Drahtseilakt der Psyche

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Vor vier Wochen hab ich schon befürchtet, dass ich das mental nicht packen werde, wenn ich so oft unterwegs bin und dann gleich weitermachen. Jetzt ist die Befürchtung eingetroffen, weil – wie so oft – mehrere Faktoren zusammenkommen…

Zum Einen lief die Übergabe schief, der Vermieter hat mich um mehrere hundert Euro betrogen (Beitrag auf meinem anderen Blog – geschützt, Anfrage PW via Kontaktadresse möglich). Das war ein Schlag in die Magengrube, den ich nicht verdauen konnte, weil gleich danach der Umzug stattfand und große Einkäufe betreffend Möbel. Dann hatte ich genau einen Tag Zeit, bis ich wieder packen musste für eine Woche Dienstreise zurück an den Ort, wo das Trauma passierte. Die Dienste waren zwar nicht sehr anstrengend, aber einfach zu viel, die Erschöpfung zu groß. Dann misslang noch ein Schuhkauf, wo ich mich auf eine Twitterempfehlung verlassen hatte und dann den Schuh nach Reklamation nicht mehr zurückgeben konnte mit fadenscheiniger Begründung. Jetzt hatte ich teure Halbschuhe, die an den Fersen rieben mit und ohne Einlagen. Ich kam bisher nicht dazu, mir weitere Einlagen machen zu lassen. In den leichten Wanderschuhen, wo die Einlagen passen, konnte ich erst zwei fast schmerzfreie Touren machen, inzwischen schmerzt die Stelle am Fuß mit Einlagen genauso wie vorher ohne.

Dann kam beim ersten Besuch der neuen Urologin als Zufallsbefund ein 1cm großer Gallenstein heraus. Keine Ahnung, wie lange der schon besteht. Ich war so froh, dass ich das Thema Nierenstein derzeit abhaken konnte – seit zwei Jahren keine Beschwerden mehr. Und dann hab ausgerechnet ich, der sich soviel bewegt, Gallensteine. Noch weigere ich mich zu einer kompletten Ernährungsumstellung, weil ich es derzeit sowieso nicht schaffe.

Die gesundheitlichen Probleme nehmen derzeit überhand. Die Beine fühlen sich manchmal wahnsinnig schwer an, die Knöchel sind geschwollen, Hitzewallungen bis in die Füße, Krampfadern. Klare Anzeichen von “dickem Blut”, eine mögliche Nebenwirkung meiner jahrelangen Testosteron-Einnahme wegen Hypogonadismus. Manchmal strahlt es aber auch vom Rücken bis in die Beine aus, vor allem links, und ich weiß nicht, ob die anhaltenden Fußbeschwerden damit zusammenhängen können.

Ich weiß nur, dass ich den derzeitigen Zustand kaum ertragen kann. Bewegung nur unter Schmerzen, an längere Wanderungen ist nicht zu denken. Ich traue mich kaum noch, meine Freizeit zu planen. Und ich brauche zu den 12-Stunden-Schichten dringend Sport. Ich wollte ja wieder bouldern, weil das dem Rücken immer gut tat.

Tja, und dann zeigte sich unerwartet ein anderes Problem, das ich hier gar nicht großartig thematisieren möchte, weil ich es meinem neuen Vermieter versprochen hatte, es lieber direkt zu sagen (was ich schon getan habe)…, über mir wohnt eine Familie mit mindestens zwei Kindern, und das ist bei den verlegten Laminatböden der Worst Case für mich. Jeden Tag und vor allem jeden Abend bis 22.00 das Getrampel, der Trittschall, dem ich nicht entkommen kann. Da hilft auch laute Musik und Ohrnstöpsel nur bedingt was. Ich hoffe jetzt auf die Bose-Kopfhörer, die ich übermorgen vom Paketshop abholen kann. Und dieses Mal ist klar, ich muss das gleich ansprechen – am besten in Begleitung, alleine könnte ich das sowieso nicht. Speziell derzeit nicht, wo ich maximal funktionieren kann, aber eigentlich nicht mehr denken.

Realistisch betrachtet werd ich NIE eine (bezahlbare) Wohnung finden, wo ich als sehr reizempfindlicher Schichtbarbeiter die nötige Ruhe finde, um mich zu erholen. Und hier zeigt sich ein sehr zentrales Problem von Autismus – es ist nicht die Arbeit, die so anstrengend ist für mich, sondern der Alltag, das drum herum, die mangelnden Rückzugs- und Erholungsmöglichkeiten. Wenn das einmal passen würde, dann könnte ich die Leistung erbringen, ohne zusammenzuklappen.

Und was mich auch zunehmend wütend macht, nachdem es dieses Mal direkt von der Familie kam. Ich krieg immer wieder Hinweise auf TV-Sendungen, Vorträge, Zeitungsartikel über Autismus, aber wenn ich sage, dass mich der Trittschall in den Wahnsinn treibt, ernte ich nur Unverständnis, und das ist in der akuten Situation NICHT HILFREICH. Es geht hier im ersten Schritt nicht einmal darum, gleich nach Lösungen zu suchen, sondern einfach um Verständnis. Die Lösungen muss sowieso ich vor Ort finden. Gerade in diesen “Meltdown-” oder “Shutdown”-Situationen setzt oft die Exekutivfunktion bei Autisten aus, d.h., man kann nicht mehr klar sagen, steigert sich mitunter rein, trifft Aussagen, die man später bereut oder so nicht mehr treffen würde, wenn man sich wieder beruhigt hat. In solchen Momenten kann man entweder in Ruhe lassen oder in irgendeiner Form zeigen, dass man die autistische Stressreaktion auf die hohe Reizempfindlichkeit anerkennt. Es ist so, egal, ob es sozial zuwiderläuft (“Kinder sind eben Kinder!”) oder nicht. Ich WEISS, dass es Kinder sind, ich mach den Kindern auch keinen Vorwurf, aber ich kann den Trittschall nicht ausblenden, auch nicht mit diesem Wissen. Neurotypische Menschen können das. Autismus ist eben nicht immer bequem und unkompliziert. Wenn es so wäre, dann gäbe es keine Diagnosen.

Ergebnis ist momentan jedenfalls, dass ich nicht abschalten kann und sich der Konzentrationsmangel aufgrund der Erschöpfung langsam bemerkbar macht. Ich mag damit Twitter auch nicht mehr zusudern und wenn ich lese, was die Regierung alles Bösartiges vorhat mit den Menschen (mit und ohne Behinderung), wird mir schlecht, dann will ich das gar nicht lesen derzeit, weil ich mich erst einmal selbst stabilisieren muss, um nicht die Hoffnung zu verlieren.

Update... scheiß Paketdienste…hab extra das Paket umverfügen lassen bei DPD, weil ich nicht zuhause war, und dann krieg ich zwar die Rechnung, aber das Paket wurde nicht zugestellt an den Paketshop. Montag, Dienstag bin ich ganztägig wieder nicht zuhause, kann erst Mittwoch abholen. So kann man freie Tage natürlich auch verplanen. Sowas von unnötig.

Update 2…, das Paket wurde bereits am Donnerstag an einen anderen Paketshop zugestellt, ich erhielt aber keine Benachrichtigung, heute erst auf Nachfrage per Mail erfahren. An diesen Paketshop, der in der offiziellen Liste an Partnershops gar nicht aufscheint, wird offenbar (laut Beschwerden, die ich gegoogelt habe) immer zugestellt, egal, was man angibt.Der Besitzer soll unfreundlich sein und man müsse hartnäckig sein, wenn man sein Paket will. Außerdem ist das elektronische Kundensystem der DPD nur bis 18.00 aktiv, da nützt es auch nichts, wenn der Laden bis 23.00 geöffnet hat. Scheißladen. Ich hasse Paketdienste, ich hasse es so sehr, dass ich derzeit JEDEM Kauf hinterherrennen muss, egal ob Schuhe, Kopfhörer, etc… alles mühsam, Kraft kostend. Irgendwann scheiß ich auf Nachhaltigkeit und bestelle wieder alles bei Amazon wie früher, das wird wenigstens in die Empfangsbox zugestellt.

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6 thoughts on “Drahtseilakt der Psyche

  1. SWB 11. April 2019 / 21:48

    Ich würde dir sehr gerne Energie schicken. Und eine Alltagsproblemlösefee.

    Liked by 1 person

  2. Lachbärchi. ‹3 12. April 2019 / 12:44

    Hallo,
    ich bin heute zufällig auf deinen Blog gestoßen und finde es toll, dass du so offen über das berichten kannst, was dich beschäftigt. Ich glaube, dass du dadurch viele Menschen inspirierst, sich nicht verstecken zu müssen. In deinem Beitrag hast du bereits viele wichtige Schlüsselwörter indirekt benutzt. Darunter Wörter wie Respekt, Akzeptanz und dass Diskriminierung und Stereotype mehr als nur unfair sind. Die Gesellschaft oder viel mehr ihre Einstellung gegenüber vermeintlich geglaubten Nachteilen muss sich ändern, und nicht erst in einem Jahr oder Jahrzehnt, nicht morgen, sondern am besten noch heute und so schnell wie möglich. Meiner Meinung nach ist jeder „benachteiligte“ Mensch auch ein Trumpf, da er oder sie auf bestimmte Dinge, für die die breite Masse längst blind und taub geworden ist, aufmerksam machen kann und so Änderung im positiven Sinne erzielt werden kann.

    Daher würde ich dich gern auf ein wissenschaftliches Forschungsprojekt aufmerksam machen, das durch die EU mitfinanziert wird: Es nennt sich IMAGE und versucht die Diskriminierung von Autisten und Autistinnen in Europa durch das Entwerfen von gezielten Maßnahmen zu verhindern und deren Inklusion in der Arbeitswelt zu fördern. Dadurch soll Arbeitnehmer/innen und Studenten/Studentinnen mit Autismus ein besserer Zugang zum Arbeitsmarkt gewährt werden, um ihnen das Ausüben der Tätigkeiten zu ermöglichen, die sie gern ausüben möchten.
    Als Endresultat sollen Stereotype, Vorurteile und Diskriminierung gegenüber Individuen mit Autismus durch Arbeitgeber, Karriere- und Laufbahnberater und akademische Tutoren gesenkt werden. Dies geschieht durch wissenschaftlich entwickelte Guidelines.
    Weitere Informationen zum Projekt findest du hier: http://imageautism.com/overview/

    Falls du also dieses Projekt unterstützen möchtest, würde ich mich sehr freuen, wenn du an der Online-Studie teilnehmen würdest. Die Teilnahme ist streng anonym und natürlich freiwillig.
    Hier der Link: https://ww3.unipark.de/uc/imageDEA/
    Der Link darf auch gern verbreitet werden. 😉

    Aber ganz egal, wie du dich entscheidest, ich finde es toll, dass du dich traust, auf Missstände und Unverständnis bzw. auch das Unwissen der breiten Masse aufmerksam zu machen. Ich wünsche dir ganz viel Erfolg und hoffe, dass du weiterhin die Kraft findest, tapfer weiter zu machen.

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  3. Hannah C. Rosenblatt 12. April 2019 / 13:48

    Ach man so eine Scheiße das alles.
    Ich wünsch dir einen Platz zum ausruhen ganz bald.

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