Wie erkennen Autisten Autisten?

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Autisten haben häufig eine enge Bindung zu Tieren. Wenig verwunderlich: Tiere zeigen ehrliche Emotionen, sie betrügen nicht, sind bedingungslos treu, spüren oft, wenn man gerade Trost und Zuneigung braucht.

Wir Autisten sind natürlich keine Psychologen (wenngleich es eine Menge autistischer Psychologinnen gibt …) und können uns nie sicher sein. Wir können nicht ausschließen, dass für das gezeigte autistische Verhalten andere Erklärungen vorhanden sind. Und trotzdem empfinde ich es manchmal wie eine Art siebten Sinn, den ich besitze, um andere Autisten aufzuspüren. Wobei ich hier zwischen echten Autisten und dem broader autism phenotype (BAP) unterscheiden möchte, letzteres sind in der deutschen Entsprechung die autistischen Züge. Das bedeutet, jemand verhält sich in mehreren Punkten autistisch, qualifiziert aber nicht in allen Diagnosekriterien für eine Diagnose.
Meinem Eindruck nach zeigen viele hochsensible Menschen autistische Züge. Sie sind hochempathisch, spüren die emotionalen Schwingungen anderer Menschen im gleichen Raum, bekommen davon manchmal einen inneren Overload und ziehen sich zurück bzw. verstummen. Glücklicherweise mehren sich in der neueren Autismus-Fachliteratur die Hinweise, dass Autisten sehr wohl empathisch sind, die spontane (kognitive) Empathie ist eher beeinträchtigt, die mitfühlende (affektive) Empathie nicht.

Wie ich gerade im Buch von Brit Wilczek (Wer ist hier eigentlich autistisch?) lese, erleichtert es Autisten das Mitfühlen, wenn sie Emotionen, Gefühle, Stimmungen nicht erraten bzw. nonverbal interpretieren müssen, sondern wenn das Gegenüber einfach klar sagt, was Sache ist. Dann kann auch ich als Autist Mitgefühl zeigen. Meist passiert das Gegenteil – das Gegenüber zieht sich zurück, meldet sich nicht, und ich trete in das ein oder andere empathische Fettnäpfchen, weil ich mit meinen Sorgen oder Ärgernissen herantrete und nicht bemerke, dass es dem Gegenüber gerade zuviel ist.

Autisten sind oft direkter, was ihre Gefühlslage betrifft. Erfrischend ehrlich. Für viele Nichtautisten zu frei von der Seele weg, vor den Kopf stoßend. Sie antworten auf Smalltalkfloskeln “wie geht’s dir?” entweder ehrlich oder fangen an, von sich zu erzählen, was sie gemacht haben, um nicht ehrlich antworten zu müssen. Unehrlich antworten fällt ihnen schwer, korrigiere, fällt mir schwer. Autisten fragen auch seltener zurück, wenn jemand etwas von sich erzählt, sondern antworten damit, ebenfalls von sich zu erzählen. Manchmal, habe ich den Eindruck, geschieht das, um nach Analogien zu suchen, um sich besser in das Gegenüber hineinversetzen zu können. Ich kann z.b. wenig zu Beziehungsärger beitragen, suche dann aber in meinem Gehirn nach ähnlichen Erlebnissen, etwa im Beruf, um wenigstens zu versuchen die Enttäuschung und Wut meines Gegenübers zu verstehen. Die Sprache ist bisweilen auch auffällig, das Vermeiden von Metaphern oder Ironie, extremes schwarzweiß-Denken, monotoner Tonfall, nicht immer die passende Gesichtsmimik zum transportierten Inhalt.

Autisten werden im direkten Gespräch unruhig, wenn es rund herum laut ist. Sie schweifen öfter ab, können sich schlechter konzentrieren, was gesagt wird, hören ihren Namen erst beim dritten Mal und wirken insgesamt einfach gestresster als wenn man sich in der Natur trifft und außer Vogelzwitschern ist nichts zu hören. Viele Autisten mögen es nicht, wenn man sie anruft. Wobei das Merkmal mit zunehmender Smartphone-Nutzung in der Gesellschaft ebenso verschwindet wie Sonnenbrille an bewölkten Tagen tragend oder mit dicken (noise-cancelling) Kopfhörern herumrennend. Manches Alleinstehungsmerkmal wird zum allgemeinen Trend. Manche Autisten zeigen in Stresssituationen verstärkt selbststimulierendes Verhalten (Stimming), z.b. mit den Händen flattern, Nägel kauen, zupfen an den Pulliärmeln herum (ich z.b.), kratzen sich verstärkt in den Haaren oder Augenbrauen. Das alleine kann aber auch Zwangsverhalten sein, nicht zwingend mit Autismus zu tun haben.

Manchmal sind es aber auch ganz andere Anzeichen, die im ersten Zusammentreffen noch nicht so deutlich sind. Etwa sehr ausgeprägte Spezialinteressen, die in der Intensität normale Hobbys übertreffen (vgl. mein vorheriges Posting) und über die ausschweifend geredet wird. Oder das rigide Festhalten an Regeln und erkennbare Unruhe, wenn man sich über diese hinwegsetzt oder die Reihenfolge von Aufgaben ändert. Manche schreiben auch gerne extrem detailliert und investigativ umfassend, sind wandelnde Lexika, haben ein exzellentes fotografisches Gedächtnis, können Kalenderrechnen und zeigen dafür offensichtliche Schwächen in handwerklichem Geschick, wo auch Grob/Feinmotorik hinzukommen können. Für sich genommen sind alle diese Verhaltensmuster noch kein Beleg für Autismus, aber in der Summe kommt dann soviel zusammen, wo ich mir schließlich denke, das ist in sich schlüssig, das ist kein Zufall. BAP ist dann sicherlich vorhanden, ob ich einen “echten” Autisten vor mir habe, ist mir ehrlich gesagt egal. Die Schnittmenge ist vorhanden, das zählt.

Viele Erkennungsmerkmale sind zugegeben subtil, ergeben sich auch erst aus den Erzählungen des Anderen mit hohem Wiedererkennungswert der eigenen (autistischen) Lebensgeschichte. So funktioniert im wesentlichen auch (mein) das Kennenlernen. Da ich dilettantisch bis unfähig im Smalltalk bin, kann ich den ersten Kontakt beinahe ausschließlich nur über gemeinsame Interessen schließen.

Umgekehrt sind Nichtautisten leichter zu erkennen. Überflüssiger Smalltalk, vermeintliche oder tatsächliche Resistenz gegen jeglichen Umgebungslärm, egal ob es das gut gefüllte Lokal am Abend ist oder der Schanigarten direkt neben der vielbefahrenen Straße. Neigung häufig und gerne zu telefonieren, selbst wenn andere zuhören können, für deren Ohren es eher nicht bestimmt ist (in der Straßenbahn, im Bus, im Büro). Die vergleichsweise normale Interessen haben, öfters ausgehen, verpartnert, verkindert sind, einen geraden Lebensweg aufweisen mit scheinbar unendlichen Energieressourcen, wohingehend man unter Autisten öfter Einzelgänger findet, aber auch alleinerziehende Mütter, deren neurotypische Partner mit dem Anderssein nicht zurechtkamen oder glaubten, es gewaltsam in die Neurotypie biegen zu müssen.

Letzendlich ist es immer eine Erleichterung, wenn man unter Gleichgesinnten ist. Kennt jeder, geht Autisten genauso. Der Energieverbrauch kann in Situationen gedrosselt werden, wo neurotypische Menschen nicht einmal Energieverbrauch wahrnehmen würden. Autistisch sein alleine genügt dafür aber nicht. Denn der Autismus alleine sagt nichts über ideologische Standpunkte, Spezialinteressen oder Lebensweisen aus. Mit Autisten, die sich z.b. stundenlang über Computerspiele oder Technik unterhalten, kann ich genauso wenig anfangen wie mit Neurotypischen, die das tun. Und wer rechtsextrem wählt oder verteidigt, ist ein Wappler, egal, wie autistisch er sein mag.

2 thoughts on “Wie erkennen Autisten Autisten?

  1. SWB 11. July 2019 / 13:20

    Guter Artikel, Danke dir dafür. Ich lese das Buch von Brit Wilczek “Wer ist hier eigentlich autistisch?” auch gerade.

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