Zurück zum Anfang

15
Das Gefühl, oben zu stehen, ist für mich selten geworden

Derzeit kommt jedes Mal, wenn ich mich halbwegs berappelt habe, der nächste Rückschlag. Letzte Woche neue Einlagen, zwei volle Tage Wandern mit den Wanderfreunden ohne Schmerzen. Ein neues Lebensgefühl, Hoffnung. Am dritten Tag fing es dann langsam wieder an, sich irritiert anzufühlen, aber noch ohne stärkere Schmerzen. Am vierten Tag haben wir nur noch eine kleine Tour gemacht, da blieb es unverändert. Es folgte ein schöner Tag zu zweit und ein ganzer Tag Pause, wo ich meine vielen Bilder am Computer sortierte. Das irritierte Gefühl blieb leider, schwer zu beschreiben. Der Fuß kribbelt und bizzelt wie unter Strom. Unangenehm, aber nicht schmerzhaft.

Gestern wollte ich mich trotzdem bewegen und die neuen Trekkingschuhe eingehen. Kurz vor dem Weggehen bat die Ordinationshilfe meines Orthopäden per Mail um Rückruf, es ginge um die MRT-Bilder auf CD, die ich vor zwei Wochen, vor dem Urlaub des Arztes, vorbeigebracht hatte. Sie sei erst am Abend telefonisch erreichbar. Ich schrieb wörtlich zurück “Bitte spannen Sie mich nicht auf die Folter. Hoffentlich kein beunruhigender Zusatzbefund?!” Und genauso war es dann auch. Ich war extrem beunruhigt und konnte nur warten, entschied mich aber die Wanderung dennoch durchzuziehen. Spontan plante ich die Aussichtswarte auf der Rudolfshöhe bei Purkersdorf.  Vor Ort musste ich mich dann ärgern, weil sie schon seit November 2018 gesperrt war. Die trockene Luft und der wolkenlose Himmel hätten Alpensicht garantiert, das letzte Mal stand ich dort im Juli 2016 bei schwülen-dunstigem Himmel. Ich wanderte weiter bis zum Lainzer Tiergarten auf den Kaltbründlberg, wo die Hubertuswarte steht. Dort verhinderte der hohe Baumbestand die erwartete Fernsicht. Es sollte einfach nicht sein. Letzendlich war ich viereinhalb Stunden nonstop unterwegs, habe dabei 15km zurückgelegt und 600 Höhenmeter. Oben auf der Hubertuswarte saß eine junge (hübsche) Frau und las ein Buch, ausgerechnet auf der erhöhten (winzigen) Plattform, von der man noch etwas bessere Sicht gehabt hätte. Es war mir unangenehm sie zu stören und zu bitten, kurz abzusteigen, damit ich etwas sehen kann, also stieg ich wortlos und rastlos wieder ab.

17.00 ging vorbei, ich saß natürlich im Bus, weil ich war später noch verabredet. Ich versuchte vor dem Einstieg in die U-Bahn, die Praxis zu erreichen, kam aber nur in die Warteschleife. Als ich dann in der vollen U-Bahn stand, kam natürlich der Anruf. Ich hob nicht ab, ich hätte aufgrund der Umgebungsgeräusche nichts verstanden und wollte außerdem vor fünfzig Fremden nicht über meine Krankengeschichte plaudern. Ich stieg eine Station später wieder aus und geriet erneut nur in die Warteschleife. Schließlich kam ich durch und meine Befürchtungen bewahrheiteten sich: Die Diagnose Sesambeinentzündung wegen anlagebedingter Zweiteilung war falsch, es war eine (richtige) Fraktur, klassischer Ermüdungsbruch nach zu vielem Gehen mit zu wenigen Pausen. Seit April laufe ich also – wortwörtlich – mit einer Fehldiagnose herum. Richtig wäre gewesen, sofort zu gipsen bzw. über einen Vorderfußschuh zu entlasten. Stattdessen bekam ich falsche Einlagen und hatte monatelang weiter Schmerzen ohne deutliche Besserung. Der Orthopäde ließ ausrichten, dass er dringend zur Stoßwellentherapie rate und wenn das keine Besserung brächte, bliebe nur eine OP. Ich fragte zurück, was ich jetzt tun soll, bekam die gleiche Antwort nochmal, dabei ging es mir eigentlich darum, wie ich mich jetzt im Alltag verhalten sollte. In 12 Tagen beginnt mein zweiter (Wander-) Urlaub, bis Mitte Oktober muss man den Urlaub bis April 2020 eintragen. Anfang Oktober hätte ich auch nochmal eine Woche Urlaub, ich dachte an 4-5 Tage im Mariazellerland – dort sind die Berge niedrig, die Strecken kurz, ich könnte 1-2 Tage pausieren und lesen und es wäre trotzdem ok.

Aktuell ist alles wieder infrage gestellt. Seit April ist das Schmerzempfinden geringfügig besser geworden, mit einer Tiefphase im Juli und Anfang August, als ich zuvor zu schnell wieder anfing und mit dem Radfahren und den falschen Einlagen Probleme hatte. Die Ursache-Wirkung-Frage ist auch neu zu stellen. Was war zuerst da? Die Verspannung, das Ödem oder der Bruch? Das hat natürlich Auswirkung auf die weitere Vorgehensweise. OP hieße 3 Monate Pause, Krankenstand, dann Reha und im günstigen Fall Schmerzfreiheit, konservative Therapie heißt wohl eher 6-9 Monate Verzicht, aber weiterhin nebenher 100% Schichtdienst. Was ich mit diesem Rückschlag wohl nicht auf Dauer verkrafte mit einer zu lauten Wohnung.

Schlimmer geht immer, hat mir die beste Freundin gesagt. Ein Bruch ist tatsächlich schlimmer, weil eine OP damit fast unausweichlich ist – was Komplikationen bedeuten kann und quasi Ende meines bergaffinen Spezialinteresses. Ich hab es gewissermaßen nicht mehr selbst in der Hand.  Mit der konservativen Therapie nur durch konsequentes Schonen, zur Couch Potato werden, dabei hat die Knochendichtemessung neulich gezeigt, dass die Osteopenie unverändert ist, knapp unter der Schwelle zur Osteoporose. Ich MUSS mich bewegen. Bewegung ist meine Lebensversicherung. Radfahren und Schwimmen, schön wärs. Ich brauche Begleitung für den Radneukauf, für das Rudergerät zuhause und wenigstens ein, zwei Mal Begleitung ins Schwimmbad, bis ich die Wege kenne, wo die Kabinen sind, mich an Lärm und Abläufe gewöhnt habe. Das letzte Mal war ich zur Schulzeit im Schwimmbad, ich hab ein Trauma aus der Zeit. Dass ich die Alternativen ohne Begleitung einfach nicht umsetzen kann, ist neurotypischen Menschen leider schwer begreiflich zu machen, insbesondere auch, dass ein Schwimmbadbesuch niemals so erholsam wird wie ein paar Stunden in den Bergen in der Natur mit frischer Luft, mit meinen Wanderfreunden und ohne nervige Menschen, mit kulinarischem Hüttengenuss, Blick in den Himmel, seltenen Tierbegegnungen und die angenehme Erschöpfungsmüdigkeit danach.

Weiter mag ich gar nicht schreiben, ich sehe ja selbst, dass ich wieder in meine Negativgrübeleien hineinfalle und keine konstruktiven Gedanken zulassen kann. Es fällt mir jetzt in diesem Moment einfach wahnsinnig schwer, damit klarzukommen. Irgendwann ist das Maß einfach voll mit den Rückschlägen. Dann gehts aus eigener Kraft nicht mehr.

Nachtrag, 07.09. – Der Orthopäde meinte, ich soll weitermachen wie bisher, OP Ultima ratio. Vielleicht ist alles nicht so hoffnungslos, wie es im ersten Moment klingt, weil ich mit dem Bruch noch etliche tausend Höhenmeter gegangen bin. Verschlechtert hat sich seit April nichts. Von anderen Fällen (googeln ist nicht empfehlenswert) weiß ich, dass manche gar nicht auftreten können, monatelang mit Krücken gehen müssen. Das war bei mir nie der Fall. Ich werde das Thema Rudergerät jetzt nochmal in Angriff nehmen, aber sonst weiterhin leichte Wanderungen machen. Im Winter geht wegen den kurzen Tageslängen und häufigem Schlechtwetter ohnehin weniger und mit Schneeschuhen hab ich das Problem nicht.

 

Advertisements

One thought on “Zurück zum Anfang

  1. ditanerbas 8. September 2019 / 21:27

    Fahrrad-Verleih ist vielleicht weniger verpflichtend als Neukauf. Könnte die Hemm-Schwelle niedriger sein.

    Schwimmbad vielleicht lieber ein etwas teureres Bewegungsbad (Physio) recherchieren, die normalen sind oft unangenehm voll oder man hat es mit Schienen-Schwimmern zu tun, die ihre Bahn mit Körpereinsatz verteidigen. Manchmal ist ein Freibad im Herbst ganz angenehm, leider machen die oft schon zu früh im Jahr zu, sobald die Sonne weg ist, sozusagen. Schade für Einsamkeits-Lieber.

    Like

Leave a Reply

Please log in using one of these methods to post your comment:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.