Nicht wahrnehmbarer Autismus? Really?

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Ich weiß noch immer nicht, ob ich das als Kompliment oder Herausforderung verstehen soll, wenn mir gesagt wird: “Wenn Du vorher nichts gesagt hättest, dann hätte ich nie bemerkt, dass Du Autist bist.” Dieses Mal parierte ich sofort und nachvollziehbar: Im Job sei ich in meinem Element. Solange es um fachliche Dinge gehe, sei mein Autismus nahezu unsichtbar [jedenfalls die beeinträchtigenden Aspekte davon, auch Stärken kann man mit Autismus in Verbindung bringen], erschöpfend sei vielmehr der Alltag, aber das bekommen die Kollegen nicht mit.

Manches bekommt man nicht mit, weil ich ausgefeilte Routinen entwickelt habe, damit man nicht bekommt, wie anstrengend manche Tätigkeiten und Situationen für mich sind. So erweitere und verändere ich ständig (bestehende) Checklisten und entwickle neue Dokumente, die mir bei der Durchführung der täglichen Aufgaben helfen. Einmal schriftlich festgehalten, ist es für mein Langzeitgedächtnis viel effektiver, dieses Wissen zu behalten. Zwischen den Zeilen lesen fällt mir nun einmal schwer. Nahezu 100% der telefonischen Kommunikation mit Kollegen oder Kunden ist fachlich, also das, was ich gelernt habe und zum Teil jahrelange Erfahrung aufbauen konnte. Je nach Arbeitsplatz kommen auch nur bestimmte Kundenanrufe, sodass es selten vorkommt, dass ich Smalltalkgeschick anwenden muss. Je vorhersehbarer, erwartbarer, planbarer, desto leichter ist es für mich. Das gilt grundsätzlich. Ein gewisses Ausmaß an Unvorhersehbarkeiten kann ich mit wachsender Routine abfedern, hängt aber auch von der Tagesform ab.

Mittagessen ist langfristig eine Herausforderung. Es gibt zwei große Kantinen, beide sind laut. In einer stehen die Wägen für die Geschirrrückgaben quer über den Raum verteilt, und alle fünf Minuten wird einer Richtung Küche transportiert, dabei scheppert und klirrt es nervtötend. Gesunde (warme) Alternativen habe ich momentan nicht, außer, etwas von daheim mitnehmen, was dann aber selten satt macht. Wie sehr mich der Lärm stört, bekommt man meist nicht mit, außer, dass ich während dem Essen nicht so gesprächig bin oder zwei, drei Mal nachfragen muss, weil ich akustisch überreizt bin.

Das gilt auch im Job selbst, wo es ständig ein Potporree aus akustischen Warntönen, privaten Klingeltönen, klingenden Telefonen und Hintergrundgesprächen auseinanderzuhalten bzw. in wichtig und unwichtig zu filtern gilt. Ja, das ist eben der Fluch eines kaputten Reizfilters, der alle Reize als gleich wichtig interpretiert.

Manchmal entstehen aus Schwächen aber auch Stärken: Ich komme (fast) immer gut vorbereitet in den Dienst, mich kann wenig (fachlich) überraschen. Durch mein Bedürfnis nach Planbaren sind meine Checklisten sehr genau und umfassend. Was in Form akustischer Reize zuviel sein kann, kompensiere ich beim fachlichen Input, wo ich blitzschnell Informationen verarbeiten kann. Dabei hilft mir auch privates statistisches Langzeitgedächtnis, um etwa ähnliche Wetterlagen miteinander zu vergleichen und nach Gemeinsamkeiten zu suchen, eine Art Modellklimatologie, nur dass das Modell in diesem Fall mein Gehirn ist. Überdies kann ich mich an Jahre zurückliegende Wetterereignisse erinnern, vorausgesetzt, ich habe sie live miterlebt, eine Fallstudie darüber geschrieben oder sonstwie schriftlich etwas festgehalten.

Vieles, was Autismus in den Kernsymptomen ausmacht, ist jedoch Kollegen oft verborgen, ebenso auch Wanderbekanntschaften. Es kommt eben sehr auf Tätigkeit und Situation an. Im ALLTAG warten ganz andere Herausforderungen und vor allem viel, viel unplanbare Kommunikation. Nicht immer habe ich so ein Glück wie gestern, beim orthopädischen Schuhmacher zu sitzen und Zeit, Gelegenheit und den Mut zu haben, alle Fragen zu stellen, die mir auf den Nägeln brennen. Weil wir alleine waren, weil sich das Schuhmacher-Geschwisterpaar die Zeit nahm, auf mich einzugehen. Und weil ich noch genug Löffel (alias Energie-Reserven) dafür hatte, mich überhaupt ins Geschäft hineinzubegeben. In der Konsequenz fiel dafür am Abend ein Alpenvereinsvortrag aus, für den ich mir den Tag vor sechs Wochen extra freigewunschen hatte. Not enough power.

Autismus bedeutet, ständig seine vorhandenen Energieserven gut dosiert einzusetzen. Der Akku saugt viel schneller leer als bei neurotypischen Menschen. Das merke ich ganz besonders beim Einkaufen, weswegen sich wichtige Einkäufe oft über Monate oder gar Jahre ziehen können (z.b. will ich schon seit Jahren ein Mountainbike, fühle mich aber alleine schon vom Angebot überfordert). In Einkaufszentren ist es mir zu laut, in Einzelhandelgeschäften bekomme ich Schweißausbrüche und habe Probleme gleichzeitig auf die Worte des Verkäufers und darauf zu achten, ob ich mit dem Produkt überhaupt zufrieden bin, wie etwa beim Schuhe kaufen, wo es ganz besonders wichtig ist, dass man gut darin läuft. Meine jetzigen Fußprobleme sind großteils auf falsche Schuhe für meine Spreizfüße zurückzuführen – beim Kauf eben schnell rein ins Geschäft und schnell wieder raus, was bei Kleidung kein Drama ist, wirkt sich bei Haltungsschäden fatal aus, speziell wenn sie angeboren sind wie in meinem Fall. Ich hätte auch viel früher Maßnahmen ergreifen können, mit ärztlicher Behandlung, aber meine Arztphobie, wie schon oft geschildert, hat mich viel zu spät hingehen lassen.

Ebenso ist es dem Autismus geschuldet, dass ich mit der gravierenden Änderung meines sportlichen Spezialinteresses nach wie vor schlecht umgehen kann. Auch deswegen habe ich den Alpenvereinsvortrag mit nicht allzu schlechtem Gewissen sausen lassen. Dort wäre es um eine Buchvorstellung über Wandertouren für Geübte gegangen, in etwa das Spektrum, das ich die letzten Jahre teilweise exzessiv abdeckte. Das hätte nur Öl in mein derzeitiges Gemütsfeuer gegossen. Es ist nach wie vor so, dass ich mich an meinen freien Tagen nicht ausgelastet fühle, abends schlechter einschlafe, weil ich nicht mehr von körperlicher Tätigkeit erschöpft bin, mir fehlt das Planen neuer Touren, die langen Tagestouren, das stundenlange Bearbeiten von Bildern und Schreiben von Tourenberichten, die visuellen Eindrücke während meiner Wanderungen mit einsamen Tierbegegnungen und schönen Wolkenstimmungen, vor allem die Ruhe über ein paar Stunden zwischen viel, viel lautem Alltag. Noch weiß ich nicht, wann genau ich solche Touren wieder machen kann, es geht natürlich alles viel zu langsam für mich.

Daher bin ich vielleicht phasenweise niedergeschlagener als neurotypische Menschen mit vergleichbaren Einschränkungen, weil das “dann machst Du halt eine Zeit lang nur Spaziergänge” für mich nicht den gleichen Effekt hat wie das, was ich davor gemacht habe und “nimm doch öfter das Rad” erst einmal bedeutet, teilweise risikoreich durch die Stadt fahren zu müssen, entlang vielbefahrener und lauter Straßen, bis man endlich einen Ort erreicht, wo man die Stille findet, die man so dringend braucht. Zurück dann wieder das Gleiche.

Alles hier aufgezählte gehört typischerweise zu autismusbedingten Symptomen, die für das Gros der neurotypischen Menschen unsichtbar bleibt. Das Unsichtbare belastet mehr, weil nicht auf den ersten Blick erkennbar ist, warum gerade kein erwartbares Verhalten vorliegt. Darunter leiden generell viele chronisch kranke Menschen, die mit verringerten Energiereserven leben müssen. Autismus ist nun weder eine Erkrankung noch eine Krankheit, aber nachdem der Alltag selten barrierefrei und häufiger exklusiv und nicht inklusiv ist (z.b. wäre es eine große Erleichterung, wenn Ärztekommunikation via Mail funktionieren würde, was aber durch die DSGVO eher wieder erschwert wurde), sind die Auswirkungen vergleichbar.

3 thoughts on “Nicht wahrnehmbarer Autismus? Really?

  1. alm10965 30. May 2019 / 8:05

    Danke für Deine ausführliche Beschreibung, des überaus abstrakten, komplexen Phänomen Autismus. Du erwähnst die Kantine, und daß mitgebrachtes Essen a) Dich nicht befriedigt, andererseits Kantinenathmosphäre b) auch eher Kontraproduktiv ist.
    Zu a) wieso kannst Du Dir nicht ein halbes Dutzend bzw Stullen machen und zur Arbeit mitnehmen ? Ist bei mir Usus.
    b) Kantine, bin ich Zwiespältig, einerseits wäre ich froh, während meiner Hausmeister Tour eingerichtete Infrastrukturen zu vorzufinden, wo man sich mal in Ruhe (sic) an einem Tisch setzen könnte, es Kaffeemaschine und ein WC gäbe. Ist nicht selbstverständlich, andererseits gibt es für mich Nachvollziehbar dann doch keine Ruhe in der —für mich— potentiellen Kantine.
    Ich habe vermutlich auch autistische Tendenzen in mir, war vor etwa 10 Jahren bei einem Psychologen, der dann am Ende der „Periode“ der Gespräche, mit „seinem Latein am Ende“ war.
    Und bei mir ADHS (L) vermutete.
    Tja, nun, habe ich dezenten Tinitus, hasse das frühe Aufstehen, aber habe endlich nach etwa zwei Jahrzehnten einen unbefristeten Job im „ersten Arbeitsmarkt“.
    Aber, die Krux ist 🛠️ 55h/W in real, bei Plan-Arbeitszeit 39 h.
    Vermutlich, weil ich während meiner Mobil – Hausmeister – Tour zu sehr auf Details achte, die Zeit in Anspruch nehmen.

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    • Forscher 31. May 2019 / 10:41

      Stullen wären mir als Mittagessen zu wenig. Ich arbeite 12 Std. Schichten, da sollte man wenigstens 1x am Tag warm essen, das kann ich nur mittags. Am Abend komm ich spät nach Hause, dann ist es mir zu spät, weil mir das auch wieder im Magen liegt, von der Unlust, so spät zu kochen abgesehen.

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      • alm10965 1. June 2019 / 8:57

        Tja, da bin ich einerseits gut versorgt, dank Partnerin, die gerne und gut kocht. Und es ist bei uns Usus, abends warm zu essen. Auch an Arbeitsfreien Tagen.
        Und ich habe auch lange Arbeitstage, wo ich mir aber keine Zeit für Mittagspause nehme, und ich mache mir mittlerweile kleine Häppchen; ganze doppelte Brotscheiben, geviertelt. So daß ich mich mal eben mal schnell stärken kann.
        Der ganze Arbeits Kontext ist natürlich kompliziert, würde den “Rahmen sprengen”, Stichwort MobilHausmeisterdienst, zwar angestellt, aber quasi selbständig.

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