Der etwas andere Arzt

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Nicht immer verläuft der Lebensweg geradlinig

Inzwischen habe ich den Orthopäden gewechselt, auf Empfehlung bin ich zu einem Privatarzt, der selbst aktiv Sport treibt. Der erste Kontakt verlief holprig. Es gab zwei E-Mail-Adressen, eine bestehend aus Vor- und Nachname, die andere von der Gemeinschaftspraxis, in der er ordiniert. Terminanfrage telefonisch UND per Mail möglich, stand auf der Webseite, ausschließlich telefonisch aber nur bei der Gemeinschaftspraxis, die für mich öffentlich besser erreichbar ist. Ich schrieb trotzdem an die private Adresse, weil ich sicher gehen wollte, dass er meine Ausführungen liest. Geantwortet hat trotzdem eine Ordinationshilfe mit der Bitte um telefonische Terminvereinbarung. Ich schrieb kurz, aber deutlich zurück, dass ich Autist sei und nicht telefonieren könne und bat um eine schriftliche Terminvereinbarung. Das hat dann doch unkompliziert funktioniert.

Heute war ich also da. Und der Orthopäde hat mich mit den Worten empfangen, was er für mich tun kann, er habe meine E-Mail gelesen und mit Begeisterung gesehen, dass ich ja “wild unterwegs sei”, “zu wild” meinte ich. Er hat dann ausführlich gefragt, wann es erstmals aufgetreten ist, hat sich das MRT angesehen und mir nochmal die Funktion des Sesambeins erklärt, das beim Beugen des Gelenks eine wichtige Rolle spielt. Bei mir sei das Sesambein anlagebedingt zweigeteilt, wie ein Bruch, entweder war es tatsächlich durch eine Stressfraktur gebrochen oder schon immer so zweigeteilt. Jedenfalls rieben beide Knochen ständig aneinander und das verursacht immer wieder Entzündungen. Er schlug eine Stosswellentherapie vor, wenn das nichts bringt, blieben noch Eigenbluttherapie (Infiltration) und erst als letzte Maßnahme eine OP, bei der eines der geteilten Sesambeinknochen entfernt werde. Dabei bleibe aber eine Narbe an der Fußsohle zurück, was immer unangenehm sei.

Ich zeigte ihm auch meine Einlagen und dass ich damit nicht glücklich sei. Das konnte er gut verstehen, er ist eher zurückhaltend, was Einlagen betrifft, manchmal seien sie sinnvoll, aber das Zwischenpolster, was das Längsgewölbe stützt und bei mir ständig Druckstellen verursachte, hielt er für überflüssig, ebenso die Wölbung nach außen. Sinnvoll sei nur die Weichbettung des Sesambeins, was erst mein zweiter Schuhmacher nachträglich noch einbaute. Er ließ mich nochmal einen Abdruck machen (im Stehen) und lässt neue Einlagen anfertigen, die deutlich weicher und eher für Sportler gedacht sind. Und schrieb auf den Karton mit den Abdrücken in großen Buchstaben, dass ich explizit per Mail über das Abholen informiert werden solle, und gab dabei zu, dass er selbst Telefonate hasst. Er macht es am liebsten per Mail und konnte mich daher gut verstehen.

Abschließend hat er gesagt, dass er nicht bemerkt hätte, dass ich Autist bin, woher ich so gut maskieren/kompensieren könne. Irgendwas an der Wortwahl bei der Frage hat mich fasziniert und irritiert. So als ob ein Psychologe oder selbst Autist zu mir spräche. Denn maskieren sagt sonst kein Nichtautist. Ich meinte, ich müsse ja, für den Job, aber da sei es einfacher mit Telefonaten, da kommt nur etwas, was ich erwarten kann. Er konnte auch das verstehen, da seien es gezielte Rückfragen. Genauso ist es. Er bekräftige noch einmal, dass wir alle Termine per Mail ausmachen könnten. Auch die Sekretärin sagte später, dass sie wegen der Stoßwellentherapie per Mail nachfragt bzgl. Termine. Besser geht es gar nicht.

Noch nie hab ich mich so gut verstanden gefühlt wie von diesem Arzt. Der auch ein erkennbares Interesse hatte, sich auf meine Andersartigkeit einzulassen. Vielleicht, weil er selbst auch ein wenig anders ist. Zur Abwechslung einmal ein positives Erlebnis mit einem (Fach-) Arzt. Ich sehe auch deutlich die Unterschiede, wenn ich mich nicht oute, so wie beim zweiten Orthopäden (mit dem Kassenorthopäden hatte ich ja nur zwei Minuten Zeit) oder bei der Physiotherapeutin, wo sich manchmal awkwarde Situationen ergeben – alleinig aus dem Umstand, dass ich auf klare Anweisungen “warte”, die aber nicht kommen und ich dann nicht weiß, wie ich mich verhalten soll (z.b. Kleidung ausziehen zu Beginn der Behandlungseinheit, sie interpretiert es als Scham, ich bin aber nur irritiert, weil ich nicht weiß, was ich tun soll). Eventuell oute ich mich hier aber noch nachträglich, weil im direkten Gespräch nie der richtige Zeitpunkt kommt.

Heute hatte ich außerdem die Idee, als ich im Wartezimmer saß, dass Arztpraxen im Fall von autistischen Patienten doch mehr auf Fragebögen setzen sollten. Möglichst viele klare Fragen zur Anamnese. Je umfangreicher, desto besser. Die meisten Autisten tun sich schriftlich leichter als mündlich. In der 1:1 Situation fehlt oft die Zeit oder der Mut, alles anzusprechen, man fühlt sich ohnehin schon gestresst und vergisst vielleicht auf wichtige Symptome. Ich hatte mir heute einen Spickzettel geschrieben, er hat mir alle Fragen geduldig beantwortet. Das hat super funktioniert, weil ich das Gefühl hatte, er will mich nicht loswerden. Wenn ich spüre, dass der Arzt nicht zuhören will, funktioniert das mit dem Zettel auch nicht.

 

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2 thoughts on “Der etwas andere Arzt

  1. reynard1603 6. August 2019 / 17:01

    Ein gutes Beispiel, wie es positiv laufen kann. Genau so sehen es auch Happé und Fletcher-Watson in ihrem Autismus-Buch: Es geht immer darum, dass das Umfeld autistische Bedürfnisse verstehen und akzeptieren muss, um auf dieser Basis angemessen unterstützen zu können. Ich wünsche Dir jetzt eine grundlegende Besserung und viele schöne Touren.

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