis über “Extrawürste” oder “Der soll sich halt zusammenreißen!” Aber wie viele Nichtautisten würden sich für autismusfreundliche Umgebungen einsetzen? Denn was Autisten zugute kommt, kommt auch vielen Nichtautisten zu gute. Sei es der ruhige Arbeitsplatz, die Möglichkeit, eine Information schriftlich zu bekommen, oder das Telefonierverbot in den Zügen. Beispiele gibt es dafür unendlich.

Erst wenn eine autismusfreundliche Umgebung nicht möglich ist, kann man über Achtsamkeitsübungen nachdenken. Achtsamkeit darf nicht bedeuten, Overloadgefühle herunterzuspielen, nicht ernstzunehmen. Der Leidensdruck muss hoch sein, bevor man über Medikamente nachdenkt. Diese wirken teilweise gegenteilig bei Autisten.

Wenn mich jemand fragt, was Autismus bedeutet, sage ich immer, eine andere Wahrnehmung zu haben. Ich spreche auch von meiner autistischen Persönlichkeit.

“Eine Autismus-Diagnose diagnostiziert keine Krankheit, sondern beschreibt ein “So-Sein”. So, wie Dirk Nowitzki groß ist.” (Tebartz van Elst, 2016)

Van Elst möchte den Leidensdruck aber nicht verharmlosen – für ihn beginnt die Störung dort, wo aus starren Eigenschaften einer Persönlichkeit bedeutsame Beeinträchtigungen im Sozialverhalten resultieren.

Mehr zu Definitionen von Autismus findet ihr auch unter

 

One thought on “Autismus als andere Wahrnehmung

  1. lizzzy07 17. October 2019 / 17:44

    Dass so mancher es nicht nachvollziehen kann, kenne ich sehr gut. Und nein, es ist nicht ausschließlich ein finanzielles Problem. Und nein, es ist keine reine Frage des genug Zeit Habens. Und nein, es geht nicht ausschließlich darum, nicht den Arsch hoch zu bekommen. Es geht auch um die Belastbarkeit der Sinne und die Überlegung, ob das Ziel die vielen Reize wert ist. Wenn ich erschöpft ankomme und mich nicht auf die Veranstaltung konzentrieren kann, sie mithin einfach vorbeirauscht, ist es den ganzen Weg nicht wert gewesen.

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