Wie geht’s weiter …?

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Uralte Eichen am Johannser Kogel im Lainzer Tiergarten, Wien

Nach dem Marathon der letzten Wochen kommen jetzt ruhigere Zeiten auf mich zu: Ich habe ein paar Tage frei zwischen den Diensten und kann mich besser erholen. Übermorgen bin ich beim Orthopäden und erfahre dann hoffentlich positive Neuigkeiten. Seit dem MRT-Befund vor 9 Tagen hab ich bis auf einen 9,4km langen Spaziergang vorgestern im Lainzer Tiergarten (mit häufigem Stehenbleiben) keine Wanderung mehr gemacht. Zugegebenermaßen macht mich das allmählich unrund. Ich war es vorher gewöhnt, mindestens alle 5-7 Tage eine Wanderung zu machen. Beim Wandern kann ich am besten Stress abbauen und Dinge durchdenken. Das war die letzten Wochen überhaupt nicht möglich. Immerhin habe ich seit einigen Tagen keine akuten Schmerzen mehr, auch nicht nach längerem Gehen. Ich werte das als gutes Zeichen. Übertreiben darf ich aber nicht sofort wieder, sondern muss jetzt vor allem abwarten, ob ich Einlagen bekomme und dann wieder Sport treiben darf.

Als es zwischen der Rückkehr aus Salzburg und dem vergangenen Wochenende so durchgehend laut in der Wohnung war, war die Situation für mich unerträglich und ad hoc auch nicht lösbar. Ich wollte nicht gleich zu Beginn der Einschulung, beim Kennenlernen der neuen Kollegen einen erschöpften, mutlosen ersten Eindruck hinterlassen. Ich musste mich wirklich oft beherrschen und ich weiß, wie schnell ich mich hineinsteigern kann in das Gefühl der Alternativlosigkeit und pessimistische Zukunft. Genau so sollte es NICHT laufen. Das war enorm frustrierend.

Genauso wenig wollte ich unmittelbar nach Ankunft in Wien erneut Wohnung suchen. Ich habe die letzten (freien) Tage jetzt bewusst keine (übereilte) Entscheidung getroffen. Zwar hatte ich meinem Vermieter zum Zeitpunkt des schlimmsten Lärms geschrieben, dass ich kündige und das nicht länger aushalte, aber defacto ist ein zeitnaher Umzug einfach nicht drin. Die letzten Monate waren so nervenaufreibend mit dem alten Vermieter und die Gefahr auf neue Gauner zu treffen, ist einfach riesengroß, wenn Wohnungen knapp sind und quasi alles verlangt werden kann. Dafür fühle ich mich derzeit nicht bereit. Es ist eben alles miteinanderverzahnt. Wäre ich gesundheitlich topfit, wäre ich jetzt viel öfter draußen und könnte die Phasen erhöhter Geräuschentwicklung in der Wohnung besser durchtauchen. Vielleicht hätte ich auch mehr Energie, um noch einmal zu suchen, nach der idealen Wohnung für alleinstehende Autisten mit Tag- und Nachtdienst, auch wenn es die wohl nicht gibt.

Vorläufig hab ich mich, entgegen dem ersten Impuls vor zwei Wochen, dagegen entschieden, sofort zu suchen, weil mögliche Angebote damit verbunden wären, dass ich wieder Freizeit für Besichtigungen aufwenden müsste. Freizeit ist momentan wegen den vielen Arztterminen dünn gesät. Dann müsste ich wieder Energie dafür aufwenden zu überlegen, ob die Wohnung passt, ob meine Möbel hineinpassen, wie ich das mit Übersiedlung machen soll und vor allem wann. Ich werde die nächsten Wochen also erst einmal ausloten, ob ich trotz der dumpfenden Trittschallgeräusche hier noch einige Monate durchhalte. Übereilte Entscheidungen werde ich nicht mehr treffen, das ist fix. Mir tut es auch um meinen Vermieter leid, der sich sehr bemüht hat und auch einen sehr netten Brief an den Lärmverursacher schrieb, leider an die falsche Adresse, weil ich die Geräusche für von oben kommend vermutete, tatsächlich kam es von unten. Gegen Kinder kann man nichts machen. Ich bin ja kein Kinderhasser, also im Zweifelsfall ziehe ich lieber aus als täglich zu läuten und um Ruhe zu bitten.

An der Wohnung selbst schätze ich vor allem überdachten, verglasten Balkon, wo ich immer draußen sitzen kann. In Salzburg hatte ich immer den Maschinenlärm vom Pensionisten, den Grillgestank oder die ausländerfeindlichen Gespräche seiner Terrassengäste, in der damaligen Ottakringer Wohnung war der Balkon von Tauben verschissen und auch sonst nicht einladend, um draußen zu sitzen. So oft wie die letzten zwei Wochen saß ich sonst in den letzten sechs Jahren nicht auf dem Balkon. Das wieder aufzugeben wird mir schwerfallen. Es ist wirklich ein Jammer, dass das gesamte Haus so hellhörig gebaut wurde. Ich schätze aber auch die Wohnlage sehr, ich komme gut in die Arbeit, schnell in die Innenstadt, schnell zu allen Bahnhöfen. Die U4 ist in der Nähe, damit gelange ich sowohl zum Zoo, zum Lainzer Tiergarten als auch Richtung Leopoldsberg. So zentral hab ich noch nie gewohnt und nebenbei einen riesigen Park vor der Tür. Das bedeutet schon eine Steigerung an Lebensqualität, gegenüber Salzburg sowieso aber auch gegenüber Ottakring.

Die letzten Wochen habe ich wirklich viel Hilfe bekommen und konnte einiges an Sozialkontaktdefizit aufholen. Zwei Jahre Salzburg kommen mir wie eine verlorene Zeit vor, in der ich phasenweise über Wochen hinweg isoliert war. Nach knapp drei Wochen Wien fühle ich mich hingegen wieder wie zuhause. Autisten sind zwar gerne alleine, aber wie bei jedem anderen Menschen besteht das Bedürfnis auf Zwei- und Mehrsamkeit. Dafür habe ich zwischendrin auch das Bedürfnis nach Rückzug. Tage, an denen ich die Wohnung nicht verlassen kann, weil ich draußen sofort überreizt bin. Derzeit nutze ich meine Sportpause vor allem dazu, vormittags länger zu schlafen und quasi nichts zu tun. Muss wohl auch einmal sein.

Update, 30.04.2019

Weitere 4 Wochen Pause, frühestens Anfang Juni wieder normale Belastung möglich, in 2 Wochen krieg ich extra Einlagen. Ich fürchte aber, es wird eher länger dauern. Das anlagebedingte zweigeteilte Sesambein begünstigt das anscheinend. Würde mich freuen, jetzt Menschen kennenzulernen, die nach so einer Verletzung wieder anfingen zu klettern/bouldern, bzw. Ausdauersport treiben können.

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