Unauffällige Autisten

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Eigentlich arbeite ich derzeit an einer umfassenden Definition von Autismus, aber vorher liegt mir noch ein Thema am Herzen, das betrifft vor allem jene “Asperger”-Autisten, die spätdiagnostiziert wurden, also viele Jahre oder gar Jahrzehnte unauffällig blieben: Uns wird oft nachgesagt, wir seien viel milder betroffen, unser Autismus sei viel leichter oder ganz anders als bei jenen klassischen Autisten. Liebe Nichtautisten, das ist Eure Außenansicht. Das Innenleben schaut oft anders aus. Als ich neulich bei meiner neuen Hausärztin war, erzählte sie von dem Patienten mit Asperger, der, wenn das Wartezimmer zu voll ist, schnurstracks wieder hinausgeht, weil er die Reizüberflutung nicht aushielt. “Ich kann das nachvollziehen,” bestätigte ich spontan, “Das hab ich auch schon gemacht.” fügte ich ehrlich hinzu, denn es ist erst ein Jahr her, als ich wegen einer Overloadsituation in einem Ambulanzwarteraum wieder das Weite gesucht hatte.

Unauffällig in der Außenansicht kann bedeuten, Blickkontakt zu halten, ein Gespräch zu führen, ein normales Gangbild, keine auffälligen Stereotypien (zappeln, mit den Händen flattern), telefonieren können, volle Räume auszuhalten, sich in Gruppen treffen, auf Konzerte gehen, usw. Allerdings sagen etwa Stereotypien wenig darüber aus, wie stark die autistischen Kernsymptome sonst ausgeprägt sind. Ein Mangel an selbststimulierendem Verhalten, Routinen und Spezialinteressen als Ausgleich kann dazu führen, dass vermeintlich schwächer betroffene Autisten vom Innenleben her stärker beeinträchtigt sind. Gerade Autisten mit hoher kognitiver Intelligenz sind stärker gefährdet, an Depressionen zu erkranken, weil sie ein stärkeres Ich-Bewusstsein entwickeln und sich und ihr Verhältnis zum Umfeld laufend neu bewerten.

Ein zentraler Aspekt sind außerdem exekutive Dysfunktionen, also Probleme mit flexiblem Denken und Handeln, dem Umgang mit Überraschungen, einen Zeitplan aufstellen, zwischen Aufgaben wechseln und alte Verhaltensmuster hinter sich zu lassen (einer der Autismus-Tests während der Diagnostik widmet sich dieser Problematik). Exekutivfunktionen sind ein Oberbegriff für Kontrollmechanismen, mit denen man neue Herausforderungen, Ideen entwickeln, Pläne schmieden, Informationen behalten und gedanklich verarbeiten kann. Gerade sonst sehr intelligente Autisten sind von exekutiven Dysfunktionen betroffen.

Nichts ist mild, wenn man Stress und Ängste betrachtet, mit denen Asperger-Autisten leben, ganz zu schweigen die Sorgen und Herzschmerzen der Eltern, die ihre ungeschützten Kinder bis zum Erwachsenwerden zu unterstützen versuchen.
Francesca Happé

Der Leidensdruck von spätdiagnostizierten Autisten spielt sich vielfach im Innenleben ab. Auffälligkeiten sind rein kontextbezogen. Ich versuchte der Ärztin zu erklären, dass die Situation mit ihr eine andere ist als wenn mich jemand mit einer unbekannten Nummer am Handy anruft, ich fremde Menschen treffe, ich eine 1:1 Situation mit einem Verkäufer durchstehen muss, um das gewünschte Produkt kaufen zu müssen, oder in einer großen Gruppe bin und mit individuell sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten kommunizieren muss. Zum Arzt gehe ich mit einem konkreten medizinischen Anliegen, Smalltalk ist eher die Ausnahme. Die Räume sind beim zweiten Mal vertraut und bei diesem speziellen Hausarzt ist die Atmosphäre generell sehr empathisch, die Sprechstundenhilfe sehr engagiert und aufmerksam mit Humor. Die Ärzte sind ebenfalls sehr empathisch und nehmen sich Zeit, da geh ich schon mit einem anderen Gefühl hin und trau mich Dinge anzusprechen, die ich mir beim alten Hausarzt verkniffen habe, weil ich das Gefühl hatte, ich störe ihn nur und er will sich damit gar nicht auseinandersetzen. Das positive Umfeld beeinflusst im Endeffekt auch mein Durchhaltevermögen in einem vollen Wartezimmer und erhöhter Unruhe.

Der Regelfall ist das leider nicht im Leben eines (erwachsenen) Autisten. Gesellschaftliche Normen und die Umwelt, in der wir leben, sind nicht für Autisten gemacht. Ich fühle chronischen Stress und bewege mich ständig am Rand von Overloadsituationen. Nachdem ich aber nicht rund um die Uhr dabei beobachtet werde, bekommt das nichtautistische Umfeld dies alles nicht mit. Sie erleben mich also häufig nur in einem Kontext, der für mich weniger stresst und interpretieren meinen Autismus demzufolge als viel schwächer ausgeprägt als bei jenen Autisten, die sich erst gar nicht in Stresssituationen begeben, weil sie schon vorher die Notbremse ziehen müssen.

Dass Außenansicht und Innenansicht gehörig divergieren können, erlebe ich mit Arbeitskollegen genauso mit einer Bekannten, mit der ich regelmäßig wandern war. Sie kannte mich vor der Diagnose ausschließlich vom Wandern und war auch erst skeptisch. Problem dabei: Beim Wandern bin ich maximal entspannt und meine Verhaltensmuster sind nicht repräsentativ für den Alltag. Hätte sie mich stattdessen erlebt, wie oft ich wegen Reizüberflutung nicht in ein Geschäft gehen kann oder nach fünf Minuten aus dem Einkaufscenter wieder hinausgerannt bin, weil ich die Menschenmassen und Lärmpegel nicht ausgehalten habe, hätte sie die Diagnose vielleicht nicht so überrascht. Zwar kann ich Blickkontakt gut halten, aber manche Menschen behaupten, ich würde mitunter starren. Weil es keine unbewusste Handlung bei mir ist, ich kann nicht steuern, was zu viel und was zu wenig ist. Genauso wie mir noch immer Begrüßungs- und Verabschiedungssituationen schwerfallen und ich dann eine schweißnasse Hand entgegenstrecke.

Untereinander haben die Autisten dieses Problem oft nicht. Man macht sich vorher aus, ob es ok ist, wenn man sich zur Begrüßung die Hand gibt oder umarmt, man sucht reizarme Lokale, den Tisch hinten im Eck oder Nebenraum und nicht mitten im Raum oder gegenüber von der Kaffeemaschine. Man versucht vielleicht eher Redewendungen oder Ironie vermeiden, wenn man vom Gegenüber weiß, dass er Schwierigkeiten hat, diese zu erkennen. Für Außenstehende würden dann beide Autisten unauffällig erscheinen, weil sie gegenseitig soviel Rücksicht nehmen, dass die Leidensdrucksymptomatik weniger im Vordergrund steht.

2 thoughts on “Unauffällige Autisten

  1. lizzzy07 14. October 2019 / 22:09

    Es kann sich niemand den Wert von schriftlichen Informationen oder schriftlichen Verhaltensregeln vorstellen. Vermeidet peinliche Fehltritte. Ob jemand gemerkt hatte, dass ich bei einem überfüllten Raum in einer hinteren Ecke schon vor dem Ende der Veranstaltung nicht mehr richtig zuhören konnte auch wegen der Lautstärke. Dass ich, nichts gegen die anderen, froh war, alles überstanden und wieder draußen zu sein. Ob jemand nachvollziehen kann, wie lange es dauert, neue Routinen aufzubauen, nachdem sie einmal komplett durcheinander gekommen sind. Oder: Dass es einen gehörigen Aufwand darstellt, nicht immer das gleiche zu essen. Dass mich hauptsächlich an meinen Wohnort bindet, dass ein Umzug in eine größere Stadt eine erhebliche Umstellung wäre (in der zwar auch eine Chance liegt, aber viel Unterstützungspotential erstmal wegbräche)

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  2. schattentier 16. October 2019 / 15:27

    Danke für diesen Beitrag. Er spricht mir dermaßen aus der Seele.

    Aus Wartezimmern bin ich auch schon mehrfach geflüchtet, weil ich es einfach nicht ausgehalten hab da drin. Volle Warteräume sind der Vorhof der Hölle.

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