Wie wichtig sind Routinen?

Mich heilt nur die Natur

Das ist die veränderte Version des geschützten vorherigen Beitrags. Auch beim Schreiben entstehen bisweilen neue Ideen und Perspektiven.

Die übliche Reaktion auf die Kundmachung depressiver Verstimmungen ist die Empfehlung, “unter die Leute zu gehen!” bzw. “rauszugehen.” Dabei erleben viele Autisten meist eine Gratwanderung zwischen dem Wunsch nach mehr Sozialkontakten und der gleichzeitigen Erschöpfung nach sozialen Aktivitäten. Diese sind selten den autistischen Bedürfnissen angepasst. Die Anfahrt kann bereits energieraubend sein, das Lokal hellhörig und laut, Stimmengewirr, klapperndes Geschirr, Verkehrslärm, Zigarettenrauch. Auch größere Gruppen sind anstrengend, wenn man mehrere Gespräche gleichzeitig hört. Für viele Autisten ist das eigene Zimmer oder die eigene Wohnung ein heiliges Refugium, ein wichtiger Rückzugsort, nach den eigenen Bedürfnissen eingerichtet. Abgeschirmt (bestenfalls) von Umgebungslärm, das Gegenteil von Menschenmassen in der Stadt und überfüllten Öffis.

Depressionen und Angsterkrankungen sind häufiger Begleiter von Autismus. Das ist leider irgendwie logisch, denn oft erfährt man von Kindheit an Ablehnung, Unverständnis, hohe Erwartungshaltungen und Mobbing. Aus Traumata entsteht die Angst, aus der Zurückweisung und Degradierung die Depression. All das, mit dem man derzeit Greta Thunberg in geballter Dosis überzieht, erfahren viele Autisten von Beginn an in kleinen und großen Dosen. Spätestens mit dem Übertritt von der (durchgetakteten) Schulzeit in Ausbildung und Beruf wird klar, dass die Mehrheitsgesellschaft exklusiv ist und in seltenen Fällen in der Lage ist, sich auf Autisten einzulassen. Viele spätdiagnostizierte Autisten haben eine lange Vorgeschichte bei der Inanspruchnahme psychologischer Hilfen. Das erklärt sich aus der Unkenntnis vieler Ärzte quer durch alle Fachrichtungen, den wahren Grund für von der Mehrheitsgesellschaft abweichendes Verhalten richtig zu diagnostizieren. Es ist nicht ungewöhnlich, wenn die Erstdiagnose Depression die Zweitdiagnose Autismus maskiert. Das Fatale ist oft, dass die Empfehlungen bei Depression für Neurotypische gedacht sind, und für Autisten gar nicht oder schwierig umzusetzen sind, was die Erwartungsfrustration nur verstärkt.

Meiner Erfahrung nach spielen bei der autistischen Depression noch andere Faktoren eine Rolle, insbesondere die Routinen, um den Alltag zu bewältigen. Autistische Bewältigungsstrategien, selbststimulierendes Verhalten (Stimming), Entspannung, Ausgleichsaktivitäten. Das ist bei jedem sehr individuell ausgeprägt – no na. Ich stimme z.b. gar nicht, dafür ging ich immer viel wandern. Mir ist erst dieses Jahr klar geworden, wie wichtig das für mich ist. Quasi überlebenswichtig. Lange Zeit dachte ich, dass ich gar keine Routinen hätte, doch das stimmt nicht: Wandern, Tourenberichte schreiben, Fotografieren, Bilder bearbeiten – das sind essentielle Entspannungsroutinen mit vielfältigem Zweck.  Infolge meiner Sportverletzung habe ich viele Vorschläge bekommen, was ich stattdessen machen kann, doch rauben sie oft mehr Energie als sie wirklich zurückgeben. Das Wandern umfasste einen Großteil meiner Sozialkontakte, sämtliche Urlaubspläne, denn Wandertouren sind das einzige, was ich sicher planen kann, die Möglichkeit, aus einer lauten Wohnung in die einsame Natur zu flüchten, spontan auf eine Hütte zu wandern, die Hüttenkulinarik, neue Kontakte bei einem gemeinsamen Hobby zu finden, die Botanik, die Fernsicht, die Tierwelt und meine Fotografierleidenschaft, die Möglichkeit, Entscheidungen durchzudenken und Situationen zu reflektieren, die Erschöpfungsmüdigkeit, die viel angenehmer ist als die Schlafdefizitmüdigkeit, aber auch das stundenlange Berichte schreiben am Abend, Bilder bearbeiten, neue Touren planen.

Alternativen heißt derzeit: Ich sollte ein neues Rad kaufen, um meinen Aktionsradius zu erweitern. Ich sollte ein Rudergerät kaufen, wenn ich das Fitnesscenter vermeiden will (für das ich wieder extra Ausrüstung wie Hallenturnschuhe brauche). Beide (teure) Geräte erfordern intensiven 1:1 Kontakt mit dem Verkäufer. Dabei breche ich oft in Schweiß aus, kann mich nicht mehr konzentrieren, der Fluchtinstinkt kommt. Wenn ich es doch durchhalte, kaufe ich nicht zwingend das, was ich wollte. Genauso wenig kann ich aber an meinen freien Tagen oder nach einer 12-Stunden-Schicht noch in Konzerte oder Jazzlokale gehen, dafür fehlen mir die Löffel.

Es gibt im wesentlichen zwei Hauptgründe, weswegen ich meinen Job schaffe – es ist mein Spezialinteresse seit der Kindheit und ich bin gut darin, und es ist (war) der Bewegungsausgleich. Das Flow-Gefühl und die Kompensation. Ich glaube, beides ist für Autisten im Vollzeitjob wichtig. Autisten auf ihrem Spezialgebiet sind Experten – der vermeintlich unsichtbare Autismus ist ausschlaggebend dafür, unsichtbar zu sein. Denn Spezialinteresse, Routine und klare Strukturen können die Defizite kompensieren, die sonst dominieren würden. Ich kann also bis zu einem gewissen Grad überspielen, dass es gerade zu laut im Büro ist oder dass ich weniger leistungsfähig wegen Müdigkeit bin. Ich schaffe das, weil es mir Spaß macht, dadurch kann ich häufiger meine roten Linien dehnen. Ein dritter Faktor wäre ein Lebenspartner, der einen schwierige Aufgaben wie Haushalt, Telefonate, Behördengänge, Einkäufe abnehmen oder zumindest dabei begleiten könnte.

Seit dem Eintritt ins Berufsleben bin ich immer viel in den Bergen unterwegs gewesen. Ich hab mir den Frust von der Seele gewandert. Wenn schwierige Entscheidungen anstanden, bin ich in die Berge und hab es unterwegs durchdenken und überlegen können. Mit dem Wechsel nach Salzburg hat sich das intensiviert, ich war an freien Tagen viel unterwegs, zu viel, aber es war die logische Folge mangelnder Freizeitpartner. Für den Wechsel nach Wien war klar: Die Verantwortung steigt – ich brauche eine ruhige Wohnung und ich brauche das Wandern als Ausgleich. Innerhalb einer Woche – Übersiedlung und Arztbesuch – war beides weggefallen, was mir quasi den Boden unter den Füßen entrissen hatte. Die folgenden Wochen waren unerträglich. Im Job hielt ich die Fassade aufrecht, aber im Alltag schwamm ich jeden Tag. Es gab keine Alternative, das war ein unerträglicher Gedanke. Mir fällt keine Steigerung von unerträglich ein, sonst würde ich es benennen. Ich musste in der lauten Wohnung bleiben und durfte zugleich nicht wandern. Ich konnte einfach nicht weg. Der Rückzugsort Wohnung war ebenso weg wie der Rückzugsort Natur. Am Anfang hat die Arbeit abgelenkt, und ich hatte Hoffnung, dass ich schneller genesen würde und buchte naiv im Herbst Urlaube.

Assistenz bekommt man erst ab Pflegestufe drei, zumindest aber braucht man einen Schwerbehindertenausweis. Diesen hab ich nicht, die Psychologin meinte damals, ich könne gut kompensieren und der Ausweis stünde mir vermutlich mehr im Weg als er mir wirklich nützt. Da hätte sie Recht behalten.

Letzendlich neigen viele Autisten inklusive mir gerne zum catatrophizing und rumination, also Gedankengrübeleien und Dramatisieren. Da ist es wichtig, wenn man in diesem Teufelskreislauf ab und zu mal unterbrochen wird, neue, konstruktive Gedanken eingepflanzt werden, die Zeit haben zum Wachsen. Bis April lebte ich von der Zuversicht, dass Wien das alte Leben zurück bringt. Die alten Bekannte und Freunde, alte neue Gegenden zum Wandern, die Fortsetzung meiner Urlaubsplanungen mit dem Alpenverein, der erste Auslandsurlaub. Seit April haben sich alle Pläne zerschlagen, keine kurze Sportpause, kein halbes Jahr Sportpause. Mir steht eine langwierige Genesung bevor, die viel viel Geduld benötigt. Definitiv nicht meine Stärke. Neben dem Vollzeitjob. Bisher hatte ich keine Pause, um mich anzupassen, um alternative Ideen zu entwickeln, die realistisch waren. Bisher hab ich mir die Ziele immer zu hoch gesteckt, in der Hoffnung, es geschieht doch noch ein Wunder und alles ist nicht so schlimm befürchtet.

Dank Ärztewechsel und neuer Erkenntnisse bin ich der Ursache allmählich auf der Spur. So wie ich Wetterereignisse recherchiere werde ich auch mein Tourenbuch noch einmal durchgehen müssen, um herauszufinden, wann genau der Schmerz anfing, welche Schuhe ich trug, usw. Um die zweite Chance, wenn sie sich bietet, nicht wieder zu verhauen. Das ist nicht das Ende, wahrscheinlich nur ein Übergang. Das, was ich jetzt an alternativen Strategien aufbauen kann, wird mir mein Leben lang nützen. Ein Kraftmensch hat mir das gesagt. So wie der Kraftmensch mir neuen Lebensmut gegeben hat. Was ich jetzt an Strategien umsetzen kann … zurück in die Berge, da führt kein Weg dran vorbei. Ich hab mir Therabänder gekauft zum Trainieren daheim, ich muss mehr dehnen als früher, ich brauch andere Schuhe, aber ich muss schauen, dass ich an freien Tagen wieder zurück in den Bergen bin. Das ist mir vor zwei Wochen klar geworden: Heilung finde ich nur dort, wo die Verletzung ihren Ursprung hatte. Das heißt letzendlich nichts Schlechtes – durch langsameres Gehtempo zwangsläufig mehr Zeit zum Genießen, zum Entspannen, zwischendrin Dehnen, und zum Fotografieren. Und damit kann ich einen Teil meiner Entspannungsroutinen wieder aufnehmen.

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2 thoughts on “Wie wichtig sind Routinen?

  1. lizzzy07 15. August 2019 / 20:37

    zu viel Trubel in der Großstadt. Auch wenn auf dem Dorf die Busverbindung eher mäßig ist. (Ok, gibt noch schlechter angebundene Dörfer).

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  2. lizzzy07 15. August 2019 / 21:35

    Drück dir die Daumen, dass es allmählich wieder aufwärts geht. Und ich weiß, warum ich bei meinem bevorstehenden Trip eine ländliche Gegend bevorzuge: 1. selber Dorfkind 2.

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