Verunsicherung

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Die Natur vermisse ich am meisten.

Es ist alles nur noch urmühsam. Ärzte, die einen nicht richtig anschauen, weil sie sagen, man sei zu jung für ein Leiden, dabei ist man genetisch vorbelastet, was er weiß, und muss Medikamente nehmen, die genau jene Beschwerden hervorrufen, die “Ältere” haben. Ärzte, die die Verantwortung abschieben. Nein, die Ärztin, die mir die Hormonspritze gibt, sei nicht zuständig dafür, wenn ich gravierende Nebenwirkungen habe, ich solle zum praktischen Arzt. Der praktische Arzt schaut mich nicht an. Bei mir entwickelt sich langsam eine richtige Ärztephobie. Und ich bin vorher schon sehr wenig hingegangen. Der zweite (Wahlarzt-)Orthopäde hielt sich zurück mit Empfehlungen, die Empfehlung mehr Rad zu fahren, erwies sich als kontraproduktiv mit den falschen Schuhen. Warum hat er nicht gesagt, worauf ich achten muss? Warum haben die Schuhmacher, wenn sie schon die Abdrücke kontrollieren, nichts gesagt, dass die Einlagen kontraproduktiv waren? Der Orthopäde sprach noch von einer Aussparung, die dann nicht vorhanden war. Wie als Laie soll ich das feststellen? Ich hab vorher noch nie eine Einlage gesehen und gehe normalerweise davon aus, dass ein orthopädischer Schuhmacher sein Handwerk versteht.

Es ist für mich wirklich sehr wichtig, dass ich Ärzte SCHRIFTLICH erreichen kann. Die gschissene EU-DSGVO verhindert genau das. Terminanfragen gehen gerade noch so, aber wichtige Zusatzinfos mitgeben ist verboten. Dabei sollte es möglich sein, genauso wie beim Befund per E-Mail, vorab seine Zustimmung zu geben, dass dies möglich ist! Es ist für mich so schwierig, neurotypischen Menschen begreiflich zu machen, dass ich spreche, arbeite, in die Augen schauen kann und mich selbst versorge (weitgehend), aber im Arztgespräch nur etwa 10% der Information behalte. Ich vergesse oft, wichtiges anzusprechen, Rückfragen und vergesse noch mehr, was mir gesagt wird. Weil die Gesprächs- oder Behandlungssituation an sich bereits enorm anstrengend ist. Speziell mit überfülltem Wartezimmer oder so wie heute morgen, als mir erst der Bus vor der Nase davon fährt (zu früh abgefahren) und dann die U-Bahn die Station nicht einhielt, von der mein Bus abfahren sollte. In der ÖBB-Scotty-App wurde seitens der Wiener Linien nicht vermerkt, dass die Station saniert wird. Das Taxi, um den Physiotherapie-Termin noch einhalten zu können, hat 13 Euro gekostet. Ohne Frühstück, ich war fix und fertig, bis ich dort war. Die Anamnese gestaltete sich dann chaotisch …

“Umgekehrt kann eine Überfülle an spontanen Assoziationen und Gedankengängen auch die eigene Ausdrucksfähigkeit beeinträchtigen. Immer wieder wird mir beschrieben, dass einfach zu viele Gedanken auf einmal entspringen und andrängen, als dass man sie noch sprachlich vermitteln könnte. ” (Brit Wilczek, 2019)

Mir fielen meine ganzen Leiden mehr oder weniger gleichzeitig ein und konnte meine Gedankengänge nicht in eine logische Reihenfolge bringen. Das war etwas überfordernd für beide Seiten. Ich hätte es natürlich auf einen Zettel notieren können, aber dieses Mal hab ich mich (noch) nicht geoutet vorher, werde ich aber noch tun.

Und auch das ruf ich nochmal vom vorherigen Blogpost in Erinnerung:

“Arztbesuche enden in Verzweiflung, da seine ernsthaft, aber wenig ausdrucksstark vorgetragenen Symptomschilderungen kaum Resonanz hervorrufen und in der Folge schlicht nicht ernst genommen werden. “(Brit Wilczek, 2019)

Letzendlich war die Reihenfolge auch verkehrt. Erst gestern hab ich den Tipp mit einer sportmedizinischen Untersuchung bekommen, das hätte ich ganz am Anfang machen sollen statt viel ungenützte Zeit mit falschem Schuhwerk versch…streichen zu lassen.

Der Scherbenhaufen liegt jetzt vor mir: Nach dem aktuellen Stand wird es noch viele MONATE dauern, bis ich wieder die vorherige Leistungsfähigkeit erreicht habe. Im Herbst sind drei Wanderurlaube geplant, zwei mit Standquartier, der letzte eine gebuchte Gruppenreise als mehrtägige Tour. Konditionell würde ich wohl irgendwie mithalten können, aber mehrtägige Touren sind momentan völlig utopisch. Ich war zu naiv und voreilig mit dem Buchen im Mai, aber stand unter Druck, weil die Urlaubspläne bis November genehmigt werden mussten. Mein letzter Urlaub, der den Namen verdient, war Anfang Oktober 2018. Ich bin ratlos, was vernünftig ist, weil ich Bewegung und einsame Natur brauche, um mich zu entspannen. Alles andere liefert nicht die Energie, die ich brauche, um dauerhaft mit meinem “autistischen So-Sein” (Tebartz van Elst, 2016) zurechtzukommen. Am meisten vermisse ich die Natur, ich hab ja immer viel fotografiert, Tiere gesehen, interessante Botanik, Walderdbeeren, Fernblicke, Wolkenblicke, alte Kirchen, Katzen, Felsformationen, usw.

Auch die Physiotherapeutin kann mir die Entscheidung, was ich machen darf, nicht abnehmen. Wenn es weh tut, ist es zuviel. Nur ist alles unter 10km Gehstrecke von der Anreise her ein Mehraufwand als es mir dann tatsächlich gut tut. Wieder bräuchte ich ein Auto, dann könnte ich höher starten, hätte mehr Spielraum für kleine Runden, ohne dieselbe Strecke zurückgehen zu müssen. Ich möchte trotzdem versuchen, wenigstens bis 15km Gehstrecke Wanderungen zu machen. Das ist der Punkt, wo es wieder schwierig ist, der Therapeutin zu vermitteln, dass ich es geistig nicht so leicht schaffe, Alternativen anzunehmen. Ich muss mich dazu outen. Sie kann deswegen nicht zaubern, aber vielleicht schafft sie es, die Alternativen so zu formulieren, dass ich sie annehmen kann.

Kurzurlaube gehen auch nicht, Zweitagestouren, mal Abstand von der Großstadt, die Belastung ist riesig, weswegen ich jetzt ernsthaft darüber nachdenke, eine Kur zu beantragen. Das wird dauern, bis das umgesetzt werden kann, aber eine Auszeit und intensive Behandlung wäre wichtig.

Letzter Punkt: Zwei Jahre habe ich mich darauf gefreut, eine Bezugsperson wiederzusehen, aber nachdem ich jetzt weder wandern noch bouldern kann, ist der Kontakt quasi nicht mehr vorhanden. Auch andere Kontakte sind eingeschlafen, können zwar leichter aktiviert werden, aber wenn ich nicht zwei, drei wichtige Freunde in Wien hätte, mit denen persönlicher Kontakt spontan und ohne Agenda (“bouldern”) möglich ist, wäre ich derzeit genauso einsam wie in Salzburg. Früher war ich an freien Tagen immer unterwegs, jetzt sitze ich meist zuhause, mir fällt die Decke auf den Kopf und ich rege mich über die lauten Nachbarskinder auf. Und ich werde ständig getriggert durch meine ganzen Wandkarten und Bergbilder in der Wohnung. Das Einzige, was mir momentan Struktur, Beschäftigung und Ablenkung zugleich gibt, ist die Arbeit.

2 thoughts on “Verunsicherung

  1. Florian Wagner (@wagflo) 17. July 2019 / 10:31

    Ich möchte eigentlich keine Tipps geben, da ich den Eindruck haben, dass alles schon probiert wurde. Zudem ist mir das Krankheitsbild nicht 100% klar.

    Trotzdem möchte ich kurz meine Geschichte erzählen und was mir geholfen hat: Ich hatte starke Schmerzen in den Füßen. Ausstrahlende Schmerzen bis in den Rücken und noch weiter. Und vor allem auch Knieschmerzen. Nachdem orthopädische Maßschuhe und Wahl-Orthopäden nicht geholfen haben bin ich auf Empfehlung zum Podologen Peter Schleifer gegangen.
    Ich bin höchst-skeptisch was Behandlungen betrifft, die von der Schulmedizin auch nur ein bisschen abweichen. Bin trotzdem hin, da dahintder ein logisches Behandlungskonzept steckt und kein Wodoo-Fernheilungs-Informations-Blödsinn. Ich bin jetzt 4 Jahre schmerzfrei.

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  2. blutigerlaie 17. July 2019 / 14:58

    Ich kann es in etwa nachfühlen
    Ich würde mir auch schwer tun, eine neue adäquate Beschäftigung zu finden, wieder was ausprobieren, neue Menschen. Gar nicht leicht

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