Rausgefischt

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Tatort Mahü

Vor wenigen Tagen habe ich meine erste Strafe mit dem Rad kassiert, und meine erste Strafe überhaupt. Die Situation war nicht alltäglich und für mich mit erhöhtem Stress verbunden. Was war geschehen? Ich hatte in einer stark frequentierten Fußgängerzone eine rote Ampel überfahren und wurde unmittelbar von einem Radpolizisten angehalten. Er ließ mich erstmal absteigen und fragte mich dann, ob ich wusste, warum ich angehalten wurde. “Weil rot war.” antwortete ich sofort, es gab nichts zu beschönigen. Er verlangte erst mal meinen Personalausweis.

Er fragte dann, ob ich am Vorabend was getrunken hätte. Es war übrigens halb zwölf mittags. “Nein!” beteuerte ich. Trotzdem musste ich ins Röhrchen blasen. Das erste Mal ein Alkotest für mich. Das machte mich zunehmend nervös. Ich musste das Röhrchen nämlich selbst aus der Plastikverpackung zutzeln, was mit schwitzigen, zittrigen Fingern gar nicht so leicht war. Speziell, wenn Unmengen an Passanten vorbeigehen. Ich fühlte mich beobachtet und werde in so einer Situation dann noch unbeholfener. “So lange blasen, bis ich Stop sage!” befahl der Polizist. Ich bließ hinein und es war ein komisches Gefühl und ich hörte vorzeitig auf. “Bis ich Stop! sage, sagte ich!” wiederholte er, und ich musste den Test wiederholen. Natürlich 0,0 Promille. Ich hatte am Vorabend nur einen Radler getrunken, nomen est omen. “Rote Ampel macht 70 Euro Strafe!” schockte er mir anschließend. Ich muss entsprechend betroffen ausgesehen haben. “Aber sagen wir, die Ampel sprang erst auf rot, das macht dann 30 Euro!” schwächte er die Strafe ab, die ich sofort in bar bezahlte. Ich hätte auch die 70 Euro gezahlt, nur um schnell aus der Stresssituation zu kommen. Als ich ihm die Scheine überreichte, zitterten meine Hände richtig. Manchmal gelingt es mir noch, nicht völlig zu verstummen, sondern durch Gegenfragen für Entspannung zu sorgen. So auch dieses Mal. Ich frug ihn, ob ich den Schutzweg für die Fußgänger hätte fahrend benutzen dürfen. Nein, das dürfe man nur, wenn ein Fahrradsymbol aufgemalt ist, sonst muss man schieben. “Das nächste Mal besser aufpassen”, gab er mir noch mit und ließ mich dann ziehen.

Der Ärger kam erst später, die Anspannung ging nur langsam zurück. Ich habe spät erst Fahrrad fahren gelernt, mit neun Jahren nämlich erst, maßgeblich aufgrund grobmotorischer Schwierigkeiten (Gleichgewicht halten, Körperwahrnehmung). Seitdem fuhr ich sechsundzwanzig Jahre ohne Beanstandungen. Ich bin ein äußerst vorsichtiger Fahrer, halte lieber einmal zu oft an einer roten Ampel als gerade noch mit tieforange durchzuschwimmen. Manchmal fahre ich sogar langsam an eine blinkende grüne Ampel heran, um mich besser positionieren zu können, wenn hinter mir viel Autoverkehr ist und der Radweg zu Ende. Oft passiert es mir, dass ich an roten Ampeln stehenbleibe, die viele Radfahrer aller Altersgruppen überfahren. Ich bin in Summe also kein typischer Rotsünder, und speziell nicht an Kreuzungen mit Gegenverkehr bzw. allgemeinen Gefahrenkreuzungen.

Und damit mehr Details zu dieser speziellen Kreuzung und Kontrolle:

manhue
Ecke Neubaugasse/Mariahilfer Straße, Wien

Die Neubaugasse führt als Einbahnstraße von links kommend über die Mariahilfer Straße (kurz Mahü) weiter, welche sich hier als Fußgängerzone quer durchs Bild erstreckt. Direkt vor dem Schutzweg (kleiner Kreis am Boden) ist die Bushaltestelle des 13A, der hier als einziger fahren darf, und eine Ampel, die die meiste Zeit auf grün steht, vermutlich, weil die Fußgänger hier in der Überzahl sind. Die Fußgängerzone setzt nach rechts gehend fort. Was aus dieser Entfernung nicht erkennbar ist: Radfahren ist laut zugehörigem Text unter der blauen Fußgängertafel explizit in angemessenem Tempo erlaubt. Es ist also nicht strafbar, die Fußgängerzone durchzuradeln – wenngleich die meisten das in zu hohem Tempo tun. Die Mahü ist noch dazu leicht, im unteren Teil mäßig abschüssig.

Ich kam jedenfalls von links (in Fahrtrichtung der Einbahnstraße) und wollte nach links in die Fortsetzung der Mahü abbiegen. Als ich die Ampel wahrnahm, dachte ich, ich könnte mich – abbremsend! – in die grüne Welle der Fußgänger einfädeln und dann langsam auf der Mahü weiterfahren, denn ich wollte Richtung Ringradweg hinab. Der Radpolizist hat es so interpretiert, dass ich die Kreuzung queren wollte. Vorkenntnis: Ich wusste, dass die Ampel ständig auf grün steht, das hätte länger dauern können und da der Linienbus 13A sehr kurze Intervalle hat (alle drei bis fünf Minuten je nach Tageszeit), hätte ich bald den Bus direkt hinter mir stehen gehabt, etwas, das ich immer versuche zu vermeiden, weil das Stress in mir auslöst, wenn große Fahrzeuge direkt hinter mir stehen.

Der Überweg ist an dieser Stelle sehr schmal, vielleicht knapp vier Meter breit und die Kreuzung kaum noch als solche wahrzunehmen. Die Ampel stammt aus der Zeit, als die Fußgängerzone noch eine normale Autostraße war, also eine echte Kreuzung. Jetzt würde in meinen Augen ein Zebrastreifen mit blinkendem orangenen Licht genügen. Denn der Bus fährt weiter unten auch ein kleines Stück innerhalb der Fußgängerzone, Gegenverkehr ist also nichts Ungewöhnliches dort.

Wie dem auch sei: Objektiv war der Fall klar, ich hab mich nicht beklagt oder Ausreden gesucht. Vermutlich ist er deswegen von der Höchststrafe abgegangen, weil ich meinen Fehler sofort eingesehen habe. Als unverhältnismäßig darf ich es trotzdem empfinden: Eine Ermahnung hätte genügt. Denn es handelt sich um keine echte Kreuzung, die Fußgänger haben länger grün, der Überweg ist schmal und die Fußgängerzone darf mit dem Rad befahren werden. Dass es sich hier in Wahrheit um Schikane der Radfahrer handelt, ist kein subjektives Gefühl, sondern steht auch in einem Artikel vom DerStandard vom 18. Juni 2019, just jenem Tag, an dem mir das Malheur passiert ist, nur etwa drei Stunden später als der Text veröffentlicht wurde.

Ach ja, einen Tag später hat es just an dieser Kreuzung einen E-Scooter-Fahrer von den Beinen geholt, der mit einem Radfahrer kollidiert ist. Der genaue Unfallhergang war mir nicht bekannt. Man sah nur, dass der Scooterfahrer ärztlich behandelt werden musste (gelber Kreis) und mit dem Rettungswagen abtransportiert wurde.

Blöd gelaufen, dass es ausgerechnet mich erwischt hat, der sonst übervorsichtig gesetzeskonform fährt. Das Gewusel auf der Mahü war im Anschluss nicht leichter. Den Schluss, den ich für mich ziehe, ist, die Mahü als Radroute künftig zu meiden, da sie viel zu unübersichtlich ist und die E-Scooter als beinahe lautloses Gefahrenmoment hinzukommen.

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One thought on “Rausgefischt

  1. geschlechtslos 23. June 2019 / 2:28

    Ich habe sogar erst mit 12 radfahren gelernt. Roller fahren gelang mir gar nicht und später Skateboard auch nicht. Ich bin halt ein Bewegungsdepp 😀

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