Ö1-Punkteins: Leben mit Asperger-Syndrom

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Einschränkung, Sonderbegabung und der Kampf um soziale Akzeptanz
Gäste: Dr. Wolfgang Gombas, Psychiater. “Maria”: Betroffene
Moderation: Philipp Blom (noch abrufbar bis 13.09.2019)

Maria tritt anonym auf, weil nur engste Familienmitglieder und nahe Freunde Bescheid wissen, wohnt in kleinem Ort. Sie kann nicht abschätzen, was passiert. Es mangelt an Aufklärung in Österreich, es wird stigmatisiert.

Gombas kann das verstehen, wegen der Stigmatisierung durch die offiziellen Diagnosen. Asperger ist ein Syndrom, eine Ansammlung von Symptomen. Diagnosen verändern sich. Asperger ist im ICD-10, wird also als Erkrankung bezeichnet, dürfte dann aber nicht Syndrom heißen.

Maria wurde spät diagnostiziert, Anfang 30, zufällig durch einen Freund darauf angesprochen, ob sie nicht im Autismus-Spektrum sei. Sie hat es anfangs nicht ernstgenommen, hat aber nach einigen Monaten begonnen, viel darüber zu lesen und konnte sich damit identifizieren. Sie erkannte sich wieder in den Problemen der Reizüberflutung. Sie wusste nie, warum sie alles so anstrengend empfand. Sie begriff erst, dass es für andere leichter sei.

Das Gesamtbild besteht aus Details. Sie sieht viele Bäume, nicht den Wald. Ihr Gehirn kann Unwichtiges nicht ausblenden, sie nimmt ständig alles wahr. Sie kann sich in einem Lokal schlecht konzentrieren auf den Gesprächspartner, weil sie die Nachbargespräche auch hört, die Musik, die Kaffeemaschine.

Gombas bringt das Beispiel Mona Lisa. Man denkt an das Lächeln, aber das macht nur 1/16 des ganzen Bildes aus. Asperger könnten evtl. viele Details nennen, nicht nur das Lächeln. Geschichte begann mit Asperger und Kanner in den 40er Jahren. Kanner hat die Kinder- und Jugendpsychiatrie in den USA begründet. Kanner- und Asperger gehören ins gemeinsame Spektrum. Rund 10% der Asperger-Autisten haben eine Überbegabung, der größere Teil hat größere Auffälligkeiten. Die Asperger fallen am allerwenigsten auf oder als besonders.

Maria ist Lehrerin, derzeit im Krankenstand, hatte ein Studium gewählt, was für sie überhaupt nicht passend war. Sie arbeitete überwiegend Teilzeit, ging in der Schule nicht mehr, immense Schlafstörungen, Reizüberflutung im Unterricht. In der Pause im Lehrerzimmer 30-35 Kollegen, ständig im Team, nicht mehr alleine. Zukunft unklar, Berufsunfähigkeitspension angesucht. Teilzeit reicht nicht, um sich alleine zu erhalten. Antrag wurde abgelehnt, Diagnose angezweifelt trotz Belege.

Gombas bestätigt Schwierigkeiten mit Behörden. Diese verstehen die Schwierigkeiten von Asperger-Autisten nicht, weil sie nach außen unaffällig wirken, bewegen sich normal, tun scheinbar Dinge, die andere auch tun. Psyche ist nicht sichtbar, aber es ist ein dramatischer Unterschied. Theorie von Baron-Cohen der übertriebenen Männlichkeit wurde widerlegt, Gombas gefällt das nicht besonders. Es gibt keine eindeutigen Studienaussagen. Gene verursachen keine psychischen Störungen, sondern erzeugen Strukturen im Gehirn, die die Wahrnehmungsverarbeitung beeinflussen. Die Sache mit Männer und Frauen sei auch eine Sache der Erziehung, dadurch passen sich Frauen leichter sozial an und Männer setzen sich eher durch.

Maria widerspricht der in den Raum gestellten Behauptung, Asperger-Autisten seien empathielos. Sie kann Emotionen nicht identifizieren, aber wenn man ihr sagt, dass es jemand schlecht geht, hat sie sehr viel Mitgefühl und kann tief empfinden, aber sie erkennt Mimik oder Gestik nicht. Weil ihr das nicht auffällt, wirkt sie arrogant oder desinteressiert, aber sie braucht die Information auf verbaler Ebene.

Gombas vergleicht es mit einer Rotgrün-Schwäche, der rote Blüten schon sehen kann, aber es ist eine Anstrengung. Für Asperger sei das Gefühle erkennen eine richtige Anstrengung.

Anrufer: Thunberg sieht es schwarzweiß, es geht um das Überleben der Menschheit. Da kommt jemand mit etwas, was man bisher als Behinderung sah, aber es bringt die Fähigkeit, unbeirrt zu bleiben und dranzubleiben. Das sollte den Blick der Gesellschaft auf Behinderung verändern.

Maria ist sehr nach innenorientiert. Gesellschaftliche Anerkennung oder dazu gehören wollen, Statusdenken ist ihr völlig fremd.

Gombas wollte seine Webseite anders gestalten, nicht nur seine Therapiebereiche nennen. Autisten recherchieren vor allem übers Internet, und melden sich verstärkt bei ihm. Frage nach der Diagnostik: Es braucht ein psychiatrisches Gespräch, passen die Symptome zum Verdacht. Er schickt weiter zur psychologischen Testung, bei Kindern Verhaltensbeobachtung. Die Autistenhilfe hat lange Wartezeiten, derzeit ein Jahr. Gute Selbsttests im Internet als erste Anlaufstelle.

Anrufer: Gratuliert zur Sendung, dass auch eine Betroffene eingeladen wurde. Auf keinen Fall auf das Sozial- und Gesundheitswesen verlassen, das bietet vor allem Psychopharmaka an. Verhaltenstherapie möglich. Geschwister haben auch Bedürfnisse, müssen Freiräume bekommen. Beziehungen gehen oft in die Brüche, Paartherapie wichtig. Autisten können ihren gesellschaftlichen Beitrag leisten, es gehört mit Vorurteilen aufgeräumt. Therapiehunde haben positiven Effekt, Organisation Partnerhunde vermittelt.

Maria wuchs als Kind ohne Wissen um die Diagnose auf. Mutter ging intuitiv auf ihre Bedürfnisse ein, hatte eine sehr verständnisvolle Mutter. Kindheit war anders, weil sie sehr mit sich selbst beschäftigt war, hatte kein Interesse mit anderen Kindern zu spielen. Sie hat Briefmarken gesammelt, viel gelesen, mit Matchbox-Autos gespielt und der Größe nach aufgestellt, aber kein gemeinsames Herumtollen.

E-Mail eines Lehrer: Eltern sagten aus Scham und Angst, sie würden den Buben aus der Klasse nehmen, nichts über die Diagnose eines Schülers, erst nach einem Jahr sagten sie es auf Nachbohren. Durch das Verschweigen waren sie daran gehindert, richtig auf den Buben einzugehen. Die Mitschüler sind instinktiv besser mit der Problematik umgegangen als die Erwachsenen.

Maria schämt sich weniger, wofür sie ist, sondern es ist die Befürchtung, mit Nachteilen konfrontiert zu werden. Sinnvoller wäre, die Diagnose offenzulegen, aber man kann nicht immer damit rechnen, dass alle so damit umgehen, wie man es sich wünschen würde.

Gombas bringt Beispiel eines Patienten, der bei einer Institution alleine im Archiv gearbeitet hat, dann wurde von Karteisystem auf Computer umgestellt. Er war überfordert, Diagnose wurde gestellt. Autistenhilfe hat Gespräch mit dem Chef anberaumt, der Chef kümmerte sich mehr als vorher, ging ständig hin, schaute ständig über die Schulter, das war für den Patienten ganz schrecklich, schlimmer als vorher.

Anruferin (ehemalige Präsidentin der Autistenhilfe): Es kommt in der Gesellschaft nicht gut an, wenn man sagt, man sei autistisch. Siehe Greta Thunberg, deren Vorbildfunktion hinterfragt wird. Lange Wartezeiten in der Autistenhilfe aufgrund finanzieller Probleme. ABA trotz EU-Projekt sei noch nicht finanziert, obwohl weltweit nachgewiesen sei, dass die besten fundierten und meist untersuchten Therapien sind, die angeboten werden (ABA, TEACH, PECS). Familienberatungsstelle fehlt auch Finanzierung. Assistenzbetrieb seit vielen Jahren, 100 Kinder in der AHS, die begleitet werden, vor 15 Jahren gab es das noch nicht. Frühe Therapien können verhindern, dass man später wie Maria den falschen Beruf ergreift.

Frage per Mail (Lehrerin): Maria bittet um Verständnis, wenn zu Smalltalkthemen nichts gesagt wird. Viele Asperger-Menschen mögen es nicht, mit bussi links und bussi rechts begrüßt zu werden. Nähe nicht aushaltbar. Im beruflichen Umfeld darauf Rücksicht nehmen, kein Radio laufen zu lassen, das mindert Konzentration.

Gombas behandelt Autisten nicht, es gibt keine medikamentöse Therapie, er behandelt komorbide Probleme: Ängste, Depressionen.

Mein Fazit:

Beste Radiosendung (abgesehen von der Radio Ö1-Matrix – Sendung über Autismus vom 1.11.2015, bei der ich selbst mit dabei war), die Ö1 bisher zum Thema Autismus gebracht hat. Dankeschön. Die Finanzierung von ABA durch die Autistenhilfe ist unter Autisten umstritten und zu hinterfragen, aber das ist ein anderes Thema und soll hier nicht im Vordergrund stehen.

 

 

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