Bubble, Diskussionsstil und ABA, Update

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Die vorherige Version dieses Beitrags wurde sicherlich per Screenshot sichergestellt. Deswegen erlaube ich mir, das alles jetzt umzuformulieren. Viele Leser meines Blogs wissen nämlich nicht, worum es überhaupt geht und können sich kein objektives Bild machen. Ich fürchte, das kann niemand mehr. Anhand der Reaktionen sehe ich, dass ich einen wunden Punkt getroffen habe.

Es tut mir leid, wenn ich die Gefühle von Autisten verletzt habe, die sich für andere (Autisten) einsetzen und davon überzeugt sind, das Richtige zu tun. Umgekehrt tut es mir weh, wenn mir unterstellt würde, ich säße bloß auf der Couch und kritisiere Aktivisten, würde selbst aber nichts für Autisten tun. Ich glaube nicht, dass sich irgendetwas verbessert, wenn wir uns persönlich angreifen.

Kernpunkt meiner Kritik war und ist das hier:

Ich möchte daher vermeiden, Zitate von Einzelpersonen hervorzuheben oder entsprechende Screenshots anzubringen. Ich spreche niemand die Diagnose ab, und ich informiere auch nicht Eure Arbeitgeber darüber, was ihr im Internet (angeblich) so treibt. Ich stelle keine Bilder Eurer Angehörigen ins Netz und mache mich darüber lustig. Ich veröffentliche keine Privatnachrichten oder Zeilen aus geschützten Forenbereichen, und ich stelle auch die Sinnhaftigkeit von Aktivismus nicht in Frage, insbesondere für jene Autist*Innen, über die man in der Öffentlichkeit kaum etwas erfährt. Ich bewerbe übrigens auch nicht “aktiv ABA-Anbieter und mache deren Webseiten besser”, wie mir jüngst unterstellt wurde.

Es ist dieser beschriebene Stil der laufenden Unterstellungen, immer das Schlimmste anzunehmen, statt auch einfach mal davon auszugehen, dass man selbst vielleicht nicht alles weiß, dass Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen wurden, dass gerade auf einem kurzlebigen und zeichenbeschränkten Medium wie Twitter etwas nicht so deutlich ausformuliert wurde, wie es nötig gewesen wäre. Deswegen sind selektiv ausgewählte Screenshots ohne den vollständigen Kontext und die Aussagen aller (!) Beteiligten für mich keine Beweise. Nachdem ich keine Datenbank bin, kann zwangsläufig auch meine Sichtweise hier nur meine Version der Geschehnisse ohne Anspruch auf Vollständigkeit wiedergeben.

Aber ich nehme jetzt davon Abstand aufzuzählen, wo in meinen Augen Fehler begangen wurden. Auch das Zitat aus dem TAZ-Artikel von Denise Linke möchte ich stehen lassen:

Es ist heute nahezu überall Konsens, dass „schwul“ keine gute Wortwahl ist, um etwas doof zu finden. Ich bin mir sicher, dass wir es schaffen, „autistisch“ ebenfalls in den Kodex der sprachlichen No-Gos zu erheben. Ich bin mir aber auch sicher, dass das Beschimpfen fremder Menschen im Internet nicht maßgeblich zum Erreichen dieses Ziels beiträgt. (…) vielleicht schaffen wir mehr, wenn wir mit weniger Aggression und mehr Verständnis vorgehen. Nichts liegt mir ferner als victim blaming. Aber wir gehen die Sache falsch an. So kann Aktivismus, davon bin ich überzeugt, nicht erfolgreich sein.

Ich weiß nicht, wie ich es formulieren soll, ohne, dass das missverstanden wird:

Ich kritisiere nicht, dass sich Autisten für andere Autisten einsetzen. Ich bin nicht gegen Aktivismus (oder neutral formuliert: Engagement). Ich bin auch nicht dagegen, dass sich eine Protest-Bewegung von Aktivisten gegen ABA formiert. Ich kenne die Videos aus den USA oder von Knospe, das Paper von Lovaas und die Heilsversprechungen vieler ABA-Anbieter. Ich bin nicht so naiv zu glauben, Autismus-Symptome würden durch derartige Therapieformen verschwinden, wenn damit in Wahrheit gemeint ist, dass sich der betroffene Autist eine Maske aufsetzt. Ich habe bewusst unter dem Menüpunkt Anlaufstellen die Prüfkriterien von Autismus Mittelfranken verlinkt, damit sich Betroffene und Angehörige selbst überlegen können, ob sie einer umstrittenen Therapieform zustimmen.

Ich hab ein naturwissenschaftliches Fach studiert. Man lernt, nicht zu glauben, sondern zu recherchieren. Michelle Dawson verwendet dabei den bottom-up-Ansatz, sie sieht die Daten und interpretiert sie. Andere legen von vorneherein fest, was sie sehen wollen und interpretieren die Daten dann selektiv so, dass sie in die Ausgangsthese passen (top-down-Ansatz). Das ist mein Kritikpunkt, egal, ob das ein angebliches Kunstprojekt betrifft oder jemand sei pro ABA. Es werden Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen, die genau das Bild bestätigen sollen, was man sich im Kopf geformt hat.

Mein Ansatz war auch schon im Studium, Personen direkt anzuschreiben. So unkommunikativ ich im *real life* bin (also einem Vortrag zuhören und mich für eine Frage melden, ist unmöglich), so sehr liebe ich es, meine Fragen dann per Mail zu stellen.

Im Jahr 2016 formulierte ich z.b. diese Fragen an eine Therapeutin, die ABA-Methoden bei erwachsenen Autisten anwendet, sich auf eine Grundsatzdiskussion aber nicht einlassen wollte.

Eine Frage an Sie ist zuerst, ob eine hochintensiv eingesetzte Methode für (Klein)kinder überhaupt altersgerecht ist. Kann das Kind bei 30-40 Std. Übung überhaupt noch seinen Interessen nachgehen, oder schlicht so sein, wie es ist? Erfahrungsberichte von Autisten selbst, die in der Kindheit mit ABA therapiert wurden, klingen traumatisch.

Wie sieht ABA bei Erwachsenen praktiziert aus? Ich habe gelesen, dass ABA in Zusammenhang mit Verkehrssicherheit, Suchtprävention, etc. genannt wird, kann mir aber nicht recht vorstellen, wie das in der Praxis aussieht. Ausnahmslos alle Videos/Erfahrungsberichte, die ich kenne, beziehen sich auf ABA bei Kindern und meist mit Kanner-Diagnose.

Sie schreiben auf Ihrer Website, dass die individuelle Autonomie des Klienten wichtig ist, ebenso eine vertrauensvolle und tragfähige Beziehung zwischen Therapeut und Klient. Gerade in einigen Videos, wo sich Kinder schreiend am Boden wälzen, weil sie für nicht gezeigtes Verhalten “bestraft” werden, oder, wo sie angefasst werden, kann ich diese Grundsätze nicht erkennen, bzw. sehe ich keine Vereinbarkeit mit der Therapieform. Wer kontrolliert, dass diese Grundsätze eingehaltet werden?

Stehen individuelle Autonomie und Abtrainieren autistischen Verhaltens (z.b. Stimming, Vermeidung von Blickkontakt) nicht im Widerspruch?

Gut, gehen wir mal davon aus, auch ein “modernes” ABA hätte die gleichen Defizite wie das Bestrafungs-ABA von Lovaas, d.h., es geht um das Löschen autistischen Verhaltens und Antrainieren neurotypischer Verhaltensweisen, was dann als Heilung verkauft wird.

Dazu gab es schon 2012 eine Gutachterliche Stellungnahme der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit “hinsichtlich der generellen Therapiesituation bei autistischen Kindern in Österreich unter Einbeziehung der Therapieform ABA mit Verbal Analysis (ABA/VB)”.

Dann gibt es wieder indiskutable Anbieter, etwa in der Schweiz: Die “Erfahrungsberichte” hier aus der Außenansicht klingen unwissenschaftlich, schauderhaft und höchst fragwürdig. Hier wird suggeriert, Autismus sei eine Epidemie, mit der richtigen Ernährung könne man Autismus heilen, Schwermetalle seien Auslöser, bestimmte Stoffe in Impfdosen seien ursächlich und Psychotherapie sei Quatsch bei Autismus. Die Eltern, die so etwas behaupten, verkennen den Sinn einer Psychotherapie. Es geht nicht um Heilung, sondern um mit seiner Andersartigkeit umgehen zu können im Kontext eines nichtautistischen Umfelds, bzw. um häufige Begleiterkrankungen wie Angststörungen und Depressionen.

Ich finde ABA nicht gut und werbe auch nicht offensiv dafür. Ich will nur für jedes Institut in Deutschland oder Österreich genau wissen, was dort gemacht wird, ehe ich Eltern oder Vereine dafür verurteile, worauf sie sich da einlassen. Was ist ist daran verwerflich nachzufragen, bevor man aus vollen Rohren schießt?

Schlussfolgerung (kein Schlussstrich, glaube, den wird es nicht geben)

Die Autismus-Gemeinde ist eine höchst heterogene Gruppe mit unterschiedlichen bis polarisierenden Ansichten. Autismus als gemeinschaftsförderndes Merkmal ist ungefähr so sinnvoll wie die gleiche Dioptrinstärke bei Brillenträgern. Die Persönlichkeitsausprägungen, die Weltanschauungen, die Lebenswege und das Umfeld sind einfach zu unterschiedlich, als dass ein Schlagwort wie “Wir Autisten müssen zusammenhalten!” realistische Chancen hätte.

Es wird immer kleine Gruppen geben und Einzelkämpfer. Alles hat seine Berechtigung. Ich kann mit Personen oder Organisationen auch dann die Zusammenarbeit oder das Gespräch suchen, wenn wir in einem einzelnen Punkt nicht dergleichen Meinung sind. Es ist sogar wichtig, den Kontakt aufrechtzuerhalten, um durch steten Austausch zu mehr gegenseitigem Verständnis zu kommen.

Unter folgender Bedingung: Wir bekennen uns dazu, dass wir beide im Unrecht sein können, dass wir Fehler machen, Missverständnisse entstehen können, Aussagen auch einmal falsch interpretiert werden können. Wir bekennen uns dazu, dass man Fehler offen zugeben und sich entschuldigen kann. Kommunikation ist keine Einbahnstraße, in der nur eine Seite im Recht ist und die andere im Unrecht. Wir bekennen uns außerdem dazu, dass wir nicht die Deutungshoheit besitzen, sondern das Leben ein ewiger Lernprozess mit immer neuen Erkenntnissen ist. Meinungen können sich auch ändern mit dem Zugewinn neuer Informationen. Solange wir uns darauf nicht einigen können, sehe ich keinen Sinn darin, mit den beteiligten Personen zu kommunizieren.

Was Amy betrifft: Da hab ich nachgefragt und mich mit ihr ausgetauscht. Ich kam zum Schluß, dass viele Unterstellungen einfach falsch waren. Am allerwenigsten trifft zu, dass es einen Zusammenhang mit ihrer Arbeit als Künstlerin gibt. Was immer noch völlig absurd ist oder seid ihr wirklich so naiv zu glauben, jemand würde seine Reputation als Künstler aufs Spiel setzen, indem er Menschen mit Behinderung absichtlich diskreditiert?

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